»Die Welt der Burgen« von G. Ulrich Großmann aus dem Verlag C. H. Beck bringt mit seinen 308 Seiten einiges Gewicht auf die Waage. Das Buch liegt satt in der Hand, das Papier ist alterungsbeständig, die Aufmachung gediegen und auf Dauerhaftigkeit ausgelegt. Genau so muss für mich ein Sachbuch aussehen, und wenn der Inhalt um Farbabbildungen im großen Umfang bereichert wird, bereitet mir die Lektüre noch mehr Freude.

So weit, so gut. Aber was hat ein Burgenbuch – der Titel wird noch ergänzt um die Unterzeile »Geschichte, Architektur, Kultur« – in einem Wanderblog wie dem Schlenderer zu suchen? Wer das ernsthaft fragt, hat den Schlenderer noch nicht oft besucht. Hier wimmelt es vor Burgen. Manchmal lasse ich in meinen Berichten durchscheinen, dass mir bei Wanderwegen ohne Burg (und sei sie noch so ruiniert) oft etwas fehlt. Eine Burg, meinetwegen auch ein Schloss. Aber ich bin da nicht viel anders als die Touristen, von denen der Autor auf Seite 238 berichtet: »Der Mythos [Burg] ist Voraussetzung für den Massentourismus zu Burgen, damit aber auch für das enorme Interesse an deren Geschichte.« Ich nehme mich da nicht aus. Burgen faszinieren mich von klein auf.

Warum dies so ist, darüber habe ich mir noch keine tieferen Gedanken gemacht. Sicher ist, dass mich Geschichte interessiert, besonders das Mittelalter. Und welche Bauwerke haben sich neben kirchlichen Bauten über die Zeiten bis in die Gegenwart hinübergerettet: Burgen. Durch sie wird Geschichte erlebbar, greifbar. Eine weitere Rolle spielen sicherlich die faszinierenden Facetten rund um die Burgen, die »Klischees«, die G. Ulrich Großmann auch erwähnt, erzeugt von der Unterhaltungsindustrie. Edle Ritter, holde Jungfrauen, fetzige Schwertkämpfe, Abenteuer in der Burg und um die Burg und so vieles mehr.

Wanderern nun begegnen Burgen in unseren Regionen auf Schritt und Tritt. Da denkt man an nichts Böses, und schon erhebt sich nach der nächsten Kurve ein gar heftiges Gemäuer vor einem. Davon zehren die Wanderführer an der Eltz ganz gut, wenn sie die Reisegruppe um die Biegung der Elz chauffieren, um dann als Wegezoll erstaunte »Ahs« und »Ohs« zu ernten. Und sollte man sich in eine Burgführung stürzen, vielleicht noch bereichert um ein Heftchen mit erläuternden Worten zum Gemäuer, bekommt man noch etwas Wissenswertes obendrauf.

 

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•        Die Welt der Burgen
•        Autor: G. Ulrich Großmann
•        308 Seiten
•        Verlag:C. H. Beck
•        Erscheinungsjahr: 2013
•        Besonderheiten: 108 meist farbige Abbildungen
•        ISBN: 978-3-406-64510-5
•        Verkaufspreis: EUR(D) 26.95
•        Format:   24,2 x 17,8 x 2,6 cm [/tip]

Doch die Heftchen sind oft dünn, und die Burgführung rasch vergessen. Und vieles, was interessant erscheint oder man gern gehört hätte, wurde nicht gefragt oder wurde zu knapp erklärt. Bei mir blieb oftmals ein Mangel zurück, ein Bedürfnis, mehr über Burgen zu erfahren. Literatur gibt es zur Genüge, beispielsweise liegt mir das in der umfangreichen Literaturliste aufgeführte »Burgenkunde« von Otto Piper vor, das häufig nachgedruckt wurde – kein Wunder, es ist eines der einflussreichsten Werke der Burgenkunde, wie Großmann feststellt, erschien aber erstmals 1895 und ist kaum auf der Höhe unserer Zeit. Andere Büchlein wie »Kleine Burgenkunde« von Michael Losse weisen schon durch ihren Titel darauf hin, dass sie bestenfalls als Einführung, nicht aber zur Vertiefung nützen; für einen raschen Überblick halte ich es geeignet, doch die Aufmachung ist einfach (zum Beispiel nur SW-Abbildungen), und der Umfang – 132 Seiten – lässt im Vergleich zum vorliegenden Sachbuch erahnen: Da wurde Verzicht geübt.

