Petra und ich wandern seit vielen Jahren leidenschaftlich gern. Unsere Hochzeitsreise führte uns in den Bayerischen Wald, weniger wegen des Bärwurz‘, mehr wegen des Wanderns. Obwohl … Na, auf jeden Fall war das Wandern uns ein steter Begleiter. Und weil wir das Privileg genießen können, viel Holz vor der Hütte zu haben, wandern wir auch außerhalb gebuchter Urlaube mit Wanderzwang. Eben gleich vor der Haustür. Vermutlich geht es anderen ähnlich: Uns sind einige „Hausstrecken“ im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen; meist kürzere Wege, die wir – wenn uns nichts Besseres einfällt – ohne großen Aufwand wandern können. Früher waren es nahe bei Neuwied platzierte Wege (Wanderwege wäre bei manchen Wald- und Wiesenpfaden zu ungenau; oft sind es Wegelein mit Schildern gewesen, die vor der Jahrhundertwende – nein, nicht die kürzlich gefeierte – in den Wald geworfen und dort wieder vergessen wurden), jüngst kamen einige andere Touren hinzu.

Das Rathaus von Rhens.

Die „Wolfsdelle“ gehört zu diesen Wegen, die wir einfach so aus dem Ärmel schütteln können und der (fast) immer passt. Nicht viel Zeit: „Wolfsdelle“. Müde Beine: „Wolfsdelle“. Und so weiter. Das Repertoire wandelt sich im Laufe der Zeit, einige Wege sind wir überdrüssig geworden, andere, neue gesellen sich dazu.

Das erwartet uns in Rhens.

Heute ist wieder so ein Tag, an dem wir zwar wandern wollen, uns aber die Zeit fehlt für eine ausgiebige Tour. Und müde Beine wollen wir abends auch nicht haben, weil Gäste kommen. Und wenn Gäste kommen, muss der Gastgeber ja laufend bedienen (gut, das ist jetzt gelogen, wir werden am Abend nämlich grillen und, wie es sich später ergibt, eigentlich nur bequem in der Nähe des Grillfeuers herumlungern. Doch das muss ja niemand wissen.)

Bis Rhens fahren wir ein kleines Stück und parken unseren Wagen da, wo wir immer parken: in der Koblenzer Straße. Und werden, kaum sind die Wanderschuhe geschnürt, von einem sehr freundlichen Anwohner darauf hingewiesen, dass die Höchstparkdauer genau dort, wo wir stehen (vielmehr der Wagen, wir hatten nicht vor, dort zu parken), drei Stunden beträgt. Eine pünktliche Rückkehr wäre zu schaffen, aber nicht ratsam. Wir wollen unterwegs essen, und wer mich jemals essen gesehen hat (nicht, dass der Anblick besonders appetitlich wäre …), der weiß, dass ich mich selbst bei Wanderungen nicht bei der Nahrungsaufnahme hetzen lasse. Wir parken also um – und sparen uns ein Knöllchen, das hier, wie der Herr bemerkte, sehr freigiebig verteilt wird.

Weiß der Teufel, warum wir bis heute das Verkehrsschild übersehen haben.

Blick auf die Rathausschenke von 1706; am linken Bildrand das Rathaus von 1514.

Besser kann eine Wanderung ja nicht anfangen. Just angekommen, und schon Geld gespart! Erleichtert gehen wir also endlich los. Aber was heißt los. Rhens wartet mit Häusern aus uralter Zeit auf, an denen wir nicht vorbeihetzen wollen. Also Gucken und Gaffen und den vorbeihetzenden Fahrzeugen ausweichen. So arbeiten wir uns langsam voran, vorbei am Rathaus und der Touristinformation, dann durchs Stadttor. Schon hier steigt der Weg vorsichtig an.

Ein Abenteuerspielplatz direkt vor der Haustür.

Hier steht auch die erste Entscheidung an. Links herum oder rechts herum. Frag mich keiner, warum wir immer mit dem Uhrzeiger wandern, aber fast scheint es, als ob wir nie die Kurve richtig bekommen. Ausgewiesen ist die „Wolfsdelle“ gegen den Uhrzeiger, also zuerst hoch zum Königsstuhl und dann immer weiter. Weil wir nie mit dem Strom gingen, kann ich nicht beurteilen, welche Richtung die schönere/spannendere/gute/beste/allerbeste ist. Ich kann nur sagen: Unsere Richtung, mit dem Uhrzeiger, ist toll!

