Aufbruch ist nicht der Anfang von etwas Neuem. Heute geht es zurück. Der letzte Tag in den Ardennen. Fettes Frühstücksbüfett, auch mit leichter Kost läutet den Tag ein. Koffer- und Taschenpacken macht den Abschied greifbar. Ein letzter Gang ums Ferienhaus lässt bei mir Wehmut aufkommen. Schon nach zwei Tagen. Aber das genügte mir, um aus dem Alltag herausgerissen zu werden. Und herausgerissen fühle ich mich jetzt auch, doch es gibt ein Trostpflaster, um die kleine Seelenwunde – ich will’s ja nicht übertreiben! – zu mildern. Ein Marsch durchs Moor.

Also dann: Ab in den Bus, gedanklich nochmal winken, und hinüber gleiten wir in unserem Gefährt ins Naturzentrum Botrange. Informationen einsammeln. Über Ostbelgien. Über den Naturpark Hohes Venn. Die Vennbahn und über »Kids on Tour«, die Wander- und Radausflüge für Kinder, mit denen Kids (ja, ich kann auch Modern-Sprech) mobil gemacht werden sollen. Die Wanderwege im Hohen Venn (eine PDF mit Wanderrouten gibt es hier: Der Naturpark Hohes Venn) und den Wanderroutenplaner.

Wir aber sind nach diesem Vortrag ausgehungert nach etwas Mobilem, denn von Reden allein ist noch niemand gewandert. Das ist ja das Schöne am Wandern: Da outet sich jeder, der nur vom Wandern schwätzt, aber nie selbst zu Fuß unterwegs ist, weil er immer die falsche Kleidung zur Hand hat.

So wie wir, muss Erwin Legros denken, unser Naturführer, der gewissermaßen alle gleichzeitig an die Hand nimmt, damit wir nur nicht verloren gehen im Moor. Erwin – er bietet uns das Du im Vorbeigehen an – ist anders als wir in einen regenfesten Anzug gehüllt, PVC oder der Stoff, aus dem die »Friesennerze« sind, nur zünftig sumpffarben statt grell-gelb. Der Regen perlt ab an Erwin wie die Unbilden der Natur an den Menschen, die in dieser rauen Gegend leben. Wir starten am Gasthaus La Baraque Michel, postieren uns zuerst bei der Kapelle Fischbach, um nicht nur die erste Ladung Informationen aus erster Hand – Erwin lebt seine Heimat -, sondern auch den ersten kühlen Schütte vom Himmel zu empfangen.

Erwin wird auf der dreistündigen Wanderung, die uns über weiche Wege und glitsche Holzstege führt, sein Wissen preisgeben; nicht dozierend, sondern quicklebendig, gestenreich und mit einer Energie, die seine Augen sprühen lässt. Das strikt geschützte Naturschutzgebiet erstreckt sich auf rund 4.500 Hektar und liegt inmitten des größeren Naturparks Hohes Venn, in dem beispielsweise Wohngebiete vorzufinden sind. Das Naturschutzgebiet wurde in vier Zonen eingeteilt, wobei Zone A frei betreten werden kann, Zone B tagsüber für Besucher auf markierten Wegen offensteht, während Zone C nur mit einem anerkannten Führer zugänglich ist und Zone D grundsätzlich für die Öffentlichkeit völlig unzugänglich ist. Wegen der Witterung hat Erwin für uns einen Weg durch Zone B ausgewählt, der uns mitten durch das fast pulsierende Hochmoor lenkt, entlang von Heidepflanzen oder Sonnentau, an Plätzen vorbei, auf denen balzende Birkhühner ihr Mütchen kühlen (oder auch nicht), immer mit der Sicht weit über die ebene Fläche – soweit der mal nieselnde, mal vom Wind herbeigefauchte Regen dies zulässt. Pfeifengras macht sich breit, muss abgeplaggt werden, damit das Moor nicht austrocknen, “aktiv” und lebendig bleiben kann.

