Es ist nicht einfach. An einen Reiseführer wie »Irland« muss ich anders herangehen, als an einen Roman. Den lese ich »runter«, mache mir manchmal Notizen, vermerke etwas, und gut ist. Der Roman spricht für sich selbst, ich benötige, um ihn zu besprechen, nicht mehr als das Buch. Gut, das ist nicht ganz richtig, nicht selten beziehe ich mich auf andere Werke des Autors, ziehe Vergleiche zu ähnlichen oder ganz anderen Romanen, setze es in die Zeit hinein, in der es geschrieben wurde (oder gelesen wird). Und so fort …

Oft sieht etwas doch anders aus, wenn ich es mir deutlicher vor Augen führe oder, wie jetzt, einige Stichpunkte aufliste. So einfach ist das mit dem Romane besprechen also doch nicht. Und trotzdem, ein Reiseführer erfordert eine ganz andere Herangehensweise.

Das beginnt bereits beim gewählten Land. Irland lasse ich mir gern aufs Auge drücken, beim vorliegenden dicken Wälzer (782 Seiten ruhen da schwer in meinen Händen) bat ich den Verlag sogar um das Leseexemplar. Müsste also doch dann leichtfallen, das Besprechen, denn Irland habe ich (oder besser gesagt: wir) schon mit eigenen Augen betrachtet.[tip]

 •   Irland – Reisehandbuch
•    Autor: Ralph-Raymond Braun
•    782 Seiten
•    Verlag: Michael Müller
•    Erscheinungsjahr: 05.2012
•    Besonderheiten: Broschiert
•    ISBN: 978-3-899538-15-1
•    Verkaufspreis: EUR(D) 14,90
•    Format: 19,6 x 11,2 x 1,0 cm

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Ich breche jetzt einmal, auch wenn’s mit der Buchbesprechung auf den ersten Blick nicht viel zu schaffen hat, eine Lanze für meine Rezensenten-Kollegen, die sich Wander- oder Reisebücher zur Brust nehmen. Das ist wirklich keine leichte Aufgabe. Das beginnt schon damit, dass so manches Land, dem der Autor sich widmete und das er zur Recherche bereiste und, je nach Ernsthaftigkeit, in- und auswendig kennenlernte, für den Rezensenten Neuland ist. Nie bereist, nie gesehen. Oder drüber gelesen, vielleicht im TV beguckt. Da hat der Autor des Buches dem Rezensenten ja doch viel voraus, wenigstens aber der genauere Einblick ins Land.

Denn die Krux ist ja: Selbst, wenn ich mir selbst ein Land durch eine oder mehrere oder meinetwegen auch viele Reisen erschlossen habe, so werde ich kaum die Fülle an Informationen, die in einem über die Jahre gewachsenen Reisebuch schlummert, zusammentragen können. Ich werde nicht die Vielzahl an Örtlichkeiten aufsuchen, die ein Reisebuch-Autor allein der Vollständigkeit zuliebe eingesammelt hat. Vieles davon wird mich nämlich gar nicht interessieren, für anderes wird die Zeit nicht reichen.

Wie also nähere ich mich einem Reisebuch, dessen Inhalt ich mich wohl nähern kann, ohne aber jede Aussage überprüfen zu können? Ich muss dem Autor vertrauen, vertrauen darauf, dass seine Angaben nach bestem Wissen und Gewissen erfolgt sind. Erst vor Ort dann kann ich selbst überprüfen, inwiefern die vermittelten Informationen zutreffen – oder ob ich sie ganz anders, als der Autor bewerte. Dies kommt nämlich noch dazu: die unterschiedlichen Sichtweisen. Worauf legt der Autor wert? Das Attribut, objektiv zu sein, nehme ich niemandem ab. In jeden Beitrag fließen eigene Vorlieben ein, individuelle Erfahrungen und vieles mehr. Wie sehr werden wir bei diesem Buch sehen – aber vorab: Es gefällt mir, wie Ralph-Raymond Braun sich Irland nähert.

