Und es gibt doch Alternativ-Programme zur olympischen Jagd nach Rekorden und persönlichen Best- und Höchst- und Superhöchstleistungen, und eine der Alternativen haben wir uns heute zur Brust genommen. Der Traumpfad “Heidehimmel Volkesfeld” ist mit seinen 9.300 Metern purer Naturbahn ideal für eine energieschonende Schlenderung, und wir haben uns einen Spaß daraus gemacht, die angegebene Wegezeit von 3 Stunden klar zu übertreffen. Am Ziel konnten wir dann gut auf den Jubel einer euphorisierten Menge verzichten, und wir brauchten auch keine Medaillen und keine Siegerehrung – das Erlebnis war uns Belohnung genug.

Wir starten, wie es sich bei diesem Traumpfad trotz anderer Zuwege empfiehlt, am hangargroßen Parkplatz an der L 83. Nacheinander schälen wir uns aus den Sitzen, wir sind zu viert, denn meine Ehefrau und ich werden von meiner Schwester Gaby und meinem Schwager Herbert begleitet, die heute zum ersten Mal diesen Weg erkunden. Als erstes lassen wir die Heilquelle „Sauerbrunnen“ links liegen und gehen wie an einer Perlenschnur aufgezogen das erste kurze Wegstück hinauf – ein weicher Trampelpfad in einem locker bestückten Laubwald, der bald in einen ebenerdig verlaufenden Forstweg übergeht.

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KurzInfo! Als Einstieg in den Traumpfad “Heidehimmel Volkesfeld” wählt man am besten den Parkplatz an der L 83; viel Platz und gute Erreichbarkeit sind seine Pluspunkte. Der Traumpfad ist inklusive Abstecher auf den Noorkopf (unbedingt mitnehmen!) 9,7 Kilometer lang, 310 Höhenmeter sorgen für ein klein wenig Lungen-Arbeit. Als Wegezeit werden 3 Stunden angegeben, es ist aber problemlos zu schaffen, durch längeres Verweilen auf den Bänken die Rückkehr um eine (oder zwei oder drei) Stunde hinauszuzögern. Die Wegemarkierung ist wie immer bei den Traumpfaden ausgezeichnet. Auf dem Weg befinden sich keine Einkehrmöglichkeiten, aber zum Abschluss versöhnt die Heilquelle “Sauerbrunnen” durch ihr kühles Nass. Den besagten Parkplatz erlebten wir an einem Sonntag einmal bis zum Rand mit Wanderautos gefüllt – der abschließende Tipp lautet also: nach Möglichkeit wochentags wandern.

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Eine erste Bank schenken wir uns, so sitzbedürftig sind wir nach der Hinfahrt doch noch nicht, zudem lacht uns durch die Baumlücken das genannte Riethelkreuz ins Gesicht. Das thront oben auf einem Hügel, unter dessen Hang sich die Häuser von Volkesfeld aufreihen. Die wenigen Schritte durch den Randbereich des Dorfs bringen wir schnell hinter uns, queren eine Straße und stecken sogleich mitten im erwähnten Hang mit seinem gut ausgetretenen Weg. Wir schnaufen hier und da ein wenig, aber mehr zu Schau, denn richtig anstrengend ist es nicht.

Hier schaut’s unwirtlich aus, aber wir essen dort am Riethel-Kreuz sehr genüsslich zu Mittag

Oben lockt – nein, nicht das Kreuz, und irgendwie auch nicht die unverstellte Aussicht in alle vier Himmelsrichtungen, die sicher beeindruckend ist und das kurze Keuchen nach dem Anstieg zurückzahlt. Unsere Mägen knurren – und wie durch Zauberhand erwartet uns (neben einem der unverschämt bequemen Traumsofas) eine der komplett bestückten Essgarnituren mit Tisch und Bänken drumherum. Die Wacholderheide ist hier oben etwas dünn gesät, aber das schadet unserem Appetit überhaupt nicht.

[An dieser Stelle nun folgt eine kleine Unterbrechung. Es ist nun keine große Weisheit, dass man alleine, zu zweit oder in Gruppen wandern kann. Jeder muss halt wissen, wie er am besten mit der Landschaft zurecht kommt. Bei mir kommt es auf die Stimmung an. In unserer Gesellschaft ist es nicht leicht, dem Alltag wirklich zu entfliehen; zuhause blinken und summen und verlangen die unterschiedlichsten elektrischen Gerätschaften unsere unbedingte und sofortige Aufmerksamkeit. Zudem nagt das böse kleine Stinkegefühl, doch keine Zeit durch Rast und Muse vergeuden zu dürfen, denn es müsse noch dies und jenes unbedingt und auf der Stelle erledigt werden.