»Die Welt der Burgen« dagegen zeigt mir auf den Innenseiten des Umschlags, was im Innenteil los ist: Die erwähnten Burgen sind auf einer Landkarte markiert; von Feddersen Wierde im Norden geht es hinunter bis Avio in Italien. Dazwischen Burgen zuhauf, angefangen (natürlich!) bei Burg Eltz, die auch fürs Titelbild Modell stand, bis hin zu … ach, am besten das »Register der Burgen« im Anhang betrachten, denn dort sind alle erwähnten Burgen aufgelistet.

Der »Inhalt« klärt darüber auf, was mich in den acht Kapiteln erwartet. Nach dem Vorwort und einer Einführung lange ich bei »Was ist eine Burg?« Unter anderem werden mir die unterschiedlichen Burgentypen nahegebracht, nochmals aufgegliedert durch Bauherren, Besitzern oder nach Funktionen. Schon hier wird für mich als Leser deutlich, dass vieles weniger eindeutig ist, zum Beispiel gibt es nach Großmann »im Grunde genommen […] keinen eindeutigen Unterschied zwischen Burg und Schloss.« (Seite 19)

Auf den folgenden Seiten beschäftigt sich Großmann mit dem Thema »Burg und Herrschaft: Die Aufgaben einer Burg«. Nach einem Exkurs zu »Gesellschaft im Mittelalter« befasst er sich unter anderem mit dem Lehnsrecht oder dem Baurecht, mit Herrschaft und Verwaltung und mit der »Burgenpolitik«. Interessant ist, dass »kaum jede dritte Generation von Burgenbewohnern eine Belagerung passiv erlebte«; bei einer »Gesamtzahl von zwischen 300 und 400 Anlagen wurden nur zehn Burgen tatsächlich zerstört.« (Seite 41) Meist geschahen die Eroberungen beispielsweise durch Aushungern oder Verhandlungen, und zur Ruine wurden viele Burgen eher durch Brände und natürlichen Verfall, wie wir erfahren.

Den Baumeister im Manne und in der Frau weckt das Abschnitt »Die Bauteile der Burg«, passend betitelt er den ersten Abschnitt mit »Wie man eine Burg baute«. Das ist zwar nicht zur Nachahmung geeignet, weist aber darauf hin, dass im Frühmittelalter häufig Holz-Erde-Konstruktionen das Bild vorherrschten; das aus jener Zeit nur wenige Bauwerke erhalten sind, liegt auf der Hand. Das Bild der steinernen Burg, das sich uns eingeprägt hat, gilt also nicht für das gesamte Mittelalter.

Die beiden folgenden Kapitel beschäftigen sich konkret mit Burgen: »Die Burg im Mittelalter« und »Die Burg in der Neuzeit«. Anhand von beispielhaft vorgestellten Burgen (beschränkt auf das Gebiet Mitteleuropa) zeigt Großmann, wie Burgen aufgebaut waren, aus welchen Gründen sie erbaut wurden, welche Örtlichkeiten ausgesucht wurden und so fort. Durch viele Abbildungen werden die Textbeiträge nicht nur aufgelockert, sondern unterfüttert. Mein Kritikpunkt ist dabei einzig, dass ich bei der großen Anzahl an genannten Burgen mich irgendwann in der Informationsfülle fast verloren habe; wenn die x-te Burg mit ihren Räumlichkeiten genau beschrieben wird, verwischte der Bezug zum Berichteten. Meist half mir über die Leseklippe eine Bauzeichnung zur erwähnten Burg – falls sie vorhanden war. Das ist natürlich ein anderes Manko, das der Vielzahl an Burgen geschuldet ist: Nicht jede Burg ist bildlich im Buch dargestellt. Ich habe mir dann mit einer Suche in der Burgendatenbank selbst auf die Sprünge geholfen; zahlreiche der von Großmann aufgezählten Burgen sind dort enthalten, teilweise mit Grundriss und/oder Daten zur Burg.

