Die Augen der besten aller Ehefrauen strahlen, als ich ihr eine Zahl nenne: “5,1”. Nein, das ist nicht der aktuelle Zwischenstand meiner zweifelhaften Versuche, mein Gewicht zu reduzieren. Es war die Wanderstrecke Grenzau HG4, die mit sehr moderaten 5,1 Kilometern im Büchlein  von Ulrike Poller und Wolfgang Todt gelistet ist. 177 Meter soll er uns in die Höhe hieven, und vorgesehen sind sehr fußfreundliche 1 1/2 Stunden. Wer kann da schon „nein“ sagen?

Uns kam die kurze Strecke entgegen, weil wir gestern aus gegebenem Anlass – das klingt wahnsinnig geheimnisvoll, kaschiert aber in Wahrheit nur die verrückte Idee – bei brütender Hitze durch Koblenz schlichen. Dann doch lieber – genau: HG4. Die Fahrstrecke von unserem zuhause über Bendorf und dann hoch in Richtung Höhr-Grenzhausen stimmt uns schon auf das Walderlebnis ein. Doch sobald wir am Ortseingang von Höhr-Grenzhausen abbiegen, tauchen wir vollends ein in eine noch beschauliche Welt. Die Straße schlängelt sich bergrunter, dass wir unten froh sind, noch kein Mittagessen intus zu haben. Und noch dankbarer sind wir, als wir im doch engen Örtchen Grenzau einen rechtlich einwandfreien Parkplatz finden.

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KurzInfo! Der Rundwanderweg HG4 startet in Grenzau. Er führt auf einer Strecke von 5,1 Kilometern mit 177 Höhenmetern über die Felsgruben-Schlucht an einem Reiterhof vorbei wieder zurück ins Brexbachtal. Im Ort Grenzau sind kurz nach der Ortseinfahrt auf der linken Seite einige Parkplätze vorgesehen; an Sonn- und Feiertagen könnte es jedoch eng werden. Einkehrmöglichkeiten bestehen im Ort.

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Weit und breit keine Spur vom Bauern, aber wenigstens seinen Garten hat er dagelassen

Und dann: ausgestiegen, losgewandert. Der Brexbach gluckert zu unserer Rechten, am anderen Ufer schaufeln sich Hotelgäste ihr Mittagessen ein und schauen uns zu. Ich warte nur auf ihre gut gemeinte Anfeuerung wie weiland Erik Zabel: “Quäl dich, du Sau!” Aber sie wollen den Mund wohl nicht zu voll nehmen und lassen es, und wir verfolgen den Brexbach auf seinem Weg. Sehr bald schon passieren wir die Ostersmühle, wo uns ein netter Bauerngarten um die Nasen duftet. Dann aber geht es richtig los. Die nächsten zwei Kilometer lässt die Steigung nicht locker, der Laubwald steht uns zwar zur Seite, aber richtig helfen will uns das auch nicht.

Es ist soweit, jetzt bricht auch in Deutschland die erste Bank zusammen

Wir quartieren uns kurz auf dem Kaiserstuhl ein – der scheint ein magnetischer Ort zu sein, der alle Wanderwege um das Brexbachtal anzieht. Doch wir wollen weiter, der Berg ruft – und auch der Magen. Um unsere körperlichen Begierden zu befriedigen, benötigen wir eine bequeme Bank. Der Weg, manchmal pfadig und eng am Hang, ein anderes Mal mit Schotter oder als gut ausgebauter Forstweg, schiebt sich noch einige Zeit höher, wir schieben kräftig mit, bis wir Licht am Ende des Waldes sehen.

Vorne Landschaft, hinten Landschaft – einfach Landschaft, soweit das Auge reicht

Einen Modellflugplatz lassen wir links liegen, weil der Weg nun flach verläuft und unsere Beine wie von selbst zwischen den blühenden Stauden und Sträuchern laufen. Wir halten endlich an einer Bank an, packen aus und tischen auf (das geht auch ohne Tisch), und während wir uns laben, beobachten wir auf einem Getreidefeld, wie vier Männer gar seltsame Arbeiten verrichten. Sie hieven ein Haus, nicht groß, aber stabil, mit Maschinenkraft hoch, bewegen es hierhin und dann dorthin, lassen es hinab und heben es wieder an und bewegen es nun dahin. Ob sie jemals eine Entscheidung treffen konnten, ob das Häuschen nun da vorne oder dort hinten oder vielleicht an einem ganz anderen Platz bleiben soll, wissen wir nicht – wir wollten noch vor dem Abend nach Hause kommen.

