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Im Oktober 2014 erschien meine Reportage zum Thema “Entschleunigen am Niederrhein” in der Ausgabe 03/2014 im Magazin Sehnsucht Deutschland. Die Reportage im Magazin steht auch als PDF zum Herunterladen bereit: Wandern auf dem Jakobsweg

Eingeladen waren Petra und ich von der Entwicklungsagentur Wirtschaft in Wesel und der WFG Kreis Viersen. Für den Schlenderer berichtet Petra über unsere beiden Tage – den 6. und den 7. August – am Niederrhein. Wir waren unterwegs auf dem Jakobsweg von Wesel nach Moers.

Informationen zum Jakobsweg 4 von Nimwegen nach Köln/Bonn finden sich hier:

Weg 4 – Wege der Jakobspilger

Übersicht der Etappen

Wanderführer zu Jakobswegen

Weiter unten habe ich eine Karte über Outdooractive eingebunden – wer den Weg virtuell mitwandern oder real nachwandern will, sollte “rechts unten” auf “Mehr erfahren” klicken; er wird dann zur Website von Outdooractive weitergeleitet und kann dort die Karte in größer Darstellung und mit mehr Informationen abrufen und als PDF oder mit weiteren Daten herunterladen.

An dieser Stelle bedanke auch ich mich für die immer herzliche und sehr informative Begleitung durch viele engagierte Menschen, deren Namen Petra nachfolgend verraten wird. Ach, und da es zwei Tage Wanderreise waren, wird Petra auch zwei Berichte schreiben. Nun also los mit ihrem ersten Reisebericht!

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Pilgern – diese Art des Wanderns geisterte schon lange in meinem Kopf herum.

Niederrhein Wesel  Ossenberg (18)

Auf so vielen Wanderungen begegnete uns schon das Wegezeichen mit der gelben Muschel auf blauem Grund, und immer öfter kam der Gedanke: Das würdest du gerne machen.

Kann ich das: wandern und dabei zur Ruhe kommen, auf mich selbst besinnen? Pilgern halt. Nicht unbedingt mit kirchlichem und gläubigem Hintergrund, sondern eher mit dem Gedanken zu entschleunigen.

Als Georg die Anfrage vom Magazin Sehnsucht Deutschland bekam, ob er am Niederrhein auf dem Jakobsweg am Niederrhein pilgern und für das Magazin einen Artikel darüber schreiben wolle, da freute ich mich sehr für ihn. Aber ein wenig war auch Wehmut dabei. Ich würde allein zu Haus bleiben.
Wir überlegten und hakten nach. Nach kurzem Hin und Her stand fest: Ich fahre mit. Ich bekomme die Möglichkeit zu pilgern.

Am 6. August ging es los. Ein volles Programm erwartete uns und ein wenig kam der Gedanke auf – wie soll das gehen: Entschleunigung, Ruhe finden, und das bei dem eng geschnürten Programmpaket?

Brücke über den Rhein bei Wesel

Morgens um fünf rappelte der Wecker, kurz vor Sieben starteten wir in Richtung Wesel. Die Rucksäcke lagen neben den Wanderschuhen im Kofferraum. Einen kleinen Koffer nahmen wir noch zusätzlich mit. Darüber haben wir uns etliche Gedanken gemacht. Nehmen wir für zwei Tage alles im Rucksack mit? Viel braucht man ja eigentlich nicht. Aber gleichzeitig war da auch der Gedanke: Wir wollen abends essen gehen, denn es ist unser Hochzeitstag. Und wollen wir das wirklich in Wanderhosen und Wanderschuhen? Das hieß also, Koffer packen – und damit ein halb gepfuschtes Pilgerwandern machen.
In Wesel wurden wir an der Entwicklungsagentur Wesel von Frau Klabecki-Wernicke begrüßt. Sie überreichte uns zwei prall gefüllte Beutel mit Spezialitäten aus der Region. Ein Blick in den Beutel ließ meine Augen aufleuchten – so leckere Sachen wie Apfelsaft, Kekse, getrocknete Apfelringe, Würstchen und noch einiges mehr schauten mich verlockend an. Für den Tagesproviant war also bestens gesorgt.

