Die Windjacke

Nein, ich kenne kein Erbarmen:

O du schöner Westerwald
Über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
Jedoch der kleinste Sonnenschein
Dringt tief ins Herz hinein

Kenner fügen nach der 1. Zeile des Refrains noch ein Eukalyptusbonbon ein (bitte mit voller Lunge und völlig sinnfrei grölen.)

Ja, ich weiß, eigentlich geht es bei diesem Test um eine Windjacke: die „Men’s Spire Jacket“ von Vaude. Die Bergfreunde ließen sie mir zum Testen zufliegen, wohl wissend, wie nah gebaut wir am Westerwald haben. Klar, wer das heimatliche Liedgut so verinnerlicht hat wie die Menschen in dieser Region, also den Wind wie seine eigene Westentasche kennt, der drängt sich für eine Windjacke förmlich auf.

Gleichzeitig ist es naturgemäß so: Nicht nur im Westerwald pfeift der Wind um die Ecken. Durch die Berge wedelt der Wind, und die Küstenwinde sind auch nicht zu verachten. So gesehen steht eine Windjacke also, das gleich zu Beginn gesagt, jedem gut zu Gesicht, der sich bei Wind und Wetter aus dem Haus traut.

“Wo kommt denn plötzlich dieser Wind her?”

Wobei ich das mit dem „Wetter“ besser einschränke. Windjacke ist nicht gleich Regenjacke. Sonst hieße sie sicher auch Wind- und Regenjacke. Dies hier ist eine Softshelljacke, innen und außen schön weich, aber eben nicht regenfest. Muss sie ja auch nicht sein, weil ja da, wo Wind ist, nicht unbedingt Regen sein muss. Und für den Fall, dass mal beides über einem zusammenschlägt, gibt es wieder spezielle Jacken.

Zurück zur Windjacke. Sie hat nun einige windige Touren gemeinsam mit mir zurückgelegt. Mal wartete sie dabei brav im Rucksack auf ihren Einsatz, mal steckte sie ihre Nase richtig in den Wind. Bei 310 Gramm Eigengewicht (bei Größe L) wiegt sie dabei nicht viel mehr als ein Windhauch, lässt sich zudem schön kleinmachen und verstauen. Wer den Testbericht zu meinem neuen Lowe Alpine-Rucksack gelesen hat, der weiß, welche Taschen ich so in der Hinterhand habe; sie legt sich sauber rein in das Bodenfach oder in die Meshtasche auf der Vorderseite.

Der Pfriemeler bei der Arbeit.

Das Verstauen klappt also reibungslos, doch weit wichtiger ist: Bewährt sie sich auch im Wind, der im Westerwald pfeift?

Aber der Reißverschluss läuft lässig, und das Pfriemeln geht gut von der Hand.

Mai und Juni brachten in diesem Jahr wenig Sonne, aber viele Wolken mit sich. Und wo Wolken sind, windet es auch schnell. Die erste Testtour ging ich wie immer windjackenfrei los. Bis es mir dann zu bunt wurde. Also Jacke ausgepackt, entfaltet und übergezogen. Das geht alles in einer geschmeidigen Bewegung, weil die Jacke aus einem hochelastischen Material besteht. Vaude verspricht auf ihrer Website, dass die Jacke aus mindestens 90 % Biobaumwolle, recycelten Materialen oder einer speziellen Holzfaser besteht und nach einem umweltfreundlichen Färbeverfahren gefärbt werden. Unter anderen diese Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um das Gütesiegel „Green Shape“ tragen zu dürfen. In meinen Augen hört sich das gut an; inwieweit mein unkundiges Ökoherz jetzt vollends zufrieden schlagen darf, müssen sachkundige Menschen beurteilen.

“Wolle Uhre kaufe?” – Da bin ich natürlich nicht die richtige Adresse. Und eigentich wollte ich nur das Innenleben der Windjacke bloßlegen.

Jedenfalls sitzt die Jacke jetzt. Ja, sie sitzt wirklich, und zwar gut. An den Armabschlüssen und am Saum finden sich elastische Bündchen. Es ist nun natürlich nicht so ein echtes Männerding, sich um „Bündchen“ und „Säume“ zu sorgen, aber ums trotzdem auf den Punkt zu bringen: Da sitzt es eng, aber schneidet nicht ein. Eng ist wichtig, damit nur ja kein Lüftchen an die zarte, darunter liegende Männerhaut gelangen kann.

