Unendliche Fernen – die Rhön! DER HOCHRHÖNER zählt zu den Top Trails of Germany, einem bunten Reigen von 16 Fernwanderwegen, zu denen auch der Rothaarsteig, der Eifelsteig, Rheinsteig und der Heidschnuckenweg zählen.

Wanderwege, die Petra und ich in den vergangenen Jahren zumindest streckenweise gewandert sind. Vom HOCHRHÖNER wird wegen seiner »offenen Fernen« geschwärmt …

Die Top Trails riefen in diesem Jahr zum zweiten Mal zum Bloggerwandertag. Doch anders, als im vorvergangenen Mai, als alle bloggenden Wanderinnen und Wanderer an einem Wochenende die Füße in die Hände nahmen und sich auf die Wege machten, tummeln sich in diesem Jahr über den gesamten Monat September verteilt die wanderwilligen Blogger auf den 16 Strecken.

Warum aber fiel unsere Wunschwahl auf den HOCHRHÖNER? Weil er flach dahinläuft. Hach, werden jetzt alle Rhöner aufjauchzen und alle die, für die die Rhön anders als für uns Neuland ist. Immerhin ist die Wasserkuppe als höchste Erhebung der Rhön stolze 950 Meter hoch, für Tieflandrheinländer wie uns also eine ordentliche Höhe, mit der selbst Eifel oder Westerwald, unsere heimatlichen Mittelgebirge, nicht mithalten können.

Flach aber meint für uns etwas anderes. Keine Schluchten artigen Täler, die tief ins Gelände eingegraben sind, keine Steige und atemberaubenden Kletterpassagen, auf, neben oder über die wir uns hangeln könnten. Eine gewisse Gemächlichkeit im Geläuf also, mehr so was wie feine ebene Etappen für ältere Dam- und Herrschaften wie uns, die mehr zum geruhsamen Skilanglauf denn zur rasanten Abfahrt neigen würden. Kein Gütemerkmal also für einen Wanderweg, sondern unsere persönliche Wahl, wenn wir gemeinsam wandern. (Wiewohl mich Petra an einem – wirklich! – nicht spektakulären Kleinsthang zurückgepfiffen hat – also runter geht’s da schon, wie wir im Verlaufe der drei Wandertage noch erleben sollten.)

Zum anderen kennen wir die Rhön nur vom Hörensagen, also im Grunde gar nicht. So baten wir im Vorfeld auf gediegene Aufregung, spannende Momente also. Das Rote Moor sahen wir in den Prospekten, das Schwarze Moor, die ehemalige Grenze zwischen der BRD und der DDR, die Wasserkuppe und was Keltisches. »Und Schafe! Vergiss mir die Schafe nicht!« Und so erwähnte ich noch die Schafe, von denen aus in der Rhön eine eigene Sorte gibt. Selbst das können Eifel und Westerwald nicht bieten.

Katharina Happel von der Rhön Tourismus & Service GmbH strickte uns also ein wunderbares Rahmenprogramm um zwei Touren herum. Die erste Tour führte uns in die Nähe von Birx. Nun ist Birx als Ort nicht in aller Munde, sodass wir uns vorab kundig machen mussten, wo es denn so liegt, dieses Birx. Denn dort trafen wir uns im »Flechsenberger Hof«, dem Domizil für die erste Nacht, mit Roland Frormann und Katharina Happel von besagter Rhön-Touristik zum Plausch.

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Seeidyll am Roten Moor

Birx nun hat mit seinen 167 Einwohnern eine ganz besondere Geschichte. Das kleine Dorf in Thüringen liegt im Dreiländereck Thüringen – Hessen – Bayern. Vor der Wende war Birx an drei Seiten von der Grenze umschlossen, die kürzeste Distanz betrug nur 200 Meter. Heute zeugen Reste einer Grenzanlage auf der Höhe von der wechselvollen Geschichte. Das Dorf selbst hat sich inzwischen zu einem beliebten Ort für Wanderer und Touristen gemausert.

