Das Buch [amazon_link id=”3942779064″ target=”_blank” locale=”DE” container=”” container_class=”” ]„Wandergenuss Rhein/Westerwald“[/amazon_link] von Ulrike Poller und Wolfgang Todt, dem wir in den letzten Monaten etliche Wanderstrecken entnommen haben, muss auch jetzt wieder herhalten. Wir haben nämlich einen Plan für diese Woche gemacht. Es ist Urlaubswoche, und da hilft ein Plan, damit der Urlaub nicht vorbei ist, bevor er begonnen hat – und nachher weiß keiner von uns, was wir im Urlaub überhaupt gemacht haben. Außerdem planen Beamte ja für ihr Leben gern.

Also planen wir für den Montag eine heimatnahe Kurzwanderung. Der Wanderweg “BD3” startet auf dem “Parkplatz Limes” an der L 307 (von Bendorf am Rhein hoch in Richtung Höhr-Grenzhausen). Der Parkplatzname ist Programm, was ihn umso interessanter macht. Die 108 Höhenmeter klingen nach Entspannung, die Wegstrecke von 5,2 Kilometern spricht natürlich Bände: solche kurzen Wege sind für die ortsnahen Wanderer prädestiniert; wer weitere Anreisen macht, sucht sich längere Strecken (oder kombiniert die kurzen, aber macht das jemand?)

… und die Feen tanzen (sobald wir sie endlich in Ruhe lassen)

Doch sind 5,2 Kilometer schon eine Wanderung, oder ist es nicht ein Spaziergang? Eine interessante Frage? Ich weiß nicht. Jedenfalls fanden findige Leute darauf eine Antwort. Hinter dem “Forschungsbericht Nr. 591” des “Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie” verbirgt sich nämlich die “Grundlagenuntersuchung Freizeit- und Urlaubsmarkt Wandern”. Wer das liest – es sind 144 satte Seiten -, hat was zu tun. Wahrscheinlich lesen es eh nur Beamte. Aber der Bericht geht auch der Frage nach: “Wandern – oder noch ‘nur’ Spazierengehen?” Und jetzt kommen wir der Antwort schon näher. “Spazierengehen ist eine eher spontane und ohne spezielle Ausrüstung und Vorbereitung durchgeführte Aktivität. Dagegen erfordert das Wandern eine gewisse Vorbereitung in Form von Routenplanung und Ausrüstung.” Und! “Die durchschnittliche Dauer eines Spazierganges wird von der Gesamtbevölkerung – also sowohl Wanderer als auch Nicht-Wanderer – mit ca. 1:22 Stunden angegeben, die durchschnittliche Dauer einer Wanderung dagegen mit 2:39 Stunden.” (Seite 21) “Heiliger Bimbam!”, sag ich da nur, und “Gott sei Dank, dass es einmal gesagt wurde!”

So knorrig wie der Fotograf

Ich fühle mich ab sofort viel sichere. Wenn mich von nun an jemand fragt, ob ich “nur spazieren” war, kann ich nach einem kurzen Blick auf die Uhr leichthin antworten: “Nein, sieh nur, locker überm Spazierschnitt. 1 Stunde und 23 Minuten exakt. Es war eine Wanderung!”

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KurzInfo! Die Kurzwanderung “Großbachtal – BD3” ist 5,2 Kilometer lang, weist 108 Höhenmeter auf und sollte in knapp 2 Stunden gut zu bewältigen sein. Für die Wanderung wird wegen der teilweise naturnahen Pfade gutes Schuhwerk, am besten natürlich Wanderschuhe empfohlen. Unterwegs gibt es eine Schutzhütte sowie einen großen Grillplatz mit Tischen und Bänken. Der Limes verläuft im ersten Teil des Wanderweges parallel zur Wanderstrecke.

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“BD3” ist mit einer Gehzeit von 1 Stunden und 45 Minuten angegeben. Ein Spaziergang sieht also lt. amtlichem Forschungsbericht anders aus. Das ist also eine ausgewachsene Wanderung. Schon alleine, weil wir planten (zwei Tage vorher sogar! Und Mensch, wie lange planten wir an der Route herum!) und spezielle Ausrüstung mitnahmen (unseren Hightech-Rucksack mit allem Brimbatsch, der da hineingehört: Hasenbrote beispielsweise).

