Das Vorspiel 

Winterzeit ist Wanderzeit. Die Luft ist klar, wenn der Schnee sein Bett gefunden hat und die Sonnenstrahlen sich über der Schneedecke ausbreitet wie ein eiswarmes Funkeln. Wir mummeln uns in Fleecejacken und Fleecepullover, bis uns der Schweiß aus den Poren rinnt. Die Hände werden eingepackt, das Resthaar mit Wollverstärkung vor der Kälte geschützt. Nur die Füße, die frieren gar jämmerlich. Seitdem die selbstgestrickten Wollsocken so was von out sind und die Funktionsstrümpfe »Winter« zwar dicker als die fürs übrige Jahr sind, aber irgendwie nicht diese wohlriechend-kuschlige Wärme verströmen, taumeln wir wie auf Eisstelzen durch den winterweißen Tann.

Doch seit der Mensch den Winter kennt, ist er auf der Suche nach Fußwärmern. Schlug er sich weiland noch Pelziges oder Felliges oder dicke Tücher aus grobem Leinen um die Zehen, die vermutlich alsbald ein Eigenleben führten (vielleicht, weil sich allerlei Getier einnistete, vielleicht, weil sie zu locker saßen und sich grad bei der Bachquerung von dannen machten …), kam mit der Erfindung des Schuhs (in der Wertigkeit gleich nach der Erfindung des Rads einzuordnen) der rührige Schuhmacher Felix Frostbeule auf die Idee, wohlige Felle außen auf die Schuhe zu hämmern. Erst Jahrhunderte später machte es »Klick«, und ein findiger Wanderer, dem die Felle im besagten Bächlein davonschwammen, weil die Hämmerung nicht hielt, machte endlich Nägel mit Köpfen. Aus der Not wurde Gutes getan, er stopfte die tropfnassen Felle innen in die Schuhe – und der Winterschuh war geboren.

Gut, dem namentlich nicht bekannten Wanderer froren wegen der Feuchte trotzdem fast die Zehen ab, aber ihm dünkte, was da falsch lief. Und nachdem seine gute Seele die Zehen mit Glühwein wieder zum Leben erweckte, ging er flugs im nächsten Sommer daran, die ersten gefütterten Wanderschuhe in Serienreife herzustellen. »Fell nach innen«, munterte er seine Gesellen auf, die anfangs natürlich noch nicht von der althergebrachten Methode lassen konnten. Doch im Laufe der folgenden Jahre setzte sich das moderne Füttern der Schuhe durch. Der echte Winterwanderschuh war geboren.

Heute schöpfen wir Winterschuhe für jeden Fuß und jede Witterung aus vollen Regalen. Auch mir liegt ein topaktuelles Paar Wanderschuhe vor: der »Merrell Fraxion Shell 8 Waterproof«. Von Merrell konnte ich bereits den Wanderschuh Capra Mid Sport Gtx für die übrigen Jahreszeiten testen, und noch heute bis ich sehr von diesem superleichten Paar halbhoher Wanderstiefel eingenommen. Jetzt ist’s ja nicht so einfach, Winterschuhe zu testen, wenn der Winter irgendwo herumsteht, nur nicht vor der eigenen Haustür. Nicht einmal das, im ganzen Land hängt keine Haustür, vor der dieser Winter steht. Schmuddelwetter von Nord nach Süd und quer rüber. Bis endlich jetzt, im neuen Jahr, die Temperaturen gen 0° Grad sinken und ich also das Pärchen aus seinem Schattendasein befreien kann. Doch noch immer fehlt der Schnee, und so teste ich die Schuhe einfach mehrmals. Was ja auch realistisch ist, denn Schuhe, so sie zweckmäßig sind, sollen dauerhaft die Füße kleiden.

Eine erste Wanderung bei knapp über 0° Grad führte Petra und mich auf die ersten Höhen des Westerwalds, genauer gesagt nach Straßenhaus nahe bei Rengsdorf und direkt neben Bonefeld. Wer alle drei Orte nicht kennt, dem sei einfach verraten, dass wir dort die ersten Höhenzüge des Westerwalds sehen, aber mit etwas Glück noch hinunterschielen können zum Rhein und das Neuwieder Becken. Mehr Verortung ist nicht nötig.

 

  Der 1. Wandertag  

Unsere Wanderung war rund 11 Kilometer lang, eine Distanz, die für Winterwanderungen nicht ungewöhnlich ist. Die »Merrell« hatte ich noch nicht eingetragen, sie waren also jungfräulich (oder jungmännlich für den/die, der/die Wert auf genderfaires Fabulieren legt). Das Paar Schuhe habe ich in Größe 46 bestellt mit der Erfahrung, dass die Wanderschuhe von Merrell eher etwas klein ausfallen; beim vorgenannten Merrell-Paar klappte das sehr gut, obwohl ich sonst 10 ½ oder 45 habe. Eine Nummer größer als üblich bei der eigenen Schuhgröße sollte also hinhauen.

