Diesen Sommer genieße ich. Anders. Anders als die drei letzten Sommer. Ich schreibe in diesem Sommer kein Wanderbuch. Natürlich sagen manche: »Ach, fürs Wandern bezahlt werden, ist doch toll.« Stimmt. Wer eine Leidenschaft auch beruflich leben kann, macht genau das, wovon viele träumen.

Andererseits bestimmt es das Wanderleben. Wandern dort, wo die Bücher spielen. Das brachte es in den letzten drei Jahren mit sich, dass ich die Wanderwege nahe bei unserer Heimat viel zu selten beschritt. Eigentlich gar nicht. Und so nehme ich mir seit einigen Wochen Wege vor, die ich fast von daheim aus erreichen kann. Rhein und Westerwald, die nahe Eifel, die Mosel. Ohne den Gedanken, jetzt eigentlich – gerade beim herrschenden wunderbaren Sommerwetter – einen Weg für ein Wanderbuch erkunden zu müssen. Einfach drauflos schlendern.

 

 

So bin ich in der letzten Zeit viel beim Ransbach-Baumbach und Höhr-Grenzhausen gewandert. Viel ist noch nicht alles, und so bleibt noch genug, um diesen Sommer abzudecken. Zuletzt wanderte ich auf dem Brexbachschluchtweg, darauf wollte ich einen Geopfad noch einmal wandern, der rund um Nauort verläuft. Ich suchte also im Internet, um die nötigen Informationen einzusammeln. Und stolperte über die Georoute »Vom Teufelsberg zur Caaner Schweiz«.

»Hoppla!«, dachte ich so vor mich hin, wattendatt? Da wird doch für mich stillundleise ein neuer Geopfad (jetzt: Georoute) kreiiert, von dem selbst Wanderblogger aus der Region noch nichts gehört haben. Ein bisschen Recherche fördert dann einen nichtssagenden Artikel im Westerwald Kurier und zwei Beiträge in Blick Aktuell zutage, die aber über den Wanderweg selbst wenig aussagen und auch schnell übersehen werden. Die Seite der Wegemacher brachte mir eine für mich nicht nutzbare Wanderkarte; zumindest die GPX-Daten konnte ich abrufen und später verwenden. Was nicht nötig gewesen wäre, denn die neue Georoute, die Anfang Juni 2018 mit Ehrengästen eingeweiht wurde, ist glänzend ausgeschildert. Ob die Ehrengäste denn auch später zu den Wanderern auf dem Weg zählen, weiß ich nicht, aber aktive Wanderer bei solchen Feierlichkeiten waren hoffentlich auch dabei – und standen nicht außen vor …

Egal, unsereins ist ja findig und findet das, was er braucht, auch wenn jeder so vor sich hin zu wursteln scheint. Auf der Wegemacherseite finde ich den Hinweis: »Anfahrt – Parkplatz – Sportplatz 56237 Nauort«. Nun weiß ich ja, wo dieser Sportplatz liegt (auf dem ich in viel jüngeren Jahren auch einmal den Ball durch die Landschaft kickte), auswärtige Wanderer werden weniger sicher den Parkplatz ansteuern. Ich selbst ignoriere diesen Vorschlag und fahre den Weiherplatz mitten in Nauort an, von dem aus ich die meisten Wanderungen starte.

Weil ich keine offiziellen Angaben finde, gebe ich meine persönliche Meinung zu Parkmöglichkeiten wieder: Weiherplatz in Nauort, Grillhütte Nauort, Dorfgemeinschaftshaus Caan, Grillhütte Caan, Sportplatz Nauort.

An den Plätzen führt die Georoute entlang, eindeutige Wegeschilder finden sich in der jeweiligen Nähe. Ich habe mit Outdooractive eine Wanderkarte gezeichnet, die heruntergeladen werden kann; die GPX-Daten sind auf diese Weise ebenfalls abrufbar. Einfach auf den Link klicken und weiterschauen. Aber wie gesagt, zur Orientierung genügen die Wegeschilder entlang der 13,1 Kilometer langen und mit 358 Höhenmetern ausgestatteten Georoute, für die ich 4 Stunden gemütliche Gehzeit brauchte.

So vorbereitet, düse ich in Begleitung der Alten Herren von Iron Maiden gen Nauort. Eine schöne Strecke durch Sayn den Berg hinauf, auf der linker Hand eine famose Aussicht ins Neuwieder Becken lockt. Auf dem Rückweg werde ich diesmal endlich auch anhalten und Fotos machen – der Parkplatz zur Burg Sayn eignet sich bestens zum Anhalten, das Risiko bei der Straßenüberquerung, um die Fotos asphaltfrei auf die Speicherkarte zu bannen, nehme ich dann auf die eigene Kappe (derweil Bruce im Hintergrund »Running Free« grölt, während ich über die gut besuchte Straße springe.)

