Weihnachten heißt Schnee! Ach … ja, ich scheine aus einer anderen Zeit zu stammen. Nicht aus einer Zeit, in der mutmaßlich alles besser war (war’s ja nie), sondern einfach weißer. Gefühlt jedenfalls. Statt Skateboards rutschten wir auf Schlitten rum, die beiden Hänge neben dem Elternhaus – der eine sanft abfallend, aber an den Rändern garniert mit Obstbäumen, der andere eine dreifach abgestufte Buckelpiste und eine Herausforderung für Bauchdrauffahrer – frästen wir schon beim geringsten Schneegekräusel mit den Kufen durch. Die Dunkelheit kam immer viel zu früh …

Heute, wenige Tage vor Weihnachen, bin ich schon gutgelaunt, weil’s nicht nieselt. Kalte Tropfen, ganz knapp überm Gefrierpunkt angesiedelt, damit sie bloß nicht ihre feuchte Konsistenz gegen etwas flauschig Weißes eintauschen müssen. Als ob die da oben im Himmel hier unten auf der Erde für Verdruss sorgen wollen. Jedenfalls für diejenigen unter uns, denen nicht der fahrbare Untersatz so unterm Arsch festgewachsen ist, dass sie ohne die mobile Krücke keinen Meter mehr voran kommen. Sobald ihnen die Außenwelt nicht mit kuscheligen Temperaturen entgegenkommt, sondern mit Schnee, schmilzt das mutige Männerherz dahin, und der landesweite mobile Notstand wird ausgerufen.

Schattenwerfer

Davon ist das Wetter aber heute meilenweit entfernt. Und trotzdem möchte ich nicht weit fahren. Es gibt Tage, da liegen mir die Wanderwege bei Neuwied richtig … nahe. Besonders, wenn ich mich gar nicht recht für einen Wanderweg entschließen kann. Da geht es mir wie im Toom; seit Jahrzehnten kaufe ich dort ein. Auf die vor einigen Jahre unaufgefordert durchgeführte Neugestaltung des Supermarkts habe ich (und sicher nicht nur ich!) panisch reagiert. Stunden-, ach was sage ich, tagelange bin ich durch die Gänge geirrt, bevor ich meine über viele Jahre aufgebaute Ladensicherheit wiedergewonnen hatte. »Wo ist die Milch? Daaa? Aber die war doch immer bei der Butter. Könnten sie nicht wieder wie früher …« Können sie aus mir unerfindlichen Gründen nicht, obwohl doch auf Kundenservice so viel Wert gelegt wird und der Kunde als Persönlichkeit zählt undpiundpaundpo. Überhaupt stehe ich ja wie der Ochs vorm Berg, wenn ich beispielsweise Marmelade suche (im Unterschied zu Gelee und/oder Konfitüre). Es gibt die preislich unten angesiedelten Produkte (bitte bücken), die teureren Gläser und die verlockenden Premiumqualitäten.

Und da soll ich mich entscheiden!

Nicht viel anders schaut’s mittlerweile bei den Wanderwegen aus. Qualität und Premium sind angesagt, Punkte und Sternchen gibt es für die Besten, einen Warentest quasi für das Produkt Wanderweg. Ehrlich gesagt – manchmal bin ich’s über. Dann gehe ich, wie mir die Schnauze gewachsen ist. Oder suche im Ordner mit den ausgedruckten Wanderbeschreibungen was vor der Haustür raus. Schnell was Nettes, Kleines. Wie den »R2«. Hat sogar einen Beinamen: »Rengsdorfer Tälerweg«. Hört sich fast wie ein Premiumweg an. Ist aber keiner. Ist nur ein ganz bescheidenes Wegepflänzchen, so was wie die Marmelade aus dem unteren Fach. Nicht so teuer, weil weniger als 5 Kilometer von daheim entfernt. Aber Obst ist auch drin. Und des Öfteren sind die Stückchen sogar schmackhafter als in den schicken Gläsern, die so laut »nimm mich, kauf mich, iss mich auf!« rufen.