Und Irland nähert sich der Autor seit rund 20 Jahren. Wenn mich das Impressum nicht fehlleitet, ist die 1. Auflage bereits 1995 erschienen; die mir vorliegende Ausgabe ist als 7. Auflage gekennzeichnet. Und dass nicht jede Auflage einfach unverändert fortgeschrieben wurde, beweist sich bereits bei den »Standards«, die jedes Reisebuch in aller Regel dem Teil vorausschickt, der Lust aufs Land macht: die Reiseziele

Doch zuvor schickt jeder Lektor seinen Autor erst auf die fade Insel der Infos, kleiner Texttierchen, die sich ungeschmeidig »Fremdenverkehrsämter« und »Sicherheit«, »Zoll« und »Einreisebestimmungen« schimpfen, aber ebenso wichtig sind wie die auf den ersten gut 100 Seiten dargereichten »Hintergründe«. Über Land und Leute lerne ich einiges (vorausgesetzt, ich wusste es nicht vorher schon), Klima, Tiere, Umweltschutz (»viele Orte entsorgen ihre Abwässer noch immer ungeklärt in Flüsse und Meer …«) werden ebenso thematisiert wie Kirche oder Wirtschaft. Und nicht erst zu diesen Themen gefällt mir der kritische Tonfall, mal leise, mal lauter, der also schon recht früh zeigt: Hier schreibt kein Schönredner, der »sein« Land über den grünen Klee und über Gebühr lobt, sondern jemand, der sich zeigen lässt, was hinter den ach so schön bunten Haustüren an Missständen lungert. Natürlich, es gehört jetzt nicht viel dazu, auf pädophiles Treiben des kirchlichen Personals hinzuweisen oder auf den Bankencrash, das war in aller Munde. Aber man könnte diese Informationen dem Leser auch vorenthalten, um von eitel Sonnenschein in Irland zu predigen.

Macht Braun nicht, und damit trifft er genau das, was ich unter »objektiv« verstehe. Seine Sichtweise leuchtet im Reisebuch durch, und das ist gut so. Nichts ist unlesbarer als ein Buch, das FaktenFaktenFakten herunter betet. Nach historischen Fakten, die wie so vieles andere angereichert werden um Detailwissen, hier als »kleine Gräberkunde« benannt. Wunderbar, denn kompakt und auf das Wichtige reduziert klärt er mich über Hofgräber, Dolmen, Ganggräber und Keilgräber auf. Muss ich das wissen? Nein. Aber jetzt mal ernsthaft: Weshalb fährst Du »auch« nach Irland. Richtig, der Geschichte wegen. Der Dolmen wegen. Und der Ganggräber wie Newgrange. Wäre doch nett, etwas mehr als nur »da liegen so ganz Alte drin« zu wissen.

Diese eingeschobenen Textschnipsel verteilen sich über das gesamte Buch. Sie dienen zur Information, bringen etwas auf den Punkt oder erzählen Anekdoten, kleine Geschichten der Einheimischen.

Habe ich jetzt erst mal Lunte gerochen, befördert mich der Autor schnurstracks mit Themen wie »Anreise« und »Unterwegs in Irland« auf die Insel. Nun ist das vorliegende Irland-Buch beileibe nicht das Erste, das mir in die Hände fällt, einige setzen im Regal längst Staub an. Insofern ist der Unterhaltungswert »Verkehrsregeln« arg begrenzt. Und doch, sie sind notwendig, um nicht in Irland gehörig auf die Schnauze zu fallen, wenn man beispielsweise mit dem Mietwagen durch die Lande kutschiert. Den Tipp »Das Geld für die Vollkaskoversicherung ist gut angelegt« kann ich da auch nur bestätigen (nein, ich hatte noch keinen Unfall in Irland) – das Fahren auf der linken Seite (und noch viel schlimmer: auf der rechten Seite!) bedarf einer gewissen, manchmal sicher nicht schadenfreien Probezeit.