Wo war ich? Ach, in Nauort. Dort also am Weiherplatz raus, GPS-Gerät angeworfen, Wegweiser ausgeguckt. Der führt mich an einer Obstbaumwiese hinweg, durch den Oundle-Park und durch ein paar Sträßchen, bis ich ziemlich rasch den Ort hinter mir lasse und vorbei an der Grillhütte in den Wald schlüpfe.

Gutbreit fängt’s an, Waldweg halt, baumig und buschig, bevor sich ein Pfad dann rechts in die Büsche schlägt. Das Wetter hat ganze Arbeit geleistet, das Gras hoch, die Sträucher breit. Ich klopfe mir virtuell auf die Schulter und freue mich, doch keine kurze Wanderhose angezogen zu haben (stattdessen natürlich eine lange, nicht denken, ich sei ganz ohne Beinkleid unterwegs). Brombeerhecken locken, leider noch ohne Früchte. Dafür werde ich später – woher auch immer auf dem Weg – eine weitere Zecke mit nach Hause bringen; die fünfte in diesem Sommer wird’s sein. Petra legt die Zange an …

Das feine Wegestück endet an einem Teich, schwenkt dann auf einen breiteren Weg ein und zieht zügig abwärts zum ersten Highlight, auch Höhepunkt genannt: den Teufelsberg. Dort finde ich die erste Informationsstele mit einer aktuellen Wegekarte zur Georoute und Infos zum Geopark, und hier speziell zur Caaner Schweiz, zum Pfahlberg oder zum Brexbachtal.

Eine erste von vielen Rastbänken lässt mich kalt, ich steige lieber tiefer hinab ins Brexbachtal. Unten dann im Talgrund lege ich einen Abstecher nach links ein. Mit dem Brexbachschluchtweg gehe ich zum Bahnhof Nauort und setze mich wie so oft auf eine der Rastbänke, die gemeinsam mit mir im Laufe der Jahre Patina angesetzt haben. Zum Sitzen reichen sie allemal, und zu zweit warten wir auf die Brex – leider auch heute vergeblich, denn sie fährt ja nicht mehr. Ein von mir selbst ausgestreutes Gerücht dementiere ich übrigens, dass ich an diesem Bahnhof vor Jahren ein menschliches Skelett fand von jemandem, der vergeblich so wie auf den Zug wartete. Ein weiterer guter Grund für mich, nur immer genügend Wegzehrung mit dabei zu haben.

Nach Reduzierung derselben (einfacher sprech: ins Brötchen beißen) setze ich meinen Weg fort, nun den Brexbach entlang und später auch entlang von Bahnschienen. Wir treffen auf den Traumpfad Saynsteig, hangeln uns gemeinsam rechts den Hang hinan, trennen uns wieder von ihm und stapfen nun am Nauorter Floß – immer noch im dichten Wald – aufwärts.

Zwischendurch bleibe ich staunend stehen. Es ist eng im Tälchen, wenn auch die Waldwege hier ausreichend breit sind für ein Fahrzeug. Forstfahrzeug halt. Unten ist ja nichts weiter, die Brex, ihr Wasser, die Felsen. Da fährt doch auf der anderen Bachseite ein Kleinwagen runter, bremst, fährt weiter. Holländisches Kennzeichen, ich mache zwei Menschen darin aus. Bremst wieder, die Bremslichter ziehen sich den Weg weiter hinunter, tiefer ins Tal. Wo wollen sie hin, wo werden sie sein? Irgendwann, dort in dem tiefen Tal.

Ich bin verstört, aber vermutlich weniger als die beiden Insassen. Ich haste weiter, muss an einem Steg (dort entdecke ich das einzige Mal kein Hinweisschild, aber hier geht es rechts hinüber auf die andere Seite) die Talseite wechseln, befinde mich jetzt also auf der Spur der Suchenden – und eile mich mehr als nötig. Nicht, dass sie unten, weil sie nicht wenden können, den Rückwärtsgang einlegen und hastenichtgesehen den Berg hinauf düsen und mich … tjanun … übersehen.