[tip]Der Rundwanderweg “Rengsdorfer Tälerweg R2” ist knapp 11 Kilometer lang und weist 359 Höhenmeter auf. In 2 1/2 bis 3 Stunden sollte die Tour abgeschlossen sein. Besondere konditionelle Anforderungen stellt er nicht, abgesehen davon – dass man schon 11 Kilometer gehen können sollte, ohne blau anzulaufen. Normale Wanderschuhe sind ausreichend (knöchelhoch ist nicht nötig), weil es zumeist auf gut ausgebauten Forst- und Wirtschaftswegen durch den Wald geht, ab und zu unterbrochen durch schmale Pfade. Die können je nach Witterung natürlich rutschig sein, gerade jetzt bei dieser dauernassen Wetterlage. Also auf gut profilierte Schuhe achten! Für unterwegs ist eine Wegzehrung immer gut, obwohl in Rengsdorf Gastwirtschaften und am Schwanenteich (auf die Öffnungszeiten insbesondere des Biergartens achten!) eingekehrt werden kann. Am Schwanenteich stehen zahlreiche Bänke zum Verweilen bereit, unterwegs laden Schutzhütten (insoweit bei Schutzhütten von “einladen” die Rede sein kann) und Rastbänke ein.

Die Wanderung kann in Rengsdorf oder am Schwanenteich gestartet werden. Auf der Website des Rengsdorfer Landes steht eine Wegekarte zum Herunterladen bereit. Dort sind Angaben zur Parkmöglichkeit in Rengsdorf aufgeführt. Bei der Verbandsgemeinde ist aber meines Wissens nach nicht jederzeit das Parken möglich; in der Woche beispielsweise wird der Parkplatz sicher durch Behördenmitarbeiter genutzt. Ich würde dann weiterfahren zum Freibad (dieses ist ausgeschildert) und dort parken; an heißen Tagen ist es dort natürlich voll. Meine Tour habe ich am Schwanenteich in Neuwied-Oberbieber begonnen. Für Neuwieder sicher die bessere Wahl, weil’s näher ist. Wie herum man letztlich geht, bleibt jedem selbst überlassen, ein Vorschlag fällt mir schwer – mit dem Uhrzeiger zu gehen war jedenfalls in Ordnung.

Als weitere Kartengrundlage habe ich die Topographische Karte “Naturpark Rhein-Westerwald Blatt 3 (Süd)” mitgenommen. Und es war gut so.

Ich biete – weiter unten – wie meist eine Wegekarte von Outdooractive an. Am unteren Rand stehen die Optionen “Alle Tourdaten ansehen” und/oder “Mehr erfahren” zur Auswahl. Klickt man eine davon an, wird man zu Outdooractive weitergeleitet. Dort steht die Tour dann zum Herunterladen bereit: Unter “Service” stehen verschiedene Möglichkeiten bereit – am besten einfach ausprobieren, herunterladen und dann entscheiden, welche Version man bevorzugt. GPS-Tracks können ebenfalls abgerufen werden. Und die Karte kann mit Hilfe des Reiters über dem Kartenbild in unterschiedlichen Ansichten (beispielsweise bei “Google Earth”) betrachtet werden.[/tip]

Die Rundwanderung soll lt. Wegeplan in Rengsdorf starten. Dazu bin ich nicht bereit. Der Schwanenteich in Neuwied-Oberbieber erspart mir nämlich noch einmal einige wenige Kilometer; dort stelle ich also den Wagen ab. Am Schwanenteich bin ich selten allein. An den Wochenenden tummeln und taumeln hier junge und viele ältere Herrschaften (und natürlich auch Damen), die Phalanx an gemütlich um den Schwanenteich schlenkernden Menschen wird durchbrochen durch (wahllose Reihenfolge) Jogger, Biker, Reiter, Nordic Walker. Wer sich hier an einem Sommersonnentag die Ruhe suchend hin verirrt, wird seinen Irrtum bereits beim Einfachen auf die Parkplätze bemerken.

Zu anderen Gelegenheiten ist es weniger voll. Gelegentlich nutzte ich diese Zeiten dann zum Joggen. Seltener fuhr ich mit dem Mountainbike hier entlang. Das Engelsbachtal führt gleich hinauf in den Westerwald, alternativ gelingt dies auch am Schwanenteich entlang, aber dazu später mehr.

Ich jedenfalls folge dem recht breiten Weg ins Engelsbachtal. Der Tag erscheint mir weniger farblos als die zurückliegenden. Das hebt meine Stimmung, die ich der Jahreszeit angepasst hatte: Grau und trüb. Sogar Sonnenstrahlen stehlen sich durchs Astgewirr, lassen lange Schatten auf die jenseitige Talseite sinken, während der Boden matschig wie seit Wochen ist. Wenn das so weitergeht, wird es erst im späten Frühjahr wieder trocken sein.

