Da vorne geht’s nach Carrowkeel – ach schade, schon vorbei!

»Du weißt, wo wir lang müssen?«, fragt mich die beste aller Ehefrauen.
Ich nicke und lächle und halte mich krampfhaft am Lenkrad fest.
Nach mehr als fünfunddreißig Ehejahren weiß sie natürlich, was mein Nicken und Lächeln bedeuten. Wir haben uns verfahren. Nach so vielen gemeinsamen Jahren ist man nicht wie ein offenes Buch, sondern wie alle Seiten eines Buches, die auf einem riesigen Tisch ausgebreitet sind. Petra kann meine Regungen lesen. Widerspruch ist zwecklos.

Eigentlich wollen wir nach Athlone zur vorletzten Übernachtung. Clonmacnoise ein zweites Mal in unseren mehr als 35 Ehejahren besuchen. Für unterwegs haben wir die eine oder andere Zwischenstation ausgesucht, doch jetzt, als wir die N4 von Sligo nach Boyne entlangtuckern, düst uns die Zeit davon. Doch Hetzen ist etwas für Ausländerfeindliche, und so nehmen wir Tempo heraus – nachdem wir ein erstes Hinweisschild mit »Carrowkeel« rechts liegen gelassen haben.
»Da ging es nach Carrowkeel«, weist mich Petra in Castlebaldwin hin, nachdem wir beide das Schild im Vorbeiflug gelesen haben. Ich wende, ohne einen der wirklich entgegenkommenden Iren mehr als nötig zu gefährden, und halte den treuen Skoda stramm auf Spur. Was nicht schwierig ist, denn die Zufahrtsstraße zu Carrowkeel ist nur gedacht zweispurig. Mittelstreifen sind in Irland etwas für Straßenbauer, die Tünche vergeuden wollen; vermutlich wird es rationiert oder für die Schafe aufbewahrt, um sie winters wieder fleckenlos weiß anzumalen. Und wäre sowieso sinnlos, sobald ein Traktor auf dich zuknattert.

Die Hecken sind ja eine besondere Spezialität der Iren, quasi der Sichtschutz für Rinder und Schafe, damit sie die elend vielen Touristen nicht sehen müssen. Die Touristen dafür sehen – nichts. Nicht einmal den Gegenverkehr. Besonders originell sind die Hinweisschilder für eine kurvenreiche Strecke, die mal hier, mal da eingestreut werden. Eigentlich immer dann, wenn gerade eine kurvenreiche Strecke endet und eine neue kurvenreiche Strecke anfängt. Sparsamer wären Schilder für eine geradlinige Strecke. Mit einer Handvoll dieser Schilder käme jedes County ganz gut hin. Einsparpotential ist also überall noch vorhanden.
Sobald der Heckenwald offenem Gelände weicht, ist eine Straßeneinmündung oder eine Kreuzung erreicht. Wundersamerweise lungert kein Kreisverkehr auf uns. Ein Hinweis darauf, dass diese Route weder touristisch erschlossen noch für die Einheimischen von besonderem Interesse ist. Einsamkeit definiert sich in Irland durch das Fehlen eines Kreisverkehrs. Hier muss es sehr einsam sein.

Kein Fahrzeug kommt uns entgegen. Das ist gut, besonders für die Anderen. Im Laufe der zehn Tage, die Petra und ich nun bereits durch Irland schippern und an deren Ende wir rund 1.100 Kilometer zurückgelegt haben werden, passt sich der gesamte Metabolismus auf das irische Verkehrsgebaren an. Der Blick verengt sich, der Fuß ruht starr auf dem Gaspedal, das Bremspedal liegt im Handschuhfach, um nötigenfalls mit beiden Füßen das Gas durch die Karosserie treten zu können. Ich beschleunige nicht mehr nach der Kurve, sondern vor der Kurve. Gegen Petras Schreie, erst hysterisch, dann verzweifelt, später ohnmächtig, helfen die Oropax, die ich eigentlich gegen schlaflos Nächte wegen Meeresrauschen eingepackt hatte. Wozu mietet man auch sonst einen Mietwagen, wenn man damit dann nicht wie eine gesengte Sau fährt? Vettel fährt ja auch nicht mit seinem eigenen Auto Rennen – aus gutem Grund!