Jeder wird seine Wege kennen, um dem zu entfliehen. Mein Weg führt mich manchmal in den Wald. Und dieses Entfliehen, das Loslassen, das Besinnen auf anderes gelingt natürlich gut, wenn man den Wanderweg alleine mit sich (und Gott und der Welt) absolviert. Zu zweit oder in Gemeinschaft wandern hat dagegen andere Qualitäten. Die heutige Route hatten wir deshalb auch mit Bedacht ausgewählt, denn dieser Traumpfad ist nicht lang und moderat, wenn es um den Schwierigkeitsgrad geht (Anstiege sind dabei, aber sie sind so kurz, dass man sie gemächlich meistern kann). Zudem eignet sich das reichlich eingestreute Mobiliar bestens für eine kleine Gruppe, die zum Schwätzen und Schlendern unterwegs ist; die Seele kann aufatmen und der Magen kann arbeiten.

Und wir wählten einen Wochentag für unsere Wanderung, nicht das Wochenende oder einen Feiertag (womöglich gar den 1. Mai.) Ich warte sowieso noch auf den Tag, an dem ich zum ersten Mal ein Handtuch (mit kleinkariertem Muster) auf einer Traumbank entdecke. Wir sind auch heute nicht alleine unterwegs, aber das wäre auch vermessen, und solange wir keine Wartenummern an einer Sitzgruppe lösen müssen, ist das ja auch gut und schön.]

Über eine Anhöhe schlenkern wir in die äußersten Ausläufer des Ortes hinein, grüßen uns an einigen neu gebauten Häusern vorbei und stapfen durch einen weichen Wiesenweg fort, aber weiterhin am Ortsrand entlang. Hatte ich nicht bei unseren vorhergehenden Wanderungen weniger Palisaden hoch wie Burgmauern und (sehr) stabile Zäune gesehen? Als ob sich einige der Ureinwohner das Verhalten des gewöhnlichen Städters zueigen macht und sich quasi einmauert. Natürlich, ich würde auch nicht jeden Wanderer mit Jubelrufen begrüßen, der mir und Muttern beim sonntäglichen Erdbeerkuchen essen auf die Schaufel guckt, und deshalb kann ich verstehen, dass der stete Strom an Wanderern nicht überall mit Handschlag empfangen wird – schon gar nicht, wenn er im gepflegten Garten vielleicht ein kleines Mitbringsel zurücklässt.

Da erzählt er von Palisaden und Zäunen, und was ist: nichts! Diese unbekannte Wandergruppe ist ja auch schon dran vorbei …

Der zwischen Büschen und Hecken gemütlich holpernde Weg endet an der K 64. Schnell drüber (jaja, wir haben nach links und nach rechts und nach links geguckt!), noch einige Hausgründstücke wie zufällig begafft (die liegen links, während die Felder und Wiesen zur anderen Seite ihren frischen Duft vergießen), dann schwenken wir in eine kurze Senke, die den Blick bald auf noch mehr Getreide und Grün und auf den Flecken Wabern freigibt.

Wer jetzt ein Foto der Heide erwartet, der wird enttäuscht. Die Heide kommt “links”, den Hügel bergan. Es nützt also nichts: selbst hingehen …

Sobald wir in die „Waberner Heide“ eindringen, ändert sich das Landschaftsbild. Die Heide erblüht zwar noch nicht in ihrer ganzen Fläche, doch hier und da lugen bereits Blüten hervor und malen ein buntes Bild und geben eine Ahnung davon, wie es in wenigen Wochen hier ausschauen wird. Krumpelige Kiefern und Ginster drängen sich hinein ins Bild. Eine Schafherde täte der Heide gut, die hier reichlich Nahrung fände. Doch auf unserem gesamten Weg machen wir nur Nah-Kuh-Erfahrungen, die Schafe dagegen machen sich rar.

Fleckvieh statt Schafe, aber ins Gras beißen sie alle

Die Wacholderhütte auf der Höhe liegt verträumt und einsam da, und eine Traumbank, die sich passend dazugesellt, wird sogleich in Beschlag genommen (… die Männer gehen bei diesem internen Wettstreit leer aus, die Ärmsten). Die Aussicht wird mit etwas Labsal für den Magen in der Hand genossen, bis es genug ist mit Idyll. Noch einige hundert Meter gleiten wir über den weichen Wiesenweg, bis der sich gemeinsam mit uns in den Wald schlägt. Es geht ein Stück hinab, die Bäume stehen nicht sehr dicht und geben bald schon wieder den Blick frei auf Wiesen und Weiden und – Kühe.

Gaby findet mit unglaublich viel Glück eines der seltenen vierblättrigen Kleeblätter

Wir haben das Wetter heute auf unserer Seite. Die Sonne ist zwar schüchtern und versteckt sich zumeist, aber mitten im August wäre sie prall und voll auch zu viel des Guten. So sind wir eigentlich nicht auf Schatten angewiesen, und trotzdem spenden uns den erneut die Laubbäume, während wir die letzten Meter zum Felssporn Falkley hinauf schwätzen. Von dort schauen wir hinab ins Nettetal, genauer gesagt mitten auf den Campingplatz – für einen Moment denke ich, dass dieser Traumpfad beste Gelegenheiten bietet, anderen Leuten auf den Tisch zu gucken und sich Anregungen fürs abendliche Mahl zu holen.

