Nach einer traumhaft stillen Nacht – das wissen Städte wie wir sicher zu schätzen – in einem von drei Gästezimmern des Gartencafés Heidehexe ringen wir uns aus den schäfchenweichen Federn. Apropos Schäfchen. Heute ist Heidschnuckentag. Wobei „Schäfchen“ ja sehr ungenau ist, denn Heidschnucken gibt es in der Sorte „Graue Gehörnte Heidschnucke“ oder „Moorschnucke“ und so fort, die allesamt zu den Kurzschwanzschafen zählen.

Wir räumen später auf. Versprochen.

Das hört sich jetzt fast klug an, entnehme ich aber dank meiner Ignoranz in Bezug auf Schäfchen im Allgemeinen der Wikipedia. Bei unserem leckeren Frühstück im gemütlich eingerichteten Speisezimmer könnte ich Petra nun fragen, was es mit den Heidschnucken so auf sich hat, aber ich lasse es.

Es schmeckt offensichtlich

Männer sind in vielerlei Beziehung schweigsam, aber besonders dann, wenn es um Nachfragen geht. Stimmt nicht? Doch, liebe Stammesgenossen. Einfach mal in sich gehen und sich fragen, ob Du bei einer Wanderung nach dem Weg fragen würdest – oder nicht doch eher der weibliche Wanderteilnehmer. Und daher sitze ich mein Nichtwissen einfach aus. Denn im Anschluss ans Frühstück fahren wir die kurze Strecke zum Heidschnuckenhof Niederohe. Unser erster Programmpunkt am heutigen Tag, um den ich vordergründig für Petra gebeten hatte. Aber ehrlich gesagt – der Termin ist für mich!

Sind so kleine Heidschnucken …

Weil: Während Petra und Herr Kuhlmann – er ist nicht nur Schäfer, sondern auch Landwirt – sich unterhalten, werde ich den Wissenden geben, nicken, vielleicht mal ein „kenne ich“ einwerfen, und ganz unauffällig mein Unwissen durch Wissen ersetzen. Und das, ohne eine Frage gestellt zu haben.

So ist der Plan. Vor Ort, auf dem weitläufigen Hof, sieht es dann etwas anders aus. Zu dritt jedenfalls stiefeln wir durchs Areal, schauen auf Ziegen und Heidschnucken (der Unterschied zwischen beiden fiel mir auf Anhieb auf) und in Ställe mit Jungtieren und Müttern und stillen unsere Wissbegierde durch den geduldig erzählenden Schäfer Kuhlmann. Wie lange die Jahrhunderte alte Tradition der Schäferei noch betrieben wird, mag in den Sternen stehen, doch für die Erhaltung der Kulturlandschaft Heide ist sie notwendig. Einige Fragen stelle sogar ich, die meisten aber sprudeln aus Petra Mund, und ich bin die meiste Zeit ganz Ohr. Mehr aber zum Heidschnuckenhof wird Petra in einem eigenen Beitrag erzählen.

Vor dem Wandern noch ein Blick auf die Speisekarte

Ach, ich vergaß. Das Frühstück. Lecker, wie gesagt, lässt keine Wünsche offen, und wird stückeweise eingepackt. Als Proviant für unterwegs. Das ist gut. Wir fühlen uns nicht nur gut aufgehoben in der „Heidehexe“, sondern auch ausgiebig umsorgt. So umsorgt also machen wir uns von der Heidehexe zu Fuß auf den Weg. Hat Wandern im besten Falle ja so an sich. Einfach loswandern, wo man gerade steht. Schön, dass sich der Heidschnuckenweg gleich vor der Haustür der Heidehexe vorbeischlängelt. Wobei – wir gehen eine Variante, die offiziell ausgeschildert ist.

