From Here to Eternity

»Zwei Traumpfade auf einen Schlag, seid ihr des Wahnsinns?« So oder ähnlich lauteten einige Botschaften, die uns mit auf den Weg gegeben wurden. Uns? Ja, denn meine Wanderfreunde Tilo und Ralf kündigten ihr Erscheinen an. Zwei Siegerländer auf dem Weg ins Rheinland.
Nun ist das Siegerland nicht grad um die Ecke, der Westerwald gar liegt in seiner ganzen Breite (oder Länge) dazwischen. 1 ½ Stunden Fahrtzeit mit dem Auto kostet’s schon, diese Lebenszeit will sinnvoll investiert sein. Sinnvoll beispielsweise in zwei Traumpfade. Allein ökologisch und ökonomisch aus dem genannten Grund sinnvoller als eine Tour.
Zudem hat Ralf Weitwanderwegeerfahrung, spielte er doch in der hausgemachten Fotoserie »Ein Siegerländer drei Monate quer durch und über Neuseeland« die Hauptrolle.
Und Tilo? Ach, Tilo wandert alles mit Genuss herunter, was ihm unter die Füße kommt. In diesem Jahr wohl auch wieder das Sauerländer Wanderevent »Extrem Extrem«. Wer wie Tilo davon schwärmt, wenn er morgens mit dem Sonnenaufgang vom Siegen kommend auf Köln hinab wandert, der hat sich redlich zwei Traumpfade an einem Tag verdient. Tilo möchte alle Traumpfade erwandern. Einige hat er schon. Die Heutigen fehlen ihm.
Und ich? Ich schlendere einfach im Windschatten mit. Das geht.

Run to the Hills

Pünktlich um halb Neun laden mich die beiden ins Auto ein und chauffieren mich mit Navi-Anleitung nach Oberfell. Auf ungewöhnlichem Wege zwar, aber so lerne ich den Hunsrück mal von oben hinten kennen. Von dort nähern wir uns der Mosel, parken Am Kirchenstück in Oberfell und schultern unsere Rucksäcke. Meiner wie immer prall gefüllt mit dem halben Hausrat – man weiß ja nie, was unterwegs gebraucht wird. Frohgemut nähern wir uns dem Einstieg, der beim Bleidenberger Ausblicke seinem Namen durchaus gerecht wird.

Unterbrochen von zwei Aussichtspunkten schleifen wir über lose Schiefergeröll den ersten Weinberg hinan. Ich liebe diesen Start, kein Larifari und seichtes Dahinschludern, sondern gleich den Atem spüren, laufen lassen, während die Füße Tritt und Halt suchen. Das Tempo reguliert man selbst, fürs Keuchen sorgt der Anstieg.
Dafür ist es umso schöner, weiter oben, nahe beim Schildberg, Atem mit vollen Händen schöpfen zu können, auch mal die Blicke kreisen zu lassen.
Bald schon erreichen wir einen Abzweig, an dem wir den Bleidenberger fürs Erste verlassen. Gemeinsam mit dem Moselsteig zieht es uns nach links in Richtung Schwalberstieg, den wir nach rund 500 Metern flachem Waldweg erreichen.

Den Schwalberstieg gehe ich sehr gerne. Er verbindet etliche Aussichten mit dem Wechsel zu ruhigen Talpassagen und breiteren Wegen auf den Höhen. Jetzt aber gleiten unsere Füße über den gut ausgebauten Weg, was sich als vorteilhaft erweist, denn so bleibt genug Muße, um die ersten Aussichten hinüber in die Eifel zu genießen.
An der Röderkapelle packen wir erstmals aus. Hunger und Durst sind meine stetigen Wegbegleiter, und die beiden deuten meine schlechte Laune richtig: Da muss einer gefüttert werden, sonst beißt er gleich.
Nach der Fütterung wartet die Hitz-Lay auf uns. Das Waldsofa lockt, doch wir widerstehen. Dafür geben wir uns den Ausblicken zur Mosel hin.
Nach einer Mischung aus Feld und Busch flanieren wir bald an Streuobstwiesen entlang, erreichen den leider etwas in die Jahre gekommenen Feuerrosenweg und bestaunen die fleißigen Hände, die just heute die Mönch-Felix-Hütte fürs neue Wanderjahr aufhübschen. Mit einem Dank an diese wenden wir uns von der Mosel ab.

