»Es gibt kein falsches Wetter, es gibt nur die falsche Kleidung«. Geschmeidiger Schmarrn das ist, würde Dr. phil. Yoda sagen, und der muss es ja wissen. Letztens bretterten Petra und ich auf der Jagd nach Freude und Fotos gen Rheinhessen. Der RheinTerrassenWeg war unser Wunschweg, Mettenheim unser Startziel. Wir schnitten schneidig über den Hunsrück, links und rechts umgeben von dicken Büscheln Sonne, ließen locker ausrollen in die Rheinebene und ließen irgendwo vor Alzey die A 61 und das schöne Wetter hinter uns. Als wir am Bahnhof in Mettenheim aus dem Wagen stiegen, um von dort nach Osthofen zu fahren (Etappe 2 beginnt dort nahe bei Worms), mussten wir vorne und hinten die Nebelschwaden aus dem Weg schieben. Zu sehen war nichts, zu hören nur tausende Krähen (oder Amseln oder Stare), die auf den Stromleitungen gegen die dunstige Schicht anschrien.

Wir schrien mit. Beruhigten uns mühsam. Auch der Tipp, dass »Nebelfotos« doch reizvoll sein können, zog uns nicht mehr aus der Nebelsuppe raus. Nebelfotos in einem Wanderbuch – wie rührend sieht sowas denn aus?

Kastellaun

Und dabei hatten wir doch die richtige Kleidung an. Wie Michelin-Männchen und Michelin-Frauchen sahen ich und Petra aus. Schicht 1 (Unterhemd), Schicht 2 (Funktions-Shirt), Schicht 3 (Fleece-Pullover), Schicht 4 (Funktions-Fleece-Oberjacke) und Schicht 5 (wasserdichte Funktions-Oberjacke) hüllten uns wohlig ein, Schicht 6 (feuerfeste Regenjacke) ruhte erwartungsfroh im Rucksack. Bei so viel Schichten kann das Wetter doch schittegal sein, sollte man meinen.

»Kastellauuuun«, schnitt unser Ruf durch die Nebelschwaden wie durch butterweiches Brot, und eilends kugelten wir zurück ins Auto, suppten uns zurück durch graue Geflecht zur Autobahn, trieben den Wagen auf die Hunsrückhöhen und abababerschnell nach Kastellaun.

Sonne so satt, dass wir aufs zweite Frühstück, das 10-Uhr-Gebäck und den 11-Uhr-30-Tee verzichten konnten. Erst lustwandelten in praller Hitze (um die 14°) durchs malerische Städtchen, dann hinan zur Burg. Wir hatten nachträglich alles richtig gemacht. Abgesehen von Schicht 3 bis 5, die überflüssig waren wie der Schweiß, der floss. Aber da ist unsereins ja von den Metzgern von Kindheitstagen gut geschult worden: «Darf’s ein bisschen mehr sein«, lautet mein Credo bei meiner Wanderverpackung. Und ausziehen (teilkomplett, keine Angst) geht ja immer, aber was man nicht dabei hat, kann man auch nicht anziehen …

Die erste Erwähnung Kastellauns datiert aus dem Jahr 1226. Passend dazu wurde die Burg errichtet. 1305 erhielt Kastellaun die Stadtrechte. Ende des 17. Jahrhunderts wurde auch die Burg Kastellaun wie viele andere Burgen im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstört. Von 1990 bis 1993 wurde diese umfassend restauriert, in den Folgejahren wurden das erste und zweite Burghaus wieder errichtet. Im Jahr 2007 wurde auf dem Areal ein Dokumentationszentrum – das »Haus der regionalen Geschichte« – eröffnet.

Bei unserem Rundgang entdeckten wir noch Mauerzüge der ehemaligen Stadtbefestigung. Unterhalb der Burganlage sehen wir beispielsweise die Badische Amtskellerei von 1670 oder eine Zehntscheune aus dem 18. Jahrhundert. Interessant ist sicher ein geführter Stadtrundgang; die Termine für 2016 können in der verlinkten PDF ersehen werden: Erlebnisführungen 2016 in Kastellaun

Von da an ging’s bergauf. Die »Traumschleife Burgstadt-Pfad« nämlich beginnt außerhalb der Stadt bergaufwärts nahe beim BurgStadt Hotel. Von dort sind es entlang der Hotelanlage rund 500 Meter bis zum Burgstadt-Portal, dem eigentlichen Startpunkt der Rundwanderung. Die Rundstrecke ist 7,4 Kilometer lang und weist hechelnette 92 Höhenmeter auf – viel Auf und Ab hält diese Traumschleife also nicht auf Trab. Dafür wimmelt es vor lauter Bäumen, richtig hohen und gefallenen. Zu Letzteren dann später mehr.