An dieser Stelle unterbreche ich die Erzählung und gebe einige Informationen zum Heidschnuckenweg preis. Damit jeder weiß, wovon ich überhaupt berichte. Der Heidschnuckenweg ist als Qualitätsweg Wanderbares Deutschland zertifiziert (in diesen Monaten läuft die turnusmäßige Nachzertifizierung). Der 220 Kilometer Wanderweg läuft von Hamburg-Fischbeck bis nach Celle. Der Wanderweg verbindet die Nord- und die Südheide und windet sich durch Städte oder Ortschaften wie Soltau, Buchholz oder Wilsede. Der Heidschnuckenweg wuchtet sich auch hoch auf den höchsten Berg der norddeutschen Tiefebene, den Wilseder Berg (der uns beim Anstieg am Samstag den Atem rauben wird), oder touchiert den Haußelberg, von dem der Blick über die weite Landschaft wandert (da wollen wir heute auch noch hin). Einige Orte sind durch die Bahn erreichbar, an den Etappenzielen stehen Unterkünfte zur Verfügung. Je nach eigenem Anspruch können 8 bis 14 Etappen eingeplant werden. Die Beschilderung ist durchgängig mit einem weißen H auf schwarzem Grund, die Varianten sind mit einem gelben H auf schwarzem Grund markiert. Der Heidschnuckenweg ist nicht anspruchsvoll, die Steigungen sind angenehm sanft. Die Hauptwanderzeit ist natürlich die Zeit der Heideblüte im August und September, aber wer gegen den Strom wandern will, wird im Frühjahr oder Frühsommer nicht nur einsame Stunden auf dem Wanderweg erleben, sondern auch eine frisch erwachende Natur.

Variante heißt: Es geht auch anders. Zur Erläuterung muss ich dazu sagen, dass wir alle Touren entgegen der üblichen Wanderrichtung gehen. Eigentlich startet der Wanderer im Norden und arbeitet sich nach Süden vorwärts. Eigentlich heißt aber auch, dass es anders geht. Von Süden nach Norden. Statt also die Etappe 10 in Faßberg zu beginnen und über Schmarbeck und den Haußelberg zum Ziel auf der Oberoher Heide zu gelangen, fangen wir nicht nur mittendrin an und hören mittendrin auf, sondern wandern auch noch von Süden im weiten Bogen nach Norden. Verwirrend? Ja, bei so einer Erklärung sicher. Aber die Karte in der Broschüre „Heidschnuckenweg“ macht meine missglückte Erläuterung verständlich.

Genug jetzt, wir wandern. Von der Heidehexe sind’s nur wenige Schritte bis zum Wanderparkplatz an der Oberoher Heide (man erinnere sich an meine Zeilen wenige Zeilen zuvor: Das Ziel der Etappe 10, wenn man von Norden nach Süden wandert), etwas Asphalt unter den Füßen schadet ja niemandem, besonders wenn am Wanderparkplatz der weiche Untergrund auf uns wartet. (Nebenbei: auch ein Toilettenhäuschen und Rastbänke samt Tischen stehen dort für die Mahlzeiteneinnahme und die Nachbereitung derselben bereit.) Die Oberoher Heide ist etwas Besonderes, sie zählt zu den größten Heidearealen im Süden der Lüneburger Heide, durchsetzt mit Birkenwäldchen (die wir ja am Vorabend bereits erkunden konnten), den Kieselgurgruben, den Senken und Kuhlen und den vielen Teichen, die noch jetzt, gar nicht so früh am Morgen, Angler zum (achnee!) Angeln einladen.

Wanderlust

Heidefeeling kommt sofort auf. Da schadet auch das leidige, wolkenverhangene Wetter nichts, das uns fortan bis zum Sonntag begleiten wird (genau genommen bis Sonntag 12.24 Uhr, ich habe auf die Uhr geschaut). Aber einem schönen Wanderweg kann fieses Wetter nichts anhaben – im Gegenteil. Ein Weg, der selbst dann bezaubernd, bezaubernd, ansprechend oder was-auch-immer ist im positiven Sinne, wenn der Regen unter den Jackenkragen kriecht, ist ein schöner Weg. Sonnenschein kann manch unschöne Seiten überdecken, doch schlechtes Wetter deckt vieles schonungslos auf. So wie bei einem Hochglanzmagazin die Models geschminkt ihr wahres äußeres Ich nicht preisgeben, sondern Falten und Runzeln kaschieren.

 

Nach einem viel zu kurzen Wegstück entlang der Heideflächen, die durchsetzt sind mit Wacholder und vereinzelten Buchen, schwenken wir in den Laubwald ein. Die Wege sind hier wieder breiter, wie überhaupt der Heidschnuckenweg über weite Strecken gut ausgebaut ist. Das erleichtert auf der einen Seite natürlich das Wandern, das Vorwärtskommen geht quasi flott von der Hand, auf der anderen Seite vermisse ich hier und da auf dieser unserer ersten Etappe den schmalen Trampelpfad oder das verwinkelte Gässchen quer durchs Gestrüpp. Und um noch eine dritte Seite ins Spiel zu bringen: An den folgenden Tagen wird sich das ändern.