Engelsbach

Ein wenig habe ich ein flaues Gefühl, wenn ich einen Wanderweg zu dieser Jahreszeit beschreibe. Kann ich dem gerecht werden? Denn wo sind denn die olfaktorischen Genüsse, die ich im Frühjahr, Sommer, im Herbst in blumigen Worten beschreiben kann, wo ist das zarte Vogelgezwitscher, wo sind die Vorboten jeder Jahreszeit, die Erwartungen wecken? Jetzt ist alles still. Nein, nicht ganz, vermutlich irgendeine Krähenart überkreischt das »flappschlurfflapp« meiner Wanderstiefel. Ich habe diesen Weg jedenfalls in anderen Monaten erlebt, die ihm und dem Erleben gut getan haben. Wenn die Füße nicht über weiche, sondern spröde Blätter huschen, die Augen sich nicht in Blütennestern verfangen, sondern an kahlen Ästen hängenbleiben, dann kann ein Weg keinen Schönheitspreis gewinnen. Selbst die leckerste Marmelade schmeckt auf altbackenem Brot nur halb so gut.

Brückchen mit anschließendem Pfad (auf dem Foto schaut’s trostloser aus, als es in Wirklichkeit ist).

Und doch, jede Wanderung kann seinen Reiz haben, wenn ich die Erwartungen angepasst habe. Auf der einen Seite kann das ja ganz schön in die Hose gehen – ein Wanderweg, der von Hinz und Kunz hochgelobt wurde, perlt an mir vielleicht ab wie Regentropfen an einem Hightechjäckchen. Da waren meine Erwartungen dann zu hochgeschraubt. Die andere Seite gibt es heute, denn nicht nur meine Bekleidung, auch meine Erwartungen sind dem Wetter angemessen. Ich bin nicht euphorisch, sondern guter Dinge: Es kann ja nur besser sein als alles, was mich nach zu vielen Tagen in der Bude draußen erwartet. Und das Schöne bei mittelmäßigem Wetter ist ja, ich bin (so gut wie) allein im Wald.

Der Engelsbach hat sich eine ziemlich tiefe Kerbe erarbeitet, aber durch das gelichtete Laub- und karge Nadeldach fällt genügend Licht ein, dass ich nicht wie Hänschen im finstren Wald marschieren muss. Bis Rengsdorf überwinde ich einige Höhenmeter, unterhalb der Nonnenley, die ich auf der heutigen Wanderung links liegen lassen werde, schwenkt der Weg nach links weg. Rechter Hand liegt die Hütte »Pfingstruhe«, wenige Schritte weiter – auf dem Weg am Birzenbach entlang – leuchtet mir ein Transparent entgegen, wie ich’s augenfälliger auf keiner Demo sehen könnte: »Stop Forstarbeiten!« Hoppla, da hab ich doch das erste Ausrufezeichen überlesen. »Stop! Forstarbeiten! Lebensgefahr!«

Jäh gestoppt im Wanderflow …

Da geh ich also meilenweit in den Wald, um mich mitten zwischen Bäumen wie mitten in der City zu fühlen. Sind wir jetzt also so weit, dass uns im Wald eine »Geldbuße« angedroht werden muss? Tja, andererseits hat ein derart plakatives Aushängsel seinen Anlass, und Zeitgenossen, die sich über dezentere Hinweisschilder hinwegsetzen, kann ich mir gut vorstellen.

Gleich hinter dem Abzweig geht es auf einem gewundenen Pfad bergan. Ich nähere mich Rengsdorf. Gleichzeitig weiß ich, dass ich den Forstarbeitern noch nicht entkommen bin. Der R2 trifft auf dem Pfad den »Rheinsteig«, trottet mit ihm aber nur wenige Meter gemeinsam; ein ähnliches Spiel wird sich nach Rengsdorf noch einmal ereignen. Doch jetzt nehme ich allein die letzten Meter hoch in den Ort, wandere durch eine beschauliche Allee und wende mich dann nach rechts.

Rengsdorf-R2_026

Allee hopp! Am Ende der Allee geht es scharf nach rechts in Richtung Freibad.