Eine weniger wechselvolle Geschichte weist der Flechsenberger Hof auf, denn seit 1820 befindet sich die Gaststätte im Familienbesitz, seit 1995 in der 6. Generation. Ein sehr lieb gemeintes »Wir haben heut Kirchweih bei uns, das kann etwas lauter werden« umrahmte das Begrüßungsgespräch. Wir also wurden gastfreundlich empfangen, und bei allerschönstem Spätsommerwetter wählten wir natürlich einen Outdoor-Platz zum Gespräch. Zuvor wurden uns noch, quasi als gutes Omen, zwei bunte »Swing Liteflex«-Schirme samt Halter überreicht, die wir, so viel sei verraten, an keinem der drei Tage ausprobieren konnten. Andererseits hätte uns das diesen gewissen Touch von Extravaganz beschert, wären wir ganz weltstädtisch mit Regenschirmen durchs Gelände gewandelt …

Das Briefing war ausführlich und aufschlussreich für uns. Besonders, dass wir der früheren innerdeutschen Grenze nicht nur so nahe kommen, sondern sie auch queren würden, war uns gar nicht bewusst. So liegt das Rote Moor in der hessischen Rhön, das Schwarze Moor hingegen in der bayerischen Rhön. Und Birx, wie gesagt, gehört zur thüringischen Rhön. Ein drei Bundesländer übergreifender Wanderluxus, den wir uns vor dreißig Jahren noch nicht hätten erlauben können. 1983 nahm ich ja auch noch an der »Wintex« genannten NATO-Übung teil, die einen Angriff des Warschauer Pakts simulierte. Ich meine, mich zu erinnern, dass wir die »Blauen« waren, während die »Anderen« die »Roten« waren. Als Fernschreiber saß ich zwar weit vom Schuss (in Leer, andere aus der Kompanie waren im Regierungsbunker in Ahrweiler), aber die Region um Brink gehörte zum »Fulda Gap«, einem der wahrscheinlichen Angriffspunkte der »Roten«, die von hier aus innerhalb von 48 Stunden den Rhein erreichen könnten. Bekannt gewordenen Pläne der US-Amerikaner sollen für diesen Fall vorgesehen haben, das Gebiet zwischen Eisenach in Thüringen und dem Raum Fulda/Hünfeld, dem Fulda Gap, den Vorstoß mit taktischen Atomwaffen zu stoppen.

Das schreibe ich augenblicklich auf dem Hintergrund, dass Aleppo aktuell zerbombt wird. Im Grunde hat der Mensch die Natur nicht verdient, durch die wir bald wandern werden. Keine Sorge, ich werde jetzt nicht lamentieren, wie böse doch der Mensch ist. Nur ist es nicht verkehrt, sich die Bösartigkeiten vor Augen zu führen, die geschehen sind und noch geschehen, und nicht immer nur Dideldei singend durch den wunderschönen Landstrich zu stromern. Jede Landschaft hat nämlich eine Geschichte.

Genug Geschichte, der HOCHRHÖNER ruft. Und so setzte sich der Wagen in Bewegung, der mich zum Roten Moor brachte und Petra zur Wasserkuppe. Dort schaute sich Petra gemeinsam mit unseren Gastgebern ein wenig auf der höchsten Erhebung der Rhön um, während ich die ersten Wandermeter zurücklegte.

Das Rote Moor, das ich nach kurzer Strecke auf dem gut ausgebauten HOCHRHÖNER erreichte, musste bereits seit 1809 zum Torfabbau herhalten, im Jahr 1984 wurde dieser eingestellt. In den letzten Jahren betrug der Torfabbau 18.000 Tonnen, die große Fördermenge war auch möglich durch den Einsatz von Baggern. Das geht halt flotter als noch anno dazumal, als der Torfstecher noch selbst Hand anlegen musste. Ergebnis: Mehr als die Hälfte der ursprünglichen Hochmoorfläche ist verschwunden. Jetzt bin ich ja weder fortschrittsgläubig, noch fortschrittsfeindlich, eher so eine Gemengelage, verbunden mit Bauchgrimmen, wenn es beispielsweise um Windräder geht. Torfabbau ist für mich nicht per sé schlecht. Der Torf aus dem Roten Moor wurde auch für Bäder in Hessen und Bayern verwendet, diente also der Gesundheit von uns Menschen. Ein ähnliches Problem, zweischneidig, kenne ich als Rheinländer mit Bezug zur Vordereifel vom Bimsabbau. Schreckliche Kerben und Löcher schlägt der in die Landschaft. Über vier Wände um mich herum bin ich aber froh, und die bestehen aus Bimsbausteinen.