Wer Heide liebt, diese weite offene Fläche, auf denen sich die Besenheide ausbreitet wie ein grüner Teppich, kommt voll auf seine Kosten. An die Lüneburger Heide habe ich nur verkümmerte Erinnerungen an einen Urlaub mit unseren beiden Jungs, der aber Jahrzehnte zurückliegt (ums mal dramatisch auszudrücken). Natürlich keinen ich „Heide“, die Eifel und der Westerwald nahe bei unserer Heimat hat genug davon. Doch sind die Heideflächen dort sehr eng umgrenzt, und schnell prallt der über die grüne Heide wandernde Blick gegen eine Wand aus Bäumen. Hier gibt’s immer noch ein bisschen mehr Heide, auch wenn das Naturschutzgebiet Lüneburger Heide heute lt. Wikipedia nur zu 20 % aus sogenannten Sandheiden besteht und etwa 58 % Wälder sind.

Unterwegs begegnen wir übrigens nicht nur weiteren Wanderern, sondern auch Radfahrern. Das erwähne ich, weil – ohne dass ich darüber Informationen eingezogen habe – ich den Eindruck habe, dass die Lüneburger Heide auch gut mit dem Rad erkundet werden kann. Wer also die Füße schonen und den Hintern strapazieren will, sollte sich über das Radwegenetz kundig machen.

Wer rastet, rostet nicht

Auch begegnen wir zahlreichen Rastbänken. Wer meine Wanderberichte des Öfteren liest, wird jetzt wissend lächeln. Ja, ich liebt Rastbänke. Nicht weil ich faul bin und ausruhen will (doch, das auch), sondern weil die Landschaft mit mir reden soll, und das kann sie nicht, wenn ich eilig an ihr vorbeilaufe. Sitzen. Zuhören. Zuschauen. Wer eilt, verpasst das Schöne. Also sitzen Petra und ich, schmatzen still vor uns hin und saugen Heideatmosphäre ein. Wie lange, ist zweitrangig, wenn es genug ist, stehen wir einfach auf und wandern weiter. Bis zur nächsten oder übernächsten Rastbank.

Am Gauß’schen Vermessungsstein

Eine davon steht bei einem Gauß’schen Vermessungsstein. Der Physiker hat als königlich hannoverscher Landvermesser diese Steine wohl an ziemlich vielen Orten aufstellen lassen. Einen davon betrachten wir nahe beim Haußelberg. Wo wir gerade dabei sind: Der Haußelberg ist mit seinen tüchtigen 118 Metern ein markanter, äh, Berg in dieser Region.

Aussicht

So markant, dass wir die dort ruhende Rastbank (eine Schutzhütte schmiegt sich auch noch an den sanften Hang) besetzen und die weite Aussicht über Faßberg genießen.

 

Wir steigen den Haußelberg hinab, erfreuen uns an der nächsten Heidefläche, queren ein kleines Wäldchen, stapfen über befestigte Wege an einem weiteren Wanderparkplatz vorbei zum Gerdehaus, das direkt an der L 280 liegt. Einen Kilometer weit lassen wir jetzt den Straßenverkehr auf uns einwirken, als wir entlang der Landstraße wandern.

Ein guter Anlass, die folgende Passage umso mehr zu genießen. Wenige Schritte durch Wald führen uns in die Dübelsheide, danach schwenken wir ab zur Schmarbecker Grube, einem Häuflein Häuser, das nahe einer Kiesgrube hingepflanzt wurde. Nichts, was uns länger hält, lieber laufen wir gemächlich durch Wald. Heidelbeeren würden uns jetzt zum Niederknien zwingen, wären wir nicht zu früh im Jahr. Noch ein Teppich, der sich vor unseren Füßen ausbreitet, diesmal zwischen den Bäumen. Dafür blüht der Ginster. Wir treffen ihn, den Ginster, hier seltener als in der Eifel an, doch mancherorts leuchten die gelben Blüten.

In einem weiten Bogen nähern wir uns dann dem Wacholderwald, unserem geplanten Ziel. Am dortigen Wanderparkplatz soll uns ein Taxifahrer aufgabeln (den wir zuvor telefonisch über unsere Ankunft unterrichten sollten). Bisschen viel „sollen“? Die Aufklärung folgt (diesmal hoffentlich verständlich).