Wer die Wandertour in Rengsdorf starten will, kommt entweder vom Parkplatz hinter der Verbandsgemeinde und gesellt sich also jetzt zu mir, oder parkt etwa 200 Meter weiter, nämlich am Freibad. Das ist in den heißen Monaten, soweit ich mich erinnere, gut besucht, sodass das Parken an den Wochenenden nicht einfach sein wird; jetzt aber ist dort natürlich tote Hose. Nach dem Freibad habe ich auch wieder den Talgrund erreicht, und der Engelsbach … halt! Keine Ahnung, was aus dem Engelsbach wurde, denn hier nennt er sich (oder wurde genannt) Völkerwiesenbach. In Rengsdorfer Heimatkunde bin ich nicht firm, weshalb ich nicht weiß, warum dem Völkerwiesenbach auf seinem Weg zu Tale der Name abhandenkam.

Im wiesengrünen Tal geht es retour (der Rheinsteig schließt sich mir für weitere Meter an). Ich passiere erneut das Freibad, sehe dort den markanten Sprungturm, der sein Flair der 70er-Jahre (60er? 50er?) bewahren konnte. Das Freibad ist im Übrigen sehr zu empfehlen, es liegt sehr schön eingebettet unterhalb von Rengsdorf, ohne dass man allzu viel vom Ortsgeschehen mitbekommt. Meine kindheitsgeprägten Erinnerungen an Sprünge vom Turm und anschließendem Wasser fassen sind durchaus positiv, aber die passierten halt in den 70er-Jahren …

Kurz danach weicht der R2 nach links vom Hauptweg in eine ansteigende Mulde ab, gewinnt ein wenig an Höhe, läuft dann in einer sanften Rechtskurve nach unten aus, um … ups, an einem Transparent zu enden.

»Stop! Forstarbeiten! Lebensgefahr!«

Aha.

Keine fünf Meter dahinter steht ein Kombi, das Heck mir zugewandt, zwei Personen auf den Vordersitzen. Jetzt heißt es: keine falsche Bewegung, sonst kommt der Forstarbeiter mit der Kettensäge und fordert seinen Tribut. Ich schmiege mich ans dunkle Holz der Birzenbachhütte, einer »Schutzhütte«, ziehe die Hutkrempe tiefer ins Gesicht, schlage den Mantelkragen hoch und reiße ein Streichholz an. Die Flamme zuckt kurz auf, dann brennt die Filterlose. Eine Bewegung im Kombi, zwei Augen starren zur Schutzhütte, suchen mich. Ich drücke mich dichter gegen das Holz, bin nur noch Schatten – und Glimmstängel. Verflucht! Meine Hand fährt in die Manteltasche, die 45er liegt eiskalt in meiner Hand, eisig wie der Wind, der mich frösteln lässt. Ich muss hier weg, sonst bricht die Hölle los. Und dann gute Nacht, ihr Kombianer. Ich brauche einen Plan, einen verdammt guten …

Sorry, falscher Film.

Ich bin ein großer Freund der Wanderkarte. Besonders beim Plan aushecken ist eine Wanderkarte hilfreich. Denn selbst der bestausgeschilderte Wanderweg nötigt manchmal ein Umplanen ab – und meist genau dann, wenn man von Tuten und Blasen, also der Umgebung, keine Ahnung hat. Diesmal ist der Plan recht schnell gefasst und einfach (die Region ist nicht unbedingt Neuland für mich). Weiter den Völkerwiesenbach aufwärts. Da trifft es sich gut, dass nebenher ein weiterer Weg verläuft, ansonsten hätt’s gehießen: Zurück auf Start, also den Weg zurückgehen, oder quer durch die Walachei. Und nach Walachei ist mir heute nicht zu Mute, ich bin zwar versaut, aber manchmal will ich einfach nicht noch mehr Matsche unter den Sohlen mit mir herumtragen.

Auf der Wegekarte reime ich mir einen großen Bogen zusammen, durch den ich irgendwann wieder auf meinen R2 treffen sollte. Derweil wandere ich am Bach entlang Der Weg ist gut ausgebaut, aber nicht ganz baumfrei. Soll heißen: Ein dicker Brocken liegt unterwegs mal quer übern Weg, andere recht wild zerstreut auf den Wiesen oder im Wald, und im jenseitigen Hang, von wo ich das aufgeregte Grollen der Kettensägen höre, häufeln sich die Stämme wie Mikadostäbchen. Ein wenig bin ich ratlos, wann hier der windige Sensenmann sein Tagwerk vollbrachte. Weniger ratlos zurück lässt mich dagegen meine gute Karte. Kurz vor Hardert zieht es mich in den Wald hinein, ich treffe auf einen H-Weg (H für Hardert, klar), der noch gar nicht in der Wanderkarte verzeichnet ist, und geselle mich kurzerhand zu ihm. Das ist schön, weil er ein sehr schmaler Geselle ist, der sich auf weichem Boden der Anhöhe nähert.