Einen guten Blick ins Rote Moor gewinne ich vom Aussichtsturm. Von hier oben sind die gerissenen Löcher auch gut zu erkennen, auch die Gebiete, in denen die Wiedervernässung erfolgt, Birken, Fichten und Kiefern stehen noch auf weiten Fläche, und als ich vom Turm aus dem Bohlensteg durchs Rote Moor folgen, umrahmt mich bald schon der Karpatenbirkwald. Moore üben auf mich auch am helllichten Tag eine stille Faszination aus, aus der mich selbst die zahlreichen Spaziergänger und Wanderer nicht herausziehen können.

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Pferdekutsche beim Roten Moor

Spaziergänger auf dem HOCHRHÖNER? Ja, denn bald schon erreiche ich das schicke »NABU-Haus am Roten Moor« mit Besucherzentrum, Moorausstellung und einer kleinen Gastwirtschaft, wo mich drei mir namentlich bekannte Menschen erwarten.

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Der erste Rastplatz nahe beim Haus am Roten Moor

Von diesen schließt sich mir nur Petra an. Gemeinsam stapfen wir los Richtung Heidelstein, dem mit 926 Metern höchsten und nicht nur durch den Fernsehsender weithin sichtbaren Berg unserer Tagestour. Zuvor werfen wir Rucksäcke und uns bei einer heimeligen Rastgelegenheit ab. Später werden wir noch etliche weitere Rastplätze oder Rastbänke links und rechts abwinken, so viele, dass wir gar nicht oft genug sitzen können, um ihnen allen unsere Aufwartung zu machen. Die sind auch so gut wie alle in gutem Zustand, laden also gut gepflegt zum Niederlassen ein.

Auf den Heidelstein

Auf den Heidelstein

Zum Heidelstein wandern wir dann zügig hinauf, wenden uns aber immer wieder um und erwischen die ersten weiten Blicke über die Rhön. Der 218 Meter messende Fernsehmast dominiert den Heidelstein, darüber hinaus ist die Bergkuppe ziemlich blankgeputzt, ein eher typisches Bild der Rhön im Gegensatz zu den mit Fichten drangsalierten Höhen des Westerwalds. Fernsichten gibt es also gratis dazu, die Wasserkuppe rückt sich wieder ins rechte Licht, und »weiter hinten« schiebt sich die Milseburg ins Bild, die höchste Erhebung der Kuppenrhön. Die Kuppenrhön legt sich wiederum um die Hohe Rhön wie ein breiter Saum. Auf der Milseburg findet sich übrigens ein Oppidum, eine keltische Stadt, beziehungsweise die Überreste derselben, aus der Eisenzeit. Die Milseburg aber werden wir auf unserer dreitägigen Reise nur aus der Ferne sehen. Im Süden ist auch der Kreuzberg erkennbar, eigentlich, doch irgendwie entdecken wir ihn heute nicht. Hoch oben auf dem dritthöchsten Berg der Rhön mit seinen drei Golgota-Kreuzen liegt auch das Kloster Kreuzberg, das nicht nur als Wallfahrtsort, sondern auch wegen seines dort gebrauten Bieres bekannt ist.

Der HOCHRHÖNER schleift dann um die Bergkuppe herum und führt zum »Schwabenhimmel«, einer Gedenkstätte des Rhönklubs. Dort entfährt mir ein »Scheißding«, alldieweil ich just dort mein Smartphone himmele. Wie passend, denn bei all den vergeblichen Versuchen, meine Tweets hoch in den Äther zu jagen, flutscht mir das besagte … ähem, technische Gerät aus den sommerfeuchten Fingern. Murphys Gesetz schlägt erbarmungslos zu, und wie eine Brotstulle segelt es auf steinigen Grund. So aber bin ich für heute vom Twittern zwangsbefreit. Keine Sorge, ich gräme mich nicht arg. Bin nur wieder entrüstet darüber, dass diese Geräte für den außerhäuslichen Gebrauch gar nicht für den außerhäuslichen Gebrauch geeignet sind. So zart beseitet (ja!), wie diese Dinger sind, dienten sie besser als Deideiaccessoire in einem Puppenhäuschen.

