“Genieße den Sonnentag” – diese alte Weisheit gilt besonders für den Wanderer im Sommer 2012. Den Traumpfad „Hatzenporter Laysteig“ hatten mein Schwager Herbert und ich schon im Frühjahr gewählt, die Planung sah natürlich vor, an irgendeinem der sicher vielen schönen Tage im Sommer loszufahren. Es wurde dann eine spontane Entscheidung, was auch nicht das Schlechteste ist. Der Wetterbericht versprach “örtlich Sonne und örtlich Starkregen”. (Wenn ich das Wort “Starkregen” höre, warte ich nur noch auf die “Schwachsonne” – wer dieses Neusprechwort erfunden hat, dem gehört eine eiskalte Dusche verpasst. Eine Starkdusche.)

Herbert wohnt quasi auf dem Weg nach Hatzenport. Überhaupt ist die Anfahrt schnell getan, über Bassenheim und ein Stück Eifel geht es gleich hinab ins Moseltal. Das kurze Stück die Mosel entlang bescherte uns viele Gruppen an Radausflügern, die auf dem schmalen Radweg gleich an der Bundesstraße entlang strampeln. Mir fällt der noch frische Bericht in der Rhein-Zeitung ein, dass es erneut zu einem Unfall mit Autofahrer und Radfahrer kam, der tödlich für den Radfahrer endete. Dann lieber wandern, als diese schöne, aber riskante Strecke zu beradeln.

In Hatzenport suchen wir uns gleich am Bahnhof einen Dauerparkplatz. Dauer deshalb, weil der Weg mit 5 Stunden angegeben ist und wir uns nicht sicher sein können, ob wir nicht für eine unbestimmte Zeit Unterschlupf in einer Hütte suchen müssen. Wegen des Starkregens. Erst als wir unsere Rucksäcke geschultert haben, beichte ich Herbert, dass es jetzt sofort steil bergan geht. Ich habe das wohlweislich geheim gehalten, weil unsere erste gemeinsame Wanderung bei den “Bleidenberger Ausblicken” zügig rein ging in die Weinberge – ich wollte ihm die Vorfreude auf ein ähnlich schweißtreibendes Erlebnis ersparen. Um auch seinen Flüchen zu entgehen, stiefele ich voran.

Das Phänomen “Weinberg” setze ich als bekannt voraus. Man gleitet wie auf Schienen über locker drapiertes Schiefergeröll, rutscht hier und da zur Seite, nach hinten oder dorthin, wo die Mitwanderer mit bangem Blick aufwärts schauen, und wundert sich ungefähr in der Mitte des Hangs über die Kondition. Nein, genauer gesagt stellt man sich die Frage, wo beispielsweise die Tour-de-France-Rennfahrer die viel beschworene “zweite Luft” einkaufen, und ob sie auch der Wanderamateur erstehen kann. Der Blick jedenfalls ist tunnelartig nach vorne-oben gerichtet, jede Pause rächt sich, sobald der Schritt wieder aufgenommen werden muss. Als uns eine Joggerin auf einem der Querwege begegnet und munter grüßt, relativiert sich unsere unmenschliche Anstrengung.

Keine Bushaltestelle, sondern eine Schutzhütte in den Weinbergen

Dafür wird die Mühsal, die nicht ganz so dramatisch ist, wie es sich anhört, belohnt: Der Ausblick von der Höhe ist fast grenzenlos, der Ort breitet sich unter den Augen aus, die Johanneskirche präsentiert sich im Hang, und die Mosel, hier nicht weit entfernt von der nächsten Staustufe, liegt flach wie ein stiller See. Nur ab und zu unterbricht ein ratternder Zug die Idylle, und die Bundesstraße macht auch auf sich aufmerksam, obwohl der Autoverkehr für einen Tag mitten im Sommer erstaunlich dünn fließt.

