Wanderführer oder Reisebücher suche ich mir noch immer am liebsten in der stationären Buchhandlung aus, also vor Ort. In Neuwied (da wandern die Buchhandlungen langsam alle ab), Koblenz oder, wenn uns der Reisewahn packt, in Köln. Oder auch dort, an dem wir gerade urlauben. Und da blättere ich dann die Büchlein alle durch. Anders als bei Romanen, in denen ich ziellos einige Seiten aufschlage und auf Zufall lese in der Hoffnung, dass mich der Text packt, suche ich in den besagten Wanderführern gezielt.

Wonach? Das Wanderbuch muss ein erstes wichtiges Kriterium erfüllen: Die vorgeschlagenen Wanderungen müssen in für mich erreichbarer Nähe (Wohnort, Urlaubsort) liegen. Sind sie das nicht, scheidet das Buch von vornherein aus. Ich lege es ungekauft weg, mag der Inhalt auch noch so verlockend erscheinen.

Ein Wanderbuch mit dem Titel »Eifel« hat also bei mir per se gute Karten. Denn gehe ich von Neuwied aus, muss ich nur den Rhein durchschwimmen und falle schon die Eifel hoch. Kein Wunder also, dass ich dankend zugriff, als mir »Eifel« aus der Reihe »MM-Wandern« des Michael Müller Verlags zur Besprechung angeboten wurde. Das 196 starke Buch im flexiblen, abwaschbaren Einband riecht noch frisch nach Druckerfarbe, denn es erschien erst im Juli 2013. Neuer geht’s ja kaum.

Der Autor Oliver Breda beschreibt darin 35 Wandertouren: Streckenwanderungen und Rundwanderungen. Er selbst hat natürlich auch schon einiges erwandert, wie ich dem Klappentext entnehme, seine Madeira-Wanderführer sind offenbar hoch im Kurs. Zudem steht er seit 2013 seinen Mann bei Führungen im Nationalpark Eifel. Also direkt vor Ort.

Apropos vor Ort: Ich habe ja in einer vorhergehenden Rezension kurz angesprochen, was für einen Haken Wanderführer für den Rezensenten haben: In aller Regel ist es ihm nicht möglich, den Inhalt bis auf den innersten Kern auf seine Tauglichkeit oder Wahrhaftigkeit zu überprüfen. Mut zur Lücke also beim Rezensenten – etwas, was der Wanderbuchautor sich ja auf keinen Fall erlauben darf.

Zwei Wanderungen aus dem Buch bin ich eigenhändig nachgegangen. Von einer Wanderung (Tour 27: Durch die Wälder bei Schönecken) habe ich bereits berichtet, bei der zweiten Wanderung mit Freund KD (Tour 15: Weinberge und Felsen um Altenahr) steht ein Bericht noch aus; eine dritte Wanderung (Route 25: Auf dem Ettringer Vulkanpfad) habe ich kurzfristig ausfallen lassen müssen, weil mir das Leibeswohl wichtiger war als die Recherche (für ganz Neugierige: Es regnete in Strömen, und ja, bei Nässe bin ich manchmal ein Waschlappen.)[tip]

•    Eifel – MM-Wandern mit 35 Touren
•    Autor: Oliver Breda
•    196 Seiten
•    Verlag: Michael Müller
•    Erscheinungsjahr: 07.2013
•    Besonderheiten: Broschiert
•    ISBN: 978-3-899538-15-1 Verkaufspreis: EUR(D) 14,90
•    Format: 19,6 x 11,2 x 1 cm

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Die Strecken werden mir allesamt auf einer Übersichtskarte im Maßstab 1:550.000 angezeigt. Eine Übersichtskarte stellt natürlich ein Muss für jedes Wanderbuch dar, denn ich will auf einen Blick sehen, wo ich meine Wanderschuhe aufsetzen kann. Und mit demselben Blick sehe ich, wie die 35 Routen gewichtet sind: viele in der Nordeifel, viele in der Südeifel, wenige in der Osteifel.

Ups. Zum »Ups« später noch was Verständliches.

Erst einmal widme ich mich dem Aufbau des Buches. Die Seiten I und II erläutern mir den besagten Aufbau, erklären mir die drei Schwierigkeitsgrade, nach denen die Strecken eingeteilt sind, weisen auf das Weg-Zeit-Höhen-Diagramm und die GPS-Daten hin und erläutern mir noch das auf dem Rückumschlag befindliche »Rubblrfeld«. Einmal freigerubbelt gibt mir der Code den Zugang zu den GPS-Tracks auf der Verlagsseite frei; das funktioniert tadellos. Weiterhin wird auf die eigens für das Buch erstellten Wanderkarten hingewiesen und auf den Tourinfo-Kasten. Sehr nett auch die Bemerkung dort: »… zum Überleben brauchen«. Jaja, die Eifel …

Wer nun glaubt, er könne beherzt draufloswandern, sieht sich angenehm getäuscht. Der Eifelunkundige braucht erst einmal Fakten, bevor er sich in die Eifel wagen darf (man erinnere sich – ist ja noch nicht lange her – ans »Überleben« in der Eifel). Dem Wanderer sehr ans Herz gewachsen sind meist ja Pflanzenwelt und Tierwelt, daneben nicht nur die Ausrüstung, sondern ganz besonders die Verpflegung; Kapitel, die er mit Heißhunger lesen wird. Übersichtlich ausgeführte Tipps zu Standorten, also wo man unterkommen kann, werden ergänzt um die wichtigsten Informationsquellen (beispielsweise Touristbüros oder den Eifelverein).

