Das ausgedruckte Faltblatt des “Historischen Römer- und Kelten-Wanderwegs” lag schon längere Zeit im Regal – heute sollte endlich der Tag meiner Erstbewanderung sein. Die Sonne stand heute früh prall am Himmel, weswegen sich ein zeitiger Aufbruch aufdrängte. Ich hatte auch ein dickes Plus auf meiner Seite: bis zum “Haus am Pilz” sind es von unserer Haustür nur 6 Kilometer. Eine Distanz, bei der mein Ökoherz ruhiger schlägt, denn der Wanderweg ist mit 13,5 Kilometern ausgeschrieben und also länger als Hin- und Rückfahrt.

Das “Haus am Pilz” ist stadtbekannt. 1968 eröffnete dort ein Gasthaus, das viele Jahre lang bewirtschaftet wurde. Eines Tages fiel es in den Dornröschenschlaf, doch seit 2010 wird es erneut bewirtschaftet. Im Faltblatt wird der Parkplatz “Heidegraben” als Ausgangspunkt angegeben, aber ich starte aus gutem Grund hier.

Die ersten Römertürme besaßen noch die später ungebräuchliche Pilzform

Die erste Wegstrecke führt hart an der L 258 entlang, zudem ist gleich jetzt der Anstieg zu meistern. Das ist in Ordnung, denn der Puls wird in Wallung gebracht und die Beine werden gut durchgeschüttelt. Die Landstraße als Verbindung von Neuwied zur A 3 ist weniger „in Ordnung“. Bis zur Kirchberg-Hütte, die bereits auf einer guten Höhe liegt und sich nicht nur für kleine Feste anbietet, sondern auch dem Durchgangs-Wanderer die erste Chance zum Rucksack-Gelage gibt, dröhnt der Gesang der Dieselmotoren über die Wipfel. Die Polizei erfreut sich auch am Verkehr und kontrollierte in meiner Anwesenheit. Zuerst dachte ich ja, die warten auf mich, weshalb ich das Foto auf meiner Flucht arg verwackelte.

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KurzInfo! Die Stadt Neuwied macht aus den “alten” 46 Wanderwegen neun neue Rundwanderwege – NR 1 bis NR 9. Auf der Website der Stadt Neuwied wird nur auf den “Historischen Römer- und Kelten-Wanderweg hingewiesen, zu dem auch ein Faltblatt gehört: Der Flyer kann als PDF direkt heruntergeladen werden: Der Flyer! Der Wandweg ist 13,5 km lang und weist 292 Höhenmeter auf. Er weist verschiedene Startmöglichkeiten auf, zwei (Wanderparkplatz “Heidegraben” und “Haus am Pilz”) liegen direkt an der L 258 von Neuwied in Richtung Dierdorf. Als “Wegweiser” dient ein weißes “NR 1” auf rotem Grund; wegen der zahlreichen Markierungen ist ein Verlaufen nahezu unmöglich. Höhepunkte sind die Aussichten ins Neuwieder Becken, die Römertürme und die Keltengräber.

Von den übrigen acht Wanderwegen ist dort nichts zu lesen. Wer sich aber die Karte “Naturpark Rhein-Westerwald (Blatt 3 von 2011) besorgt, wird dort die genannten Wanderwege entdecken. Weshalb keine weiteren Informationen im Internet verfügbar sind – oder weshalb man detektivische Fähigkeiten benötigt, um die in irgendeiner Ecke des unergründlichen Internets ausfindig zu machen -, bleibt mir verborgen. (Quelle: unter anderem Website der Stadt Neuwied)

[Update vom 14. August 2013: Herr Dr. Paulus wies mich auf die folgende Webseite hin, die ich jedem ans Herz lege, der an mehr Informationen rund um den “Historischen Römer- und Kelten-Wanderweg” interessiert ist: Bürgergemeinschaft Pro Heimbach-Weis]

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Bis zum Parkplatz Heidegraben kann man den Wanderweg getrost vergessen. Was soll ich es beschönigen. Am Heidegraben aber beginnt der eigentliche Themenweg. Und obwohl auch dieser sehr große Parkplatz noch immer das Flair vergangener Jahrzehnte ausstrahlt – ich erinnere mich noch an unsere Lauf-Trainingseinheiten in den 80er-Jahren, und seitdem hat sich wenig verändert -, werde ich doch mit einer Schautafel und rekonstruierten Limes-Palisaden stimmungsvoll informiert.