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Fingerzeig am Heidelstein beim Abstieg

Übrigens: DER HOCHRHÖNER® ist rund 180 Kilometer lang, läuft von Bad Kissingen nach Bad Salzungen und führt durch die drei Bundesländer Hessen, Bayern und Thüringen. Die Wasserkuppe, der Kreuzberg oder die Milseburg sind nur drei der vielen Berge, die erwandert werden können. Dabei sind sogar zwei Varianten möglich: die westliche Route über die Kuppenrhön und die östliche über das Plateau der Hochrhön. Wir folgen vom Roten Moor über die Lange Rhön, also die östliche Variante, nach Birx. Ergänzt wird der Fernwanderweg durch »Extratouren« wie den Keltenpfad, den wir am kommenden Tag wandern werden – Rundwanderwege, die den HOCHRHÖNER touchieren oder nahe bei verlaufen.

Gut gelaunt, weil entlastet, setzen wir unseren Weg fort, nun hinunter vom Heidelstein und verzückt durch reizende Blicke auf die sich butterweich talwärts neigenden Hügelhänge. Wir queren eine Landstraße nahe bei der Hochrhönstraße und gelangen zum Parkplatz Schornecke. Zahlreiche Fahrzeuge stehen dort herum und zeugen von den guten bewanderten Wegen rund um den Heidelstein und darüber hinaus. Das Wetter spielt ja auch mit, die Sonne knallt vom Firmament, und wie so oft, wenn wir den Wetterberichten keinen Glauben schenken, sondern mit dem Schlimmeren rechnen, also Regen, haben wir unsere Hütchen nicht eingetütet. Es freut sich die Nase, die bald puterrote.

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Fette Festmeter

 Vorbei an einigen fetten Festmetern, die vom eifrigen Niederraffen der Fichtenbestände kundtun, nähern wir uns dem zweiten Anstieg, diesmal zum Stirnberg, der mit seinen 899 Metern knapp die 900 verfehlt. Apropos Fichten.

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Rast am Stirnberg

Um den Stirnberg sehen wir Buchenwälder. Aber noch im 3. Reich sollte vom Reichsarbeitsdienst bis zu Einviertel der Hochrhönfläche bewaldet werden, in der Hauptsache mit Fichten. Die als Windschutzriegel gepflanzten Fichten bewährten sich aber nicht, genauso wenig wie die Musterhöfe, die für eine landwirtschaftliche Erschließung der Hochrhön durch »Erbhofbauern«, rassisch »besonders wertvoll eingestuften« Menschen, aufgebaut wurden.

Den bewaldeten Stirnberg erwandern wir nicht ganz oben, sondern mehr an der Seite, doch Fernsichten schenkt er uns trotzdem in Hülle und Fülle. Bei guter Sicht sehen wir Segelflieger über uns ihre Bahnen ziehen, und ab und zu kündet Motorengeräusch davon, dass wieder einer der eleganten Gleiter von der Wasserkuppe in die Höhe gehievt wurde.

Ein gutes Wegstück lang streifen wir entlang von Wiesen und Weiden und Wäldchen, überqueren dann wieder eine Landstraße und stromern an dieser auf grünem Wiesenweg bis zum »Haus am Schwarzen Moor« mit Kiosk und Imbiss und zahlreichen Rastplätzen sowie einem Informationszentrum, das aber bei unserer späten Ankunft geschlossen hat.

Auf der gegenüberliebenden Straßenseite leitet uns ein Fußweg ins Schwarze Moor. Am Eingangsbereich stoßen wir wieder auf Zeugen der Vergangenheit, diesmal das in den Jahren 1934 – 46 errichtete ehemalige Reichsarbeitsdienst(RAD)-Lager Hochrhön in Gestalt des gemauerten Tors. Was um das Schwarze Moor aufgewaldet wurde, stammt noch aus dieser Zeit.

Das Schwarze Moor gehört zum UNESCO-Biosphärenreservat Rhön und ist mit gut 66 Hektar das größte Moorgebiet in der Rhön. Trittsichere Holzbohlenwege führen durch das vor etwa 12.000 Jahren entstandene Moor. Anders als im Roten Moor wurde hier jedoch kein Torfabbau betrieben. Nur der Knüppeldamm führt durch das Moor. Wir wählen den 2,3 Kilometer langen Naturlehrpfad; eine kürzere Variante führt eher am Randbereich entlang zum Aussichtsturm.

