»Seven Wonders of Fore« – Daheim, bei praller Sonne, haben wir uns von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit gehangelt, denn die Hinreise nach Sligos für die wir uns einen ganzen Tag bei Seite legen, wollen wir gemütlich angehen. Trim besuchen wir am Vormittag, die Weiterfahrt wird uns über Enniskillen nach Nordirland führen – doch da geht noch mehr! Zwischendurch und nicht nur nebenbei möchten wir Luft holen. Immerhin sind’s gut 250 Kilometer quer durch Irland, bevor wir letztlich Sligo erreichen werden.

Wobei: Die Straßen in Irland haben sich gemausert. Waren wir vor 20 Jahren noch über fein und grob gerippte Teerparkette galoppiert (und schon damals hieß es: Ihr hättet mal FRÜHER hier fahren müssen!), so gleiten wir heute dahin wie auf Kufen, was mich wehmütig an unsere Straße vor dem Haus denken lässt, die im Gegensatz von vor 20 Jahren in der heutigen Zeit fein und grob gerippt …
Lass das, du bist im Urlaub. Abschalten, nicht an daheim denken, Irland genießen.

Und die Stille! Denn Fore Abbey (und das Fore Valley, wie es richtig heißen muss, denn zur Abbey gesellt sich gleich ein ganzes Tälchen) soll halb vergessen sein, eher abseits der Touristenströme. Tja, wenn das so ist, fahren wir doch, als Wir-sind-anders-als-Touristen, touristen-like genau dorthin, wo die Stille wächst.
Fore Abbey heißt auf Irisch Mainistir Fhobhair; Fore (Fobhar) ist die anglisierte Form des irischen Namens, der auf Deutsch »Stadt der Wasserquellen« bedeutet. Fore Abbey war eine Benedikterabtei, die meisten erhaltenen Steingebäude stammen aus dem 15. Jahrhundert.

Natürlich wissen wir, dass auch eher abgelegene, den Bussen vorenthaltene Orte längst nicht mehr »geheim« sind oder im Dornröschenschlaf herumliegen und auf Ruhesuchende warten, um sie mit offenen Armen in den transzendentalen Dämmerschlummer zu schaukeln. Schon allein durch die Internet-Plauderei »Hey, sowas musst du dir mal anguchen, sooo idyllisch – und einsam!« verlieren alle beschaulichen Flecken ihre Jungfräulichkeit, und Touristenoffizielle weisen ja auch noch dazu gerne auf »das kennt sonst niemand!« hin.

Es ist Samstag, es ist Sommer, es ist sonnig. Beste Reisezeit also. Wir sind nicht allein. Und doch – gleich nach den ersten Schritten, die uns suchend erst einmal zu einer großen Übersichtstafel am angenehm kleinen Parkplatz führen, umfängt uns eine besondere Atmosphäre. Linker Hand schwingt der Hang sanft zum Hill of Houndslow mit dem Rock of Fore empor, zwei kleine Kirchen trotzen Wind und Wetter, Rinder gehen ihrem Tagwerk nach und beißen ins Gras. Über den Berg hinweg liegt Lough Lene, den wir heute nicht zu Gesicht bekommen werden.
Zu unserer Rechten breitet sich das Tal aus und mündet auf der uns gegenüberliegenden Talseite in den Hill of Ben, dem wir uns nun behutsam auf einem schmalen, von Steinmauern eingerahmten Weg nähern.


Dabei haben wir noch am Parkplatz von »St. Feichin’s Weg« gelesen, einem 3 Kilometer Rundweg, der an den Sieben Wundern entlangführt, auch wenn sie uns dann nicht immer direkt ins Auge springen. Ich habe den Weg mit Outdooractive nachgezeichnet, doch vor Ort war dieser zum einen ausgezeichnet ausgeschildert, zum anderen wirklich einfach zu verfolgen.

 

Und gleich zu Beginn sehen wir auch das erste der Wunder: den »Tree that will not burn«. Etwas müde schaut dieser Baum aus, der traditionell mit Bändern geschmückt wird, um einen Segen herbeizuwünschen.
Wenige andere Besucher begegnen uns, später, auf dem Rundweg, laufen wir sogar – abgesehen von einigen freundlich grüßenden Menschen, die aber eher aus dem Dorf stammen – so gut wie alleine übers Grün.

Fore Abbey ist – natürlich – nur mehr eine Ruine. Doch gerade durch ihre sichtbare Vergänglichkeit, die Entfernung vom Menschen, der sie einst erschuf, das darauf Hindeuten, wie spröde und zerbrechlich das ist, was Menschenhand geschaffen hat, durchströmt eine geheimnisvolle Atmosphäre das Gemäuer. Selbst auf den Mauern kletterende Menschen – denen ich, jetzt mal ernsthaft, am liebsten aber doch einmal die Leviten lesen möchte, womit die selige Ruhe zwar gestört, aber die Aura des geheimnisvollen Ortes bewahrt wäre (doch mein Englisch ist zu fragil, um es am Menschen wortreich anwenden zu können) – vermögen nicht, unser stilles Spazieren zu stören.

