Ich oute mich, ich habe nichts von Walter Kempowski gelesen. Und prompt kommt natürlich der Mann mit dem Hammer: Walter Kempowski. Warum das – gleich.

Walter Kempowski schrieb »Tadellöser & Wolff«. Oder »Das Echolot«, ein kollektives Tagebuch, und die »Deutsche Chronik«. Gelesen habe ich keins seiner Bücher. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, den Zweiteiler zu »Tadellöser & Wolff« 1975 oder später im Fernsehen gesehen zu haben. Vielleicht lief er an mir vorbei, vielleicht sah ich ihn. Ich kann mich also nicht wie bei »Einmal im Leben« an zitierfähige Passagen Marke »Mein Vater ist nicht da, und ich weiß kein Bescheid« erinnern.

Und da taucht Walter Kempowski auf, als ich die Richtigkeit dieses Zitats via Google überprüfen will. Was bietet mir Google an? Direkt einen Link zu Google Books, mitten hinein in den Roman »Hundstage«. »Hundstage«, habe ich das vorhin nicht mit aufgeführt? Hätte ich tun sollen, denn Hundstage stammt von – tja, so klein ist die Welt – Walter Kempowski, der den wunderbaren Ausspruch »Mein Vater ist nicht da, und ich weiß kein Bescheid« im Zusammenhang mit Schlosserarbeiten ins Buch einbringt. Passt, im TV-Dreiteiler von 1972 mit dem unschlagbaren Günter Strack war’s die Tochter des Bauunternehmers Kurt Wumme (ruhig richtig raten, wer den spielte).

Na ja, so habe ich nun wenigstens einige Zeilen aus »Hundstage« gelesen …

Kempowskis Idylle

Der »Nordpfad Kempowskis Idylle« führt nicht unmittelbar am Anwesen von Kempowski vorbei, der dort noch bis zu seinem Tod im Jahr 2007 in Rotenburg lebte. Heute beherbergt der Sitz die »Kempowski Stiftung Haus Kreienhoop«, Ort für literarische Begegnungen, Autorentreffen, Veranstaltungen oder Seminare. Wir starten nämlich am Melkhus Narthum.

Kempowskis Idylle

Vor der Wanderung werden wir aber nicht einkehren. So also legen wir die rund 500 Meter Zuweg zum eigentlichen Startpunkt an der Motormühle Nartum – »Am Brink« – zurück. Die Motormühle wurde 1900 erbaut und später an diesen Ort verpflanzt; leider sind die Türen heute verschlossen.

Kempowskis Idylle

Mit offenen Armen dagegen empfängt uns der »Hünenkeller«, das Nartumer Großsteingrab, zu dem wir einen kleinen Abstecher (wie immer bestens ausgeschildert) am Friedhof vorbei einlegen. Die Grabkammer ist um die 5 Meter lang und liegt am Rande von Wiesen und Weiden. Auf dem Weg dorthin entdeckten wir auch eines der zehn Kräuterbeete der »Kräuter-Runde«, von denen wir einige auf unserer Rundtour sehen werden – natürlich ein gefundenes Essen für Petra.

Vom Abzweig (siehe: Abstecher) wandern wir entlang von Feldern mit Mais und Feldern mit … äh, Mais bis zum Naturdenkmal Röhrbergeiche. Der Mais ist eine besondere Erwähnung wert, weil er uns auf einigen der Nordpfade wie ein nimmermüder Begleiter zur Seite stand. Wir hatten genau das Zeitfenster ausgeguckt, bei dem der Mais mindestens mannshoch seine Fühler gen Himmer streckte; ein paar Wochen früher wäre er mickrig-klein und im wahrsten Sinne überschaubar gewesen, später dann wären die Felder abgeerntet. So aber guckten wir manchmal recht dumm aus der Wäsche, weil nix außer Mais zu gucken war. So gestaltete sich die Aussicht von der Eiche und dem 43 Meter hohen Röhrberg recht maisseitig, wie später auch bei einigen, zu anderer Zeit sicher schönen Örtlichkeiten, an den die Aussicht zugebaut war. Also wieder ein Anlass, die Nordpfade zu anderer Zeit nochmals aufzusuchen …

Kempowskis Idylle

Von der Eiche konnte es ja nur abwärtsgehen, wenn auch eher zaghaft, gemächlich, fast behutsam. Bald schon tauchen wir in das Waldgebiet Steinfelder Holz ein, wandern über nette Waldwege, halten uns an einer Weggabelung brav rechts und machen bald darauf ein paar Ausfallschritte strack nach links. Aus gutem Grund.

Kempowskis Idylle

Rast! Platz! Großsteingrab! Imposant, der Steinhaufen. Ich bin aus mir unerklärlichen Gründen (und zum Glück musste ich deswegen auch noch auf keiner Psychiater-Couch liegen) ein Liebhaber aller Steingräber. Weiland in den 70er-Jahren mit meinen Eltern in Dänemark krauchte ich unter und kroch ich über solche grauen Steingebilde. Faszinierend finde ich noch immer, welche zeit-beständigen Bauten unsere Vorfahren erschufen, während unsere modernen Brücken ja heute nicht unter der Last der Jahrtausende, sondern der Autos ziemlich schnell in die Knie gehen.

Kempowskis Idylle

Danach nimmt die Spannung gar nicht ab. Eine Maispassage stecken wir dank des auf der Waldseite hockenden Heidekrauts locker weg, Rost ansetzende Lorenschienen läuten das nächste Kapitel ein.

Kempowskis Idylle

Mehr oder weniger habe ich im Hinterkopf, dass der Wanderer ja Natur pur haben will. Sein Streben ist ein Leben ohne Industrie, zumindest wenn er »privat« unterwegs ist. So ein bisschen abgeschottet vom normalen Leben. Ach, ich nenne es mal abgeschottet vom richtigen Leben. Denn wer sich dem Alltag entziehen will, vergisst leicht, dass auch er eingebunden ist in all das, was wir beim Wandern gern verdammen.

Irgendwas tragen wir ja doch am Leib (selbst der Nacktwanderer wird ein Fläschchen mit Wasser am Gürtel oder sonst wo tragen, so er nicht am Bächlein aus der hohlen Hand trinkt), und hergestellt wird das nicht aus sauberer Luft, sondern aus Materialien, die in Fabriken verarbeitet werden.

Kempowskis Idylle

Worauf will ich hinaus? Auf die Torfanbauflächen, die jetzt nahe beim Naturschutzgebiet Hemelsmoor aus dem Boden ragen. Stopp, andersherum: sie ragen ja nicht, da ist ja jetzt was weg. Und Maschinen. Der Kontrast wird noch verstärkt durch den malerischen Moorwald mit Kiefern und Birken, der alsbald zur Sandkuhle Steinfelder Holz führt. Sand wurde hier geerntet, nun herrschen hier Stille – und die Natur.

Kempowskis Idylle

Am Stellingsmoor dröhnen die Maschinen beim Torfabbau, so richtig natur-unfreundlich, wenn auch in recht weiter Ferne. Auch das mag ich ganz gern (in Maßen, denn auch ich bin so ein Natur-Wanderer, der sich selbst der Zivilisation für ein paar Stündchen entziehen will): den Kontrast zwischen Natur und dem, was wir alle in die Natur eindringen lassen. Hier ist es der Torfabbau. Auch dafür sind wir mitverantwortlich, gut, dass wir’s ab und zu mal mit eigenen Augen sehen.

Links und rechts am grasbewachsenen Weg laufen schmale Entwässerungsgräben, die uns erst kurz vor Nartum wieder loslassen. Das letzte Wegstück tauchen wieder Felder auf, bis wir die ersten Häuser erreichen, von denen einige mehr als einen flüchtigen Blick wert sind.

Kempowskis Idylle

Ein Abstecher zum »Haus Kreienhoop« ist über die Straße »Zum Röhrberg« möglich, dann erreichen wir wieder den Platz an der Motormühle. Von hier sind es nur noch wenige Minuten bis zum … nein, nicht Parkplatz, sondern bis zum Buttermilchmixgetränk im Melkhus Nartum. Die kleine Köstlichkeit lassen wir uns auch heute nicht entgehen.

Kempowskis Idylle

Der »Nordpfad Kempowskis Idylle« ist: Abwechslung pur! Wiesen, Weiden, Felder. Mais. Torf. Birken. Buchen. Großsteingräber. Kräuterbeete. Röhrbergeiche. Röhrberg (43 Meter!) Stille. Motorenlärm. Laues Lüftchen. Blicke über die weite Landschaft (sind manchmal mehr möglich, siehe oben). Blicke in Abbaugruben. Und Kultur, vergiss die Kultur nicht!

Vielleicht sollte ich doch mal »Tadellöser & Wolff« lesen. Jau, mache ich. Sobald ich mit »Das Lied von Eis und Feuer« wirklich durch bin …

[Mehr zu diesem Nordpfad auf der Seite der Nordpfade: Kempowskis Idylle]

 

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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