Fear of the Dark

Dunkel wird’s nun, als wir den Nachtigallen-Pfad hinabzwitschern. Links liegen lassen wir bei der Linkemühle (die Gastronomie dort hat nicht mehr geöffnet) den Einstiegspunkt zum Schwalberstieg, eilen jetzt wirklich ein kurzes Stück, um einer fröhlich plaudernden Wandergruppe ein paar Meter abzunehmen, hangelnd uns auf schmalem Pfad hinauf und hinab, queren die Straße, die gerne von Bikern zwischen den beiden »Stoppomaten« frequentiert wird, und nähern uns dem Teufelsbach. Mit »dschungelhaften Pfaden« soll laut Wegegestaltern der Schwalberstieg aufwarten – und wenn dem so ist, dann genau hier.
Die nächste Passage leitet uns an einem Bauernhof vorbei, schenkt uns nochmals Aussichten in die Eifel ein und hievt uns dann in die Höhe bis nahe beim Arkenwälderhof.

»Was trinken!«, meint Ralf, und ich stimme ihm zu. »Machen wir. Bei der Helmutseiche. Die kommt gleich. Unten.«

Stranger in a Strange World

Jetzt hat der Herr Müller ja eigenhändig ein Wanderbuch zu allen Traumpfaden geschrieben. Meint man doch, der kennt sich aus. Wir also runter zum Aspeler Bach. »Kleines Stück noch, dann kommt der Helmut mit zwei Bänken.«
Denkste.

Die Furt kommt schon, doch Helmuts Eiche bleibt ungesehen. Kundige werden natürlich wissen, dass ich da mal oben zwei Traumpfade durcheinandergeworfen habe. So stillen wir unseren Durst also am munter gluckernden Bächlein, derweil wir über die schlüpfrigen Trittsteine balancieren.
Danach saust der Weg rund 500 Meter deutlich bergauf, wir sausen weniger geschwind hinterher. Oben dann schaukelt der Waldweg gemächlich bis zum Abzweig von »vorhin«. Hier also beenden wir den Schwalberstieg, hier also nehmen wir den Weg zurück zum Bleidenberger.

When the Wild Wind blows

Mittlerweile nagt wieder der Hunger. Da kommt uns die formidable Schutzhütte mit der formidablen Traumpfade-Sitzgruppe und der formidablen Weitsicht über die Eifel nach etlichen Metern genau recht. Absatteln, auspacken, Bäuche füllen. Eine Gruppe junger Menschen gastiert gleichfalls hier – später werden wir sie noch überholen, derweil sie nämlich geocachen.
Wir hingegen ziehen einfach so – zwar mit Ziel, aber ohne Zwang – unseres Wegs über luftige Höhen, queren eine Landstraße, die wir von der Hinfahrt her kennen, tauchen wieder in dichten Wald ein, verlieren rasch an munter springendem Bächlein entlang an Höhe, halten uns auf asphaltierten Weg dann rechts und passieren die Helmutseiche.
Ach!

»Da ist sie ja.«
Geirrt und doch gefunden. Gut, die beiden Traumpfade ähneln sich von der Wegegestaltung: rauf und runter, Tal und Höhen, Moselblicke. Da kann unsereins auch mal die Eichen durcheinanderwerfen …
Gut gelaunt spazieren wir durchs Alkener Bachtal, erwischen den Abzweig links aber zur rechten Zeit, der uns zügig hinaufzwingt bis zu den Toren von Burg Thurant.

The Evil that Men do

Zwei Bergfriede weist die Burg auf (der Kölner Turm ist offen), schon von weitem sichtbar reckt sie sich auf dem Fels empor. Wir entrichten den Obolus von 4 Euro, packen noch etwas Bier darauf und ergattern einen wunderbar platzierten Sitz, der zu unserem Glück mit der Sonne geizt, nicht aber mit Ausblicken ins Moseltal.
Der Bier fließt fleißig, die Beine zögern, erst recht, als wir nach einem Rundgang durchs Gemäuer den Bergfried hinauf schauen. »Da hinauf?« »Da hinauf!« Wer immer die Antwort gab, die zaghafte Frage stellte garantiert ich.

Von hoch oben auf dem Kölner Turm kreisen dann die Blicke (nein, nicht gemeinsam mit den Geiern) über die Höhen und die Tiefen rund um Alken.
Hinunter geht’s nicht viel rascher, weil der Wendelgang sich doch arg eng um Schultergelenk spannt. Der dicke Ritter Kunibert hätte bereits weit unten den Aufgang versperrt – vermutlich hätten sie von oben dann Rohrreiniger hinabgeschüttet.

