Auf dem Heidschnuckenweg von Undeloh nach Handeloh (Etappe 3)

Abschied fällt schwer. Ja, Abschied vom Heidschnuckenweg. Doch dieser Abschied steht nach dem Frühstück noch gar nicht an. Mehr von Abschied aber später, denn Abschied steht doch meist am Ende von etwas. Meist, nicht immer.

Zuerst aber frühstücken wir opulent in Der Teestube. Wir werden wieder verwöhnt, wie an allen Tagen, und trennen uns nur schwer (im wahrsten Sinne) vom Frühstückstisch, von der Teestube, von den netten Menschen dort. Zeit ist’s aber, um aufzubrechen. Den Rucksack ein letztes Mal mit dem Nötigen für die rund 17 Kilometer lange Wanderung von Undeloh nach Handeloh befüllen, wobei zuoberst das gut gefüllte Fresspaket der Teestube kommt.

Petra und ich schauen uns noch ein letztes Mal um, zur Teestube. Ach, und ich zu Petra. Oder so. Noch bis zur im Jahr 1189 errichteten St.-Magdalenen-Kirche mit dem auffälligen Glockenturm aus Holz gehen wir gemeinsam, dann heißt es auch für uns: Abschied nehmen.

Wieso das? Lukas Podolski muss ein weiteres Mal mit einem Zitat in die Bresche springen, das vermutlich aus seinem Mund stammt: »Erst haste kein Glück, und dann kommt auch noch Pech dazu.« Petras Achillesschmerzen haben etwas nachgelassen, dafür hat sie sich zwei unfeine Blasen eingehandelt. Tribut ans ungewohnte Schuhwerk und sicher an die nicht gesunde Schonhaltung am Vortag. Petra also wird nach Handeloh mit dem Auto fahren, und statt das wir wie geplant mit der Erixx, der Heidebahn, von Handeloh nach Schneverdingen fahren, werde ich dort ins Auto steigen (das Petra wiederum in Schneverdingen abholt, indem sie mit dem Herrn vom Gepäcktransport von Undeloh nach Schneverdingen fährt – klingt kompliziert? Vor Ort war’s recht einfach zu regeln).

Doch wie soll Lukas Podolski auch gesagt haben: »Wir stecken den Sand nicht in den Kopf«. Und Recht hat er!

Nach einer herzerweichenden Abschiedsszene (»Tschüss.« … »Pass auf Dich auf!« … »Jo.«) verschwinde ich in den Gassen der Stadt. Jedenfalls für wenige Meter, denn schon bald trenne ich mich endgültig von pulsierenden Leben, schwenke samt Rucksack von der Straße »Zur Dorfeiche« links ab und finde mich alsbald auf einem weichen Weg zwischen Büschen und Bäumen wieder.

 

Erst einmal also: nix mit Heide. Das ist nicht schlimm, weil Abwechslung doch das ist, was einem Wanderer das Wandern versüßt. So tigere ich mutter- und ehefrauallein durch das Wäldchen, und ganz zaghaft steigt der Weg sogar an, bis ich nach rund 2 Kilometern den 126 Meter hohen Hingstberg bestiegen habe – den höchsten Punkt meiner heutigen Tour.

Geschickt hangele ich mich auf dem zum Glück ausreichend breiten Wanderweg wieder hinunter, wobei meine Blicke leichtfüßig über die jetzt vor mir in tausend Grüntönen changierende Heide streifen. Ich überquere eine Straße, gehe an ihr entlang bis zu einem Wanderparkplatz und wende mich dann nach rechts. Nun geht es ein gutes Stück immer am Wald lang, der sich rechts von mir aufbaut, während zur Linken die Heide winkt.

»Weseler Büsch« nennt die Heideregion sich hier, und nach einigen Hundert Metern trete ich ihr richtig näher, als der Weg sich vom Waldrand entfernt und mitten durch den grünen Teppich führt. Knorrige Wacholderbüsche verteilen sich kunterbunt übers Terrain, der grasige Pfad steigt mal an, mal ab, aber immer so sanft, dass ich selbst mit 80 Jahren und angeschnallt am Rollator nicht außer Puste geraten täte. Und Wehmut kommt auf. Denn den Heidschnuckenweg wünschten Petra und ich uns ganz bewusst, weil er eben sanft gewellt über die Landschaft tänzelt. Keine steilen Abhänge, keine tiefen Schluchten, denn Petra hat’s nicht mit der Höhe und dem Runtergucken und so weiter.