Men at Work im Westerwald: “Mehr nach links!” – “Blödsinn, rechts!” – “Und höher, auf jeden Fall höher!” – “Noch viel höher!”

Vorbei an Pferdekoppeln gleiten wir bald den Weg hinab.

Hoss, Adam und Little Joe von der Ponderosa-Ranch

Einige Plätze zwischen den nun häufigen Fichten versüßen uns den Weg noch mit Ausblicken ins Brexbachtal, bevor wir den gleichnamigen Bach wieder als Mitläufer neben uns sehen. Und nur wenige Minuten später erreichen wir bereits Grenzau, das “Hotel Zugbrücke” mit seinem geschäftigen Treiben und die neu errichtete Ritter-Skulptur, und wir bewundern die eigentlich idyllische kleine Ortschaft, während wir dem einen oder Auto ausweichen, das sich auf der Suche nach den gut belegten Parkplätzen befindet.

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KurzInfo! Grenzau feiert in diesem Jahr seine 800-jährige Geschichte. Auf der Website werden die Veranstaltungen am Festwochenende Mitte August genannt. Neben der Burg Grenzau, die mit ihrem dreieckigen Bergfried den kleinen Ort überragt, imponiert eine im März diesen Jahres installierte Ritter-Skulptur. 500 Kilogramm Stahl auf 2,45 Meter Körperhöhe – die Skulptur ist nicht zu übersehen, denn sie wacht über den Weg zum Hotel “Zugbrücke Grenzau”. Das Hotel wiederum bezeichnet sich auch als die “wohl größte Tischtennis-Schule der Welt”. Mit mehr als 100.000 Teilnehmern kann dies zutreffen, zudem es der Olympiastützpunkt für Tischtennis ist – und nebenbei die Heimat des Tischtennis-Vereins “TTC Zugbrücke Grenzau” (neben anderen Titeln war der Verein sechsmal deutscher Mannschaftsmeister).

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Jetzt aber mal ernsthaft: Den Titel dieser Skulptur habe ich übersehen – ich werde es beim nächsten Besuch nachholen!

An unserem eigenen Auto wissen wir, dass die mehr als 2 Stunden, die wir benötigten (wir waren halt lange Zeit fasziniert von den erwähnten Feldarbeitern – oder waren es Hausbauer?), sehr gut angelegte Zeit waren. Der Rundweg um Grenzau mit seinen markanten kleinen Sehenswürdigkeiten braucht einfach mehr Muse als angegeben, weil man die Augen mal hierhin, mal dahin richten will. Und Ausruhen mitten im Wald oder bei einer das Gemüt streichelnden Aussicht ist ja auch eine der angenehmeren Methoden, die Zeit totzuschlagen. Trotz der Steigung zu Beginn ist HG4 ein einfacher Rundwanderweg, der die Fahrt nach Grenzau allemal mit einer abwechslungsreichen Tour belohnt.

Die Liste der Wege, die wir wenigstens noch ein weiteres Mal gehen werden, wird länger …

Rundwanderweg "Grenzau HG4"

[Die Galerie zeigt weitere Impressionen vom “Rundwanderweg Grenzau HG4”. Die Galerie lässt sich mit den beiden Buttons unten rechts “bedienen”. SL – der linke Button – löst eine Slideshow aus, mit FS – der rechte Button – wechselt man in den Vollbildmodus.]

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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4 Responses

  1. Elke

    Ich habe schon beim ersten Satz so lachen müssen, wie oft werden das Ehemänner- oder auch frauen von sich geben. Herrlich, und 5,1 Wanderkilometer mit soviel Erleben, auch herrlich!

    Wegen 5,1 km werde ich zwar vermutlich eher nicht losstiefeln, aber mit einem Schüppchen hinten dran, doch das will ich doch sehen, was du da beschreibst.
    Gruß Elke

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    • Georg

      Als längere Alternative zum HG4 bietet sich beispielsweise der “Brexbachschluchtweg” an, der mit 16,7 Kilometern weiter gefasst ist und dabei einige Stationen des HG4 trifft oder streift. Angelica hat ihn ja auf ihrem Wanderblog sehr schön beschrieben; mein Freund KD und ich haben ihn im Frühsommer erwandert, da war dann das Landschaftsbild wieder anders.

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  2. Maria R.

    diese Beschreibung des Wanderweges von dir hat mich begeistert, danke. Westerwald wie bist du schön summt …

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