Dass Moore, ob Hoch- oder Niedermoor, nicht ungefährlich sind, führt Erwin uns vor. Er steigt vom Steg hinab ins Schwingmoor, stopft einen Stock hinein, der hinabgleitet wie durch Pudding, keinen Widerstand findet. Erwin lässt uns ahnen und unterlegt dies mit Worten, wie ein Mensch im Moor einsinken kann. Haltlos, verloren. Der Körper kühlt langsam aus, der Herzschlag verlangsamt sich, als ob er sich der ruhigen Landschaft anpassen will, bis der Körper sich dem Moor ergibt, der Mensch bewusstlos wird, stirbt. Derweil, als Erwin so erzählt und in seinen Fingern einen nassen Moorbrocken presst, entdecken wir ein junges Paar, nicht allzu weit von uns entfernt. Doch was heißt im Moor nicht weit entfernt? Sie bleiben stehen, gehen zögerlich weiter, kundig sieht das nicht aus. Nicht erkennbar wird, ob sie auf den sicheren Holzstegen laufen oder quermoorein. Erwin lässt das Wasser aus dem Moorbrocken tropfen und erläutert, wie die Pflanzen im Moor das Wasser aufsaugen. Wie ein Schwamm. Die beiden jungen Wanderer sind noch zu sehen, kein Moor hat sie aufgesaugt.

Wir gehen weiter, treffen kurz darauf mit den beiden zusammen. Der junge Kerl erweckt den Eindruck, als wisse er Bescheid. Mir kommt der Gedanke an die Birkhühner in den Sinn, die sich aufplustern müssen vor ihren Weibchen, damit an ihrer Unangreifbarkeit nur kein Zweifel entsteht. Von Ferne aber sah das für mich ganz anders aus. Das Moor versteht keinen Spaß, und Übermut schon gar nicht.

Erwin natürlich lotst uns sicher voran, übergangsweise schüttet jemand wieder Regen über uns aus, bis die Hightech-Kleidung seufzend die Segel streicht. Wasser Marsch heißt es, und bis zum Restaurant Le Mont Rigi, das am Ende unserer erlebnisreichen Wanderung steht, melde ich Land unter.

Im Restaurant lassen wir Wasser ab, ich bestelle mir was Kühles für die Seele und was Heißes für den Leib, strecke alle viere von mir und stille wortkarg meinen Hunger. Ich bin satt. Von Eindrücken. Aber nicht übersatt.

Die Natur lügt nicht. Eine Landschaft zeigt sich authentisch, lässt sich nicht schön-schminken, nicht schön-reden. Aus Fotos zaubert Photoshop die wunderbarsten Landschaftsgemälde, doch vor Ort, hautnah an, nein, in der Natur, da lässt sich der Mensch nicht übertölpeln, da spürt er mit jeder Faser, wie es wirklich ist. Rau womöglich, verregnet, windig, kühl, kalt, eisig. Brütend-heiß.Oft nicht so, wie wir es wünschen, aber immer so, dass wir es als »natürlich« ansehen sollten. Und das will ich, eine Landschaft auf der Zunge schmecken, weil mir der Wind den feinen Regen ins Gesicht bläst, während die Schuhe im Morast absaufen. Die Kapuze tiefer ins Gesicht ziehen, die schmatzenden Schuhe saugen sich noch einmal satt mit Wasser voll, dann geht es weiter. So ist Natur. Auch. Manchmal ist sie natürlich so »sauber« wie im Prospekt. Doch das ist langweilig. Da kann ich auch im gekehrten Garten lustwandeln.