Außer Atem gelangen wir zu einem kleinen Parkplatz, der insgesamt zwei normalen Fahrzeugen oder einem SUV Platz bietet. Möglich wäre, noch am Rand der Piste ein oder zwei Wagen abzustellen, doch sollte derjenige dann hoffen, dass nicht ein Mietwagenfahrer wie ich um die Ecke brettert und seinen Wagen touchiert.
Ein kleiner Rastplatz dient Petra dazu, nach der zügigen Fahrt im zugigen Bergwind auszurasten. Wir essen und trinken gemütlich und schauen hinan zu den Hügeln. Eine Schautafel informiert uns über den »Miners Way and Historical Trail« und den Zuweg nach Carrowkeel. Weil der Weg ausgeschildert mit schwarzen hölzernen Vollpfosten und gelben Richtungspfeilen ist, sollte ein Verlaufen unwahrscheinlich sein, zudem das Gelände gut überschaubar scheint, so unwahrscheinlich sein wie ein Traktor auf einer engen Landstraße in Irland.

Pack die Füße aus, es geht hinauf!

Der Fußweg hin und zurück ist etwas 4 Kilometer lang und führt uns auf rund 375 Meter Höhe in den Bricklieve Mountains.
Ein gerades Stück zieht uns zwischen die Hügelkuppen. Leicht verdattert verharren wir an einem Gatter mit Hinweisen, dasselbe doch bitte wieder zu verschließen. Wozu so großspurig darauf hinweisen, gehen doch nur Fußläufige wie wir hindurch. Was sich als Irrtum erweist.
Brav also das Gatterchen für die Fußgänger hinter uns geschlossen. Schafe unterschiedlicher Färbung (weiße mit blauen Streifen, weiße mit roten Streifen, weiße mit unklaren Streifen) beäugen kritisch unser Tun, sicher bereit, bei offenem Gatter erst uns um den Hals zu fallen und dann das Weite zu suchen, wo auch immer das sich versteckt.

Andere grasen an den Hängen, andere in den Hängen, manche so weit droben, dass wir andächtig stehen bleiben und Wetten darauf abschließen, welches dieser weichen weißen Wollknäuel wie weiland die Blechdosenritter den Hang hinunterrollt. So wollig sollen sie in Irland ja deswegen sein, um unten kuschelweich abgefedert gegen einen Zaun oder eine Steinmauer stupsen zu können. So halten sie sich schadlos.
Nichts kommt ins Rollen, sodass wir wieder unseres Weges ziehen. Zum zweiten Parkplatz. Ein Hinweis darauf liefert ein entgegenkommender Wagen, dessen Insassen arbeitsteilig am Gatter Halten, die Beifahrerin aussteigt, das Gatter öffnet, den Gatten samt Wagen durchs Gatter lässt und hinternach wieder vorschriftsmäßig verschließt.


Einige der Schafe wandern zum Gattertor und drücken sich die Daumen. Doch es ist sinnlos, sie können nicht entkommen. So trotten sie wieder weg.
Wir dagegen trennen uns am zweiten Parkplatz, der nicht viel weiträumiger als der erste ist. Das macht froh. Wo kleine Parkplätze selbst bei einem Touristenboom, wie ihn Irland ja erlebt, für uns Touristen noch genügen, lässt sich gut auf Abgeschiedenheit hoffen. Um diese Abgeschiedenheit zu bewahren, breche ich meinen also Bericht an dieser Stelle ab.

Bei Sligowalks findet sich eine Wanderkarte. Ich selbst habe bei Outdooractive unsere Wandertour eingetragen, sodass sie als Wanderkarte und als GPX-Datei heruntergeladen werden kann (mit dem Hin und Her bei den Steingräbern).

Nein, war ein Spässken, ich erzähle weiter, wissend, dass Blogger wie ich, der auch so gerne auf »geheime Plätze, an denen noch nie ein Mensch gewesen ist«, hinweist, genau das Gegenteil bewirkt: Werbung für die Einsamkeit betreibt.
Petra jedenfalls mag nicht mitkommen. Wenn es etwas höher hinausgeht, steht bei ihr die Frage nach »Wie hoch?« im Raum. Höhenangst ist oft für andere nicht verstehbar, doch arrangieren wir beide uns so gut wie möglich. Ich also nehme mir den Weg allein zur Brust – nun ja, allein ist untertrieben, denn links und rechts des gut ausgebauten Fahrwegs mampfen Schafe grünes Gras. Sobald ich eines von ihnen anspreche mit einem »How Are you?« oder nach dem Weg frage mit einem sinnvollen »Where Are the Rocky Roads to Dublin?«, geben sie ordentlich Fersengeld. Eine Schaf-Stampede auslösen möchte ich nicht, sodass wir uns auf gegenseitiges Ignorieren einigen.

