So ähnlich muss Hassliebe aussehen. Zum einen möchte ich am liebsten wegrennen (oder, was einfacher wäre, das Radio ausschalten), zum anderen höre ich doch wieder hin. Die täglichen Wettervermutungen, ungefähr so wage wie die Chance, 6 Richtige im Lotto zu haben. Und doch, jedesmal zieht mich die zarte, lockende Stimme der Moderatorin in ihren unheilvollen Bann, und leise murmele ich die Worte nach, die manchmal lauten wie »Starkschnee in der Kölner Bucht, Gefahr von Eisschollen auf den Straßen. Fahren sie vorsichtig und kommen sie gut nach Hause.«

Es wird ein schöner Tag, versprochen.

Wenn ich rausgucke, lacht mich die Sonne an (oder aus, genau weiß ich das in solchen Momenten nicht), und das Thermometer klettert unter meinem eiskalten Blick in den zweistelligen Bereich. Mindestens!

“The Fog” – da geht er hin und ward nicht mehr gesehen.

»Hochnebel am Mittelrhein, auch im Westerwald bis hinunter …« Ach, was weiß ich, wohin sich der Hochnebel noch hinabschlawinert, vielleicht mutiert er dann auch zum Niedernebel, die beschwörende Stimme (höre ich sie da etwa am Ende lachen?) jedenfalls lullt mich nebelartig ein, bis ich glaube, was ich höre.

Die Eifel soll nebelfrei sein.

Glanzlichter

[tip]KurzInfo! Der Traumpfad Hochbermeler startet in Fensterseifen. Der Ortsteil ist am besten über Monreal zu erreichen, dort auf die L 96 in Richtung Oberelz abbiegen. Kurz vor dem sehenswerten Örtchen Fensterseifen finden sich ausgewiesene Parkmöglichkeiten, im Ort selbst sollte tunlichst nicht geparkt werden – es ist einfach nicht genügend Platz für Besucher. Der Parkplatz vor dem Ortseingang ist bei einem größeren Besucherandrang sicher nicht ausreichend, weshalb dann am besten auf den Parkplatz am Sportplatz in Bermel ausgewischen werden sollte.

Vom Parkplatz sind es nur wenige hundert Meter bis zum eigentlichen Einstieg in den Traumpfad. Der “Hochbermeler” ist 10 Kilometer lang (plus den kurzen Zuweg) und weist 360 Höhenmeter auf. Für die Gehzeit sollten 3 Stunden veranschlagt werden, als Schwierigkeitsgrad gibt das Traumpfade-Team “mittel” an; wegen der doch recht kurzen Strecke und der eher moderaten Anstiege können aber auch weniger erfahrene Wanderer diesen Traumpfad begehen. Insbesondere die zahlreichen Aussichten und Ruhebänke sind für kurze oder längere Erholungspausen sehr gut geeignet. Und zu diesem Zweck: das Fresspaket nicht vergessen, denn unterwegs besteht keine Möglichkeit zur Einkehr.

Wer meine Wanderberichte öfter liest, weiß, dass ich immer gute Wanderschuhe als Grundausstattung empfehle. Zudem geht es eng an Bächen entlang, manchmal über Stück und Stein, weswegen je nach Witterung rutschfeste Schuhe notwendig sind. Die Anstiege sind nicht atemraubend, aber doch recht ordentlich und gerade jetzt im Spätherbst wegen des regennassen Laubs und des teilweise gefrorenen Bodens glitschig, rutschig, glatt. Achtgeben, vielleicht Wanderstöcke mitnehmen, falls man sich damit sicherer fühlt.

Der Traumpfad ist bestens ausgeschildert, eine Wanderkarte ist nicht nötig. Weitere Hinweise zum Weg selbst, insbesondere auch über temporäre Sperrungen beispielsweise wegen Holzfällarbeiten, finden sich auf der Traumpfade-Seite. Wer möchte, kann auf die weiter unten im Bericht angeführte Wegekarte zurückgreifen. Über den Klickpunkt “drucken” stehen Optionen zur Auswahl, wie detailliert die PDF sein soll – am besten einfach ausprobieren, herunterladen und dann entscheiden, welche Version man bevorzugt. GPS-Tracks können ebenfalls abgerufen werden. Und die Karte kann mit Hilfe des Reiters über dem Kartenbild in unterschiedlichen Ansichten (beispielsweise bei “Google Earth”) betrachtet werden.[/tip]

“Formicula” – das etwas andere Insektenhotel.

