»Früher war alles besser!« Als älterer Mensch muss man den jungen Leuten ja doch öfter mal sagen, dass die heutige Zeit überhaupt nicht schön ist. Was die älteren Menschen dabei natürlich gern unterschlagen – wenn es früher besser war und heute schlechter, dann tragen sie die Verantwortung dafür, denn sie hatten ja die Geschicke in der Hand. Dumm gelaufen, wenn man sich dank eigener Bewertung selbst als Dumpfbacke outet.

Denn früher war wahrlich nicht alles besser. Früher ging ich in Jeans wandern. Gut, es gab schon vor dreißig Jahren »Wanderhosen«, aber hätte ich die tragen wollen? Eher nein, es entsprach nicht meinem Selbstverständnis. Aber ich wurde älter (ach!), und – oh Überraschung! – es gab Dinge, die besser wurden. Die Wanderhosen wurden auch für mich tragbar. Zuletzt ließ ich die preisgünstige Wanderhose einer Eigenmarke ans Bein, die ihre Dienste noch heute tut. Und um Vieles bequemer ist als eine auf den Körper geschnittene hautenge Jeans. Alles war also gut.

Fjällräven Karl Zip-Off

Die Fjällräven auf Borneo

Alles? Nicht ganz, denn es geht noch besser. Jetzt bin ich ja ein Mensch, der in vielen Lebensbereichen aufs Geld guckt. Vor jedem Kauf frage ich mich also, ob es die Sache wert ist, wirklich ein paar Euro mehr auszulegen. Hat Qualität etwas mit dem Preis zu tun. Vielleicht nicht immer, aber manchmal? Und möchte ich viel für etwas bezahlen, was es auch billiger gibt – und ärgere mich später, weil das gute Stück vorzeitig seinen Geist aufgibt. Fragen, die sich wohl die meisten stellen, wenn sie sich beispielsweise Wandergedöns kaufen.

Für die Wanderhose »Fjällräven – Karl Zip-Off Trousers« sind locker 130 Euro auf den Tisch zu legen. Die Bergfreunde habe sie mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Das kam mir gerade recht, denn der Winter nahte. Genau die richtige Jahreszeit, um die »dicht gewebte Hose«, wie sie von Fjällräven beschrieben wird, zu testen.

Zum Material: Fjällräven fertigt fast alle Hosen aus dem Material G-1000, einer Verbindung aus Polyester mit Baumwolle. Die »Karl« besteht aus 65 % Polyester und 35 % Baumwolle. Bei diesem Modell lese ich noch die Bezeichnung »Silent« bei der Materialangabe. Im Gegensatz zum üblichen G-1000 weist das Silent darauf hin, dass es in einer weicheren Verarbeitungsweise hergestellt wurde.

Fjällräven Karl Zip-Off

Leicht rote Augen passend zur Farbe “Dark Grey” der “Karl”

»Weich« ist ein gutes Stichwort. Vor der Bestellung war ich skeptisch. Die Fjällräven-Hosen sind mit Grönlandwachs imprägniert. Ich weiß nicht, wie ich auf den Gedanken kam, aber ich stellte mir die Hose hart und störrisch vor. Schon beim Auspacken konnte ich aufatmen, als ich dann das erste Mal hineinstieg, waren meine Bedenken zerstreut. Das Beinkleid schmiegt sich wirklich weich an die Haut, da knarzt also nichts wie trockenes Wachs. Der Effekt des Wachses: die Karl ist »UV-beständig, winddicht, atmungsaktiv, schnelltrocknend, extrem abriebfest und komplett mückendicht«, wie ich erfahre. So viel Gutes hat seinen Preis.

Die Ausstattung habe ich aber noch nicht preisgegeben. Zwei Gesäßtaschen hinten, eine große Beintasche vorne am rechten Bein, eine kleinere Beintasche auf der anderen Beinseite (gut geeignet für ein Multitool); alle drei Taschen werden mit Druckknopf sicher verschlossen. Dazu kommt eine weitere Tasche auf dem linken Oberschenkel, die mit einem Reißverschluss gesichert wird. Zwei Eingrifftaschen vorne, die groß genug für Bärentatzen sind, vervollständigen das Verstauarsenal. Mein Modell hat zudem noch zwei Hosenbeine (nein, das ist nicht der Knalleffekt!), die durch umlaufende Reißverschlüsse abgezippt werden können (für Menschen, die die deutsche Sprache lieben: »die abgetrennt werden können«).