Der schmale Pfad führt dann am Hang zwischen den Weinbergen und den aufgelassenen Bereichen entlang, die längst wildes Gestrüpp wieder in Beschlag genommen hat, und mündet auf den ersten Rastplatz. Die Rabenlay ist erreicht, die Aussicht ist grandios, doch zuerst wird dem Dämon „Hungerast“ Tribut gezollt. Weil ich diesen Traumpfad im letzten Jahr bereits erwandert hatte, konnte ich Herbert bis hierhin bei Laune halten. Jetzt aber fliegen die ersten Kronkorken … Nein, das ist gelogen, denn wir trinken unser schwarzes Wanderwasser, das andernorts ganz profan “Kaffee” genannt wird, und semmeln dazu.

Die Johanneskirche im Hintergrund, im Vordergrund eine Warnung, die wir uns zu Herzen nahmen

Die Rucksäcke werden wieder aufgesattelt, und wir verabschieden uns von der Mosel (gut, ganz so poetisch sind wir nicht, wir gehen halt einfach weiter) und wenden uns der Vordereifel zu. Der breiter werdende Weg mäandert durch Felder, der Mais steht bereits baumhoch, zumindest kommt es uns so vor, denn trotz unser altersüblichen Körpergröße gelingt es uns nicht, über die dicht an dicht gestreuten Maisplanzen zu schauen.

“Der unsichtbare Dritte” wurde hier gedreht

Der Blick schweift also nur dann übers Land, wenn Roggen oder Weizen links und rechts des Weges stehen. Aber dann gleiten die Augen ungehindert und verfangen sich erst am Horizont, wo die Wolken stehen.

Der freie, nicht von Mais verstellte Blick über die Vordereifel

Die aber verhalten sich im Gegensatz zu uns beiden ruhig. Das Angenehme des Wanderns zu zweit ist, das man sich unbeeinflusst von den häuslichen Notwendigkeiten (oder nennen wir es doch direkt beim Namen: Störungen) unterhalten kann. Das Kneipengespräch gewissermaßen verlagert in der freie Natur. Auf die Art (beim Plaudern also) hatten Herbert und ich es übrigens bei einer Wanderung in der Eifel geschafft, uns auf einem Traumpfad dreimal (!) zu verlaufen. Es lag nicht an der Beschilderung, die ist ausgezeichnet … Diesmal wissen wir, was wir tun, und landen also planmäßig nach der kraftspendenden Strecke am Schrumpftal. “Am” deshalb, weil wir zuerst von der Höhe hinabschauen in das dichte Gewirr aus Laub- und Nadelbäumen, das den nicht allzu breiten Pfad hinab begleitet. Mittendrin soll ein Felssporn einen Ausblick ins Tal gewähren, doch zu sehen ist wegen des dichten Bewuchses nicht viel. Wir sehen vor lauter Bäumen den Bach nicht.

Dem begegnen wir, als der bis dahin feste Untergrund in einen weichen Weg wechselt, die Luft wird feucht, als ob es eben noch geregnet hätte. Ein schlechtes Omen? Wir beide haben jetzt so gute Laune, dass uns die auch bei einem Starkregen nicht verflogen wäre. Noch weiß Herbert ja auch nicht, was auf uns wartet. Zuvor aber entdecken wir am Wegesrand einen toten Greifvogel; viel ist nicht mehr von ihm übrig, ein Flügel oder zwei, die Federn. Weder Herbert noch ich sind vogelkundig, deshalb tippen wir auf ” ein Falke”. Und fragen dann den jeweils anderen, warum er denn das “Vogelbestimmungsbuch” und überhaupt alles an Literatur über Wald und Wiese und so fort nicht mitgenommen habe.

“Er ist tot, Jim!”