Dieses Schild weckt ungute Erinnerungen an Trainingseinheiten in längst vergangenen Tagen – und natürlich sind noch die Einschusslöcher (links unten) auf diesem Relikt erkennbar

Die weitere Wanderung lässt mich zwischen Forstwegen und asphaltierter Straße wechseln. Wie gut geteert diese ist, belegen nicht nur die erstaunlich zahlreich querenden Pkws, sondern auch zwei kraftstrotzende Holzfuhrlaster, die sich gleich neben mir ihren Weg durchs Dickicht brechen.

Überhaupt weckt der Wanderweg zwiespältige Gefühle. Einerseits die motorisierte Zivilisation, die sich natürlich aus der Nähe zu Neuwied ergibt. Das ist eben kein abgeschiedener Traumpfad mitten in der (fast) menschenleeren Eifel. Andererseits werde ich immer wieder in die Vergangenheit gerissen, wenn sich abseits der Teerstrecke Hinweise auf vergangenen Römertürme oder Keltengräber im Gebüsch verstecken.

Richtig! – Schon wieder ein Rastplatz für den alten Sack und den Wanderer

Verstecken ist ein gutes Stichwort. Die Römertürme sind ausgeschildert. Das ist gut so, denn für einen Nicht-Fachmann sind ihre Standorte nicht einmal zu erahnen. Schilder weisen aber darauf hin, und ich kann mir einen Eindruck davon machen, wo die Römer sie einst erbauten. Besonders beeindruckend ist der Römerturm WP 1/43, dessen Grundmauern rekonstruiert wurden. Ausführliche Schautafeln berichten, was es mit dem Turm auf sich hatte und wie er wieder aufgebaut wurde. Das ist ein Highlight der Wanderung!

Römerturm WP 1/43 – gut hingebaut zum vorhergehenden Rastplatz

 

Römertürme

[Die Galerie zeigt weitere Impressionen von den Römertürmen. Die Galerie lässt sich mit den beiden Buttons unten rechts “bedienen”. SL – der linke Button – löst eine Slideshow aus, mit FS – der rechte Button – wechselt man in den Vollbildmodus.]

“Der Fall Roms” – oder: Vandalen ante Portas

Die Keltengräber dagegen verpasse ich. Der feuchte Sommer ließ Unkraut und Kräuter sprießen, und selbst wenn ich eine Ahnung davon gehabt hätte, wonach ich suchen sollte, das dichte Gehölz und Gesträuch hätte mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der “Aja-Effekt” trifft mich dann nach dem Kelten-Parcours: Hinter dem Bereich informiert mich eine Tafel darüber, worauf ich vorher hätte achten sollen. “Aja …”

Nein, hier wurde nicht “Wasserloch Nr. 3” mit James Coburn gedreht, hier tauchen nur die Golfbälle unter

Der Weg windet sich weiter durch den Wald, unterbrochen von meinen Ausritten in die Büsche, immer auf den Spuren der Römer. Meine Reise durch die Vergangenheit endet auf einer Anhöhe mit Blick ins Sayntal und auf die Burg Sayn (wo auch der Traumpfad “Saynsteig” seinen Anfang hat).

Burg Sayn beim Versuch, dem Kamera-Objektiv zu entkommen

Dann neigt sich der Wanderweg hinab ins Neuwieder Becken, bald schon lichtet sich der Wald, der südlichste Zipfel des Neuwieder Stadtgebiets ist erreicht. Von nun an wandert der – gut besuchte – Rheinsteig an meiner Seite, gemeinsam passieren wir den “Neuwieder Zoo”. Ein kurzes, aber sehr sonniges Stück zwischen Feldern und Wiesen lässt mich ordentlich schwitzen – das habe ich jetzt also davon, dasss ich letztens über den Regen herzog.

Nicht keltisch, nicht römisch, sondern tierisch: der Neuwieder Zoo

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KurzInfo! Der Neuwieder Zoo ist 13,5 Hektar groß und damit der größte Zoo in Rheinland-Pfalz. 155 Tierarten (und 1.200 Tiere) bevölkern das Gelände. Die größte Herde des Grauen Riesenkänguruhs außerhalb Australiens springt in einem 3,5 Hektar großen Gelände von hier nach da und wieder zurück. 2003 wurde eine neue Löwenanlage fertiggestellt, 2006 kam ein neues Menschenaffenhaus dazu, 2011 ein Exotarium. Die Geparden werden an Sonn- und Feiertagen immer um 15.00 Uhr (Winter: 16.00 Uhr) mit einem Beutesimulator gefüttert. Der Neuwieder Zoo ist im Sommer von 9.00 bis 18.00 Uhr und im Winter von 9.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 9,00 Euro Eintritt, Kinder bis 13 Jahre 4,50 Euro. (Quellen: unter anderem Website Neuwieder Zoo und Wikipedia)