Der Heidschnuckenweg ist 223 Kilometer lang, startet in Hamburg-Fischbek und endet in Celle. Er führt den Wanderer auf 13 Etappen quer durch die Lüneburger Heide – wobei die Anzahl der Etappen und die Etappenlänge natürlich verändert werden kann, 8 bis 14 Etappen werden vorgeschlagen. Einige Wanderorte sind durch die Erixx, die Heidebahn gut erreichbar (für uns beispielsweise war geplant, dass wir vom heutigen Ziel Handeloh – die Etappe endet am Bahnhof – nach Schneverdingen mit der Erixx fahren). Zudem gibt es die Möglichkeit, sein Gepäck von Unterkunft zu Unterkunft transportieren zu lassen: Wandern ohne Gepäck. Wir kamen in den Genuss, nur unsere Tagesrucksäcke schultern zu müssen, denn unser Gepäck wurde fürsorglich und reibungslos zum Zielort gebracht, wo es dann pünktlich bei unserer Ankunft bereitstand.

Die von uns gewanderten Etappe 3, 4 und 10 (die wir entweder komplett oder in großen Teilen gingen) stellten keine großen Ansprüche an die Kondition oder an unsere Fähigkeiten. Wer gut zu Fuß ist, also auch einmal längere Strecken von rund 20 Kilometer wandert, wird keine Schwierigkeiten haben, die Tagesetappen zu bewältigen. Anstiege sind selten zu bewältigen, und wenn ja, sind sie moderat und keinesfalls vergleichbar mit den Auf- und Abstiegen beispielsweise im Rheinischen Schiefergebirge. Für unterwegs sollte man Verpflegung im Tagesrucksack mitnehmen, einige Etappe laufen zwischendurch keine Dörfer mit Gasthäusern an, und besonders die schönen Aussichten oder die ruhigen Rastplätze laden zum Sitzen und Genießen ein. Gute Wanderschuhe, auch nur knöchelhoch, reichen aus, doch besonders bei Streckenwanderungen über mehrere Tage müssen diese natürlich eingelaufen sein. Dass im Sommer Sonnenschutz (Kopfbedeckung und mehr, Sonnencreme) nötig ist, steht hoffentlich außer Frage, genauso wie eine Regenjacke und/oder Regenhose in den Rucksack gehören, wenn die Witterung es notwendig macht. Wer mit Hund wandert, sollte an Wasser für ihn denken, denn durch die Heide fließt nicht überall ein Bächlein.

Der Heidschnuckenweg ist gemütlich, was überhaupt nicht despektierlich gemeint ist. Er eignet sich für jeden, der sich nicht mit einer Sänfte zum Bäcker um die Ecke tragen lässt, weil ihm jeder Schritt zu viel und zu mühsam ist. Dabei hält der Heidschnuckenweg eine ganze Menge an schönen, reizenden, überraschenden, aufregenden, spannenden, tierischen Momenten bereit. Welche Jahreszeit sich für eine Wanderung in der Heide am Besten eignet? Im August und im September blüht die Heide wie dolle – klar, wer das erleben möchte, muss dann wandern. Es wird sicher nicht so menschenfrei sein wie jetzt im Mai. Das spricht also für eine andere Zeit, unsere Wanderung zeigte die Heide in den schönsten Grüntönen, die Temperaturen waren – trotz des durchwachsenen Wetters angenehm, Orte wie Wilsede oder Undeloh nicht übervölkert. Letztlich muss jeder selbst entscheiden, worauf er sich einlassen will oder kann. Wer’s kann, nimmt eine Woche im Mai und eine im August …

Einen Überblick der einzelnen Etappen hält die Website des Heidschnuckenwegs parat: Streckenverlauf. Dort finden sich auch weitere Informationen sowie die Möglichkeit, Prospektmaterial herunterzuladen oder anzufordern: Prospekte. Für unterwegs standen uns die ausgezeichnete Wanderkarte Heidschnuckenweg aus dem Verlag PublicPress und der Wanderführer Heidschnuckenweg aus dem Conrad Stein Verlag zur Verfügung. Beides leistete uns sehr gute Dienste, besonders an unserem ersten Wandertag in der Südheide mit unserer eigenmächtig geänderten Route waren wir froh, uns anhand des Kartenmaterials problemlos orientieren zu können.