Wir aber gelangen heil hinab und heil hinaus. Bis Alken wendelt sich unser Pfad erst durch Weinberge, dann über noch mehr schroffe Klippen. Wir tänzeln noch zu einer Aussicht, bevor wir an der St.-Michael-Kirche mit einem vom Weg aus einsehbaren Gebeinhaus vorüberziehen.

Alken ist ein malerischer Ort, den wir aber allzu schnell wieder verlassen müssen, denn der Traumpfad zieht am Osttor vorbei hinüber zur Weinbergslage Alkener Bleidenberg.

Ach – nun ruft der Berg. Und, tja, ob Bier denn müde Beine munter macht?

The Number of the Beast

Ich frage mich ja jedes Mal, wie die sicherlich älteren Damen den Sieben-Fußfälle-Kreuzweg mit mutmaßlich nicht hochgebirgsgeeignetem Schuhwerk und vielleicht ein wenig unsicher hinaufsteigen. Wir jedenfalls schlurfen hinauf, während die Sonne uns in Genick prallt und der Schweiß die Hemden dunkel färbt und die Nasen der Nachfolgenden schnüffeln lässt (ein guter Grund, warum ich meistens vorneweg wandere).
Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, dann kommt noch eine Rampe her. Die letzte Linkskehre dann öffnet den Blick, die Wallfahrtskirche Bleidenberg schält sich aus dem Dickicht, die Holztisch-Bank-Garnitur kommt mir jedesmal genau recht, um den Rucksack abzuwerfen und den Schweiß aus dem Haar zu schütteln. Wasser fließt die Kehlen hinab. Wir schauen hinein in die kühle Kirchenstube, wandern danach weiter auf weichem Wiesengrund und finden einen guten Grund, an der nächsten Schutzhütte mit mehreren Traumliegen und noch mehr die nächste Rast einzulegen.

Sind so viele Bänke – wie liebe ich das! Rübergucken zur Burg Thurant, die letzten Vorräte vertilgen, die Sonne mit allen Sinnen schmecken, ein paar Worte wechseln. Gute Laune verströmt der Tag heute wie von selbst.
Die letzten Schritte führen uns an einem letzten Potpourri an Nettigkeiten vorbei: Aussichtsplattform, Lagerplatz des Homo erectus, Aussicht auf die Staustufe Lehmen – dann erst kriecht der Wanderweg hinunter nach Oberfell.
Wir sind fertig.

Mit den beiden Traumpfaden.
Nicht körperlich. Schon gar nicht psychisch.
Der Rückweg führt uns durch Kobern-Gondorf, am Goloring vorbei, durch Mülheim und durch Kärlich mit Hinweisen auf den Streuobstwiesenweg, durch meinen Geburtsort Weißenthurm über den Rhein nach Neuwied. Sightseeing für Siegerländer. ;-)
Was bleibt?
Kurz darauf schrieb ich Tilo und Ralf, dass wir dies wiederholen müssen (natürlich mit anderen Traumpfaden.) Den Vulkanpfad und den Nette-Schieferpfad wanderten Tilo und ich im vergangenen Jahr an einem Tag, weitere Traumpfade lassen sich sehr schön miteinander verbinden. Das steht also noch an – und sagt viel aus über unsere Erlebniswanderung.
Wer sich nicht scheut, auch einmal 30 Kilometer an einem Stück, garniert mit knapp 1.000 Höhenmetern, zu wandern, ist mit dieser Kombination sehr gut bedient. Beim Bleidenberger sollte man aber darauf achten, den Weinberg von Alken aus nicht an einem richtig heißen Sommertag zu erklimmen. Meine eigenen Erfahrungen sprechen dagegen – am heutigen Tag war es fast noch angenehm.

Ich fand die Gestaltung der Tour gelungen. Mit dem Bleidenberg in Alken starten, dann rüberwechseln zum Schwalberstieg. Dort dann erst die Moselseite wandern, danach die beiden Abschnitte über die Hunsrückhöhen (Schwalberstieg und Bleidenberge Ausblicke) mit schattigen Tälern. Den Abschluss auf jeden Fall mit der Burg Thurant wählen, die Besichtigung ist obligatorisch, die Wallfahrtskirche Bleidenberg eine Aufwartung wert, der letzte Rastplatz mit Burgblick traumhaft.
Das einzige Manko: Diesmal ließ Tilo im Auto nicht »Iron Maiden« aufspielen. Das hole ich nun beim Schreiben nach. ;-)

Wer mehr zu diesen und den übrigen Traumpfaden erfahren möchte, greife am Besten zu meinem Wanderführer »Unterwegs auf den Traumpfaden«:

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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