Jetzt gelange ich auch langsam zum höchsten Punkt der Wanderung. Aber ehrlich gesagt, das alles steigt moderat und nicht atemraubend an. Mehr den Atem raubt mir dagegen ein Teilstück, auf dem ich den Bogen letztlich vollende. Ein Weg so schnurgerade, dass die Postkutschenreiter von Wells Fargo ihre helle Freude dran gehabt hätten. Ich geh nicht meilenweit, ich seh meilenweit. Durch diese Schneise muss ich also gehen.

Als ich mich auf den Waldboden lege und lausche, höre ich die Pferdehufe: “tacktack, tacktack, tacktack”

Nicht irritieren lassen, der R2 hat eine andere, eine eher gewundene Qualität, nur dieser Abstecher, dieses etwas Mehr an Weg, hat die Güte zum Gruseln. Aber schnell ist auch dieses Stück geschafft (es ist ja schnurgerade und gut zu gehen). An der »Burgberghütte« – dem erwähnten höchsten Punkt, verziert durch ein mir mittlerweile ans Herz gewachsenes Transparent – werfe ich Ballast ab. Weniger, weil ich fix und fertig bin, mehr weil ich schnöden Hunger habe. Der Rucksack also landet auf einem Hüttentisch. Hier vor Ort kann ich zwei Dinge kombinieren: Das Hungergefühl niederringen – und aus der Ferne zusehen, wie die Forstarbeiter den ungleichen Kampf mit den Bäumen aufnehmen. Es kracht und knirscht gewaltig im Gehölz, während meine Backenzähne die harte Brotkruste zermalmen.

Rengsdorf-R2_042

Der Kombi kommt mir verdächtig vor. Die Türen springen auf. Verflucht, sie sind es!

Nun führt mich der wiedergefundene R2 ins Aubachtal. Diese Passage durch den Wald ist wenig aufregend, nur ein buntes Flatterband bringt Farbe ins Spiel. Mir ist es egal, die Episode mit dem Abstecher hat Abwechslung reingebracht. Würde ich mich auf eine Psychologen-Couch legen und einer Tiefenanalyse unterziehen lassen, käme wohl zutage, dass ich ohne Umwege und/oder ohne Verlaufen nicht glücklich wäre. Heraus käme vermutlich, dass ich mich unbewusst absichtlich verlaufe. Da kam mir der ungeplante Umweg sicher auch entgegen. Manchmal sorgen halt die kleinen Dinge für die gute Laune.

Winter lässt sein rotes Band wieder flattern durch die Lüfte …

Das »bunte Flatterband« fasziniert mich. Womöglich eine Hinterlassenschaft von Menschen, die mir andernorts mit Bußgeld drohen? Sehe ich ja nicht selten, diese meist sich verschämt um einen Stamm rankenden Reste der Plastikbänder, die dereinst den Zutritt nach hier und da verboten haben. Jetzt hängen sie traurig im Wald herum und mahnen uns Wanderer, es den Vergesslichen mit unseren Abfällen nur nicht gleich zu tun.

Doch gut gelaunt gehe ich den Abstieg an. Der ist schön. Schmaler Pfad, immer am Hang entlang, meist durch dichten Nadelwald, was den Pfad noch etwas enger wirken lässt. Für mich endet der Pfad dann viel zu schnell auf dem harten Boden. Ich bin im Aubachtal gelandet.

Zu anderen Jahreszeiten zeigt das Aubachtal sein idyllischeres Antlitz. Saftige Wiesen und Weiden, im grünen Kleid gewandete Berghänge, sattes Sonnenlicht, das sich ins Tal ergießt, nebenbei der Aubach, der wild mäandernd zur Wied hin schlängelt, als ob es das Wort »Bachbegradigung« nie gegeben hätte. Dann springt man auch am besten sporadisch nach links oder rechts, um den Joggern, Bikern, Reitern (die Nordic Walker lässt man ja selbst locker hinter sich) Platz zu machen, die sich gemeinsam mit dem Aubach talwärts ergießen (wahlweise kommen sie einem auch entgegen). So käme ich auch nie auf den Gedanken, an Sonn- oder Feiertagen am Schwanenteich zu wandern – aber heute ist kein Tag, an dem Heerscharen unterwegs sind.