23 Schautafeln am Wegesrand stellen das Thema Moor in den Mittelpunkt. Allein durchs Lesen der Informationen benötigen wir mehr Zeit als gedacht. An einem künstlichen Moorbecken vorbei – Petra traut sich dann doch nicht, die neuen LOWA einem Moortest zu unterziehen – ziehen wir erst durch ein Waldstück mit Karpaten-Birken, bevor wir das offene Moorareal erreichen. Die Sonne neigt sich bereits behutsam und deutet den aufziehenden Abend an, doch noch flirrt die Luft um uns herum, die Hitze des Tages löst sich noch nicht – das Schwarze Moor früh am Morgen im Nebeldunst verfangen muss ein fesselndes Erlebnis sein, doch auch jetzt fängt uns die Stimmung schnell ein, und wir lösen uns nur ungern und erreichen den Aussichtsturm. Der ist 27 Meter hoch, wurde 2007 erbaut und bietet einen schönen Rundumblick über das Moor und die umgebende Landschaft.

Es ist spät, wir nähern uns 18 Uhr, aber noch nicht Birx. Also los heißt es, weiter. Wieder über ein kurzes Stück Bohlenweg, mit dem wir eine Nasswiese sorgenfrei überqueren, bevor wir uns einem leichten Anstieg beim Grabenberg nähern. Links stehen Rinder gemütlich herum, der Elektrozaun knistert leise und wiegt uns in Sicherheit. Doch was ist das? Ein Jungbulle, sichtlich genauso irritiert wie wir, glotzt uns von der unsrigen Seite aus an. Wir glotzen zurück und einigen uns auf ein Stillhalteabkommen. Wobei, Herr Jungbulle zeigt sich nicht sehr fotogen und missachtet meine Anweisungen – »Mehr nach links. Nein, links! Herrgottnochmals. Gut, also mehr nach rechts.« -, weicht hierhin und dorthin aus und zeigt uns letztlich die kalte Schulter.

Also wieder weiter, immer am Zaun entlang. Tja, und da erweist sich, dass wir so vom rechten Weg abkommen, denn ein ganz gewiefter Bauer hat nicht nur Weide, sondern auch Weg eingezäunt. So richtig klar bleibt letztlich nicht, ob wir jetzt innerhalb einer umzäunten Weide gehen oder außerhalb, jedenfalls kribbelt es uns leicht in den Fingern, als wir den Elektrozaun überwinden und uns in der Freiheit wiederfinden.

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NVA-Wachtturm

Passenderweise genau bei einer DDR-Grenzanlage mit Beobachtungsturm und einem Stück Metallgitterzaun und Durchlass. Von dort folgen wir dem HOCHRHÖNER noch einige Meter weit, bis wir uns von ihm trennen. Linker Hand führt uns ein Zuweg nun geradewegs nach Birx.

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Birx vor Augen

Das Dörfchen liegt eingebettet in den Berghang, wirklich still und wie fast vergessen. Der Weg bringt uns schnurgerade zum Flechsenberger Hof und zum Ende unserer ersten Rhön-Wanderung.

Im Flechsenberger Hof geschahen nun noch drei erwähnenswerte Dinge. Zum ersten aßen wir sehr gut zu Abend. Nicht auf der Speisekarte stand das Gericht, das wir uns zur Brust nahmen. Wildgulasch mit Rotkohl und Thüringer Klößen. Die schmeckten vorzüglich, weil hausgemacht, und ratzeputz waren unsere Teller bis auf den letzten Krümel (Krümel – ach wie?) leer. Lecker und genau das Richtige nach der rund 21 Kilometer langen Tour. Dazu nahm ich ein »Rhöner Urtyp dunkel«, das sehr ungewöhnlich schmeckte, für meine Geschmacksknospen leicht säuerlich, weshalb ich für die Mahlzeit auf ein »Rhöner Pils« zurückgriff. Ich trinke gern das Bier aus der Region, was rund um und innerhalb der Eifel leider oft auf »Bitburger« hinausläuft. Und Fernsehbiere gehen weder daheim, noch im Urlaub. (Und schon gar nicht Bitburger, aber da spielt eine persönliche Abneigung als gebürtiger Weißenthurmer auch eine wichtige Rolle.)