Hier und da fällt mein Blick auf Felsiges, das meiste davon von Menschenhand nicht verrückt, anderes dafür von Menschenhand hierhin gestellt. Oben dann, unterhalb einer Anhöhe, weist ein neues Schild hin, dass es nun wirklich nicht mehr weitergeht mit motorisierten Fahrzeugen und man gefälligst die Füße unterm Arsch in Gang setzen soll. So ähnlich hätte ich das formuliert, das Schild drückt sich freundlicher aus.
Der Fußmarsch bis hierhin war mehr erholsam als anstrengend. Wer den partout mit einem Motor unterm Hinterteil bewältigen will, lässt sich auch mit einem Taxi zum Klo fahren. Für den stimme ich nicht den Slogan »Raus an die frische Luft«, sondern »Bleib daheim und guck Google« an. Was für den Menschen gut ist, ist nicht immer gut für die Natur.

Ich folge dem Richtungsweiser. Bergan also. Ausgetretenen Pfaden nach, die sich durch niedriges Kraut schlängeln. Fast falle ich auf die Fresse, was mir ja nach den bösen Worten von vorhin auch recht geschähe, aber einen guten Grund hat. Ich guck doch so gerne! Und gucken tut hier gut, denn die Altvorderen wussten schon, wo sie nach dem Tode einen schönen Ausblick haben. Wobei die hier Bestatteten sicher eine exponierte Stellung im Gefüge ihres Stammes hatten, Hinz und Kunz waren das nicht, mehr halt Chef Eins und Chef Zwei, der Chef Eins eins über die Rübe gegeben hat, um Chef Zwei anstelle von Chef Eins zu werden. Jedenfalls wird das gemeine Fußvolk, also Menschen wie du und ich, nur ohne Smartphone, nach dem Dahinscheiden irgendwo auf einem Haufen herumgelegen haben, bis 1. die Geier, 2. das Feuer oder 3. die Käfer die Sache wirklich erledigten.


Morbide Gedanken treiben mich allerdings nicht um, wenn ich Stätten wie diese betrachte. Vielleicht Gedanken an meinen Vater. Hört sich seltsam an, liest sich vermutlich auch so, ist aber so gemeint. Nicht viel aus der Vergangenheit ist erhalten geblieben. Schmuckstücke oder Waffen, die von Schmieden geschaffen wurden, Schriftstücke, gekeilt, gemalt oder geschrieben, ganz oft aber Bauwerke. Mein Vater war Maurer, ich bin Sozialarbeiter. Da muss ich nicht lange fragen, von welcher Berufsgruppe denn in hundert oder tausend Jahren oder mehr womöglich noch etwas zu sehen sein wird. Insofern haben die Maurer in der Steinzeit nun wirklich nachhaltig gearbeitet. Und ich bin froh, dass Carrowkeel so ablegen liegt, denn sonst wäre dasselbe Schicksal wie andernorts über die Anlage hereingebrochen, Steine wäre weggeschafft worden für Profanbauten oder für Straßen, die Erinnerungen wären ausgelöscht worden und hätten Eingang gefunden in ein Stückchen Mauer, an dem die Schafe ihre Schnäuzlein schuppern.

Sind so schöne Steine!

Carrowkeel (diese Seiten bieten schöne Übersichten: The Sacred Island und Megalithic Ireland) bietet 14 Cairns auf, Großsteingräber, die mit Newgrange oder Knowth vergleichbar sind. Im 4. Jahrtausend v. Chr. wurden sie errichtet (Newgrange: 3.300 – 2.900 v. Chr; die Pyramiden von Gizeh etwa von 2.620 – 2.500 v. Chr.)
Ein wesentlicher Unterschied zu Newgrange fällt mir bei Schritt und Tritt ins Auge: Es sind viel weniger Besucher, die wie ich durchs Gelände streunen. Genau genommen begegnet mir nur ein einzelnes Paar, er vorneweg, sie hinterdrein. Später laufen mir noch drei Personen über den Weg – zwei betuliche Damen folgen einem forschen Mann. Ansonsten: Ruhe über den Wipfeln des knöchelhohen Bewuchses.