Nach einem herzlichen Willkommen wurden die Rucksäcke geschultert. Wir wanderten Los zum Startpunkt, zur Jakobs-Pilgersäule am Rathaus von Wesel. Dort warteten schon Herr Jordans von Wesel Marketing und Frau Hauke, unsere Wandergästeführerin, die uns den Rest des Tages begleiten wollte. Nach einer Einführung in die Kultur der Stadt ging es los zu einer Stadtführung. Die Altstadt von Wesel wurde 1945 fast vollständig zerstört. Am Marktplatz steht das Rathaus, bei dem die spätgotisch-flämische Schmuckfassade in den Jahren 2009 bis 2011 wieder aufgebaut wurde. Sie steht als Schmuckfront vor dem eigentlichen Rathausgebäude. Zusammen mit der historischen Stadtkirche, dem heutigen Willibrordi-Dom, verleiht sie der Stadt wieder ein historisches Ambiente.

Der Dom, ein imposantes Gotteshaus, wurde in seinem heutigen Erscheinungsbild zwischen 1501 und 1540 als spätgotische Basilika mit fünf Kirchenschiffen erbaut. Der Turm wurde in den Jahren 1477 und 1478 errichtet. Im Krieg wurde das Gebäude erheblich zerstört. Im Dom sind 50 Grabplatten zu finden, die an den Wänden befestigt sind. Sie erinnern daran, dass der Innenraum der Kirche jahrhundertelang als Bestattungsstätte diente. Das Glockenspiel mit wechselnden Musikstücken erklingt täglich.

 

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Nach der Besichtigung des Doms bummelten wir durch Wesel in Richtung Preußen Museum. Dort erwartet uns Herr Ohl für eine kurze Führung durch das Museum, das sich in der Zitadelle der ehemaligen Festung Wesel befindet. Hier wurden uns die rheinisch-preußische und die deutsche Geschichte zum Greifen nahe gebracht. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der über 300-Jährigen Geschichte Brandenburg-Preußens im Rheinland. Das Museum ist zurzeit noch für die Öffentlichkeit geschlossen und soll im Herbst 2014 nach Renovierung wieder geöffnet werden. Die Zeit war leider wirklich sehr knapp bemessen und so musste sich Herr Ohl mit einer kurzen, aber aufschlussreichen Führung begnügen.

Nach diesem Programmpunkt verabschiedeten sich Frau Klabecki-Wernicke und Herr Jordans. Wir aber hatten das Vergnügen, gemeinsam mit Frau Hauke den weiteren Weg zu wandern. Denn jetzt sollte es beginnen: das Entschleunigen, das Pilgern.

Der Pilgerweg führte uns über die Rheinbrücke in die Rheinauen. Schnell ließen wir Wesel mit seinem Verkehr und dem Gewusel hinter uns. Ein letzter Blick zurück zeigte uns Wesel mit seinen Kirchtürmen.

Im Grunde genommen ist der Pilgerweg von Wesel nach Rheinberg ein Zubringerweg zum eigentlichen Jakobs-Pilgerweg im Rheinland, der von Nimwegen über Xanten durch die Region Niederrhein mit Rheinberg und Moers bis nach Köln führt. Unser heutiges Etappenziel war Ossenberg. Der Weg führt über den Rheindeich an Büderich und Wallach vorbei bis dorthin. Schon die Römer hatten hier eine Straße angelegt, die auch in späteren Epochen bis in die heutige Zeit den Reisenden als Weg dient.

Am Ortsrand von Büderich verließen wir den Deich, um zur St.-Peter-Kirche zu gelangen. Der dortige Pfarrer war so freundlich, uns die Kirchentüren für eine kurze Besichtigung zu öffnen.