Ich komme also nicht in den Genuss einer Ein-Mann-Springprozession. Zwischendurch erhasche ich stattdessen einen Blick auf die Ruine Braunsberg, die aber für unsereins nicht zugänglich ist. Zu guter Letzt weiche ich noch einmal vom vorgeschriebenen Wanderweg R2 ab: Die vorletzte Brücke vor dem Schwanenteich überquere ich, um meine Wanderung am anderen Ufer fortzusetzen. Muss man nicht, mache ich aber, weil ich meine Hausstrecke (siehe: joggen) gewöhnlich auch im Uhrzeiger laufe. Außerdem sieht man den Schwanenteich von dieser Route in einem anderen, mir ansprechender erscheinenden Blickwinkel. Wie so vieles ist auch das Geschmackssache.

Der Wagen wartet fast einsam auf dem Parkplatz …

Der Schwanenteich (aka Stausee Oberbieber)

Der »Rengsdorfer Tälerweg« wird seinem Namen gerecht: Engelsbachtal, Völkerwiesenbachtal, Aubachtal. Zwischendrin viel Wald (Laub und Nadel), einige Pfade, natürlich auch viele gut ausgetretene Forst-und Wirtschaftswege, keine Weitblicke übers Land – ein Wechselspiel also zwischen schönen Erlebnispfaden und gewöhnlichen Wanderwegen durch Wald und Täler. Nichts, wozu ich eine Anfahrt von 50 Kilometern in Kauf nähme, aber genau die richtige Art von Wanderung, die nicht weit von Zuhause auf mich wartet. Wenn ich nicht so ein verfressener Sack wäre, bräuchte es ja nicht einmal einen Rucksack samt Verpflegung (zudem zu wärmeren Zeiten am Schwanenteich ein Kiosk mit flüssiger und fester Nahrung wartet).

Für Fernanreisende ist es also weniger eine Empfehlung, doch für nahebei Wohnende vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl, statt der Premiumwege mal wieder einen netten nahen Wanderweg in die Wanderplanung einzuflechten. Mir bot er die erwünschte Kurzweil – und der kleine Schlenker mittendrin war dann noch so etwas wie das kleine Sahnehäubchen.

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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8 Responses

  1. Roswitha

    Wieder einmal ein schönes Wandererlebnis von dir, das von Anfang bis zum Ende spannend erzählt wurde und dazu mit tollen Fotos auch etwas für das Auge zeigte. Und öfter mal hier und da konnte ich mir ein Lächeln beim Lesen nicht verkneifen :-) danke.

    Antworten
  2. Angelika

    Lieber Georg
    ich wünsche Dir und Deiner Familie ein frohes neues Jahr – und vor allem viele schöne Ideen für Deine Wanderungen, damit wir uns weiterhin Deiner Berichte erfreuen können.
    Dieser ist mal wieder klasse geschrieben – die Warnschilder gibt es bei uns im Schwarzwald derzeit auch jede Menge und man steht doch manchmal etwas ratlos da, wenn man gerade dann den Weg haben möchte :-)

    Liebe Grüße aus dem Süden
    Angelika

    Antworten
    • Georg

      Herzlichen Dank, Angelika, die Wünsche gebe ich gern weiter! Die Warnschilder als solche sind ja in Ordnung, nur die Größe und Eindringlichkeit hat mich irritiert, größer sind auch keine Transparente auf einer Demo. Und die Androhung eines Bußgeldes brauche ich mitten im Wald auch nicht, dafür versuche ich nicht, der Zivilisation für einige wenige Stunden zu entfliehen. In unserer Region sind die (Wander-)Wege so dicht gesät, dass ein Umweg selten ein Problem darstellt, aber eine verlässliche Wanderkarte habe ich dann gern an meiner Seite. Wiewohl, wenn sie fehlt, wird es natürlich richtig spannend. ;-)

      Antworten
    • Georg

      Vielen Dank, Pierre! Im Frühjahr wird die Strecke – so wie natürlich alle – aber noch schöner sein. :-)

      Antworten
      • Georg Geißler

        Hallo,
        Ihr Artikel ist – wie immer – sehr ausdrucksstark geworden. Das liegt sicher auch an der guten Bebilderung! Unser Westerwald-Verein läuft in den Monaten Januar und Februar eher weniger. Deshalb stelle ich Ihren Artikel erst später bei uns ein.
        Liebe Grüße
        Georg Geißler

      • Georg

        Schönen Dank! Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, dann kann ich sehr gut verstehen, weshalb im Januar (und Februar) weniger und seltener gewandert wird.

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