Davor lesen wir etwas über die Wandersaison und das Wetter, besser gesagt das Eifelwetter. Das hat ja was Spezielles, oft nicht Berechenbares: »Vorhersagen, die über drei Tage hinausgehen, sind allerdings für die Eifel äußerst unzuverlässig«, schreibt der Autor. Wer einmal in der Eifel war, nickt jetzt …

Und ganz am Anfang (ja, seltsam, ich gehe von hinten nach vorne vor) schreibt Oliver Breda ein Kapitel zum »Wandern in der Eifel«. Das ist eine atmosphärische Einstimmung aufs Eifelwandern. Und macht insgesamt Laune auf die Wanderungen.

Tour 15 hatte ich vorhin erwähnt: die Ahrtaltour. Die schlage ich nun auf, um beispielhaft die Gestaltung darzustellen, wie wir sie auch bei den übrigen Strecken antreffen. Nach einem kurzen einleitenden Text, in dem gut Stimmung gemacht wird für diese Tour, steigt Oliver Breda gleich in die Wegbeschreibung ein. Doch halt, denn rechter Hand lockt noch der Tourinfo-Kasten, und der winkt so eifrig, dass nicht nur ich ihn, sondern jeder Buchleser zuerst anschauen sollte. Hier finde ich säuberlich aufgelistet:

  • Länge/Gehzeit
  • Charakter der Strecke (Tour 15: lange Rundwanderung auf angenehmen Wegen)
  • Markierung
  • Ausrüstung (Art der Wanderschuhe und anderes)
  • Verpflegung (bei Vorhandensein auch Hinweise auf Einkehrmöglichkeiten)
  • Wanderkarte
  • Hin & zurück (Anreise mit der Bahn, dem Bus oder anderweitig)
  • Besonderheiten (nicht bei Tour 15, aber nach Bedarf wichtige Hinweise)

Jetzt aber geht es los. Tour 15 gingen Freund KD und ich an einem sonnigen Sommertag, die unter »Wanderkarte« auch genannte Karte des Eifelvereins im Rucksack, das vorliegende Buch in der Seitentasche meiner Wanderhose (es ist schmal und passt bestens hinein) oder in den Fingern.

Um es kurz zu machen: Die Wanderkarte hätten wir nicht gebraucht. Es gab unterwegs einen Hänger, den KD und ich uns aber selbst, typisch für uns, eingebrockt haben. War aber schnell bereinigt, indem wir mit Hilfe der Buchbeschreibung ein kurzes Stück zurückgingen und den Text richtig lasen. Lag also eindeutig an uns und zeigt nur durch die mühelose Korrektur, wie akkurat Oliver Breda recherchiert und beschrieben hat.

Die Wanderstrecke orientiert sich zeitweilig an vorhandenen Wanderwegen (teilweise vom Eifelverein gestaltet, teilweise über den Rotweinwanderweg), durchgängig ausgeschildert ist der Weg aber natürlich nicht – eben weil er speziell vom Autor für dieses Buch, ich sag mal, entworfen wurde. Aber wie schreibt er eingangs richtig: »Neue Wege lassen sich nach über 120 Jahren Eifelverein kaum finden.« So ist es, und dazu kommen ja noch die ungezählten Premiumwanderwege oder Themenwanderwege oder was-weiß-ich-für-Wege, die aus dem Boden sprießen.

Dafür hat er aber einen wirklich schönen Wanderweg aus dem Ärmel geschüttelt, vielleicht sogar das beste aller Wanderwelten gemischt und ins Büchlein gestreut. Die Strecke war vielfältig, gesprenkelt mit zahlreichen tollen Aussichten. Nur ein Fragezeichen tat sich bei KD und mir mittendrin mal auf: Warum nur führt er uns nicht zur Saffenburg? Die liegt kaum 500 Meter abseits des Weges bei Punkt 16 (markante Örtlichkeiten sind auf der Wegekarte eingezeichnet und im Text erläutert), ist zugänglich fürs Publikum und offeriert einen weiteren herrlichen Ausblick ins Ahrtal.

Aber egal, die Burgruine steht auf Sichtweite zur Route und lässt sich mühelos vom Wanderer erobern. Das aber ist auch schon der einzige Makel, den ich mir halbwegs aus den Fingern klauben muss. Ansonsten: tolle Wanderung, perfekte Beschreibung.