Der Weg führt nur ein kurzes Stück durchs Schrumpftal, doch nach der Höhe und den Weinbergen ist gerade dies ein gelungener Bruch. Nachdem wir eine Straße gequert haben, lassen wir linkerhand die Probstmühle weiter ihr Tagwerk vollbringen, während wir uns am Berg abarbeiten. Es geht voran, und wieder geht es aufwärts. Der Wind, der uns auf der Höhe unablässig zur Seite (oder im Nacken) stand, hat sich aus dem Tal herausgehalten, aber jetzt im Anstieg wäre uns eine kühlende Brise recht. Deshalb nehmen wir die Bank am Ende des Anstiegs gleich in Beschlag. Nicht lange, dann wenden wir uns wieder der Höhe und den Feldern zu, dem Mais, dem Roggen und den Kartoffeln. Nur sporadisch sehen wir Höfe, Wanderer begegnen uns nur zweimal – das Wetter scheint ganze Arbeit geleistet zu haben: Man überlegt es sich zweimal, ob man losgeht, und bleibt dann anscheinend doch lieber zuhause.

Als dreiviertel der Wanderung hinter uns liegen, macht der Weg eine scharfe Linkskehre. Durch ein kleines Waldstück, das an den Weinbergen Fuß gefasst hat, nähern wir uns wieder der Mosel. Die ersten Trockenmauern künden dann auch frühzeitig davon. Viele dieser Mauern sind brüchig geworden, nicht zuletzt, weil sie längst keine Weinberge mehr stützen müssen, sondern Brachland. Das ist auch der Moment, in dem ich meinem Schwager von der just an diesem Morgen in der Zeitung gelesenen Insolvenz des Nürburgrings (oder der Gesellschaft, die ihn als Last tragen sollte) erzähle und den Millionen und Abermillionen, die dorthin geflossen sind – und von dort weiter zu Orten, die vermutlich noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Jedenfalls sind meine Worte dazu nicht druckreif, aber was hätte man Schönes mit den Millionen auch an der Mosel zur Erhaltung von Stützmauern machen können – doch “Ring-Racer” klingt halt imposanter. Das Thema ist aber an diesem Tag durch, als die nächste Sitzgruppe (Bänke und Tische) vor uns auftaucht.

Mauerblümchen

Ja, wieder Pause. Wir pausen gern. Wir haben ja auch viel mitgenommen, was gegessen und getrunken werden muss. Und außerdem verleitet eine Rast dazu, den Blick auf anderes als den Weg zu richten. Beispielsweise ins Moseltal, das sich wieder wie zu Beginn unserer Wanderung bis zu den Flussschleifen moselauf- und moselabwärts ausdehnt. Moselkern schiebt sich rechts zwischen die Weinberge und die Mosel, auf der anderen Flussseite macht sich Burgen lang. Wir aber packen ein, denn auf uns wartet noch ein letzter Höhepunkt, den ich bei meiner ersten Wanderung – wie soll ich’s sagen – verpasste. Mein Schwager muss sich anhören, während wir die ersten Häuser Hatzenports an uns vorbeifliegen lassen, dass die Beschilderung damals “garantiert anders” war und ich deshalb, tja, nicht falsch gegangen, eher falsch geleitet wurde. Sein Blick sagt alles. Aber es war wirklich so!

Kein Grund, sich hängen zu lassen, aber es geht wirklich bergab

Und deshalb verpasste ich jedenfalls den Klettersteig. Den Einstieg gewinnt man an der Straße, die nach Münstermaifeld führt. Es geht beruhigend sanft aufwärts, doch die Blicke fallen bald aus immer größerer Höhe hinab auf Hatzenport und die Bahnstrecke, bis dann die Trittbügel vor die Füße fallen und die Metallleitern. Wir hangeln uns also hier und da wieder hinab und sind ganz froh, dass wir kein nasses Wetter erwischt haben. (Im Gegenteil: Wir haben auf unserer Wanderung keinen einzigen Tropfen Regen abbekommen, von Starkregen ganz zu schweigen.) So gestaltet sich der kurze, aber gute Abstieg als ein sehr erfreulicher Ausklang, und wir schauen, als wir unten sind, fast schon wehmütig hinauf.