Geliefert wird die Karl übrigens mit Überlänge. Das heißt, vor dem ersten Wandern müssen die Hosenbeine gekürzt und umgenäht werden. Ob das schwierig ist? Für einen Mann vielleicht, für meine Ehefrau überhaupt nicht. Ein kleiner Tipp für die Männer: Die Hose bitte nicht kürzen, wenn die Beine abgezippt (»abgetrennt«) wurden.

Fjällräven Karl Zip-Off

Geschickt gekürzt

Meine Karl glänzt in zurückhaltendem »Dark Grey«, erschien mir bei meinem Alter angebrachter als »Dark Olive«. Die dritte Farbvariante – »Light Beige« – kam gar nicht in Frage, weil ich leicht schmutze. Das sollte sich bei den Wanderungen einmal mehr bewahrheiten. Die Größe 50 – meine Standardgröße – saß perfekt, da drückt nichts und engt nichts ein und sitzt auch nicht wie ein nasses Segeltuch.

… noch einen Gürtel durch die Schlaufen gezogen (der liegt natürlich nicht bei), und schon geht’s raus. Die Wahrheit liegt ja im Wald, sagt der gemeine Wanderer. Und eine Hose muss sich draußen bewähren, da kann sie »drinnen«, bei den Trockenübungen, noch so gut und wohlig-weich sitzen, wenn sie sich bei Wind und Wetter nicht bewährt, sind alle schönen Versprechen für die Katz.

Fjällräven Karl Zip-Off

Nicht nur adrett, sondern sogar nützlich – die große Seitentasche

Seitdem ich die »Karl« trage … nein, so weit ist es doch nicht gekommen, natürlich trage ich nach dem Wandern andere Beinkleider – aber das preisgünstige Stück hängt seither einsam und fast vergessen im Schrank, während ich die »Karl« gar nicht mehr missen möchte. Das angenehme Tragegefühl vom ersten zarten Kennenlernen wich nicht mehr; sie trägt sich angenehm und trotz der Wachsschicht leicht. Bei hohen Temperaturen konnte ich sie noch nicht testen, insofern weiß ich also nicht, ob ich bei Sonnenschein nicht schwitze wie verrückt. Doch davor können mich ja die abzippbaren Beine schützen. Im Spätherbst und im Winter bei Temperaturen um die Null Grad (ein Test bei tieferen Temperaturen ist in diesem Winter in unseren Breiten- und Längengraden nicht möglich) hatte ich nie das Gefühl zu frieren. Wobei ich schneller friere, als ein Papagei in der Arktis Schnupfen bekommt – mir ist immer zu kalt. Die »Karl« hilft, wenn es noch kälter will, ziehe ich halt eine längere Unterhose drunter. Die Zwiebel (zwei, drei, vier Schichten …) gibt’s ja nicht nur für den Oberkörper, sondern auch fürs untere Stockwerk.

Besonders die große Beintasche ist Gold wert! Ich trage darin allerhand, oft die Kompaktkamera, öfter auch die Wanderkarte oder lebenswichtige Nahrungsgüter (Snickers). Manchmal kombiniert, so viel Platz muss sein. Selbst die kleine Tasche ist bei mir immer belegt.

Bei Regen – und wen erwischt es in diesen Tagen nicht nass von oben? – zeigt sie sich von ihrer besten Seite: Sie trocknet schnell wieder. Wind geht auch nicht richtig durch, zumindest haben die Lüfte in unseren Gefilden keine Chance. Und die Strapazierfähigkeit – tja, wie teste ich die am besten, ohne die Hose mutwillig zu zerfetzen? Jedenfalls hat sie bislang noch keinen Schaden gelitten, und das, obwohl ich wirklich nicht liebevoll mit der »Karl« umspringe.