Um das Jahr 630 n. Chr. wurde Fore Abbey von St. Feichin gegründet, um 665 lebten gar 300 Mönche dort, umgarnt von einer größeren Anzahl Menschen, die in nahe liegenden Gebäuden lebten. Es war also einst ein reges Leben hier im Tal, und gerade um die damalige Zeit war Irland weit über die Insel hinaus als Land der Bildung und Kultur gerühmt, und irische Missionare bereisten ganz Westeuropa, um den christlichen Glauben unters (noch) ungläubige Volk zu bringen.
Davon können wir heute bestenfalls ahnen, selbst die Ausmaße der Ruinenabtei deutet nicht auf die Bedeutung hin. Wir schauen uns noch das Columbarium an, einen Taubenschlag, von welchem Reste erhalten und wieder aufgebaut wurden. Von etwas mussten Mönche ja leben … Das Gate House schließlich bildet das Tor zum Rundweg, dem wir nun folgen.

 

Bald schon schwenken wir unterhalb der Berge auf den Weg »Nancy 2 Nellie« ein, der uns nach »Pine Martens Cave« an Nancys Heimstatt entlangführt. Später, an einem heimeligen Rastplatz, verköstigen wir uns zum ersten Mal nach dem Frühstück. Ist auch höchste Eisenbahn, denn mittlerweile schreckt unser Bauchgrimmen die hier für uns unsichtbaren, aber nachweisbaren Bussarde auf.
Nicht stören lassen sich dagegen die Feen in ihren kunterbunten Häuschen, die von Kindern gebastelt und mit denen die Bäume nahe bei einer 300 Jahre alten Buch verziert werden.

Nach einem markanten Felsen schwebt der bequeme Fußweg, der immer wieder Ausblicke ins Fore Valley bietet, gemächlich aufwärts, ruckt dann um 90 Grad nach rechts und schaukelt genauso gemächlich abwärts auf Nancys Haus an der Hauptstraße zu. Dort halten wir uns rechts und gelangen zum »East Gate« der alten Stadtmauern auf der linken Seite, während rechts die Kirche St. Fechin’s steht, die wir uns von innen ansehen. Wir schlendern über den verwilderten Friedhof, auf der sich auch die Ruinen von St. Mary’s Church befinden.
Kein Wunder, dass Ruinen vorherrschen, denn zwischen den Jahren 771 und 1169 wurde Fore Abbey zwölfmal niedergebrannt. Da muss man schon viel Langmut besitzen, um die Abtei und mehr immer wieder aufzubauen …
Auf dem Dorfplatz bestaunen wir ein altes Steinkreuz, wie sich überhaupt insgesamt 18 Steinkreuze in diesem Gebiet stehen – wie christlich durchdrungen das Fore Valley ist, offenbart sich bei jedem Schritt.

Den Schritt aber verhalten wir beim Fore Valley Coffee Shop. Die freundliche Lady kocht und Tee und Kaffee und tischt selbstgebackene Scones auf und gibt uns Tipps für die Weiterfahrt. Zudem erstehe ich ein informatives Büchlein zur Fore Abbey. Natürlich wäre es klüger gewesen, dies vor der Wanderung zu erstehen, um bestens unterwiesen alle Seven Wonders betrachten zu können.

Am Ende aber sind wir noch nicht. Die anfangs erwähnten beiden kleinen Kirchen am Hill of Houndslow erklimmen wir über einen schmalen Pfad, über Steinstufen und unter aufmerksamer Begutachtung der an Touristen offensichtlich interessierten Rinder. Diese erweisen sich als fotogen und bilderfahren, halten still, wenn’s sein soll, und marschieren los, wenn Bewegung ins Foto kommen soll. Kleiner Hinweis an meine Mitwanderer, bei denen ich so oft vergebens versuche, sie ins rechte Bild zu rücken: Nehmt euch ein Beispiel, hehe!

Hineinschauen können wir in St. Fechin’s Church, die um das Jahr 900 errichtet wurde und in der ein griechisches Kreuz über dem tonnenschweren Portalstein auffällig ist. Dieser Stein soll einer Sage nach übrigens durch St. Fechins Gebete an Ort und Stelle gehievt worden sein, nachdem die Steinmetze kläglich versagten.
Anchorites Church – in der sich Einsiedler im Laufe vieler Jahre die Klinke in die Hand drückten – liegt noch einige Schritte höher, ist aber für Rind und Mensch verschlossen (wobei ich später im genannten Büchlein lese, dass der Schlüssel im Dorf für Interessierte bereitliegen soll).

Müßiggang ist eine Tugend, der wir im Fore Valley ausgiebig gefrönt haben. Das rächt sich bei einem Blick auf die Uhr, denn abends wollen wir nicht zu spät im Ferienhaus ankommen, zudem unsere Gastgeberin zu einer vereinbarten Uhrzeit die Schlüsselübergabe erledigen möchte. Nach einem mehr hastigen Blick auf das letzte der Sieben Wunder, den »Tree which will not burn«, hasten wir zum Mietwagen, und hastenichtgesehen sagen wir wehmütig chéile arís zu diesem wirklich inspirierenden Tal. Wir haben Kraft geschöpft für die noch anstehende Fahrt. Linksverkehr – wir kommen!

Die Seven Wonders of Fore

1. The monastery built upon the bog.
2. The mill without a race (St. Fechin reportedly induced water to flow from the ground and operate a mill that had no visible water supply - in reality water from Lough Lene flows through the ground).
3. The water that flows uphill. (St. Fechin reportedly used his staff to make the water flow uphill)
4. The tree that has three branches/the tree that won’t burn. Pilgrims place coins in it, giving it the name »the copper tree.«
5. The water that doesn’t boil in St Fechin’s holy well.
6. The anchorite in a cell
7. The lintel-stone raised by St. Fechin’s prayers.
Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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