In weiteren Infokästen zeigt der Autor Wissenswertes auf, Fotos untermalen das Beschriebene, das zuvor genannte Diagramm gibt Aufschluss über die Auf- und Abstiege und die Weglänge, die man an Punkt 1 oder 5 oder wo auch immer bereits zurückgelegt hat. Die Wegekarte selbst ist präzise genug, um den geschriebenen Text plastisch darzustellen; im Zweifelsfalle greife ich aber doch lieber auf die Karte des Eifelvereins oder eine andere zurück (der Maßstab 1:25.000 oder größer ist dabei für mich Bedingung).

Tour 27 brachte uns nach Schönecken in der Vulkaneifel. Ich mache es kurz, denn im ausführlichen Wanderbericht Durch die Wälder bei Schönecken schildere ich unsere Erlebnisse ausschweifend genug. Dem Wanderweg folgten wir nur anhand des beschreibenden Textes. Die Beschreibungen waren so genau, dass wir uns nicht verlaufen haben. Die detailliertere Wanderkarte konnte im Rucksack bleiben. Die herausragenden Plätze lohnten immer, die Wegeauswahl war – bis auf den ersten Abschnitt, aber dazu mehr im Wanderbericht – sehr gut.

Die dritte, von mir noch nicht nachgewanderte Strecke »Auf dem Ettringer Vulkanpfad« werde ich mir auf jeden Fall noch näher ansehen. Sie ergänzt den auf ähnlichen Pfaden verlaufenden Traumpfad »Vulkanpfad« um die sehr interessante Ettringer Lay, die wir vor Jahr und Tag zuletzt besucht haben. Anders als der Traumpfad aber scheut sich Oliver Breda nicht, ein Teilstück hin und wieder zurückzugehen – das darf sich ein Traumpfad nicht erlauben! Breda aber ist so frei und gönnt uns dieses kleine Zubrot noch – und ich bin mir sicher, dass es sich lohnt. Ich gebe dieser Tour also mal einige Vorschusslorbeeren mit auf den Weg …

Natürlich kann ich für die übrigen Touren meine Hand nicht ins Feuer legen, doch die beiden dargelegten Strecken haben mich vollauf überzeugt: Da weiß jemand, wie man Wanderwege punktgenau und ausführlich genug beschreibt, ohne dabei den Blick auf die kleinen und großen Schauplätze zu verlieren. Es spricht nichts dagegen, dass diese Genauigkeit auch für die übrigen Wandertouren im Buch gilt. Das Wanderbuch ist klar gegliedert und übersichtlich. Wer einen Blick ins Inhaltsverzeichnis werfen oder sogar eine Gratistour herunterladen möchte, kann dies auf der Webseite des Verlages machen: Eifel MM-Wandern beim Michael Müller Verlag.

Und doch seufze ich. Das »Ups«. Sprach ich zu Anfang doch von meiner Heimatstadt Neuwied. Die liegt am Rhein nördlich von Koblenz. Quasi also ganz rechts von der Eifel. Weit weg von der Nordeifel. Weit weg von der Südeifel. Für mich sind vier Wandervorschläge nah genug für eine Tagestour, alle anderen zu weit entfernt, als dass ich an einem Tag hin und zurück über die Berge fahren möchte. Ach, was wünschte ich mir ein zweites oder vielleicht gar drittes Eifel-Wanderbuch. Eins für die Nordeifel, eins für den Süden. Und dann ein Drittes für mein Revier tief im Osten. Tagestourentaugliche Wandervorschläge vor der Haustür. Die Osteifel (oder die östliche Vulkaneifel) hält so viele Wanderwege parat, da ließen sich 35 weitere Touren gut und gern ins Wanderbüchlein zaubern.

Ich sehe mich gerade wieder in der Buchhandlung vor Ort. »Eifel« in den Händen. Hätte es als Wanderer vom Mittelrhein begutachtet, hätte die Übersichtskarte betrachtet, nochmal geseufzt – und das Buch eher weggelegt als mitgenommen. Was sehr schade ist, weil mir ein sehr schönes Wanderbuch entginge.

Doch wem die Nordeifel oder die Südeifel zu Füßen liegt, der muss unbedingt genauer hineinschauen – für ihn hält das Buch beachtlich viele Wanderrouten bereit. Und vielleicht gibt’s ja eines Tages noch ein zweites MM-Wanderbuch »Eifel – der Osten«. Ich nähme es mit Kusshand …

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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2 Responses

  1. Philipp Reiniger

    Ich wohne in der Eifel und habe gleich mehrfach genickt, sowohl beim Wetter wie auch als Zustimmung über die Schönheit der Landschaft. Leicht verschroben sind nicht nur die Eifler, sondern auch die Westerwälder, die Teutoburger und andere. Das liegt an der Landschaft und vor allem an der Geschichte, denn in einer solchen zu leben prägt in vielerlei Hinsicht. Aber das gerade und ehrliche ist uns geblieben, wenn auch ein bißchen wortkarger als beim Städter. Wir lieben unsere Eifel und die Wanderer, sofern sie sich dank eines solchen guten Wanderführers eben wie ein ordentlicher Wanderer benehmen.

    Danke!

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