Unter »Wissenswertes« scheint dann nachweislich der persönliche Geschmack des Autors durch, und spätestens hier hat er mich an der Leine, wenn er einzig bei den »Horslips« die Internetadresse aufführt – für mich sofort ein Grund, gerade jetzt beim Schreiben das immergrüne »Dearg Doom« durch die Boxen zu jagen.

Den Härtetest wird das Reisebuch in Irland selbst bestehen müssen, doch wenn ich mir die einzelnen Beiträge vor Augen führe, fehlt da nichts. Natürlich werde ich nicht umhin können, noch detailliertere Infos selbst zu recherchieren (er gibt zum Beispiel Tipps, wo ich günstig einen Mietwagen bestellen kann, letztlich muss ich aber natürlich selbst Hand anlegen und das Internet »befragen«). Geschenkt, so umfassend kann kein Reisebuch sein – und muss es auch nicht. Alles Wichtige erfahre ich, mehr Details erschlügen mich.

Außerdem warte ich schon ungeduldig auf die »Reiseziele in Irland«. Vom Osten, beginnend in Dublin, nach Westen arbeitet er sich vor, und holt dann noch Nordirland und die übrigen Counties mit an Bord. Wie geht Ralph-Raymond Braun dabei vor?

Bei Dublin wirft er zuerst das Licht auf die Geschichte und die heutige Situation und führt fort mit einem ersten Überblick. Gut so, das stimmt mich ein auf die größte Stadt des Landes, die allein schon eine Reise wert ist. Warum, zeigt der Autor anschließend – oder halt, erst offeriert er mir Basis-Infos, die meine zuvor im ersten Teil gewonnenen Kenntnisse speziell auf Dublin bezogen ergänzt. »Hunderennen« ist zwar Geschmackssache, aber Hinweise zu »Fahrradverleih« und »Fahrradreparatur« erscheinen wirklich hilfreich.

Irland Reise_002Mehrere, in unterschiedlichen Formaten gehaltene Stadtpläne erleichtern die Orientierung, wenn er mich einkaufen führt oder auf Feste und Veranstaltungen lockt. In die einzelnen Stadtbezirke nimmt er uns anschließend mit auf Tour, weist uns auf Lokalitäten hin, Übernachtungsmöglichkeiten, Sehenswürdigkeiten. Alles präsentiert in einem munteren Tonfall, von dem sich aber keiner täuschen lassen sollte: Beinahe in jedem noch so federleicht dahingeschriebenen Satz verbirgt sich eine Information, die mir beim Aufenthalt nützlich sein kann.

Genau das erwarte ich von einem Reisebuch, das mir zusagen soll. Viele Informationen, die mir aber nicht trocken wie in einem Lehrbuch um meine Ohren gehauen werden, sondern gut verdaulich geschrieben sind. Ich will dem Text ansehen, wie viel Freude der Autor am Schreiben hatte. Ist sicher nicht jedermanns Sache, doch mir sagt es zu. Gut auch, wenn er die Infos noch um »Mein Tipp« und um Lesertipps ergänzt (zu denen der Verlag im Anhang des Buches noch explizit auffordert).

Nach unserem letzten Dublin-Besuch vor wenigen Jahren fand ich vieles in diesem Buch wieder. Klar, die Hotels kann ich nicht beurteilen, die er vorstellt, und selbst die Restaurants kenne ich in der überwiegenden Mehrzahl nicht einmal vom Hörensagen. Aber seine Empfehlungen und Hinweise beispielsweise bei den Museen decken sich mit meinen Erfahrungen.

Sollte Dublin nicht mein (einziges) Reiseziel sein, darf ich mich auf die nun folgenden Buchabschnitte freuen. Im vergangenen Jahr verbrachten wir einige Tage in den Wicklow Mountains, was liegt da näher, als mir dieses Kapitel genauer anzusehen. Von den Powerscourt Gardens erzählt er und vom Wasserfall, bei dem es niemand als anstößig empfindet, »für den Besuch des Naturdenkmals Eintritt zu verlangen.« Zu Glendalough dann gibt es eine eigene Karte mit den zahlreichen Örtlichkeiten, die in einem längeren Begleittext erläutert werden. So muss das sein. Wichtige Aspekte wie »Übernachten/Camping/Essen & Trinken« erhalten noch eine eigenständige Rubrik, abgerundet wird dies mit Geschichten zu St. Kevin, sachliche und atmosphärische Einstimmung geben sich da die Hand und ergänzen sich bestens.

