Lassen wir das mit der Ode, gehen wir gleich ans Eingemachte. Es geht um Kirschen. Genauer gesagt: um Kirschblüten. Ich bin weniger ein Poet, mehr ein handfester Prosaiker, doch was die Blüten in einem Menschen wie mir anrichten können, erlebte ich heute wieder. Nun gibt es Kirschblüten ja nicht nur auf dem Streuobstwiesenweg bei Mülheim-Kärlich, sondern allerorten. Wenn man ein wenig wandert, dann sieht man sie vermutlich fast vor jeder Haustür. Obwohl die Streuobstwiesen generell auf dem Rückzug sind, haben sie in den letzten Jahren eine Renaissance erfahren. Sie blühen wieder auf. Bei Leutesdorf – um gleich das mit der »Haustür« zu belegen, denn Leutesdorf wäre fast einmal ein Stadtteil von Neuwied geworden, liegt also wirklich noch näher als Mülheim-Kärlich – sorgt sich die »ARGE – Kulturlandschaft – Leutesdorf« um den Erhalt und die Pflege der heimischen Kulturlandschaft. So oder ähnlich sprießen Aktivitäten quer übers Land aus dem Boden. Das ist gut so. Die Streuobstwiesen rund um Mülheim-Kärlich ähneln vielfach Obstplantagen, ordentlich aufgereiht steht Baum hinter Baum. Das tut der Faszination aber keinen Abbruch.

Bei unserer gestrigen Wanderung fragte ich mich also auch, woran das liegt. Warum strömen die Menschen hinaus, sodass sich andere wiederum darüber echauffieren, weil es ihnen zu viel ist? Bei mir ist es das frühlingszeitige Aufatmen, das erste Durchatmen nach dem Winter, der zwar in diesem Jahr mehr durch laue Lüftchen denn durch schneesatte Winterstürme von sich reden machte, aber … es ist alles so grauenhaft grau. Es ist nass. Es ist kalt (gut, in unserer Region war es eher kühl als kalt). Der Winter ruft, so gern ich ihn mag, eines Tages laut: Ich muss dann mal weg! Ich halte ihn dann nicht auf, sondern schaue täglich nach, ob er sich denn auch endlich auf und davon gemacht hat. Ein Zeichen sind die keimenden Knospen, die ersten Blüten, die sich vorsichtig hervorstehlen. Gucken, ob der Winter jetzt echt endlich verduftet ist.

Auf dem Streuobstwiesenweg duftet es auch anders. Frisch. Unverbraucht. Ich bin ein Nerd, wenn’s darum geht, Gerüche voneinander zu unterscheiden. Was umschmeichelt hier meine Nase, was verströmt dort seinen Duft? Zwischen Bäumen, Sträuchern und den kleineren Pflänzchen (die ja allzu oft unbeachtet ihr Dasein zwischen all dem dominierenden Gestrüpp fristen) hindurchwandeln. Keine Eile. Stehenbleiben. Schauen. Aufnehmen. Atem schöpfen. Das macht der Frühling auch aus. Freude, immer wieder still aufkeimend und ausgehalten – und nicht affektiert herausposaunt wie beim Fußballspiel am Abend im TV.

Die Bilder der Bäume sprechen für sich. Ich kommentiere sie nicht. Durch einen Klick auf das jeweilige Foto wird es vergrößert dargestellt. Vorweg noch ein paar wenige Worte. Die Kirschblüten sind da (Stand: 2. April), die Apfelblüten, die Pfirsichblüten lassen noch auf sich warten, der Holunder sowieso. Garniert wird diese Blütenpracht durch Blumen am Wegesrand oder mitten zwischen ihnen, manchmal sind’s kleine, weiche Teppiche, die sich ausbreiten wie ein Bach, der übers Ufer tritt, weil er die Enge nicht länger aushält. Wir sind in Kettig an der Grillhütte gestartet (das haben wir uns angewöhnt), dann mit dem Uhrzeiger herumgewandert. Neu ist die Möglichkeit, einen Teil des Außengeländes der Förder- und Wohnstätten gGmbH in Kettig besichtigen zu können; ein Hinweisschild am Nicht-Traumpfad zeigt den Weg dorthin an. Der Streuobstwiesenweg führt ja bereits über die Elmar-Hillesheim-Wiese, die von der genannten Einrichtung betreut wird.

Auf Rhein-Mosel-Eifel-Touristik steht alles Weitere zum Wanderweg, sodass ich diesmal darauf verzichte, eine Karte und anderes anzubieten. Um die eigenen Nerven zu schonen, bitte wirklich die Hinweise wegen der Ausweichparkplätze beachten. Am Mittwoch war kurz nach Mittag der Parkplatz am Dalfter schon knapp vor voll – auf dem Wanderweg selbst “zerstreuten” sich dann aber die Wanderer, sodass wir uns wirklich nicht auf den Füßen standen. An den Wochenenden und um Ostern wird es sicher – nun ja, was kommt nach voll? Ruhig mal ungewöhnliche Zeiten probieren, früh am Samstagmorgen beispielsweise, wenn der normale deutsche Mann sein Auto wäscht und keine Zeit zum Wandern hat. Auf dem Schlenderer finden sich übrigens noch einige andere Berichte zum Streuobstwiesenweg.

Wir werden sicher noch einige Male auf dem Streuobstwiesenweg unterwegs sein. Von Neuwied aus ist’s ja ein Katzensprung …

 

 

 

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
Schlenderer

Letzte Artikel von Schlenderer (Alle anzeigen)

4 Responses

  1. widder49

    Herrlich! Ich hatte schon Sorge, zu spät zu kommen.
    Auch ich steige meist in Kettig ein. Es liegt zwar nicht direkt vor meiner Haustür, lässt sich aber mit ÖPNV sehr gut erreichen.
    LG

    Antworten
    • Georg

      Es stehen ja noch einige Blütephasen an. Ich werde vermutlich nächste Woche wieder unterwegs sein: meine Mutter möchte mit. ;-) Von Weißenthurm aus könnten wir dann eigentlich sogar zu Fuß nach Kettig gehen …

      Antworten
  2. Georg Geißler

    Auch wenn das Wandergebiet nicht im Westerwald liegt, meiner Heimat, habe ich in der verschwenderischen Blütenpracht der Streuobstwiesen geschwelgt. Chapeau!

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere