Unsere nächste Station führte uns von Achouffe aus weiter nach Western: nach La Roche-en-Ardenne. Mit kaum 5000 Einwohnern ein schnuckeliges Städtchen, und doch ein touristisches Zentrum inmitten der Ardennen. Doch bevor ich die ersten Touristen leibhaftig sah, schiebt sich die wuchtige Burganlage in einer Schleife des Flusses Ourthe hoch über La Roche-en-Ardenne ins Blickfeld. Mutmaßlich im 11. oder 12. Jahrhundert erbaut (Wikipedia sagt dagegen, dass die Burg vom 9. Jahrhundert an genutzt wurde, also damals bereits bestanden haben soll), wurde sie nach 1780 nicht mehr eingesetzt. Heute sind die Ruinen für Besucher geöffnet.

Doch mein Blick schweift ab. Tiefer. Zum Fluss Ourthe. Und da ist es was los. Kajaks bevölkern das hier ruhige Wasser, offenbar spielt sich da vor unseren Augen ein Wettbewerb ab. Später erfahre ich, dass Kajak und Rafting auf der Ourthe sehr beliebt sind, der Fluss fließt nicht immer so still und bedächtig wie zwischen den Häusern des Städtchens, die sich an die Felshänge schmiegt, als ob sie Schutz suchten.

Und den bräuchten wir jetzt auch, denn wir die Ourthe bei einer kurzen Wanderung durch und um den Ort via Brücke trockenen Fußes überqueren, schüttet es von oben. Aber Wanderer, die aus Zuckerwatte sind und bei jedem Schauer unters Regenschirmchen flüchten, sollten allemal besser zum Indoor-Hiking abwandern. Wir gehören natürlich nicht dazu. ;-)

Gut durchgenässt schlurfen wir entlang der Ourthe, queren sie hier und auch da, passieren gediegen gestaltete Parkanlagen und steigen dann – unser Wanderführer Olivier, der uns auch jetzt wieder begleitet, kennt kein Erbarmen – in den Berg hinein. Auf Höhe der Burg hat er ein Einsehen, wir rasten, lassen die Leiber ruhen und die Seelen baumeln und die Augen schweifen über die Hausdächer, hinein in die Sträßchen, hinweg über die Ourthe, gleiten an schroffen und weniger schroffen Felshängen ab und können sogar etwas weiter sehen, ein wenig sogar über die Höhen.

Das erinnert mich an einen Hinweis, dass Belgien nicht nur kurze Wanderwege vorweisen kann, sondern auch den Streckenwanderer gut bedient. Durch La Rochelle-en-Ardenne schlängelt sich der GR 14, der auf 660 Kilometern von Paris nach Malmedy (oder, natürlich, umgekehrt) führt und zu einer großen Anzahl an Fernwanderwegen zählt Wir aber haben Kürzeres geplant, gewinnen noch einige Meter an Höhe, bis wir auf Sichtweite zur Burg den Abstieg beginnen, vorbei auch an der Kapelle Sainte Marguerite, die um 1600 erbaut wurde. Wir landen mitten im Ort. Vorbei ist es mit der gemäßigten Stille, die einen ja sogar beim Gruppenwandern umgibt, aber trotz der Geschäftigkeit fühle ich mich nicht bedrängt oder erschlagen; vielleicht auch, weil ich von der Mosel oder dem Rhein touristisch erschlossene Stadtkerne kenne, die einem U-Bahnwaggon im Herzens Tokios zur Rushhour ähneln. Gelassen also flaniere ich auch am La Cave du Vénitien vorbei, dass mit seinen 350 Biersorten, die es mir verspricht, eine Verlockung sein kann. Ist es aber nicht, denn uns erwarten fleischliche Gelüste.

In der Metzgerei Bouillon et Fils tischt uns der Hausherr Ardenner Schinken und Wurst vom Feinsten auf – echte Leckerbissen für Allesesser wie mich. Doch zuvor gewannen wir in den Katakomben – also den Kellerräumen der Metzgerei – einen Eindruck davon, wie Schinken und Würste hergestellt und geräuchert werden.

Wie wenig die Menschen aus ihrer eigenen Vergangenheit gelernt haben, offenbaren zwei markante Zeichen in der Stadt. Während die Burg für eine kriegerische Vergangenheit steht und dem einen oder anderen ein wissendes Nicken nach dem Motto »ja, ja, früher haben sie sich noch richtig die Köpfe eingeschlagen« entlockt, stehen zwei Panzer (amerikanischer und englischer Herkunft) für die jüngste Vergangenheit. La Rochelle-en-Ardenne stand inmitten der Kämpfe insbesonderes in der »Ardennen-Offensive« der deutschen Wehrmacht, ein letztes … ja, wie soll ich es bezeichnen? Mein Verstand sagt »Wahnsinn« dazu, doch bin ich nicht wie meine Eltern vor dem Krieg geboren und kann deshalb nicht im Mindesten nachfühlen, was dieser »Wahnsinn« für die Menschen damals wirklich bedeutet hat. Ob solche Mahnzeichen gut sind oder schlecht, entscheidet jeder für sich, die Opfer aber dürfen nicht vergessen sein. La Rochelle-en-Ardenne musste damals mehr als 100 Tote beklagen, 90 % der Stadt waren zerstört. Ein Museum dient auch dazu, die Schrecken nicht zu vergessen.

Zum Abschluss aber bietet sich mir ein friedvolles Bild. Ein Mitarbeiter des nahe bei der Stadt bestehenden Wildparks kümmert sich liebevoll um einen Uhu, den er durch die Straßen trägt. Manche Begebenheiten verströmen so viel Einmütigkeit und Harmonie, dass ich allein durchs dabei sein noch lange davon zehren kann …

 

Zum 1. Tag in den belgischen Ardennen: Die Ankunft in Vielsalm

Zum 2. Tag in den belgischen Ardennen: Achouffe und das Tal der Feen

Auf der dreitägigen Bloggerreise in die Ardennen war ich mit folgenden Bloggern gemeinsam auf Tour:

[Hinweis! Die Bloggerreise “Wandern in den Ardennen” wurde von Belgien Tourismus Wallonie-Brüssel gesponstert, das Ferienhaus wurde uns von Ardennes Etape zur Verfügung gestellt.]

 

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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