Die Schutzlasche ist bis oben hin geschlossen. Das erfordert, weil sie auch gepolstert ist, ein wenig Zuckeln und Schieben, bis sie richtig sitzt. Das Obermaterial ist eine Mischung aus Leder und synthetischem Material, die »M-Select GRIP Sohlen« sind 5 mm tief. Die Füße räkeln sich auf einem EVA-Fußbett, während ich endlich meine ersten Schritte mache. Denn die Wahrheit liegt ja, wie jeder Fußballerspieler weiß, auf dem Platz. Also raus aus Straßenhaus und ab in den Wald. Feldwege, Wiesenpfade, gemäßigte Ab- und Anstiege wechseln sich nun ab, schmieriges und tiefes Geläuf greift ineinander über, während ich wehklagend mit »die guten Schuhe!« Petra nerve. Aber Testlauf heißt ja auch: Weder Wanderer noch Wanderschuh schonen. So sehen wir dann später beide aus.

Drei Stunden brauchen wir bei gemäßigtem Tempo für die Wanderung, reichlich Zeit also für die Witterung, um uns ganzkörperlich auszukühlen. Aber nichts verkühlt, nichts bibbert oder zittert, als wir Meter um Meter zurücklegen. Die Merrell-eigene »M-Select WARM Isolierung« hält warm, ohne dass die Füße sich unwohl, weil schwitzig fühlen. Und weil’s hier und da auch nass war (auch wenn es nicht regnete), durfte ich mich auch über »M-Select DRY« von Merrell freuen, sprich: Nichts tropfte wegen der wasserfesten Membran rein.

Kurz vor Toresschluss zippte es dann doch. Das alte Spielchen, irgendwo hakt es immer. Bei mir ist es die Schnürung, die ich beim Einlaufen neuer Wanderschuhe immer nachregulieren muss. Diesmal löste ich die Schnürung im rechten Schuh oben um eine Öse, und damit lief alles glatt. Vorher drückte es zunehmend am rechten Schienbein. Das ist für mich jetzt kein schuh-spezifisches Manko, ich erwähne es aber trotzdem, weil es für mich immer ein Beleg ist, dass jeder die Wanderschuhe selbst auf seine persönliche Tauglichkeit prüfen muss. Was beim einen sofort perfekt sitzt, zwickt beim anderen, oder geht womöglich gar nicht. Da hilft oft auch kein kurzzeitiges Rumhüpfen auf der Teststrecke im Fachhandel, sondern – genau, die ganze Wahrheit offenbart sich erst draußen in der Natur bei einer längeren Wanderung.

Ich trage erschwerend eine Arthrose in den großen Zehen mit mir herum, als linksfüßiger Fußbaler natürlich links entschieden stärker als rechts, die im Laufe der Jahre zu einem »unrunden« Gang führte. »Schmerz lass nach« gibt es dann, wenn ich – vermutlich unbewusst – den linken Fuß anders belaste. Nein, als echter Mann will ich natürlich kein Mitleid (gute Schwingungen reichen mir), denn jeder hat sein Kreuz zu tragen, geht also schief oder krumm wie Igor oder sonst wie körperlich nicht korrekt, was sich wiederum aufs Schuhetragen auswirken mag. Im Grunde sind Schuhtests also höchstwahrscheinlich auf diesem Hintergrund am Nützlichsten: Im Hinterkopf behalten, dass ein empfohlener Schuh bei mir gar nicht geht.

 

  Das 1. Resümee 

Beim »Merrell Fraxion Shell« habe ich diesen Eindruck nach der ersten Testwanderung nicht! Die Schnürung habe ich korrigiert, der Fuß fühlte sich wohl. Ich lief mir keine Blasen an den Füßen, ich entdeckte keine Druckstellen, die Zehen saßen nicht beengt oder mit zu viel Platz nach vorne, sodass bei den An- oder Abstiegen der Fuß keinen richtigen Halt hatte. Die gewählte Schuhgröße ist perfekt, etwas größer wählen war also die richtige Entscheidung. Nach all dem Matsch säuberte ich die Merrell daheim mit weicher Schuhbürste unter dem Wasserhahn. Der Schmutz löste sich einwandfrei. Vor dem Erstgebrauch hatte ich sie imprägniert.

In den rutschigen Wegepassagen hatten die Sohlen genug Grip. Dabei erwischte ich auf der Tour rund um Straßenhaus keinen Abschnitt, der absolut herausfordernd war; weder richtig glatt noch tief verschneit. Zudem ist eine Wanderung von 11 Kilometer nicht aussagekräftig darüber, wie haltbar ein Wanderschuh ist. Genau genommen, lässt sich da ein Fazit auch nicht nach fünf oder sechs Wanderungen oder 100 Kilometern ziehen, sondern vielleicht nach einem Wanderjahr oder 1000 Kilometern. Aber Tests müssen andererseits zeitnah geschehen, damit das aktuelle Wanderschuhmodell auch noch aktuell und (natürlich) erwerbbar ist.

Was letztlich doch dazu führt, dass ich den Test fortsetze. In den kommenden Tagen werden Petra und ich im Schnee unterwegs sein – denn was ein Wanderschuh wert ist, zeigt sich erst bei knackiger Kälte und bei verschneitem Untergrund. Ich werde also an dieser Stelle bald weiter berichten.

 

[Hinweis! Das Produkt »Merrell Fraxion Shell 8 Waterproof« wurde mir vom Hersteller für diesen Produkttest zur Verfügung gestellt. Alle von mir vorgestellten Produkte teste ich gewissenhaft und benenne Vorteile und Nachteile, soweit sie mir auffallen.]

 

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