Wenn’s richtig windig wird, ziehe ich den vorderen Reißverschluss hoch bis zum Kinn. Da bin ich knallhart. Der Kragen ist hoch genug geschnitten, dass er auch den Hals bedeckt. Selbst richtig harte Männer klagen ja gern einmal über ganz schlimme Halsschmerzen. Dürfte beim Tragen dieser Windjacke aber nicht vom Wind stammen, geht eher mehr aufs Konto: Ich will jetzt aber mal jammern.

Ganz meine Kragenweite.

Reißverschluss ist ein Stichwort: Eine Brusttasche bietet sich für Kleinkram an, ein Handy, Schlüssel, den kleinen Snack, wenn der Wind über Gebühr lange weht. Verdeckt unter den Achseln finden sich zwei weitere Reißverschlüsse: aufzippen, und ein laues Lüftchen kann dem Temperatur- und/oder Feuchtigkeitshaushalt auf die Sprünge helfen. Zu guter Letzt mögen manche Hände gern ein Obdach: Links und rechts zeigen sich zwei große Vordertaschen; Unterschlupf für jede Pranke. Die Reißverschlüsse sind gewendet angebracht, die Zähne zeigen nach innen, die glatte Seite zeigt also nach außen; das führt zu weniger Reibung, wenn man eine weitere Jacke darüberzieht. [Update vom 30.07.2013: Danke für diese Information zu den nach innen gewendeten Reißverschlüssen an Benedikt Tröster von VAUDE – für mich war das Neuland.]

Die Ärmel sind vorgeformt, sagt mir die Produktbeschreibung. Ich merke das daran, wie gut die Windjacke sitzt. Selbst über einem (nicht sehr dicken) Pullover beengt sie mich nicht. Dafür hält sie mir den Wind vom Leib!

Ganz nach meinem Geschmack: Eine Windjacke in den Farben meiner Wanderwege.

Wie sehr sie ihre Wirkung entfaltet, zeigt sie später, als wir einen Kurzurlaub im Pfälzer Wald machen. Den ersten Tag wandern wir am Donnersberg, und ich muss sagen: Heidewitzka, die machen da unten aber auch ganz schön Wind. Hatten wir unterschätzt, was sich auch in den recht dünnen T-Shirts äußert, die wir übergezogen hatten. Zeitweilig flog der Fleece-Pullover, den ich noch dazu trug, wieder in den Rucksack, weil die Außentemperaturen angenehm, der Wind aber unangenehm prickelnd war.

Was soll ich sagen: Windjacke übers T-Shirt oder/und den Fleece-Pullover, und gut ist. Der Unterschied ist frappierend, die Gänsehaut verändert ihr Aussehen und verwandelt sich in eine seidig-weiche, wohlig-gewärmte Haut.

Aber halt – ich spreche nicht von mir. Petra hat mir nämlich die Jacke unter der Nase weggeschnappt und angezogen. Ein schöner Test, weil wir beide ansonsten das Gleiche tragen, sie nun aber zeitweise präpariert mit der besagten Windjacke. Ich friere, sie nicht.

Nach einem dezenten Hinweis („Männerjacke! Hergeben!“) und lautem Geschrei im ansonsten stillen Wald am Donnersberg trage ich die Windjacke wieder auf. Das Ergebnis ist dasselbe, nur anders herum. 80%ige Winddichtigkeit verspricht mir Vaude auf dem Beipackzettel, dazu ist sie wasserabweisend und atmungsaktiv – ich finde kein Argument, wodurch ich das widerlegen könnte. Die Jacke hält dicht. Punktum. Und noch ein Vorteil: Obwohl sie dichthält, schwitzte keiner von uns beiden darunter.

Zwei Aspekte bringe ich noch mit ins Spiel.

Zuerst die Farben.

Ach, das Gelb. Ich bin kein Freund des Gelben, blau und schwarz sind alle meine Farben, wenn jemand mir etwas ganz Böses nachsagen will (gut es kommen noch andere Farben dazu, doch gelb fristet eher ein Schattendasein.) Doch „Basalt“ war nicht vorrätig (es hätte meine Vorliebe für „schwarz“ gut bedient) und „Azure“ … nein, nicht wieder blau. Somit blieb nur gelb, das bei der Windjacke als frohes „Sun“ interpretiert wird. Als ich die Jacke dann auspackte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das sind die Farben der brasilianischen Fußballnationalmannschaft! Und das mir, der ich eingefleischter Argentinienfan bin.