Die ersten Meter bis zur Landstraße – vorbei am Ortsrand und dem Forsthaus – wandern wir durch mehr oder minder dichten Wald. Minder deshalb, weil Anfang November auch im Hunsrück der Herbst endlich eingezogen ist und sich die Blätter langsam auf den Weg gen Süden machen. Das, was noch hängt, aber ist kunterbunt und verleiht dem Wald ein rotes Gewand in tausend Schattierungen. Das Laub raschelt unter unseren Füßen, die Wege sind mal pfadig-schmal, sodass wir kaum Abstand auf Armlänge halten können, mal laufen sie breiter aus.

Wir queren die besagte Straße und wandern entlang von »Naturspielen« bis zu einem Rastplatz, der aber schon sein graues Winterkleid angezogen hat. Sitzen ist nicht, dazu ist es doch zu feucht, und außerdem sind wir ja noch pappensatt vom Sonnenschein.

Den Jüdischen Friedhof lassen wir nicht links liegen (nicht zuletzt, weil er auch rechts des Weges liegt), flanieren leise über den Grund und bedauern, dass der kleine Kasten mit den sehr informativen Broschüren zum Friedhof leider am Ausgang zur Traumschleife hängt.

Vom Friedhof geht’s noch einige Meter durch den Wald, der Trimmbach begegnet uns, dann öffnet sich der Blick weit über die Felder bis hin zum Soonwald. Beim »Soonwaldblick« sinken wir auf eine Sinnenbank und gönnen uns einen Schluck Mittags-Kaffee und Mittags-Tee und zählen die Windräder, die sich vor unseren Augen vor dem Soonwald wie Nädelchen auf einem Nadelkissen breitmachen.

Burgstadtpfad (7)

Sofort darauf versinken wir wieder im Grün des Waldes, schlurfen zwischen den Bäumen entlang, gelangen zum »Seerosenteich« mit Picknickplatz, der aber offenbar sehnsüchtig auf den kommenden Frühling wartet.

Die Traumschleife passiert noch einen Waldspielplatz, bevor er sich sanft senkt zum »Waldabenteuer-Park« für Schwindelfreie mit der Lizenz zum Klettern.

Mit dem Kyrill-Pfad erwartet Petra und mich dann der Gipfel unserer heutigen Tour. Über Brücken und Bohlen wandern wir durch das 2007 vom gleichnamigen Sturm verwüstete Areal, in dem alles so blieb, wie der Sturm es hinterlassen hat. Das Wüten der Naturgewalten ist für uns greifbar, und tief beeindruckt legen wir die letzten Meter bis zum Zielpunkt am Portal zurück.

Was bleibt: ein geretteter Tag mit einer schönen Kombitour aus Stadt- und Burgbesichtigung und Traumschleife! Die gut sieben Kilometer »Burgstadt-Pfad« verlocken alleine vielleicht nicht zu einer weiten Anreise, doch garniert mit einem Gang durch Kastellaun (oder vielleicht zur gar nicht so weit entfernten Geierlaybrücke) wird’s eine runde Sache.

Bei der Traumschleife war zwar schon die Winterruhe eingekehrt (der Seerosenteich dümpelte und ein Kräutergarten krauchte vor sich hin, beim Klangspiel fehlte der Klöppel), doch ich gehe davon aus, dass zur anstehenden Wanderzeit alles wieder hergerichtet wird. Nur die Windräder, tja, die säuseln auch dann noch weiter im Winter vor dem Soonwald …

Burgstadtpfad (22)

Eine PDF zur Traumschleife Burgstadt-Pfad kann hier heruntergeladen werden: Burgstadt-Pfad

Prospekte zu den Traumschleifen und zur Region um Kastellaun können auf dieser Seite angefordert werden: Prospektmaterial

Eine weitere ausdruckbare Wegebeschreibung mit Wanderkarte steht hier bei der Hunsrück-Touristik bereit: Burgstadt-Pfad

 

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