Hatte ich einige Zeilen zuvor etwas von »schmutzen« erzählt? Also, ich neige zum Schlammwaten, wie es scheint. Leg mir eine Pfütze auf den Weg, und ich erwische sie. Hundertprozentig. Vielleicht hatte ich ja eine schwere Kindheit, in der ich nie im Matsch spielen durfte. Vielleicht habe ich auch einfach nur den Blick für alles andere, nur nicht für den Weg. Jedenfalls sehe ich nach einer Nasswanderung aus wie Sau. Und in diesem Winter ist ja alles nass, sogar die asphaltierten Wege sind reinste Wasseroasen. Aber statt die »Karl« jedes Mal zu waschen, wird sie feucht abgewischt. Meist betrifft es ja nur die Hosenbeine. Das reicht dann für zwei oder drei Wanderungen, bis es wirklich gar nicht mehr geht. Dann wandert die Hose in die Waschmaschine. Bei 40 Grad geht es rund, heraus kommt ein sauberes Stück Wanderhose.

Und jetzt stünde das Imprägnieren an. Bei mir noch nicht. Das Wachs ist bestellt, nach der nächsten Wäsche wird es aufgetragen. Wie das geht? Mit dem »Grönlandwachs« werden die zu imprägnierenden Stellen bestrichen, dann wird das Wachs mit Fön oder Bügeleisen erhitzt, bis es schmilzt und ins Gewebe eindringt. Das Video zeigt, wie es geht

 

Auf der Website von Fjällräven stehen weitere Tipps zur Pflege. Sobald ich es selbst ausprobiert habe, ergänze ich den Test.

Preisgünstig ist ja gut, aber für diese Wanderhose darf es ruhig etwas mehr sein. Neben der guten Tragbarkeit überzeugt sie mich durch ihre Details: zahlreiche Taschen in unterschiedlichen Größen an den richtigen Stellen, abtrennbare Hosenbeine, gut zu reinigen, UV-Schutz, Wind- und Wetterschutz, robust. Klingt nicht nur gut, sondern ist auch gut. Und bis heute hat mich die »Karl« nicht enttäuscht. Ein wirklich gutes Stück, das bei mir nicht im Kleiderschrank hängt, sondern mich auf Schritt und Tritt begleitet.

Jedenfalls dann, wenn ich keine Jeans trage …

 

[tip]

+ robustes G-1000 Silent Gewebe
+ UV-Schutz,
+ wasser- und windbeständig
+ gute Passform
+ abtrennbare Beine
+leicht (591 gr bei mittlerer Größe
+ viele Taschen
0  muss bei Bedarf neu gewachst werden[/note]

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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4 Responses

  1. Harald

    Sehr schöner Beitrag, bin erst vor einigen Tagen über diesen älteren Beitrag gestolpert und habe mich selber in vielen Meinungen wiedergefunden. Ich verwende die Karl nun schon seit Jahren und fühle mich absolut wohl darin, kann sie auch getrost weiterempfehlen…Grüße Harald

    Antworten
    • Karl-Georg Müller

      Schönen Dank für Deinen Kommentar! Für mich gibt es keinen Grund, eine andere Wanderhose zu tragen oder zu kaufen. Die “Karl” ist für mich perfekt und hat sich auch nach der Testzeit bis heute bestens bewährt.

      Antworten
  2. Elias

    Hallo Georg,
    ich wollte mich mal erkundigen ob du mittlerweile den Grönland-Wachs aufgetragen und getestet hast.

    Beste Grüße!

    Antworten
    • Georg

      Die Antwort hat aber jetzt gedauert … Das lag auch daran, dass ich eine brauchbare Antwort geben wollte. Gewaschen ist die Hose zwischenzeitlich natürlich ;-) – mehrmals. Nur – mit der Wachsschicht wird sie wärmer, und die vergangenen Wochen waren eher nicht kühl. Deshalb kein Wachs; der Wachsriegel liegt also noch im Schutzpapier. Bleibt also nur Daumen drücken und auf die kalte Sophie hoffen. Und dann gibt es auch den Nachbericht, versprochen.

      Antworten

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