Na, wer trägt denn aktuell die Rückennummer 4 in der brasilianischen Nationalmannschaft? (Die Wikipedia nennt mir David Luiz. Das wird ihnen im nächsten Jahr gegen Argentinien aber auch nichts nützen.)

Doch auch hier gibt es etwas zu meiner Ehrenrettung zusagen, wieder mit einem Hinweis auf meinen Rucksack-Test und meinen dort postulierten „500 Meisterschafts- und Pokalspiele in der Betonliga“. Auch wir trugen in den 80er-Jahren dieselbe Farbkombination – Grün und gelb -, obwohl wir um einige Klassen weniger anspruchsvoll als die Brasilianer spielten. Als ich mir dessen jedenfalls bewusst wurde, konnte ich mich mit dem „Sun“ und den grünen Sprenkeln bestens arrangieren. Und mal ehrlich: Immer dieses dröge Blau und dieses deprimierende Schwarz müssen auch nicht sein. Zudem gehe ich mit der Farbe nirgendwo verloren. Wenn ihr also eines Tages ein gelbes Bündel am Wegesrand seht, dann bin ich das. Helft mir bitte auf und kümmert euch um mich …

Dann: Ein Manko verschweige ich auch nicht. Die Windjacke ist leicht und dünn. Dünn ist gut, wenn es ums Gewicht geht. Ein Nachteil ist, dass ihre Reißfestigkeit nicht der einer festeren Jacke entspricht. Ich habe es am eigenen Leib erfahren, als ich eine mir nahestehende Person (jetzt wieder ohne Windjacke) auf dem „Traumpfad Bergheidenweg“ über eine abgedriftete Brücke half. Die Brücke schaukelte, die nahestehende Person schwankte, ich griff zu. Bekam ihre Hand zu fassen, der Ast bekam meine Windjacke zu fassen. Ein Schwung, und die nahestehende Person stand auf der sicheren Seite – doch die Jacke hatte die Rettungsaktion mit einem kleinen Einschnitt bezahlt. Das passiert natürlich, wenn man in der Natur unterwegs ist, und das laste ich nicht der Verarbeitung oder einem Materialfehler an. Es soll aber als Hinweis verstanden werden, dass dünne Jacken eben auch ihre Handicaps haben.

Mein Fazit

Mir rückt kein Wind mehr auf die Pelle. Sobald sich ein Lüftchen ankündigt, stecke ich die Windjacke ein. Ich hatte sie bislang nicht vermisst – wir kannten uns ja auch noch nicht. Jetzt werde ich sie vermissen, falls ich sie vergesse.

Und Petra vermisst sie sowieso. Aber Gelb ist natürlich auch eine reine Männerfarbe …[note]

+ winddicht (80 %)
+ leicht
+ gut verstaubar
+ Passgenauigkeit
+ gute Belüftung unter den Armen
+ Brusttasche
+ Fronttaschen mit Reißverschlüssen
o Reißfestigkeit
[/note]

Men's Spire Jacket

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
Schlenderer

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2 Responses

  1. Elke Weber

    Das klingt ja prima. Die Jacke gibt es doch bestimmt auch als Damenversion für deine bessere Hälfte oder mich. Hört sich an, als könnte ich die Jacke mit meinem ökologischen Gewissen vereinbaren und würde, im Gegensatz zu anderen Softshelljacken, nicht gleich anfangen nach Luft zu schnappen, wenn ich sie anfasse. Manche Materialien, meist irgendwelches Polyester, lösen bei mir nämlich akute Luftnot aus und “Softshell” zählt da im allgemeinen zu. Da ich aus dem Siegerland komme, oft auf dem Westerwald wandere und meine zweite Liebe nach dem Wandern der Nordsee gilt, könnte ich eine Windjacke gut brauchen und werde mir die Jacke sicher mal genauer ansehen.
    Notfalls geht ja auch die Männer-Version :-).
    Viele Grüße aus dem Siegerland und danke für den Bericht
    Elke

    Antworten
    • Georg

      Ich habe gerade nachgesehen: Die Jacke gibt es für Damen/Frauen in den Farben “sunset/orange”, “bay” und “azalee”. Wenn ich sie jemandem schenken wollte, tendierte ich zu “azalee”. Aber Geschmäcker sind ja gottseidank verschieden. ;-)

      Antworten

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