[tip]KurzInfo! Der Traumpfad Wolfsdelle beginnt in Rhens am Rhein. Schnell ist man auf den Höhen des Hunsrücks. Der Rundweg ist 10,4 Kilometer lang. Er weist bei 317 Höhenmetern nicht allzu viele Steigungen und Gefälle auf. Eine durchschnittliche Kondition sollte ausreichen, zudem genügend Rastmöglichkeiten vorhanden sind, die man wegen der meist damit verbundenen schönen Aussichten auch nutzen sollte. Natürlich kann in den Gasthäusern in Rhens eingekehrt werden, trotzdem rate ich zu Wegzehrung für unterwegs, weil die zahlreichen Rastplätze, teils mit schönen Aussichten, ein Verweilen unabwendbar machen. Als Gehzeit sollte man ungefähr drei Stunden einrechnen. Wer meine Wanderberichte öfter liest, weiß, dass ich immer gute Wanderschuhe als Grundausstattung empfehle.

Der Traumpfad ist bestens ausgeschildert, eine Wanderkarte ist nicht nötig. Auf der Website der Traumpfade finden sich viele weitere Informationen zur Wolfsdelle und den anderen Traumpfaden. Wer möchte, kann auf die weiter unten im Bericht angeführte Wegekarte zurückgreifen. Über den Klickpunkt “drucken” stehen Optionen zur Auswahl, wie detailliert die PDF sein soll – am besten einfach ausprobieren, herunterladen und dann entscheiden, welche Version man bevorzugt. GPS-Tracks können ebenfalls abgerufen werden. Und die Karte kann mit Hilfe des Reiters über dem Kartenbild in unterschiedlichen Ansichten (beispielsweise bei “Google Earth”) betrachtet werden.[/tip]

Gut, das hilft womöglich gar nicht weiter. Aber es hat doch den Anschein, als ob es bei diesem Traumpfad schnurzpiepegal ist, auch wenn ein (weiterer) Anwohner später, als wir zwischen den Gärten entlang schlawinern, meint: „Ier jieht jo verkiert erömm.“ Tja, vielleicht sind das diese kleinen Unkorrektheiten, die man sich erlaubt: gegen den Strom wandern. Ist ja auch ungefährlich, und man geht auf viele nette Menschen zu, die einen sonst überholen würden.

Vor uns die Kapelle St. Nikolaus, links ruft der Berg (nicht im Bild).

Sobald wir die letzten Häuser und das Kapellchen vom St. Nikolaus hinter uns lassen, wird der Weg enger und weicher und steiler. Bald dringen wir in die Wolfsdelle ein, schleppen uns und die Rucksäcke die hohle Gasse hinauf, bis wir wieder Licht am Ende des Tunnels sehen. Sobald die Büsche und Bäumchen sich verzogen haben, öffnet sich zum ersten Mal der Blick ins Rheintal. Zeit, die Beine auszuschütteln und die Augen mal alleine auf die Wanderschaft zu schicken.

Die nächsten gut und gerne zwei Kilometer krabbelt der Weg an Feldern entlang. Ist ein solcher Anblick aufregend? Wie man’s nimmt. Der eine mag das Meer mehr, der andere die hohen Berge. Mir kommen heute diese Felder mit dem reifen oder fast reifen Getreide recht. Was da alles wächst! Und haben wir nicht dieses „Bestimmungsbüchlein“ im Rucksack, in dem wir nachschla… ach, nicht dabei. Wir haben, geb ich zu, selten das dabei, was wir in einem ganz speziellen Moment brauchen, und deshalb klären wir erst daheim, ob es Dinkel war oder nicht, der uns da über den Weg lief.

Landschaft.

Jedenfalls kommen wir derart brütend gut voran, zwischendurch stürzt sich noch eine der dreisten Traumbänke förmlich in unseren Weg. Wir können – welch ein Pech! – nicht ausweichen und setzen uns hin. Wieder Beine ausschütteln, wieder ausblicken. Dafür schlagen wir das kurz vor dem nächsten Wald gemachte Angebot einer Sitzgarnitur in den Wind und schlagen uns in die Büsche.

Keine Sorge, es bleibt jugendfrei. Wir sind ja nicht zum Vergnügen unterwegs, sondern zum Wandern. Apropos Vergnügen. Es soll Menschen geben, für die zählen Wanderungen erst dann als „richtige“ Wanderungen, wenn sie sich ins Hochgebirge, am besten auf einem weit entfernten Kontinent, oder durch krachend-heiße Wüsten schleppen. Oder auf den Mond. Oder, jetzt ganz frisch im Angebot, auf den Mars. Schön, aber manchmal könnten mir solche Zeitgenossen gehörig auf den … gutgut, es bleibt jugendfrei. Jedenfalls haben manche offenbar das echte, das wahre Wandern für sich gepachtet.