Zeit für mich, meine Beine zu ordnen und die Höhe zu erklimmen. Drei große Cairns passiere ich dabei. In den Letzten weit oben schaue ich hinein. Also nicht richtig hinein, denn die Eintrittspassage hat Hobbithöhe, wobei ein ausgewachsener Hobbit Mühe hätte, ohne Dätzdutzen einzutreten. Ich also huckele mich hin und halte das moderne Ablichtungsgerät mittenrein. Das klappt ja per se nie, die meisten so geschossenen Fotos bilden eine Hausdecke, einen Besenstiel oder den halb angeschnittenen Mond ab, aber niemals das, was aufs Bild soll. Schlimmstenfalls erwische ich mich selbst, und das ist dann nicht nur für mich verstörend, sondern auch für die Blogleser. Diesmal habe ich ein glückliches Händchen, banne die Steine aufs Foto, wenn auch stark unterbelichtet. Andererseits verschafft das den Bildern etwas Düsteres, Schummriges, also atmosphärisch dichter an dem Gefühl, das solche Gemäuer mir vermitteln.


Eigentlich bin ich über die Jahre schon immer ein Gräberjäger gewesen. Schon in Jugendjahren mussten meine Eltern wegen mir in Dänemark graue Steinhaufen ansteuern, auf denen ich dann herumturnte. Es soll davon Beweisfotos geben, die ich aber – siehe vorhin – zum Schutze der Betrachter nicht veröffentlichen werde. Mich fasziniert die Vorzeit nicht weniger als das Mittelalter und alles dazwischen. Da ist so ein riesengroßer Haufen Steine wie in Carrowkeel ein gefundenes Fressen für mich, in diesem Falle sogar ein Festmahl mit Nachtisch. Crème brûlée mit Sahneklecks. Natürlich hüte ich mich davor, den Steinhaufen auf den Kopf zu steigen. Überhaupt muss man an solchen Orten nicht nur schaulustig sein, sondern auch ehrfurchtsvoll. Und daran denken, dass diese Steine (hoffentlich) seit vielen tausend Jahren unverrückt hier liegen, darauf herumturnen und womöglich eine kleine Lawine in Gang setzen: Tu es nicht!

Meine suchenden Blicke dagegen finden etwas nicht. Ja genau, das dezent in die Landschaft geklatschte Multimedienschnickschnackzentrum vom Stararchitekten samt Versammlungssaal mit Teebeutelverköstigung, den Shuttlebus (es geht ja bergauf!) und die Meetingpoints. Ohrenstöpsel für die Audiotour, damit die Stille nicht so furchtbar … still ist. Und die Frittenbude nicht zu vergessen. All das: iss hier nicht. Doch vermisse ich vielmehr dieses Schildchen, am schönsten eingeschlagen auf Messing, solide und wasserfest. »Goethe war hier«. Sollte der alte Zausel echt nicht seinen Wanderstock auf irischen Grund geschlagen haben? Jedenfalls werde ich einen weiteren Besuch von Carrowkeel nicht ohne ein handgeklöppeltes Täfelchen machen. »Yeats war hier. Und Joyce auch!« Auf deutsch, natürlich. Für die Bildungsbürger zum kritischen Hinterfragen. Vielleicht bleibe ich so der Nachwelt in Erinnerung als der, der doofe Schilder malt.

Ein anderer Cairn sperrt sich noch mehr, kleine Blöcke liegen quer davor. Ich hangele mich, wiewohl es absolut ungefährlich ist, über den Spalt, fantasiere einen gefährlich langen Moment darüber, dass ich leicht vorne über kippen könnte, der Kopf im Spalt, die Beine draußen, ein Schaf stößt freudig ein »Mäh!« aus und stupst mich komplett rein. Und eingekeilt genieße ich dann die modrige Gruftluft und hoffe, dass Petra ihre Höhenangst überwindet und spätestens – ich krieg doch kaum noch Luft – nach drei oder vier Stunden mal nach dem Rechten schaut.
Natürlich passiert nichts. Die Kamera zieht eine Bilderreihe durch mit superlanger Belichtungszeit, womit mein Zittern in dieser misslichen Position auch bestens dokumentiert ist. Natürlich habe ich eine Lampe, extra für die Reise gekauft (klein und handlich, aber grellhell), im Gepäck. Aber habe ich das Gerät hier oben dabei? Nein. Du große Leuchte, denke ich und fotografiere also im düster-schummrigen Licht, das so fein den Schaudern übern Rücken rieseln lässt, wenn’s draußen dunkel ist und eine Stimme in deinem Nacken raunt: »Mäh!«

