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Ist James Bond an Weihnachten gerührt? — Wanderblog für Schlenderer und Wanderer
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Ist James Bond an Weihnachten gerührt?

Ist James Bond an Weihnachten gerührt?

James Bond ist ein tougher Typ, kein Thema. Ein Typ, den die Frauen lieben und die Männer bewundern, auch weil er wie ein Fels in der Brandung steht, wenn die Welt um ihn herum im Chaos versinkt.

Wenn also ähnliche Zustände herrschen wie zur Weihnachtszeit in der Einkaufszone meiner Heimatstadt Neuwied. Und doch, es gibt auch hier Orte der Besinnlichkeit. Zum Beispiel im Geschäft »Depot«, einem Laden für nette Nichtigkeiten. Vielleicht ist »Besinnlichkeit« ein wenig zu hoch gegriffen, aber beim Eintreten umschmeichelt mich »Fairytale of New York«. Wer die »Pogues« und Shane MacGowan (Autor und Sänger der Pogues) noch aus ihrer wilden Zeit in den 80ern kennt, wird vermuten, dass dieses weihnachtliche Lied nicht deplatzierter als an einem von unbeschwerter Oberflächlichkeit geprägten Ort wie einem solchen sein kann.

Nach der Flucht aus der Stadt, weg von den gehetzten Menschen mit den gehetzten Augen (und erleichtert darüber, in diesem Jahr zum ersten Mal alle meine Geschenke über das Internet erstanden zu haben), fiel mir bei Youtube die folgende Version in die Augen, in die Ohren und ins Herz. Ich bin nicht James Bond, ich bin manchmal gerührt. Vielleicht ist er’s ja auch – ich weiß es nicht. Aber mir stockt manchmal das Herz oder es schlägt schneller, die Brust wird mir enger, die alten Tränensäcke lassen Saft ab. Bei »Fairytale of New York« geschieht dies, und ganz besonders bei dieser Live-Version:

Fairytale of New York

[Ich binde das Video nicht in den Schlenderer ein, weil ich mich nicht zur Weihnachtszeit in die Nesseln setzen möchte.]

Shane MacGowan singt in dieser Liveversion gemeinsam mit Joyce Redmond. Mit Kirsty MacColl kann er nämlich nicht mehr im Duett singen, denn sie starb 2000 bei einem Badeunfall; tragisch, wie der Eintrag bei Wikipedia belegt. Einige Jahre zuvor hatte sie den Titel auf der Pogues-LP »If I Should Fall from Grace with God« gemeinsam mit Shane MacGowan gesungen, und ihre Stimme ist es auch, die ich im »Depot« gehört habe.

Shane MacGowan lebt noch. Er flog bei den Pogues eines Tages raus wie weiland Lemmy Kilmister bei Hawkwind. Drogen spielten (natürlich) eine Rolle. Auf dem Video erweckt er den Eindruck, als ob sie ihn auf die Bühne hätten geleiten und wieder hinabführen müssen. Auf seiner Website gibt es ein ebenfalls live gesungenes Video von »Fairytale of New York«, auf dem er sich fein herausgeputzt hat oder herausgeputzt wurde. Er wirkt fast wie geleckt darin.

Ich aber möchte soweit möglich die Geschichte hinter dem Gesicht zu sehen. Deshalb mag ich das erste Video, weil es in meinen Augen umgeschminkter ist. Ich weiß nicht, ob Shane MacGowan Weihnachten feiert – und wenn ja, ob er sich besäuft, um es zu überstehen, oder ob er ohne Drogen über die Tage kommt. Ich weiß nicht, ob er glücklich ist mit seinem Leben, so wie es jetzt ist. Ob er irgendwann einmal falsch abgebogen ist oder ob ihm die Wege, die er gewandert ist, früher, heute oder später noch als die richtigen erscheinen. Ich weiß nicht, ob er sein Schicksal selbst in der Hand hatte, oder ob er sich viel zu oft in die Hände anderer begeben hat. Hat er eine schwere Kindheit gehabt wie gefühlt die Hälfte aller Menschen in den reichen Ländern und ist deshalb aus der Bahn geflogen, oder erlebte er eine glückliche Kindheit und macht sich trotzdem das Leben schwer – das alles weiß ich nicht.

Ich kenne ihn nicht, aber ich finde den Blick hinter die Kulissen, die jeden Tag für uns aufgebaut werden (und ist der Blick auch nur so vage wie im Video), notwendig, um den Blick auf das eigene Leben zu schulen.

Im »Depot« umschmeichelte mich dieses Lied, Shane MacGowan mit seiner rauen, aber ungebrochenen Stimme, handelt es sich doch um die Studioversion von 1987. Was für ein Säufer er damals vielleicht schon war, hört kein Mensch heraus. Vielleicht hasst er es, gerade mit diesem Song einen seiner größten Erfolge geschrieben zu haben, vielleicht liebt er den Song aber auch wegen Zeilen wie der folgenden, mit der die verstorbene Kirsty MacColl ihm »Frohe Weihnachten« wünscht:

»Happy Christmas your arse
I pray God it´s our last«

Ob sich jemand, der das Weihnachtslied in einem Konsumtempel hört, über den Text Gedanken macht, weiß ich nicht. Wahrscheinlich werden solche Gedanken vom lieblichen, schleimigen Gesäusel der Weihnachtskassen im Keim erstickt. Aber es gibt immer eine Geschichte hinter dem Gesicht, eine Geschichte hinter der Geschichte, und es ist manchmal gut, auch an den Tagen, in denen man vor lauter Glückseligkeit und Freude, vor lauter Hetze und Hektik zum Nachdenken wenig Zeit findet, einen anderen Blick zu nehmen und sich zu vergegenwärtigen, wie dünn doch die Wand ist zwischen schönem Schein und Tragik.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern des Schlenderers

Frohe Weihnachten!

Schlenderer
kgm@schlenderer.de

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.

2 Comments
  • guidowke
    Posted at 14:53h, 23 Dezember Antworten

    Fürwahr eine schöne Weihnachtsgeschichte, danke dafür; hatte viel Freude beim Anhören der Videos und beim Lesen. Danke auch für die vielen lustigen Beiträge im letzten Jahr. Wünsche Dir und Deinen Liebsten ein gesegnetes Weihnachten und ein glückliches neues Jahr. G.

    • Georg
      Posted at 17:55h, 23 Dezember Antworten

      Dabei will ich doch nur ernste Beiträge schreiben. ;-)

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