Jetzt aber mal ganz genau hingucken. Hinten, ja, gaaanz weit hinten sieht man die Falkley. Ehrlich

Der Weg beschreibt auf den nächsten Metern quasi eine 180-Grad-Kehre, wir marschieren also wieder in die Richtung, aus der wir gekommen sind, und würden uns, wenn wir jetzt hier 20 Minuten früher wären, keine 50 Meter entfernt den Hang hinauf selbst sehen. Wären wir schlau gewesen, hätten wir abgekürzt … Nein, der Mehrweg hatte wirklich seinen Mehrwert.

Eine weitere unbekannte Wandergruppe wundert sich auf dem Noorkopf, warum die Pilze hier so groß sind und so seltsame Laute von sich geben und manchmal … hämisch lachen

Die Verärgerung hält sich in Grenzen, stattdessen geben wir uns wieder Wald und Wiesen hin und vergessen die Zeit und sogar das Essen. Bevor wir aber die Proviantdosen noch gut gefüllt mit nach Hause nehmen, haben wir etwas in der Hinterhand: den Anstieg zum Noorkopf im Tausch gegen eine Wurstsemmel. Die (hin und zurück) 400 Meter sind natürlich nicht der Rede wert, wenn es dafür etwas zu essen gibt, und außerdem – ganz ehrlich – rechnet sich der kleine Abstecher. Das Auge darf dort oben wieder schweifen, was das Zeugs hält, während der Magen zufriedene Geräusche von sich gibt. Der mit einem pilzförmigen Dächlein geschützte Sitzplatz liegt famos, in nördliche Richtung lässt sich sogar der Bergfried der Ruine Olbrück ausmachen, und überhaupt schwingt der Blick durch die Landschaft genüsslich von Detail zu Detail.

Der männliche Beschützer der unbekannten Wandergruppe ergreift die Flucht vor dem munteren Pilz und schlägt sich ins Unterholz. Der Pilz folgt (nicht im Bild)

Doch weiter geht’s! Der Noorkopf war die letzte Erhebung, nun windet sich der Weg bergab, vorbei an einer neu errichteten Schutzhütte, hinein ins Wäldchen und runter ins Tal, das uns auf direktem Weg zur Heilquelle “Sauerbrunnen” bringt. Die leeren Flaschen werden mit dem mäßig säuerlichen und angenehm kühlen Wässerchen gefüllt. So angesäuert schaffen wir auch die letzten Meter (es sind wohl um die 100), dann lassen wir den Traumpfad hinter uns – die Heimat ruft und mit ihr der Erdbeerkuchen und die Terrasse, auf die kein Nachbar und erst recht kein Wanderer glotzen kann hat. “My home is my castle”.

Wasserdiebe auf frischer Tat ertappt! Als guter Beamter habe ich natürlich Beweisfotos geschossen, die Personalien aufgenommen und die unbekannte Wandergruppe zeitnah an die Wasserschutzpolizei übergeben

Der Traumpfad “Heidehimmel Volkesfeld” versprüht ein besonderes Flair, ohne dass er mit “dem” markanten Highlight imponieren kann. Sicher, die Heide ist (besonders in der Blütezeit, die wir im letzten Jahr erlebten) eine Augenweide. Der Weg selbst ist mehr sanft als aufregend, wir gleiten dahin und ergehen uns in der Plauderei oder in unseren Gedanken. Unterwegs schauen wir mal hier und mal da, gönnen uns die vielen Aussichten und bummeln mehr als dass wir stapfen über die meist butterweichen Wege. Der Traumpfad ist einfach ein Weg zum Entspannen, Abschalten, sich treiben lassen, ohne sich körperlich allzu sehr anzustrengen, denn konditionell stellt er keine besonderen Ansprüche.

Und für unsere Viererbande ist der Traumpfad wie gemalt. Es gibt ja so herrlich viele Bänke …

Traumpfad "Heidehimmel Volkesfeld"

[Die Galerie zeigt weitere Impressionen vom “Traumpfad Heidehimmel Volkesfeld”. Die Galerie lässt sich mit den beiden Buttons unten rechts “bedienen”. SL – der linke Button – löst eine Slideshow aus, mit FS – der rechte Button – wechselt man in den Vollbildmodus.]

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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2 Responses

  1. Michael

    Hallo,

    ein sehr schöner und ausführlicher Wanderbericht. Flockig geschrieben, – macht Spaß ihn zu lesen.
    Diesen Traumpfad haben wir bewandert, als er noch in der Mache war.Nicht alle Wegmarkierungen waren schon angebracht, aber wir haben es dann doch geschafft, die richtig Route zu bewandern. Deiner Beschreibung kann ich mich nur anschließen!

    Gruss

    Michael

    Antworten
    • Georg

      Ich danke dir! Mittlerweile sind ja alle Traumpfade so beschildert, dass sie unverlaufbar sind. Obwohl – mein Schwager Herbert und ich haben es auf dem “Förstersteig” schon bewiesen. Dreimal verlaufen. Männer können halt nur eines: wandern oder schwätzen.

      Antworten

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