Umrahmt wird alles von stimmungsvollen Farbfotos, hier zu Glendalough, übers ganze Buch verteilt zu vielen Orten, Plätzen, Landschaften, anderen Besonderheiten. Neben der Vorstellung berühmter Orte widmet sich Braun aber auch anderen Facetten: Bei den Wicklow Mountains darf das Wandern nicht fehlen. Je nachdem rät er dann zur geeigneten Wanderkarte oder gibt wie in diesem Kapitel, kurze Wegetipps.

Tja, und dann merke ich doch, dass mir etwas fehlt. Devil’s Glen entdecke ich zwar auf der beigefügten Irlandkarte (Maßstab 1:750.000), doch nicht im Glossar oder im Fließtext. Uns war die Tour ins Tal eine längere Wanderung wert. Muss also diese Wanderstrecke und das ausnehmend hübsche Tal mit in ein Irland-Buch? Nein. Hier entscheidet der Autor, was in seinen Augen gut und wichtig ist (und sicher auch der Verlag, der irgendwann sagen wird: »Jetzt ist genug, wir können doch keinen Ziegelstein herausbringen«) Devil’s Glen gehörte mutmaßlich nicht dazu, seine persönliche Präferenz sieht anscheinend anders aus. Ĭst das schlimm? Nein, denn das muss ich akzeptieren, wenn ich mir von jemandem ein Land vorstellen lasse. Es wird immer etwas fehlen. Ob das wichtig war, entscheide dann letztlich ich.

13 Irland-Reiseführer stehen hinter mir im Regal (und vielleicht fliegen andernorts noch welche herum), aber derart vollgepackt mit Tipps, Vorschlägen, Karten und Fotos ist keiner. Das Reisebuch ist kein Leichtgewicht, gehört allerdings unbedingt in mein Reisegepäck. Am besten ins Handgepäck, um mir die Flugzeit nach Irland zu verkürzen.

Dieses Reisebuch ist nämlich top! Nein, es ist sogar gefährlich, denn es weckt die Reiselust in mir. Das ist fatal, weil mich mein Arbeitgeber erst schräg angucken und nach einigen Tagen mit der Abmahnung winken wird, weil ich nur noch selbstvergessen aus dem Fenster starre und irgendwo weit weg, hinter den grauen Bürobauten eine grüne Insel sehe, die ich unbedingt und sofort bereisen will. Ralph-Raymond Braun leistet mit seinem Reisebuch »Irland« ganze Arbeit, denn es nimmt mich von der ersten Seite an gefangen mit seinen Informationen und Beschreibungen.

Kaufen. Informieren. Genießen. Fliegen. Irland mit eigenen Augen sehen.

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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3 Responses

  1. Elke

    Lieber Georg,

    ich bin zwar kein Irland Fan, aber deine Buchbesprechung würde mich zum Kauf, wollte ich mehr über dieses Land wissen, verleiten :-)
    Das was ich aus dem Buch nicht erfahre, würde ich dann deinem Blog entnehmen. So einfach kann das sein.

    LG Elke

    Antworten
    • Georg

      Wie, Du bist kein Irland-Fan? Das solltest Du aber dringend ändern, Elke. ;-) Irland hat so viele schöne Flecken, die geradewegs zum Wandern einladen. Und gerade Wege an der Küste entlang, womöglich hoch auf den Klippen mit dem Blick aufs Meer, haben doch etwas ganz Besonderes und unterscheiden sich wunderbar von unseren Mittelgebirgen.

      Antworten
      • Elke

        Ja, aber ich müsste dann meine Scheu überwinden so weit weg zu reisen und die Knete fehlt auch ;-)

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