Das passiert mir ja wirklich sehr selten. “Sie sind zu früh!” Sonst bin ich immer zu spät. Wenn es um den letzten Zug vor Mitternacht geht: “Zu spät, der ist grad abgefahren.” Wenn es um das super-günstige Schnäppchen geht: “Zu spät, wir haben grad alle Yachten verkauft.” Und überhaupt – zu spät kommen ist für jeden Menschen doch ein Lebensprinzip, das einen von der Geburt bis zum Tod (“zu spät, wir haben keinen Platz mehr hier oben. Gehen Sie doch bitte dort hinten die Treppe runter, da unten ist es auch wärmer.”) begleitet.

Aber “zu früh?” Doch der Reihe nach. Heute wollen wir einen Wanderweg aus dem stetig wachsenden Repertoire der “Traumschleifen” begehen. Die Traumschleifen ziehen sich quer durch den Hunsrück bis hinab zur Saar. Für uns gut erreichbar sind die Wege um, ich sag mal, Emmelshausen herum und rüber zur Mosel. Also alles, was nicht weit entfernt von Koblenz liegt. Der “Masdascher Burgherrenweg” zählt dazu. Die Angaben zum Weg sind etwas variabel, aber wie ich gleich noch feststelle, ist das ab sofort zweitrangig. Wir jedenfalls gehen zwischen 11 und 11,4 Kilometer und bewältigen 331 Höhenmeter oder 387 Höhenmeter. Am Ende wird uns auch das egal sein. Mastershausen ist gut erreichbar, wir parken wie vorgesehen und bringen zügig die wenigen Schritte durch das nicht unansehnliche Dorf hinter uns.

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KurzInfo! Der “Masdascher Burgherrenweg” gehört zu den “Traumschleifen”. Er ist circa 11,4 Kilometer lang und weist circa 331 Höhenmeter auf. Im Tal war es feucht, ich empfehle daher bei entsprechender Witterung gutes, für nasse Wege geeignetes Schuhwerk. Manche Pfade führen eng am Hang entlang und sind recht schmal, Trittsicherheit ist also angeraten (zwei kurze Passagen werden zudem Halteseilen gesichert). Der Wanderweg wird aktuell neu gestaltet, am besten die Informationen beispielsweise auf der Seite Kastellaun beachten. Der Startpunkt soll dann auch außerhalb von Mastershausen liegen!

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Wir wollen Wald sehen. Und den präsentiert man uns auch gleich, auf den ersten Metern

begleitet von den Fliegern, die den Flughafen Hahn (oder heißt der Frankfurt West?) ansteuern. Wir erwidern die Winke-Grüße der Flugpassagiere, und ich meine sogar, das Namensschild des Piloten gelesen zu haben. Diese Episode vergessen wir aber genauso bald wie die Kläranlage, als wir einen durch Windwurf arg gebeutelten (und deshalb ehemaligen) Douglasienwald bestaunen. Die sehr schöne “Sinnesbank” steht deshalb auch etwas verloren im Hang, aber die Aussicht geht jetzt natürlich weit hinab ins Tal. Und in dieses steigen wir runter.

Kein schwarzes Schaf unter weißen Schafen, sondern eine braune Kuh unter schwarzen Kühen

Aber das ist alles Schnee von gestern! Grad wollen wir einen Bach queren, da begegnen wir einem Wegewart, der sich nicht nur als sehr freundlich herausstellt und sehr kundig. “Sie sind zu früh!” (Ja, er ist das mit dem Spruch) Und dann erklärt er uns, dass in drei oder vier Tagen die Streckenführung eine andere sein wird. Der Ort Mastershausen werde komplett herausgenommen aus der Strecke, dafür ein Aussichtsturm eingefügt neben weiteren Örtlichkeiten, die den Weg noch reizvoller machen werden. Er wird auch länger sein, wie er angab, wohl um die 3 Kilometer. Und dann hämmert er weiter an der Brücke, und wir trollen uns.

Es ist ein unbestätigtes Gerücht, dass für den Bau dieser Sinnesbank der komplette Douglasienwald benötigt wurde

Und obwohl wir zu früh sind, sind wir doch glücklich. Wir werden eine der letzten sein, die diese Traumschleife in der alten Streckenführung zurücklegen. Und weil wir die neue Streckenführung noch gar nicht kennen, beschränke ich mich mehr oder weniger auf viele Fotos – verbunden mit dem Versprechen, den Weg spätestens im nächsten Jahr auf ein Neues anzugehen und davon zu erzählen.