Wer bei bestem Wetter ins Hohe Venn fährt, wird im Grunde um ein Erlebnis gebracht. Gut, die Kleidung schont es, wenn es trocken ist, und der Gastwirt ist froh, wenn er nicht anhand der Fußabdrücke in seinem guten Hause die Zahl der Wandergäste ablesen kann. Also ruhig mal bei nicht idealem Wetter raus in die Natur, ruhig auch ins Hohe Venn – nur Nebel sollte man im Moor natürlich meiden! -, für mich machte gerade das den Reiz aus. Fast schon aufsässig bei all dem Gedöns um Hightech-Kleidung, die uns schützt vor allem, was die Natur uns anbietet. Manchmal tut es aber gut, ein winziges Stück aus der Reihe zu tanzen und nicht rundum unangreifbar durch die Natur zu tapern.

Mein Dank für dieses und die anderen Erlebnisse geht an das Team von Belgien Tourismus und die anderen Menschen, die sich drei Tage lang um uns kümmerten. Es war, ganz einfach, toll. Und ebenso toll war das Zusammenwandern mit anderen Bloggern. Es muss nicht immer alleine gehen, es geht auch gut gemeinsam.

Meine Empfehlung für die Region kommt aus ganzem Herzen. Die Wanderungen waren schön, die im Hohen Venn faszinierend, vielleicht habe ich die Ardennen sogar ein klein wenig ins Herz geschlossen. Und jetzt, so spät im Jahr, da der Herbst nicht in der Tür steht, sondern wir schon mittendrin sind, es dunkel wird, stelle ich mir vor, wie es nun dort ausschauen mag. Im Hohen Venn. Bei Botrange. Im Moor. Windig. Kühl. Mit Regen wie aus Eimern. Schrecklicher Gedanke? Mitnichten! Geile Sache. 130 Kilometer rechnet der Routenplaner von Neuwied aus. Wäre doch was. Noch einen Nachschlag holen. Am Wochenende. Mal aus der Reihe tanzen und nicht am Rhein herumstromern. Besser übers Moor streunen.

Mit Kleidung zum Wechseln im Auto. So viel Warmduscher bin ich doch. ;-)

Und an Erwin Legros’ Wissen kann jedermann teilhaben. Er und seine Kollegen begleiten auf Wunsch (und natürlich gegen Entgelt) die Besucher durch das Moor. Mein Tipp (und da bricht sich meine Begeisterung Bahn): Auf der Seite des Naturparkzentrums schauen, ob es nicht eine geführte Wanderung gibt: Geführte Wanderungen. Es lohnt sich!

 

Zum 1. Tag in den belgischen Ardennen: Die Ankunft in Vielsalm

Zum 2. Tag in den belgischen Ardennen: Achouffe und das Tal der Feen

Zum 2. Tag in den belgischen Ardennen: In La Roche-en-Ardenne

 

Auf der dreitägigen Bloggerreise in die Ardennen war ich mit folgenden Bloggern gemeinsam auf Tour:

[Hinweis! Die Bloggerreise “Wandern in den Ardennen” wurde von Belgien Tourismus Wallonie-Brüssel gesponstert, das Ferienhaus wurde uns von Ardennes Etape zur Verfügung gestellt.]

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
Schlenderer

Letzte Artikel von Schlenderer (Alle anzeigen)

4 Responses

  1. BEHREND Petra

    Ich muss schon sagen, es ist ein sehr toller Bericht, welcher das Hohe Venn nicht besser beschreiben könnte. Eine Wanderung im Hohen Venn ist und bleibt unverwechselbar und einzigartig. Es ist sicherlich das ideale Ausflugsziel für Naturliebhaber. I Love It.
    Grüße aus Ondenval,
    Petra

    Antworten
    • Georg

      Etwas spät – ja, das stimmt fraglos. Und wir basteln noch immer an einem zweiten Besuch im Hohen Venn. Immerhin haben wir es bis nach Monschau geschafft, dann werden wir die letzten Meter auch noch packen.

      Antworten
  2. Jörg

    Sch…. ich hab ne Glatze! ;-)

    Ein schöner Bericht Georg! Ich denke gerne an diese Wanderung und die ganze Reise zurück.

    Liebe Grüße, Jörg

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.