Der Experte für Outdoor und Touren__________________________________________________________________________________________________

Bruce Chatwin fällt mir ausgerechnet jetzt ein. Ich las seine Bücher (wie andere Reiseliteratur auch) sehr gern. Chatwin war aber auch so einer. Fuhr bis nach Patagonien und nach Australien, um dort die „Songlines“ zu finden, wie er in seinem Buch „Traumpfade“ (ach!) berichtete. Er schrieb: „… wo immer Menschen gegangen sind, sie die Spur eines Lieds hinterließen (von dem wir hin und wieder ein Echo auffangen können) …“ (Zitat aus: „Traumpfade“ von Bruce Chatwin; Bibliothek Süddeutsche Zeitung, Seite 355). Gedanklich bin ich da ganz dicht bei ihm dran, aber – Mensch, Chatwin! – warst du (er lebt ja nicht mehr) damals nicht auf Zack und hast das Echo nicht in deiner Heimat, dort, wo auch immer Menschen gegangen sind, nachempfinden können? Muss es ein ferner Kontinent sein, auf dem du herumscharwenzelst? Nur weit genug weg, dass kein Normalsterblicher auf deinen Spuren folgen kann und also dein Erspüren von Songlines und Traumpfaden etwas Einzigartiges bleibt? Für dich reserviert, für andere unerreichbar.

Womit ich den Bogen von Australien zur Wolfsdelle spanne, während Petra und ich an der besagten Tischgarnitur vorbei den Abstieg vom Kieselberg zum Mühlenbach angehen. Warum genügt mir heute ein Traumpfad wie dieser – nicht extrem spektakulär, nicht extrem gefährlich, nicht extrem irgendwas? Die Frage darf sich jeder selbst stellen, wenn wieder eine Wanderung in heimatlichen Gefilden ansteht.

Für mich gilt an diesem Tag: gestern zog ich mit meinem Wanderblog Schlenderer von einem Provider zum anderen. Für mich war das Nervenanspannung pur, für meine Computermaus war es eine Qual. Ich knautsche sie, bis sie quietscht (Tierschützer aufgepasst: Ich esse auch Fleisch von echten Tieren.) Aber alles ging gut. Heute Abend steht Chillen an. Dazwischen den Kopf etwas Freipusten lassen. Und, ganz ehrlich, dem Alltag in Gestalt von Gartenarbeit, Hausarbeit, Schreibarbeit entkommen. Nein. Davor flüchten! Denn zu Hause wäre immer etwas zu schaffen. Da bleiben die „kleinen Fluchten“. Das Spüren der Natur unter den Füßen, das freie Atmen ohne den Blick auf Zeugs, das noch erledigt werden muss.

Baum!

Ja, auch deshalb wandere ich. Kurze Wege meinetwegen. Ausgetretene Pfade. Finde dabei zu mir selbst. Muss dafür nicht ferne Kontinente besuchen oder den Mond oder dorthin reisen, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist. Die Suche nach innerer Zufriedenheit hat, wenn ich auf dem richtigen Weg bin, nichts mit räumlicher Veränderung zu tun. Sie kann hilfreich sein – siehe das fluchtartige Verlassen des häuslichen Umfelds -, erspart mir aber nicht die Mühsal, selbst dafür bereit zu sein.

Ich weiß auch nicht, ob mir die Songlines oder Traumpfade eines fernen Volkes helfen, wenn ich selbst noch nicht meine eigene Spur gefunden habe.

Eine von der ansehnlichen Steigung erschöpfte Wandergruppe kommt uns, während ich also auf der Spurensuche bin, hechelnd und keuchend von unten entgegen. Ich grinse sie an. Unten dann laufen wir entlang des munteren Mühlenbachs. Es scheint, als ob der viele Regen der vergangenen Zeit noch immer die Bäche und Flüsse gut mit Wasser speist. Hier im Tal ist es angenehm kühl, doch bald schwitzen wir wieder. Der nächste Anstieg folgt. Wir hecheln und keuchen. Eine Wandergruppe kommt uns von oben entgegen. Sie grinsen uns an. Sobald wir oben angekommen sind, wissen wir: Das hoch hinauf hat nun ein Ende; von jetzt an werden wir von Anstiegen verschont.