Schweitzermühle, Weienmühle, Kaspersmühle: ein mühlenreiches Tal – doch nicht alle Mühlen sind so gut erhalten wie diese

Und es wird einiges zu erzählen geben. Nach der Brücke marschieren wir am Bach entlang. Wir sehen etliche Gemäuer, alte Mühlen, die jetzt verfallen daliegen und nicht mehr sind als Bruchstücke eines Handwerks, das hier im engen Bachlauf ausgeübt wurde. Ich stelle mir dann die Frage, wie das vor 100 oder mehr Jahren ausgesehen haben mag, wie waren die Wege, die jetzt schon schmal sind, auf welche Weise wurde das Getreide hierhergebracht, wie wurde das Mehl und anderes abtransportiert? Schon wir benötigen ohne Ballast eine längere Zeit, bis wir das Tal verlassen, gar nicht daran zu denken, schwer beladen die Hänge hoch steigen zu müssen.

Für das, was wir hier sehen – verlorene Bäche, dichtes Blätterdach und eine natürliche Stille -, wird zu anderen Zeiten niemand eine Auge gehabt haben. Das nenne ich Luxus.

Die Bäche haben klingende Namen wie Domperichbach oder Mautzbach, sie tragen trotz des Sommermonats genügend Wasser zu den Tälern, dass wir neben uns immer das Gluckern und Sprudeln hören. Die weichen Pfade am Wasser entlang federn unsere Schritte, hier kann man sich in Gedanken verlieren, ohne durch irgend etwas gestört zu werden.

Und ob die Herren auf Burg “Balduinseck” auch im Luxus lebten? Ich glaube nicht, denn schon von außen sieht das Gemäuer schroff und kantig und unfreundlich aus, und der Erzbischof Balduin von Trier wird schon ein Auge darauf gehabt haben, dass seine Vasallen nicht allzu oft die Weinkelche kreisen ließen und dabei allzu tief in diese hineinschauten.

Die Ruine wird derzeit restauriert, das Gelände darf nicht betreten werden. Frage mich jetzt bitte keiner, wie die Fotos in der folgenden Galerie entstanden sind. Oder ich sag einfach: Mir hat jemand sehr dezent eine Speicherkarte in einem Umschlag übergeben – vermutlich war’s ein japanischer Tourist mit Nikon-Kamera, der das Warnschild nicht lesen konnte. ICH jedenfalls war es nicht.

Balduinseck

[Die Galerie zeigt weitere Impressionen der Ruine “Balduinseck”. Die Galerie lässt sich mit den beiden Buttons unten rechts “bedienen”. SL – der linke Button – löst eine Slideshow aus, mit FS – der rechte Button – wechselt man in den Vollbildmodus.]

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Die Burg ist auch mehr nur ein einziger Wehrturm, im französischen Gebiet wurden diese rustikalen Bauten als “Donjon” bezeichnet. Die Fotos zeigen, das von den Innenräumen und den einzelnen Stockwerken nichts mehr verblieben ist. Übrigens: nicht irritieren lassen. Auf einem der Fotos sieht man modernen Baumaschinen, sondern mittelalterliche Belagerunsgeräte wie die “Schubkarre für siedend Öl” und die “rotierende Feuertonne” (die wird auch gern mit einer Betonmischmaschine verwechselt, also genau hinschauen!)

… und es gibt wirklich ein Licht am Ende des Tunnels

Wir unterqueren die L 203 und folgen nun dem Mastershausener Bach. Das Landschaftsbild ändert sich kaum, nur säumen hier noch mehr schroffe Schiefer- und Quarzit-Felsen den Pfad, der sich immerzu am Bach entlangwindet.

Man sieht es nicht auf dem Foto, aber rechts geht es gefühlte 5000 Meter in die Tiefe. Mindestens!

Nebenbei eine Anmerkung: Ich sitze sehr gern beim wandern. Also, nicht permanent, mehr so zwischendurch. Bei manchen Wegen scheint ja Dagobert Duck Schirmherr zu sein; es wird um jeden Meter Bänkeholz gegeizt. Bei anderen Wegen war Fastnacht, Bänke und Tische flogen hin wie sonst nur Kamelle. Auf dem “Masdascher Burgherrenweg” muss ein kompletter Zoch durchgerumpelt sein, wir stolpern fast über die üppig gesäten Sitzgelegenheiten. Wer hier jedesmal absitzen will, wird niemals am Ziel ankommen.

Ein Beispieltisch und zwei Beispielbänke

Am Berg rächt sich das Dauersitzen, das ja immer auch mit einer reichhaltigen Essenszuführung verbunden ist. “Schwerer Bauch geht sich schwer”, sagt der Volksmund, und der Burgberg ist genau richtig, um das zu beweisen. Es geht rauf auf eine Anhöhe und wieder runter, um bald darauf wieder raufzugehen.

Aus dem Tal geht es hinauf (und die Belohnung zeigt das Foto), und bald geht wieder hinunter ins nächste Tal …

Auf diese Weise erreichen wir über zuletzt traumwandlerische Pfade den Burgberg, einen Befestigungspunkt aus keltisch-römischer Zeit, dem zwar die Jahrhunderte zugesetzt haben, dessen exponierte Lage sich trotz der sich dicht an Hang drängenden Bäume erahnen lässt. Wer mehr über die Erkenntnisse zum Burgberg erfahren will, kann dem Link zur Geschichte von Masterhausen folgen.