Schafe sehe ich hier bei den Cairns übrigens keine, wohl zu abgegrast, das Gelände, um satt zu werden. Dafür sehe ich mich satt an der Landschaft. Wenn Augen schweifen könnten, dann schwiffen sie jetzt hinüber nach Sligo, zur Sligo Bay, Knocknarea, den Ox Mountains. Und mehr rechts dann zum Lough Arrow. Der Wind flötet sanft seine nimmermüden Melodien. Graue Wolkenstreifen legen sich über den Horizont, links von mir türmen sich graue Schleiergespinste über einen Bergkamm. Ein weiterer Cairn zeigt sich dort erhaben.
Die Cairns sind durchnummeriert, Cairn G hat den sogenannten »roofbox«, an dem ich dann vor dem Eingangsstein meine Arme und Beine verknote, um wenigstens ein attraktives Foto zu machen.

Wenn Schafe schwätzen könnten!

Im Vorfeld habe ich mir nicht die Mühe gemacht, einen genauen Lageplan im Internet zu suchen. Das rächt sich nun, denn ziellos irre ich durch die Anhäufungen von Steinen, ohne unterscheiden zu können, ob ich vor jenem Stapel Steine zu Recht vor Ehrfurcht erstarre, oder ob ich nicht einfach einer von einem Schäfer aufgeschichteten Steinhaufen aufsitze, den er letztens mal eben so hingeworfen hat.

Einen ähnlichen Pfad gehe ich zurück zum Feldweg, vermeide den Blick auf die Uhr, lasse die Zeit durch meine Finger rieseln, während ich ein letztes Mal in die Ferne schaue – eigentlich genau dorthin, wo wir vor wenigen Stunden noch unsere Koffer packten. Sligo und seine Bucht.
Dann endlich haste ich zurück, verdutzte Blicke auf mich ziehend. Wieder einer dieser spinnerten Touristen, die an einem solchen Ort der Ruhe vorüberhetzen. Nebenher: Bis hier oben hin ließe sich gut mit einem SUV oder Wohnmobil fahren. Und obwohl ich heute ein solches Gefährt nicht sehe, befürchte ich, dass genau dies auch gemacht wird. Finde ich zum Kotzen, in einem Land, das man auch wegen der Stille besucht, mit einem von zwei Personen besetzten dicken Fahrzeug bis vor eine Sehenswürdigkeit zu stampfen, auszusteigen und – so wie ich heute – in aller Hast dies und jenes abzuarbeiten. Erledigt, Haken dran, und weiter.
Mir geht es heute leider fast ebenso, und ich bedaure dies so sehr, dass ich mir sicher bin: Wenn wir nochmals in diese Region fahren, dann packe ich mir Zeit in den Rucksack und Muße dazu, und dann lasse ich die Zeit zwischen meinen Fingern verrinnen, bis sie kleine Häufchen zu meinen Füßen baut.
Petra wartet geduldig, dann senden wir unsere Füße gemeinsam mit dem Rest das Tal hinab zum Mietwagen.

»Gentlemen, start your engines« heißt es dann. Denn wundersamerweise taucht zeitgleich, woher auch immer, ein Lieferwagen vor uns auf. Ich kupple an in der Hoffnung, dass der uns schon den Weg freifräsen wird für den Fall, ein Mähdrescher kommt uns entgegen. Rund hundert Meter gelingt mir das vorzüglich, dann ist der Lieferwagen auf und davon. Schon in der ersten Kurve gerät er mir aus dem Blickfeld, in Castlebaldwin hat die Landschaft ihn längst verschluckt. Wir scheren rechts in den Verkehr ein und schwimmen mit ihm elegant in Richtung Athlone …

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
Schlenderer

Letzte Artikel von Schlenderer (Alle anzeigen)

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ich akzeptiere