Mein Ruf nach KD hallt durch den Nebel. Das hört sich dann ungefähr so an: »KD, loss jonn!« Mein Wanderfreund KD lässt sich erst recht nicht durchs Wetter schrecken. Ich lade ihn also frohgemut ein, und während sich der Wagen durch die dicke Nebelsuppe schleppt, beichtet er mir, den »Hochbermeler« dereinst im dicksten …

Tja, vielleicht haben wir einfach die falsche Jahreszeit erwischt. Da hilft dann auch nicht der sehr sehr originelle Spruch von der falschen Kleidung, die ja für Missbehagen sorgt, und nicht das falsche Wetter. Ich weiß jetzt nicht, was solche Gutwanderer bei Nebel empfehlen, damit die Wanderfreude sich nicht verflüchtigt wie die Schwaden des Nebels, der uns auf dem Weg durch Neuwied, an Weißenthurm und Andernach vorbei, weiter gen Mayen und hinauf und dann hinab nach Monreal, das wir im Nebeldunst …

Schattenwanderer

Nebeldunst? Welcher Nebel, welcher Dunst? »KD, zur Sonne, zur Freiheit« rufe ich (fast), und als wir uns hinaufschleichen nach Fensterseifen, um kurz vor dem Örtchen das Wägelchen abzustellen, lichten sich Nebel und unsere Mienen in trauter Einigkeit.

Doch bevor wir uns so richtig fett mit Sonne vollsaugen können, steht noch ein erstes Stückchen strack durch den Wald an. Schlammig ist es, schon nach wenigen Schritten sehen unsere Latschen aus wie ganz schlimme Fälle von selbstverschuldeter Schuhverschmutzung. Es schmatzt und bratscht ganz ordentlich, solange wir im Bettchen des namenlosen Baches (was heißen soll, das ist jetzt beim Schreiben trotz stundenlanger Suche – wer’s glaubt … – keinen Namen für den triefend nassen Bach gefunden habe) entlangschlurfen. Doch bald gewinnen wir an Höhe, die Schuhe werfen Ballast ab, passieren den Schälkopf (ob in dieser Gegend das Haupthaar nicht geschnitten, sondern geschält wird?) und erwischen kurz danach, recht hoch oben schon, den Blick auf freies Feld.

Links geht’s zur Sonne.

Und oben erwartet uns auch schon die Sonne. Der Plan ist aufgegangen. Man muss nur weit genug fahren (von Neuwied bis nach Fensterseifen sind’s etwas über 40 nebeltrübe Kilometer), dann erwischt man irgendwo die Sonne. Hier also hat sie sich heute versteckt. Wir genießen sie in vollen Zügen (auch so ein blöder Spruch, als ob jemand etwas in vollen Zügen wirklich genießen könnte), lassen die Blicke schweifen, die hier freie Sicht haben, denn nicht einmal andere Wanderer stören die Aussicht. Wir sind, bis auf zwei Landvermesser (die wir später entdecken werden bei ihrer Suche nach Land, das sie im Nebel nicht finden können) menschenseelenallein unterwegs.

Tempo! Tempo!

Bester Laune – es fehlt nur noch, dass wir anfangen zu singen, aber ich möchte KD keine Angst einjagen – springen wir geradezu weiter voran, manchmal ist der Weg recht breit, manchmal aber windet er sich schmal und weich entlang von locker gepflanzten Bäumen, um nach nicht sehr langer Zeit am Heunenhof vorbeizuzockeln.