Ich gehe ja gern auch allein, aber auf diese vier gemeinsamen Wandertage hatten wir uns sehr gefreut. Jetzt passt ein Zitat von Lukas Podolski wie die Faust aufs Auge, aber das ist diesmal nicht jugendfrei, weshalb ich es erspare und jedem Selbst überlasse zu denken, was ich so Unfeines dachte.

Aber die Lüneburger Heide kann nichts dafür, und deshalb lasse ich meine wehmütige Empfindelei nicht am Weg aus. Der zeigt sich auch landschaftlich von seiner wundervollen Seite. Zwar spielt das Wetter (noch) nicht mit, aber was soll’s, die Heide entschädigt für jedes Wölkchen zu viel am Himmel. Leicht laufen meine Füße über den Untergrund, und mehr als einmal bleibe ich stehen und mache gar keine Fotos (was sonst meine übliche Tätigkeit beim Stehen bleiben ist), sondern schaue einfach. Wenige Wanderer verlieren sich so wie ich in der stillen Heidelandschaft, von der nahen Landstraße dringt nur selten Motorenlärm zu mir herüber.

Noch stiller wird es rund um die Pastorenteiche, die nahe bei Wesel liegen und sich wie eine Perlenkette hintereinander aufreihen. Eigentlich ein schöner Ort zum Verweilen, doch diesmal eile ich weiter. Von Wesel prägt sich mir das Hexenhaus in der Straße »Am Höllenhoff« ganz besonders ein. Sein Ursprung geht auf das Jahr 1731 zurück, es hat sich fein herausgeputzt, steht adrett inmitten säuberlich gestutzter Rasenfläche und dient, so lese ich später, als Außenstelle des Standesamtes. Nicht schlecht.

Wesel verlasse ich über den Wehlener Weg, dem ich nun bis zum gleichnamigen Ort folgen werde. Manch Wohlfühl-Wanderer wird die folgende Passage als hartes Brot wegräumen, ich aber wandere nach dem Motto »Wo Licht ist, ist auch Schatten.« Und der Schatten ist für eine gute Meile oder mehr nun schwarz, teer-schwarz. Stört mich das? Nö, meine Wanderschuhe halten das aus, dann schadet es mir sicher auch nicht. Außerdem zählt letztlich nicht nur das, was unter den Füßen ist, sondern vor den Augen.

Und da habe ich ja die Wahl. Ich kann mich jetzt am Asphalt festbeißen und lamentieren, oder ich sauge die Landschaft auf, erfreue mich nach einem Stückchen Ackerland und einem Wäldchen an der Heide, die mich sodann bis zum Weiler Wehlen begleiten wird.

Und als ob mir da noch jemand zuzwinkern wolle, huscht zwischen den Wolken ab und zu die Sonne hervor und strahlt mich an. Da bleibt mir ja kaum was anderes, als zurückzustrahlen. Zwischendurch entscheide ich mich für die Wegvariante durch Wehlen.

Strahlend also wandere ich an fünf Heidehäusern und einem Forsthaus vorbei (so erzählt es mir der Prospekt, nachgezählt aber habe ich vor Ort nicht), Ruhe herrscht rund um mich herum, zudem die genannte Straße nur für den Anliegerverkehr frei ist. Bald schon verlasse ich das Heidedörfchen, überquere die Seeve und halte mich nun die folgenden drei Kilometer nah am Bach.

Was folgt, ist der drastische Gegensatz zur offenen Heidelandschaft. Über morastigen Boden, auf Tuchfühlung zum sprudelnden Bächlein, wandere ich auf herrlich weichem Waldboden und passiere einen Steg, der rechts zur vorhin genannten Variante führt, die Wehlen in einem Bogen umgeht.

Petra und ich bedanken uns sehr herzlich bei den Veranstalten des 1. Dt. Bloggerwandertags. Frau Britta Zesch von der Lüneburger Heide GmbH arbeitete gemeinsam mit uns das fabelhafte Programm aus – jeder einzelne Programmpunkt war ein Genuss, jede einzelne Etappe und jeder Abstecher ein neuer Höhepunkt. Frau Christa Fredlmeier organisierte für Top Trails of Germany den Bloggerwandertag, wofür wir uns natürlich ebenfalls bedanken – er kam sehr gut bei uns an! Susann Pleß begleitete von der Lüneburger Heide GmbH den Bloggerwandertag auf Twitter und auf Facebook – ich danke für die Geduld am Samstag, als keine Beiträge über den Äther flatterten.