Eine Nase hat er, mit dem Auge guckt er, mit dem Mund, da spuckt er …

Was ich sagen will: Wir wandern also los vom Limesparkplatz in der Gewissheit, keinen lockeren Spaziergang vor uns zu haben. Das belastet erst einmal, gibt sich aber, wenn die Strecke durch lichten Mischwald verläuft, der Waldboden schön locker ist und der Weg flach wie eine Eisbahn. Ein erstes Hinweisschild deutet auch an, dass hier der Limes ist. Oder sein soll. Zu sehen ist nichts, meinetwegen vielleicht der vage Verlauf, aber weil ich ohne konkrete Hinweisschilder (ein Pfeil mit einem dicken “Hier ist der Limes!” wäre für mich hilfreich) nicht viel erkenne, setzen wir unsere Wanderung fort. Wir haben ja noch lange 1 1/2 Stunden Wanderung vor uns!

Der Weg wechselt zwischendurch sein Antlitz, er wird pfadig und wurzelig. Das ist schön zu gehen, besonders weil die Temperaturen genau richtig sind (etwas über 20 Grad). Einzig der in dieser Gegend unvermeidliche Autolärm von der nahen A48 drückt auf die Stimmung, nur vermiesen lassen wir uns die auch nicht.

Oder doch? Denn für einen kurzen Moment verdrehe ich die Augen. Vor uns taucht die zweite Hütte auf – die erste war ein ausgewachsener Grillplatz mit “Limeshütte” und vielen Bänken -, aber kein Hinweis, wohin wir gehen sollen, obwohl sich der Weg hier teilt und hierhin und dorthin verläuft. Nun ja, ohne Wanderkarte wären wir einmal mehr aufgeschmissen gewesen; am Parkplatz hing zwar eine sehr übersichtliche Karte, doch wer nimmt die schon mit auf die Wanderung (und den Weg memorieren, das ist nicht mein Ding)? Wir folgen also unserem Instinkt (sprich: der Wanderkarte) bergab ins Großbachtal. Der Buchenwald ist hier licht und locker, und die Sonne lässt sich dann und wann blicken. Einfach traumhaft!

Liegewiese ohne störende Liegende

Das endet auch nicht, als wir in ein Auwiesental eintauchen. “Malerisch” beschreibt es ganz gut. Die üppigen und saftigen Wiesen strecken sich bis zu den Waldsäumen, wir stiefeln durchs knöchelhohe Gras, ein Weg ist irgendwann nicht mehr zu erkennen. Womöglich verpassen wir deswegen auch den neuen Abzweig, der linkerhand wieder in den Wald führen soll. Unsere Wanderkarte weist noch eine ältere Streckenführung aus, die uns bis ans Ende der Wiesen schickt und erst dort hangaufwärts durch den Wald. Das sind auch die letzten Meter, denn am Ende des schmalen Pfades erreichen wir unseren Startpunkt.

Von der Liegewiese bin ich so begeistert, dass ich gleich noch ein Foto mache

Wie ich anfangs sagte: ein Weg für die Menschen, die nahe bei wohnen. Aber wer solche Wege vor der Haustüre hat, der darf sich glücklich schätzen. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Er: “Sind wir noch richtig?” – Sie: “Nein, wir hätten die Liegewiese nicht passieren dürfen.” – Er: “Ich hab’s doch gesagt.” – Sie: “Nein hast du nicht.” – Er: “Aber gedacht!”

Und ja, es war eine Wanderung. Zum Abschluss noch etwas aus dem Forschungsbericht? Na gut. Aber besser bitte setzen. Eine “unterdurchschnittliche Affinität zum Wandern” lässt sich in der “Lebensstilgruppe” der “‘Träumer”, der “Häuslichen” und der “Bodenständigen” feststellen.  Deshalb vermute ich, dass die meisten Leser meines Blogs zu den “Realisten” und “Weltoffenen” gehören, gefolgt von den “Anspruchsvollen” und den “Kritischen”. Ich wusste gar nicht, wie viele Schubladen es im Wanderschrank gibt.