Wäre eine erstaunliche Todesanzeige: »Schlenderer im Wald von Wagen überrollt«. Fühle mich aber dafür noch zu jung, passiere also hastig das Klärwerk und kurve um einige Kehren, bis ich oben dann die L306 umsichtig überquere. Umsichtig deshalb, weil dort Autofahrer wie ich mit 100 Sachen durch den Wald brettern. Andererseits bin ich ja momentan nicht auf dieser Landstraße mit dem Auto unterwegs, was ich recht beruhigend finde. Ich erreiche deshalb unbeschadet die andere Straßenseite, zockele gemütlich durch eine Mischung aus Buchen und Eichen und gelange zur Verbindungsstraße zwischen Caan und Nauort.

Ein Stück geht’s die Straße entlang, dann schnurstracks durch die Hauptstraße des übersichtlich großen Dorfs, und bemerke noch rechts das Dorfgemeinschaftshaus (und muss im Nachhinein gestehen, dass ich nicht weiß, wo dort geparkt werden kann – siehe meine Hinweise zum Parken).

Sanft neigt sich die erst mit hartem Untergrund bestückte, später angenehmer und ganz spät über sanfte Wiesenflecken laufende Georoute dem Waldstück über dem Sayntal entgegen. Bald schon mäandert der Weg entlang der Hangkante und verengt sich dann an einer Rastbank, nachdem ich ein Rinnsal dank eines Metallstegs trockenen Fußes quere. Nun wird es abenteuerlich, und bei vielköpfigen Wandergruppen hieße es alsbald: Der Linke fällt runter, denn es wird schmal und eng, und Vorsicht ist geboten, denn jeder Fehltritt ist das, was er heißt: Da fehlt nämlich der Boden unter den Füßen.

Wer aber Steige kennt und Pfade am Rhein oder der Mosel und andernorts, der genießt solche Episoden mit Felsenklippen und Felsnasen, knirschenden Steinen unter den Füßen, anschmiegsamen Bäumen und sanft im Winde raschelnden Laub wie hier in der Caaner Schweiz. Aufpassen gehört natürlich dazu, und nach kräftigen Regenfällen oder bei Schneeglätte rate ich niemandem, Wege wie diesen zu begehen. Wer vernünftig ist, weiß das aber selbst.

Zwischendrin begeistern famose Aussichten ins Sayntal, sogar bis hinüber nach Isenburg und zur gleichnamigen Burg, die ich diesmal von hinten sehe (oder doch von vorne? Es kommt ja auf den Blickwinkel an).

Im Nachgang musste ich mir eine Frage stellen: »Hast du Tomaten auf den Augen gehabt?« Und das deshalb. Vorab hatte ich von »Halteseil« gelesen, hier genau, auf dem Pfad in der Caaner Schweiz. Vor lauter Begeisterung über das Wegstück achtete ich nicht darauf. Flutschte es mir durch die Hände und die Augen? Andererseits hätte ich mich doch festgehalten an einer solchen Seilversicherung, wie ich es immer tue. Ist da jetzt ein Halteseil, oder nicht? Im Internet existiert sogar ein Foto davon – ich dagegen habe es … übersehen? Sachen gibt’s …

Jedenfalls ist diese aussichtsreiche Passage viel zu schnell zu Ende. Am Ende wartet eine weitere Rastbank, über einen ganz schmalen Pfad noch ein weiterer Ausblick, und letztlich schält sich auch Schloss Sayneck auf der jenseitigen Talseite aus dem Dickicht.

Bald geht es den Deichselberg hinauf, der Wald öffnet sich, über windelweiche Wiesenwege entlang von Wäldchen und Grasfeldern nähere ich mich dem Pfahlberg und damit dem höchsten Punkt der Georoute. Ab und an verharre ich, schaue mich um, genieße die Aussichten, die Stille, wenn sie auch nicht so ungestört ist wie im Brexbachtal, das ja dort, wo ich heute wanderte, keinen Verkehrslärm kennt, während das Sayntal für den Auto- und Motorradlärm freigegeben ist. Hier oben weht sogar heute, an diesem heißen Tag, ein furztrockenes Lüftchen, und beschwingt gelange ich zum Augustushof, später dann zu einem letzten Rastplatz mit Liegebank und schöner Weitsicht bis nach Selters oder zum Aussichtsturm Helleberg.

Die restlichen Meter führen mich durch Nauort, aber so elegant gelegt, wie es nur möglich war. Somit werde ich nur über ein kurzes Stück an der Hauptstraße geführt, was mir zum Abschluss dieser doch von Wäldern und Wiesen dominierten Tour sehr recht ist.

Der Rest ist Heimfahrt. Mit besagtem Zwischenstopp über Sayn und diesem tadellosen Blick ins Neuwieder Becken:

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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2 Responses

    • Schlenderer

      Danke, Jörg! :-) Die herzlichen Grüßen erwidere ich gerne aus dem bald wieder sonnigen Rheinland.

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