Und ganz herzlich bedanken wir uns für die immer gastfreundliche Aufnahme und Bewirtung in der Heidehexe in Oberohe, im Hotel Schäferhof in Schneverdingen und in Der Teestube Undeloh. Letztlich gebührt ein Dankeschön Frau Goltz mit ihrer Spinnerei in Hermannsburg, Herrn Kuhlmann auf dem Heidschnucken Hof Niederohe und Herrn Brockmann, dem Heide-Ranger. Wir waren und sind noch immer begeistert.

Und wenn mir jetzt noch einer was von Service-Wüste Deutschland ins Ohr trötet, dann räuspere ich mich mal sehr sehr laut. Wir haben bei unserer viertägigen Wanderung nur freundliche Menschen angetroffen. Natürlich, es wurde sich auf dieser gesponserten Reise sehr um uns bemüht. Doch ich bilde mir ein, echte von gespielter oder gekünselter Höflich- und Freundlichkeit gut unterscheiden zu können und zudem aufmerksam zu verfolgen, wie jemand nicht nur mit uns, sondern auch mit anderen Menschen umgeht. Nicht die Menschen im Service sind (immer) das Problem, sondern diejenigen, denen der Service zugute kommen soll. Deutschland ist halt eine Nöhler-Oase …

Weiter geht es voran, wobei ich mich erwische, wie ich zwischenzeitlich Tempo herausnehme, um so die letzten Momente intensiver zu genießen. Denn etwas steht ja bevor: der endgültige Abschied. Auf den letzten Metern kommt mir dann auch Petra entgegen. Das Wiedersehen fällt rheinländisch-herzlich aus. (»Du hier?« … »Jo.«)

Gemeinsam schnuppern wir noch Waldluft, verlassen dann das Seevetal und legen entlang eines letzten schmalen Heideareals und von Äckern die wirklich allerletzten Meter zurück.

Der Wagen steht nicht am vorgesehenen Zielpunkt in Handeloh, also am Bahnhof, sondern an einem Wanderparkplatz wenige Hundert Meter davor. Wir verpassen dadurch aber nichts vom Heidschnuckenweg.

Der letzte Handgriff

Die Rückfahrt wird weniger traumhaft. Wieder 7 Stunden für knapp 500 Kilometer. Diesmal liegt eine (wirklich!) erschossene Kuh an der Mittelleitplanke; mitsamt ihrer Herde ist sie ausgebüxt, beide Fahrtrichtungen werden gesperrt, aber kein Mensch verletzt. Immerhin, das ist etwas Positives …

Petra wird noch einen allerallerletzten Bericht schreiben. Für sie war der Heidschnuckenweg etwas Besonderes, und ihr geht es dabei speziell um die sanften Höhen und die fehlenden Schluchten und tiefen Täler.

Ein Fazit? Will ich das wirklich ziehen? Ja, ich muss. Und halte mich kurz. Und bin gemein. Wer mein Fazit wirklich erfahren will, lese alle meine Berichte zum Heidschnuckenweg. Wer dort nicht herauslesen kann, wie gut mir der Heidschnuckenweg gefallen hat, dem kann ich nicht helfen. Aber eine kleine Hilfe gebe ich, ein Wort nur: KLASSE!

 

Zum 1. Tag geht es hier entlang: Von Spinnerei und Heidehexe und dem Gold der Lüneburger Heide

Zum 2. Tag geht es hier entlang: Von Heidschnucken und Heide pur am Heidschnuckenweg

Zum 3. Tag geht es hier entlang: Auf dem Heidschnuckenweg von Niederhaverbeck nach Undeloh

Petras Bericht von Spinnerei und Schäferhof: Von einer Heidjerin und einem Heidschnucken-Schäfer

Im Pietzmoor waren wir auch: Frühmorgens durch das Pietzmoor bei Schneverdingen

Petras Bericht über die Vorzüge des Heidschnuckenwegs: Wie meine Höhenangst den Heidschnuckenweg lieben lernte

 

[Hinweis! Unsere Bloggerreise wird von den Top Trails of Germany und der Lüneburger Heide GmbH und Einrichtungen vor Ort gesponsert.]

 

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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