Hatzenport und die Johanneskirche – ein Abschied auf Zeit

Aber hinauf möchte ich heute doch nicht mehr. 539 Höhenmeter waren es, die wir hinaufgestiegen sind, 11,9 km weist der “Hatzenporter Laysteig” aus. Eine gute Wandertour, die sich in der angegeben Zeit – nein, nicht bewältigen, sondern genießen lässt. Wir waren etwas schneller in der Zeit, aber wir haben ja auch nur drei Pausen eingelegt.

Auf der Rückfahrt schauen wir noch links und rechts der Mosel, denn uns begegnen die “Bleidenberger Ausblicke” und der “Koberner Burgpfad” – und diesen Traumpfad werden wir sicher auch eines Tages für die eine oder andere Rast nutzen.

Der “Hatzenporter Laysteig” sei jedem ans Herz gelegt, der knackige Steigungen in Weinbergen liebt, eine abwechslungsreiche Streckenführung als ein dickes Plus betrachtet und als krönenden Abschluss in eiserne Trittbügel steigen will. Und wem der Klettersteig zu gewagt ist, der kann ihn auch umgehen. Ich weiß, wovon ich rede.

In Mülheim setzte der Regen ein. Kein Starkregen, sondern ein schöner, altmodischer Schauer.

Traumpfad "Hatzenporter Laysteig"

[Die Galerie zeigt weitere Impressionen vom Traumpfad “Hatzenporter Laysteig”. Die Galerie lässt sich mit den beiden Buttons unten rechts “bedienen”. SL – der linke Button – löst eine Slideshow aus, mit FS – der rechte Button – wechselt man in den Vollbildmodus.]

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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7 Responses

  1. L.B.

    Ha, ich hab gelacht!
    Ich war schon vor Wochen zufälligerweise über eine deiner Berichte gestolpert.
    Damals habe ich aber nur den Bericht runtergescrollt ohne richtig zu lesen.
    Als ich den vielen Text gesehen hatte, habe ich mich noch gefragt wer sich so viel
    Zeit nimmt und so was liest.
    Jetzt weiß ich es!
    Ich, zum Beispiel!

    Antworten
    • Georg

      Oh, ich stelle mir auch öfter die Frage: Für wen schreibst Du eigentlich, liest das alles “jemand”? Aber die vielen Kommentare hier und auf Facebook, die sich nicht nur auf die Fotos, sondern auch auf die Texte beziehen, beantwortet meine Frage. Ja, die Wanderberichte werden gelesen. Von Vielen. Sonst wäre auch längst Schluss mit dem “Schlenderer”, der ich will ja gelesen werden. ;-) Umso mehr freut es mich, wenn Kommentare wie Deiner das bestätigen. Dafür danke ich Dir!

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  2. Elke

    Das ist ein sehr schöner Wanderbericht, habe ihn gerne gelesen.
    Einen flotten und humorigen Schreibstil hast du.
    Ich werde mir diese Seite merken :-)

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    • Georg

      Es freut mich, wenn dir die Seite gefällt, und es freut mich außerdem, wenn du sie dir merkst – und dann und wann zurückkehrst.

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  3. M.R.

    Dein Bericht macht richtig neugierig für Wanderer, welche Natur, Weinberge und eine wunderschöne Landschaft lieben. Dabei ist der Blick ins Moseltal ganz umsonst. Und von dir sehr anschaulich erzählt.
    Ich bin gespannt auf den nächsten Wanderbericht von dir und freu mich schon darauf!

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  4. Gaby

    Einfach ein großartiger Bericht…ich liebe den Schreibstil…. werde diesen Blog gerne weiter lesen…Vielen Dank!

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    • Georg

      Herzlichen Dank! Und natürlich freut es mich, wenn du auch meinen nächsten (und den übernächsten) Beitrag liest.

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