Holla, noch etwas zu den “Träumern?”

Ihr habt es so gewollt.

“Wenn sie wandern, dann ebenfalls in eher leichtem Gelände ohne große Anstrengungen.” (Seiten 40 ff.)

Es wird alle wundern, aber es ist wirklich: eine Liegewiese

Sieht ja dann ganz so aus, als ob unsere Wanderung vorhin eine echte Traumwanderung war …

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
Schlenderer

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5 Responses

  1. Sonja Berndl

    Hallo Georg,

    super, dass du das Thema aufgegriffen hast! Mir geistert zur Zeit nämlich auch immer die Frage im Kopf rum, ab wann man wandert und wann es noch spazierengehen ist. Ich wollte diese Frage deshalb auch mal auf mein Blog stellen. Bin aber vor lauter nachdenken nicht dazu gekommen.

    Meine Erfahrung: Was für mich Spaziergänge sind, können für andere auch ausgewachsene Wanderungen sein. Wenn´s nach der Länge geht. Ist also eine Strecke von 5 Kilometern eine Wanderung? Meiner Meinung nach nicht. Vielleicht doch? Wenn´s auch bergauf und bergab geht? Oder ist es eine Frage des Schuhwerks (also Ausrüstung)? Wenn ich Wanderschuhe anhabe, wandere ich und wenn ich Straßenschuhe trage, spaziere ich?

    Wenn man eine 9 Kilometer lange Strecke mit einer Geschwindigkeit von 1,23 h/km geht – ist das dann noch spazierengehen oder doch schon wandern? Manchmal sinkt die Geschwindigkeit schon so weit ab, wenn ich mit gucken, fotografieren und auf einer Bank sitzen beschäftigt bin. Spontane 9 Kilometer sind ein Spaziergang? Die gleiche Strecke geplant aber eine Wanderung?

    Oder ist´s eine Wanderung, wenn man eine bestimmte Ausrüstung dabei hat? Es heißt ja, “ohne spezielle Ausrüstung”. Hört sich so an, als ob beim Spaziergang eine Ausrüstung dabei sein dürfte. Aber halt nur keine Spezielle. Was zählt zu “speziell”? Hm. Wandere ich immer, denn Wasser, Naschwerk, Obst und meistens die Camera sind mit dabei?

    Einen Plan habe ich auch immer. Schließlich will ich ja wissen, wo ich losgehen will. Unterwegs kann es auch schon mal planlos in die Irre gehen. Wenn ich meinen Plan über den Haufen werfe und abseits des Plans marschiere. Spricht das dann wieder gegen das Merkmal wandern? Andererseits gehe ich davon aus, dass selbst SpaziergängerInnen einen Plan haben, der die Frage beantwortet: “Wo gehen wir spazieren?” Oder zählt das dann nicht als Plan?

    Ich sehe schon, das ist alles nicht so eindeutig. Vielleicht sollte ich mir den Forschungsbericht zu Gemüte führen und genau, wie da drin beschrieben, wandern. Dann weiß ich endlich Bescheid!

    Liebe Grüße
    Sonja

    Antworten
  2. Jürgen

    Wer weitere Anreisen macht, sucht sich längere Strecken (oder kombiniert die kurzen, aber macht das jemand?)
    Ein deutliches JA. Zumindest ich mache das. :)

    Soweit ich das Wann-ist-Wandern-Wandern?-Dokument im Kopf habe, wird dort nicht einmal die Länge, Dauer oder gar die Geschwindigkeit zur Definition herangezogen. Allein ein Plan, die Ausseinandersetzung mit dem Vorhaben und eine dem Vorhaben angemessene Ausrüstung machen das Wandern zum Wandern.

    Jaja, ich hab es auch gelesen. Ich wurde nämlich mal gefragt ob denn die kurzen Wege die ich oftmals gehe, schon eine Wanderung seien.
    Sie sind! Und zwar wissenschaftlich belegt. Da kann ich mal allen Fragenden sagen: Ätsch.

    Liebe Grüße
    Jürgen

    Antworten
    • Georg

      Ich habe immer Ausrüstung dabei, sobald ich das Haus verlasse. Also bin ich Dauer-Wanderer. ;-)

      Antworten

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