Dem kurzen Kapitel »Mythos Burg«, das sich mit unserem Bild von Burgen allgemein befasst, schließt zu guter Letzt das Kapitel »Die Geschichte der Burgenforschung« an. Auf den ersten Blick schien mir das als am wenigsten interessante Kapitel – es ist ein »kurzer Überblick über die Geschichte der Burgenforschung in den letzten 400 Jahren«, wie Großmann auf Seite 242 schreibt -, doch mit dem Lesen änderte sich dies. Besonders erhellend sind die Ausführungen über die sich ändernden Einschätzungen zum Thema Burgen. Großmann resümiert auch, das »für die künftige Burgenforschung ein höheres Maß an Interdisziplinarität zu warten, zumindest aber zu fordern ist«. Abschließend stellt er fest: »Das Bild der Burg wird sich mit fortschreitender Forschung also noch erheblich wandeln und differenzieren.« (jeweils Seite 264)

Den Abschluss des Buches bildet der Anhang mit Anmerkungen, Literaturhinweisen, Fachbegriffen und einem Register der Burgen.

»Die Welt der Burgen« ist kein Buch, das man »in einem Rutsch« lesen sollte. Ich habe mir Zeit gelassen, nach Lust und Laune ein weiteres Kapitel oder einen Abschnitt gelesen, um mich zu einer späteren Zeit wieder in die Lektüre zu vertiefen. So hat es mir Vergnügen gemacht, mich in die Welt der Burgen zu begeben. Das ist aufwändiger, als sich mal eben »Ritter aus Leidenschaft« oder »Ivanhoe – Der Schwarze Ritter« reinzuziehen, dafür aber werde ich von Klischees verschont – auch wenn ich die durchaus mag. Doch Bücher wie »Die Welt der Burgen« helfen auch dem Nichtfachmann, sich ein sachliches Bild des Mittelalters aufzubauen und damit unterscheiden zu können zwischen Fiktion und Realität. Den Mittelalter-Filmschinken soll mir keiner nehmen, doch ist es gut, wenn ich auch hinter die Kulissen schauen kann. »Die Welt der Burgen« von G. Ulrich Großmann hilft mir dabei.

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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2 Responses

  1. Sonja Berndl

    Das Buch hab´ ich auch! So richtig interessiert hat mich die Geschichte von Burgen früher nicht wirklich. Bis ich bei einer Wanderung in der Dießensteiner Leite auf einen Archäologen gestoßen bin. Der hat so spannend und bildreich über seine private Burgruine erzählt, dass ich anschließend einfach mehr über Burgen wissen wollte. Und “zufällig” ist mir dieses Buch kurz darauf über den Weg gelaufen. Besonders gefällt mir an dem Buch, dass beschrieben wird, wie Burgen warum und wo gebaut worden sind.

    Hier ist mein Beitrag über die Burgruine Dießenstein: http://www.bayerischer-wald-wandern-blog.de/die-wilde-ilz-diessensteiner-leite-und-burgruine/

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    • Georg

      Danke für Deinen Link – verbunden mit meinem Hinweis, unbedingt auf Sonjas Blog mitzulesen! Informationen direkt vor Ort sind natürlich Gold wert, wir hatten ein ähnliches Erlebnis ja im vergangenen Jahr auf unserer Tour bei Königsfeld (https://schlenderer.de/?p=6756). Das sind dann die besonderen Erlebnisse bei einer Wanderung. :-)

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