Die Aussicht ins Rheintal und hinüber zum Taunus (davor der Philippsberg) bekommt man später an der Hütte (sh. auch: lachender Schlenderer)

Wobei ich sagen muss: Die „Wolfsdelle“ ist für alle geeignet, die auf eigenen Beinen laufen können. Kinder und Jugendliche werden sowieso die wenigen Anstiege mit links nehmen. Es ist nicht falsch, diesen Traumpfad als einen Wanderweg für jedermann zu bezeichnen. Das ist natürlich einer der Gründe, weshalb wir ihn zu jeder Zeit gehen können. Er ist anspruchslos, ohne dabei langweilig zu sein. Im Gegenteil, er protzt zwar nicht mit total-tollen Sehenswürdigkeiten, Ausblicken oder anderem Beiwerk, das den Punktepeilstab platzen lässt, doch er sammelt überall fleißig seine Pluspunkte ein. Ein Weg für alle Tage. Und je nach Lust und Laune (und innerer Einstellung und allem, was das Selbstfindungsrepertoire aufzubieten hat) ein echter Traumpfad.

Wie auch jetzt, als er uns nach der Villa der „Viktor-Jaeger-Stiftung“, einem Anwesen hoch über Rhens, wieder eine Aussicht präsentiert, um die wir in anderen Ländern (Patagonien, Australien) vielleicht sogar beneidet würden.

Der Schlenderer freut sich, dass die Arbeit daheim liegengeblieben ist.

Noch einmal schlagen wir uns durch locker aufgestellten Wald, machen unsere Meter an Obstplantagen und den Wiesen und Weiden und Feldern vorbei, um auf dem Philippsberg zum vorletzten Mal vom Weg abzukommen. Der jüdische Friedhof bannt uns für einige lange Momente.

Der älteste Grabstein (1864) auf dem jüdischen Friedhof.

Der folgende Abstieg mäandert zu Tal. Das Gras ist hüfthoch gewachsen, beinahe bin ich versucht, bang nach Raptoren Ausschau zu halten. Aber die kommen ja, wie ich in einem Dokumentarfilm sah, nur des Nachts.

Das sind ja schöne Aussichten.

Abseits des Weges, aber wie immer bestens ausgeschildert, wartet noch der Königsstuhl auf uns. Heute scheint dort eine Jung-Frauen-Clique eine Fete mit Wein und Gesang abzuhalten; trotzdem traue ich mich hoch zum Podest und schaue von dort hierhin und auch dorthin. Den Blick über den Rhein darf sich natürlich niemand entgehen lassen. Zudem waren die jungen Frauen höflich und machten mir Platz.

Jung und alt.

Vom Königsstuhl fallen wir förmlich nach Rhens hinunter. Und schon sind wir wieder dort, wo wir loswanderten. Dann geht es auf nach Hause. Die Gäste kommen bald …

Traumpfad "Wolfsdelle"

[Die Galerie zeigt weitere Impressionen des Traumpfads “Wolfsdelle”. Die Galerie lässt sich mit den beiden Buttons unten rechts “bedienen”. SL – der linke Button – löst eine Slideshow aus, mit FS – der rechte Button – wechselt man in den Vollbildmodus. Für die richtige Anzeige der Galerie ist der Flash Player von Adobe notwendig.]

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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4 Responses

  1. Ursula Peters

    Wie schön ist es, einen solchen Sommermorgen mit einer Tasse Kaffee und dem neuesten Schlendererblogbeitrag zu beginnen!

    Antworten
    • Georg

      Dann sollte ich meine Schreibzeit ändern und in der Nacht aktiv sein, damit die Berichte knackfrisch auf dem Frühstückstisch liegen. ;-)

      Antworten
  2. Elke

    Hallo Georg,

    ja er ist schön, dieser Traumpfad und den werde ich gerne öfter gehen wollen. Hier gelingt es spielend zu sich zu kommen und einfach nur die Aussichten zu geniessen, kaum etwas lenkt davon ab (außer Hunger und Durst evtl.)
    Schön, dass es mit deinem Umzug dann doch gut geklappt hat, Maus lebt noch?

    VG und bis bald in diesem Theater
    Elke

    Antworten
    • Georg

      Der Maus geht es den Umständen entsprechend gut; sie nimmt (langsam) wieder flüssige Nahrung zu sich. Jetzt droht sie aber, Asyl in Russland zu beantragen und ihre Tagebücher auf Mickeyleaks zu veröffentlichen. Unglaublich!

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