Der Wacholderwald. Er trägt seinen Namen zu Recht. Besenheide, Borstgrasrasen – und Wacholder. Klein, groß, mittelklein, mittelgroß, breit, schmal. Alles steht für uns parat. Ein wenig wandern wir sogar wieder bergan, um dann mitten hinein in das Wacholdergrün zu treten. Auf schmalem Pfad (na also!) stiefeln wir zwischen den eigenwillig gewachsenen Wacholderbäumen hindurch, es riecht würzig, intensiv. Heideduft. So stelle ich mir Heide vor.

Am Wanderparkplatz lassen wir uns nieder. Sättigen uns und stillen unseren Durst. Sind hier nicht die Einzigen, die dem Wacholderwald einen Besuch abstatten. Entscheiden dann, dem Taxifahrer dienstfrei zu geben und stattdessen eigene Wege zu gehen. Auch, weil wir von der Hügelkuppe aus eine Schnuckenherde entdeckten. Und auf diese steuern wir zu.

Könnte ja die von Schäfer Kuhlmann sein, denn sein Mitarbeiter trieb am Morgen, während wir uns noch mit ihm (dem Schäfer Kuhlmann) unterhielten, die Herde hinaus. Aber weil weder die Hütehunde vom Morgen, noch ein Schäfer bei der trotzdem wohlbehüteten Herde harrt und ich keines der Schafe wiedererkenne, bleibt es bis später bei der Vermutung. Der Rest des Weges ist weniger erzählenswert. Zwischen Roggen- und Heidekartoffel-Feldern passieren wir den Ferienpark Heidesee, queren ein zweites Mal die L 280 und erreichen wieder die Heidehexe.

Am Sohlenhof

Nach einer Stippvisite im Hexenlädchen legen wir die 50 Kilometer zu unserer nächsten Station, dem Hotel Schäferhof in Schneverdingen, zurück. Mit dem Auto, zu Fuß ist uns das heute zu weit. Wir werden freundlich empfangen und beziehen ein üppiges Zimmer, in dem wir uns ausbreiten können wie die Besenheide auf der Heide. Und zum Abschluss schlemmen wir im Restaurant, Heidschnuckenragout mit Pilzen, grünen Bohnen, Preiselbeer-Birne und hausgemachten Spätzle für Petra und Heidschnuckenkeule in Wacholderrahm mit Preiselbeer-Birne, frischen Pilzen, Apfelrotkohl und Heidekartoffeln. Ob wir das verdient haben? Was glaubt ihr, wie egal mir das war nach diesem herrlichen Tag. ;-)

Die Wegekarte kann über Outdooractive eingesehen und heruntergeladen werden. Sie weist aber unseren Wanderweg von der Heidehexe durch die beschriebene Region zum Ausgangspunkt zurück aus. Die Etappe 10 weicht von unserer Wanderung ab. Unsere Wanderung war 22,8 Kilometer lang und wies 116 Höhenmeter auf. Wir haben eine Rundwanderung daraus gemacht, wer sie nachwandern möchte, kann wie wir bei der Heidehexe starten oder an einem der erwähnten Wanderparkplätze.

 

Zum 1. Tag geht es hier entlang: Von Spinnerei und Heidehexe und dem Gold der Lüneburger Heide

Zum 3. Tag geht es hier entlang: Auf dem Heidschnuckenweg von Niederhaverbeck nach Undeloh

Zum 4. Tag geht es hier entlang: Auf dem Heidschnuckenweg von Undeloh nach Handeloh

Petras Bericht von Spinnerei und Schäferhof: Von einer Heidjerin und einem Heidschnucken-Schäfer

Im Pietzmoor waren wir auch: Frühmorgens durch das Pietzmoor bei Schneverdingen

Petras Bericht über die Vorzüge des Heidschnuckenwegs: Wie meine Höhenangst den Heidschnuckenweg lieben lernte

 

 

[Hinweis! Unsere Bloggerreise wird von den Top Trails of Germany und der Lüneburger Heide GmbH und Einrichtungen vor Ort gesponsert.]

 

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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2 Responses

  1. pierre

    Hallo Georg,

    eine sehr schöne Wanderung, tolle Bilder und wie immer textlich wunderbar dargeboten.

    Viele liebe Grüße
    Pierre

    Antworten
    • Georg

      Vielen Dank, Pierre! :-) Die Lüneburger Heide machte es mir aber auch leicht bei den Fotos.

      Antworten

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