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Zum Glück weiche ich für die letzten Kilometer wieder unter das Blätterdach des Mischwaldes aus. Der Weg läuft jetzt wie von selbst, es gibt kaum Steigungen oder Gefälle, dafür aber zahlreiche grenzenlose Ausblicke in das Neuwieder Becken und darüber hinaus. Mehr als einmal bleibe ich stehen oder setze mich gleich hin. Und das Sitzen fällt mir leicht, denn selten habe ich auf einer Wanderung derart vielen Bänke erlebt; gefühlt kommen auf jeden Kilometer drei Bänke und zwei Tische. Und ich kann so schlecht “Nein” sagen, wenn mir ein Platz angeboten wird …

Kein Nebel über Neuwied, sondern die standardübliche Dunstglocke, sonst würde man auf der anderen Seite des Neuwieder Beckens mühelos Kärlich und den “Streuobstwiesenweg” ausmache

Trotzdem komme ich wieder am “Haus am Pilz” an. Gut vier Stunden habe ich gebraucht, und obwohl ich kurzzeitig auf der Flucht war (siehe den Polizeieinsatz weiter oben), bin ich mehr getrottet als gewandert. Der Weg ist mit seinen 292 Höhenmetern für jeden geeignet, der Wandern nicht als Körperverletzung ansieht. Die wenigen Pfade sollte man genießen, denn die geteerten Abschnitte verlieren sich erst auf den letzten Kilometern. Die Schautafeln an den Römertürmen (beziehungsweise den Standorten, denn vollständig nachgebaut wurde hier keiner) informieren ausführlich. Bei den Keltengräbern aber brauche ich mehr Hinweise, um sie erkennen zu können. Da hätte mir ein erklärendes Schild an einem exemplarischen Hügelgrab weitergeholfen. So stehe ich doch etwas verloren im Wald herum auf der Suche nach den alten Kelten …

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KurzInfo! Das Neuwieder Becken trennt auf einer Länge von 22 Kilometern das Obere Mittelrheintal vom Unteren Mittelrheintal. Im gesamten Gebiet leben circa 300.000 Menschen. Der Bimssteinindustrie dominierte viele Jahrzehnte lang das Bild, viel ist davon nicht mehr übrig geblieben. Das Landschaftsbild wird auch vom intensiven Obstanbau geprägt. Die größten Städte sind Koblenz (106.000 Einwohner), Neuwied (64.000 Einwohner) und Andernach (29.000 Einwohner). Der Gewerbepark Mülheim-Kärlich darf sich auf die Fahnen heften, Deutschlands größtes Fachmarktzentrum zu sein. Das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich und besonders sein markanter Kühlturm stehen immer noch mitten im Neuwieder Becken, doch der Rückbau hat 2004 begonnen. (Quelle: unter anderem Wikipedia)

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Trotz lauter Wald sieht man manchmal die Bäume. Und die Wiesen.

Zwei Vorschläge für den Startpunkt habe ich noch im Ärmel:

1. “Haus am Pilz”: unbedingt von hier losgehen. Für mich als Wanderer gibt es keinen verständlichen Grund, den Parkplatz “Heidegraben” auszuwählen. Vom genannten Startort aus bringt man nämlich nicht nur die einzige erwähnenswerte Steigung gleich zu Beginn (und nicht am Ende) hinter sich, sondern auch die Landstraße. Und den Krach möchte ich nicht als Fazit dieser Wanderung mit nach Hause nehmen. Zudem kann die Wanderung auch mit einem Eis auf der Terrasse des Gasthauses – mit einer grandiosen Sicht in Rheintal – abgerundet werden – aus mangelnder eigener Erfahrung kann ich keine Empfehlung aussprechen, aber falls dort jemand eingekehrt ist, kann er gerne seinen Eindruck wiedergeben. Was hier auf jeden Fall fehlt: eine aktuelle Schautafeln mit den Wanderwegen.

2. “Zoo Neuwied”: Von dort aus (wie bei allen Vorschlägen) im Uhrzeigersinn wandern. Dann die Wanderung mit einem Besuch im Zoo abrunden. Das mag auf den ersten Blick eine tierisch lange Wanderung sein, doch im Zoo warten nicht nur Tiere, sondern auch sehr viele Bänke, die einem die zusätzlichen Meter versüßen.

Historischer Römer- und Keltenweg

[Die Galerie zeigt weitere Impressionen vom “Historischen Römer- und Keltern-Wanderweg”. Die Galerie lässt sich mit den beiden Buttons unten rechts “bedienen”. SL – der linke Button – löst eine Slideshow aus, mit FS – der rechte Button – wechselt man in den Vollbildmodus.]

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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4 Responses

    • Georg

      Vielen Dank! Den Link zur sehr informativen Website habe ich in die KurzInfos! im Bericht eingefügt.

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