Mit Frau Hauke [Georg: Die Wandertermine mit Frau Hauke können über ihre Website Niederrheinführer eingesehen werden.]nahm uns eine sehr einfühlsame Wegbegleiterin an die Hand. Sie erklärte uns eine Menge über die Region Niederrhein, beispielsweise über die Besonderheiten der Kopfweiden, die ihr Aussehen dem regelmäßigen Schnitt verdanken. Im Laufe der Jahre bilden sie so ihr typisches Aussehen mit dem verdickten „Kopf“, aus dem sich die jungen Triebe wieder ausbilden. Doch auch über Heilpflanzen wie Beinwell und Beifuß, Gelbklee und Rotklee und noch viele andere wusste sie zu berichten.

Manchmal aber gingen wir gemächlich vor uns hin, ließen die Blicke und die Gedanken schweifen und die Landschaft auf uns wirken. Ein Zusammenspiel zwischen Wiesen, Feldern, kleinen Orten und Industrieanlagen. Dies hat seinen ganz besonderen Reiz.

Vor uns auf einem Feld erblickten wir einen Schwarm Störche – ein für mich noch nie erlebtes Schauspiel. Als wir näherkamen, erhob sich der Schwarm majestätisch in die Lüfte, um in einiger Entfernung, etwas weiter vom Deich entfernt, in den Wiesen wieder auf die Erde zurückzugleiten. Ich war tief berührt. So etwas erlebe ich nicht alle Tage.

So gingen wir Kilometer um Kilometer, ohne die Entfernung richtig zu merken. Von Zeit zu Zeit blieben wir stehen. Frau Hauke las dann kurze Gedichte vor oder zitierte Texte, die sich mit dem Leben hier am Niederrhein oder der Natur allgemein befasste. So zitierte sie Hildegard von Bingen und Novalis, aber auch Wissen über Küchenmagie und Heilwesen kamen nicht zu kurz.

Kopfweiden

Die Zeit verging wie im Fluge. Viel zu schnell konnten wir die Ausläufer von Ossenberg und die Schlote der Solvay Werke in Rheinberg am Horizont erkennen. Unser heutiges Ziel kam schneller als uns lieb war in Sicht. Aber vielleicht war es auch ganz gut, dass unser Ziel langsam näherkam, denn der Himmel hatte sich im Laufe des Tages immer mehr verdüstert. Der Regen würde wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Doch ein weiterer Höhepunkt stand uns noch bevor. Im mittlerweile einsetzenden Nieselregen erreichten wir die Ossenberger Schlosskapelle. Herr Sommer vom „Verein zur Erhaltung der Ossenberger Schlosskapelle“ wartete bereits auf uns und öffnete die Tür zur Kapelle. Die Schlosskapelle war in sorgsamer Arbeit von den Mitgliedern des Vereins vor dem Verfall bewahrt worden. Andächtig und ruhig ließen wir den kleinen Kirchenbau auf uns wirken, ehe Herr Sommer mit anschaulichen Worten die Geschichte der Kapelle und der Restaurierung erzählte.

Später gingen wir im mittlerweile heftiger werdenden Regen über die Straße zum Hintereingang des klassizistischen Schlosses Ossenberg. Dort nahm uns Karen Herzogin von Urach in Empfang. Sie führte uns zu dem liebevoll hergerichteten Nordtrakt. Dort wurden drei Gästezimmer und eine Suite eingerichtet – eins dieser Zimmer sollte für diese Nacht unser Quartier sein. Im Erdgeschoss war in einem Glasvorbau bereits der Frühstückstisch mit einem üppigen Strauß duftender Rosen bestückt. Das ließ sofort Vorfreude auf den nächsten Morgen aufkommen.