Komme ich zum Zweiten. Wir wollten uns noch die Füße vertreten. Nein, vielmehr wollten wir in die Sterne gucken. Also taperten wir im Dunkeln (und mit tatkräftiger Unterstützung einer Stirnlampe – zum Glück sah uns kein Einheimischer, obwohl, so im Nachgang bedacht, könnte es einen Grund geben, weshalb reihum die Fensterrollläden heruntergelassen wurden) das Wegstück gen Wald zurück, suchten uns ein baumfreies Plätzchen und stellen Stativ samt Kamera auf. Das, was dann erfolgte, war derart dilettantisch, weil in keiner Weise vorbereitet, dass ich besser den Mantel des Schweigens oder gleich die hereinbrechende Nacht drüber ausbreite.

Andererseits muss ich doch ein paar Worte verlieren. Die Rhön wirbt auch als »Sternenpark«, weil andernorts durch dichte Besiedelung und Industrie keine richtige Dunkelheit mehr herrscht. Das Neuwieder Becken, in dem wir leben, ist ja einer dieser auch nachts hellen Regionen. Ich erinnere mich, noch in den 70er-Jahren bei uns im Hinterhof eine relative Dunkelheit gehabt zu haben, jedenfalls so weit, dass ich mit meinem Teleskop die gebräuchlichen Planeten und Galaxien entdecken konnte. Heute ist daran gar nicht zu denken. In Birx und drumherum war es stockdunkel, das rauchige Band der Milchstraße zog sich über uns, die Sternbilder … Ach, die. Zufällig hatte ich mich auf der Photokina in der Woche zuvor mit Katalogen von Celestron, Vixen, Bresser eingedeckt, alles auch Teleskophersteller. Und über unsere Online-Bibliothek ein Ebook zum Thema »Astrofotografie« heruntergeladen. Das lag warm eingemummelt auf dem heimischen PC, sodass ich mich hier vor Ort nur unwissend stellen konnte. Zuhause habe ich mir dann wenigstens wieder den »Kosmos Atlas Sterne und Planeten« von Storm Dunlop hervorgeholt, den ich dereinst für das X-Zine besprochen hatte.

Die zwei Fotos zeigen Zufallsaufnahmen. Mit der 28mm-Brennweite zu lang belichtet (genauere Werte steht im Buch), zudem das erste Foto mit einer berührungslosen App ausgelöst (was grundsätzlich eine tolle Sache ist, erspart es den Fernauslöser), die ein rotes Vorablicht produzierte. Sieht auf dem Foto womöglich interessant aus, gehört aber nicht da in die Luft. Ich will nur andeuten, wie klar die Nacht war und wie unverschmiert der Himmel. Eine wahre Pracht und eine Augenweide mit viel »Ah!« und »Oh!« Wer sich dafür interessiert, schaut auf die Seiten zum »Sternenpark Rhön« mit geführten Wanderungen und mehr.

Die Stirnlampe führte uns zurück nach Birx, die letzten Fensterrollläden wurden hastig heruntergelassen. Wir legten uns ins Bett, nicht ohne dort zur dritten Sache des Abends mit den Händen mitzuwippen. Jungs und Mädels im Gastraum nämlich spielten jetzt fröhlich auf, ein Gitarre spielender Sänger mit angenehmer Stimme intonierte nationales und internationales Liedgut, und so sang ich mich in Gedanken mit »Über den Wolken« himmlisch in den Schlaf. Wer einen solch tollen Tag erlebt hat, stört sich wirklich nicht an gut gelaunten Menschen …

Was bleibt von unserem ersten Wandertag? Ein rundherum wundervoller Tag mit vielen Eindrücken, Einblicken, Aussichten. Reisen in die Vergangenheit. Reisen hoch hinaus zum Himmelszelt. Leibliches Wohl bis pappensatt. Moore, so weit die Augen reichen (na, das nicht ganz, aber sehr gut präpierte Bohlenwege durch eine trotz der gut besuchten Wege doch stille Landschaft). Ein Gefühl, dass es am zweiten Tag sicher nicht besser kommen kann. Und wirkliche Freude darüber, uns für die Rhön zum Bloggerwandertag entschieden zu haben.

Eine längere Variante unserer Tour führt vom Schwarzen Moor über das Rote Moor bis zur Wasserkuppe: Etappe 5

 

[Hinweis! Unsere Bloggerreise auf dem HOCHRHÖNER erfolgte auf Einladung der Top Trails of Germany und Rhön Tourismus & Service GmbH und wurde von diesen gesponsert. Die Wanderschuhe stellte uns LOWA zur Verfügung. Die Regenschirme erhielten wir von EuroSchirm.]

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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