Der Burgberg aus keltischer-römischer Zeit, doch seine genaue Geschichte bleibt im Dunkeln verborgen

Nachdem wir in engen Kehren den Berg zur anderen Seite hinabgestiegen sind, empfängt uns wieder ein enges Bachbett. Der Pfad drückt sich eng an den Berg. Das ist genau die Art von Weg, die ich mag: weich, ein bisschen wurzelig, aber so geschmeidig zu gehen, dass ich am liebsten laufen würde. Auf dem Weg erzählt eine Schautafel über einen dort entdeckten Brunnen, der vermutlich oder wahrscheinlich oder vielleicht den Römern diente, als sie die Befestigung oben als Wehranlage nutzten. Um der Sache auf den Grund zu gehen, wurden Bohrungen durchgeführt, und doch blieb auch hier vieles ungeklärt. Bis zum Ausgang des Tales genießen wir den weichen Waldboden, gucken in eine Höhle hinein (und zum Glück guckt niemand zurück).

Danach wechselt der Pfad in einen geh-freundlichen Forstweg, der unterwegs die eine oder andere Bank links liegen lässt. Und auch die “Apollo-Grube”, eine wie es scheint (so erzählt jedenfalls die dortige Informationstafel) nie sehr ergiebige Erzmine; doch ob es sich wirklich lohnte, hier nach Silber und Eisen zu graben, sei dahingestellt. Schon allein der schmale Eingang weckt Zweifel, ob dort hinaus jemals große Erträge befördert werden konnten.

Jetzt sag mir doch mal jemand, warum ich immer meine Stirnlampe dabei habe, wenn alle Höhlen vergittert sind!

Noch ein letztes Mal wenden wir uns einem Berg zu. Den schmalen Zick-Zack-Pfad hier gingen früher die Frauen, um ihre bergwerkenden Männer mit Essen zu versorgen. Oben angekommen, mussten sie nur noch ein kleines Stück zurücklegen, bis sie ihr Dorf vor Augen hatten. Uns ergeht es nicht anders, nur dass wir niemanden im Bergwerk zurückgelassen haben. Dafür genießen wir ein letztes Mal den herrlichen Ausblick; während wir Mastershausen im Rücken liegen haben, sucht das Auge weit weg in der Eifel nach markanten Punkten. Das Maifeld jedenfalls breitet sich in der Ferne aus.

Während sich die Augen im Tal aufs Wesentliche konzentrieren können, dürfen sie hier so weit schweifen, wie es ihnen gut tut

Es fällt leicht, ein Fazit zu ziehen: sehr schön! Weil … Tja, und nun könnte ich alles anführen, was ich in meinem Bericht erwähnte. Die Mischung macht’s einfach. Obwohl uns so viel Landschaft in vielfältiger Gestalt begegnet ist, wurde es nicht zuviel, denn wie kleine Tupfer finden sich immer zur rechten Zeit die kleinen Höhepunkte, die das Wandern unterbrechen, ohne lästig zu werden. Mühlen (zerfallen und nicht zerfallen) – Burgruine – Kelten- oder Römerbefestigung – Brücken über die sprudelnden Bäche – Aussichten in Täler oder über Höhen. Und wenn man vor lauter Gucken mal verschnaufen will oder muss, ist auch dafür gesorgt worden.

Wie auch immer die neue Streckenführung aussehen wird, auf dem bisherigen Wanderweg lässt sich bestens aufbauen. Unsere Fahrt in den Hunsrück wurde uns mit einem eindrucksvollen Wanderweg mehr als zurückgezahlt.

Wir sind so gut gestimmt, dass wir uns die Rückfahrt nicht, anders als den Hinweg, durch graue Autobahnkilometer vermiesen lassen wollen – wir fahren zur Mosel hinunter und durch die Vordereifel. Das rundet die Fahrt dann angemessen ab …

[Nachtrag vom 01.09.12: Frau Boos-Vogt von der “Tourist-Information Region Kastellaun” teilte mir mit, dass die Restaurierung der Burgruine im nächsten Jahr voraussichtlich vollendet sein wird. Ich vermute, dann können sich auch die japanischen Foto-Touristen dem Gemäuer gefahrlos nähern. Und überhaupt wird “… die zukünftige Traumschleife noch um vielfaches schöner …” sein, wie Frau Boos-Vogt mir schrieb. Es führt also kein Weg dran vorbei – ich gehe ihn im nächsten Jahr ein zweites Mal.]

Masdascher Burgherrenweg

[Die Galerie zeigt weitere Impressionen vom “Masdascher Burgherrenweg”. Die Galerie lässt sich mit den beiden Buttons unten rechts “bedienen”. SL – der linke Button – löst eine Slideshow aus, mit FS – der rechte Button – wechselt man in den Vollbildmodus.]

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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