Niederrhein Wesel  Ossenberg (11)

Erst einmal hieß es aber mit Frau Hauke zurück nach Wesel fahren. Herr Jordan war so freundlich, uns alle drei abzuholen und zu unseren Autos zu kutschieren. Während Frau Hauke nach einer herzlichen Verabschiedung und einem großen Dankeschön von uns für diesen schönen, informativen und entspannenden Nachmittag die Heimfahrt antrat, machten wir uns auf den Weg zurück zum Schloss Ossenberg.

Dann hieß es: Schnell raus aus den Wandersachen, frisch machen und etwas attraktivere Kleidung anziehen. Viel Zeit blieb uns nicht, denn wir hatten den Nachmittag doch etwas länger verbummelt als gedacht.

Im Restaurant mit dem verführerischen Namen „Das kleine Rote“ in Rheinberg hatte Frau Flügen von der WEG Kreis Viersen einen Tisch für uns reservieren lassen. Schon am Eingang wurden wir herzlich in Empfang genommen. Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich der Bistrobereich, an den sich im Obergeschoss ein urgemütliches Restaurant anschließt. Beide Bereiche verfügen über eine eigene Speisekarte. Uns fiel die Wahl, in welchem der beiden Bereiche wir speisen sollten, gar nicht so leicht.

Schließlich entschieden wir uns für den im Bistro bereits geschmackvoll gedeckten Tisch. Die Speisekarte bot eine angenehm kleine Auswahl, was ich sehr begrüßte. Dazu wurden noch einige Tagesspezialitäten angeboten. Nach einigem Überlegen entschieden wir uns schließlich für eine Paprikakräuterrahmsuppe als Vorspeise. Für Georg gab es als Hauptgericht ein Rumpsteak mit saisonalem gebratenem Gemüse und Rosmarinkartoffeln, während bei mir das Rumpfsteak durch gebratenen Lachs ersetzt wurde. Das Essen war vorzüglich, die Atmosphäre im Restaurant entspannend und sehr behaglich. Selten habe ich so gut getafelt und mich so rundum verwöhnt gefühlt. Wenn wir wieder in der Gegend sind, werden wir garantiert wieder in „Das kleine Rote“ einkehren.

Zurück zum Schloss ging es im mittlerweile strömenden Regen. Erschöpft, aber sehr zufrieden ließen wir den Abend im Kaminzimmer des Gästetraktes ausklingen.
Ein wunderschöner, informativer und entspannender Tag ging zu Ende.

Müde fielen wir in die Daunenbetten und schliefen mit dem hoffnungsvollen Gedanken ein, dass am nächsten Tag hoffentlich die Sonne wieder scheint.

 

Entschleunigen am Niederrhein – Tag 2 (Von Ossenberg nach Moers)

 

[Autorin: Petra Müller]

 

 

4 Responses

  1. Jürgen

    Ich freue mich sehr das dir liebe Petra als auch Georg so gut in meinem Vorgarten gefallen hat. Vor allem da ihr euren Hochzeitstag in schönem Ambiente genießen konntet. Für mich als Aschenputtel der Wanderblogger (Niederrhein und Ruhrgebiet) ist dieser Bericht ein ganz besonderes Vergnügen. Ich freue mich auf den zweiten Teil, wenn es in die Geburtsstadt von Hanns-Dieter Hüsch – und natürlich auch von mir – geht. Herrn Duden habt ihr ja mittlerweile hinter euch gelassen.

    Liebe Grüße
    Jürgen

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  2. Elke Bitzer

    Liebe Petra,

    der ist doch super geworden, dein Wanderbericht zu eurer Pilgerreise.
    Ich bewundere euch für diese Aktivität in letzter Zeit, echt toll!

    Einen lieben Gruß, der dieses Mal vor allem Petra gilt
    Elke :-)

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  3. Petra

    Vielen Dank Jörg :)
    War mein zweiter Bericht und hat wirklich Spaß gemacht. Wir hatten aber auch eine tolle Tour, da fiel das Schreiben nicht so schwer ;)

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