Der Experte für Outdoor und Touren_________________________________________________________________________________________________

Mehrere Bäche treffen sich hier, einer davon ist der Thürelz, doch den lassen wir links liegen, um lieber dem Kumpelbach zu folgen. Zu dritt also geht es gemächlich bergan, diesmal auf der Schattenseite des Lebens, denn die Winterzeit hat es ja so an sich, dass die Sonne recht tief steht und Hügel oder Berge arg lästig sind, weil sie ihr im Wege stehen. So auch jetzt. Das Gute ist, der Boden ist gefroren (Permafrost, vermute ich, denn wir sind ja in preußisch Sibirien), was unseren Schuhen zwar nicht mehr hilft (denn die sind eh versaut), aber das Fortkommen weniger behäbig – »schmatzsaugschmaaatz« – sein lässt.

Gulliverbrücke

Eine Köhlerhütte steht mitten im Wald wie einst das Männlein, doch leider fehlt ihm etwas: ein Schild mit klugen Hinweisen, wann denn welche Köhler hier unterkamen, warum überhaupt und wo sie denn verblieben sind. Ich mag es, wenn man mir eine Geschichte erzählt und mir nicht einfach etwas »hinstellt«, für das ich selbst dann keine oder nur dürftige Erklärungen habe …

Ausblicke (zweifelnd)

Der nächste Ausblick steht an, als wir eine gewisse Höhe erreicht haben. Rund um den Hochbermeler geht es nun, die Augen gleiten sanft über die im Sonnenlicht schimmernden Eifelhöhen. Solange jedenfalls, bis die Bäume wieder die Oberhand gewinnen. Noch einmal geht es hinauf, wieder wechseln enge Pfade sich mit gut ausgebauten Wegen ab, eine schöne Mischung, denn KD und ich schwätzen ganz gern, und auf einem Pfad, wo der eine hinter dem anderen hergeht (oder andersherum), folgt doch allzu oft dem einen Satz ein kurzes »Häh?«. Das ermüdet auf die Dauer.

Ausblicke (in der Ferne, aber ganz nah die Löwenburg)

Oben erwartet uns eine stabile Aussichtsplattform. Das ist gut, denn gleich davor geht es steil hinab in einen Basaltsteinbruch. Doch noch faszinierender ist die grandiose Aussicht, die gerade heute – ich erwähne es gern noch einmal: Sonne! – speziell auf zwei von unserem speziellen Kaliber gewartet hat. Weit und breit kein Hauch von Nebel, die Dunstschleier haben sich zum Teufel geschert, bis zum Horizont ist freie Sicht. Und die genießen wir nebst Mittagsmahl, denn just, als wir dort oben ankommen, läuten die Glocken dort unten im Dörfchen Bermel. Bis zur Hohen Acht reicht die Sicht, und westlich von ihr springt einem der Nürburgring mit seinen Protzbauten ins Auge.

Ausblicke (Hohe Acht, Nürburgring, und überhaupt sehr viel Eifel)

Wir reißen uns nur widerwillig los, machen uns an den kleinen Abstieg über wie achtlos hingeworfene Felsbrocken, landen auf einem Stück Forstweg, dem wir bis zu einem Abzweig folgen. Hier geht es wieder über Stock und Stein, entlang einer Hangkante, die noch eine letzte, nicht minder fabelhafte Aussicht als i-Tüpfelchen bietet. Sone Art: »Das geb ich euch noch mit auf den Weg, damit ihr mich in bester Erinnerung behaltet.« [Update vom 11.12.2013: Ganz vergessen habe ich den Hinweis, dass dort drei Bänke stehen, eine davon ein sehr einladendes Waldsofa. Also sitzen, liegen und die Aussicht still genießen …]

Der leibhaftige ring°racer! Und es lebt – und es bewegt sich sogar.

Ein Abstecher in den Basaltsteinbruch beschließt unsere Wanderung. Von unten gucken wir nach oben (ach!), sehen die Plattform von vorhin, bedauern aber, auch hier nichts über den Steinbruch zu erfahren, als da wäre so etwas wie »von da bis dann und was mit dem Steinzeug so alles wo gemacht wurde.« Geschichte kann, besonders die der Heimat, so erhellend und interessant sein, man muss sie einem nur vermitteln.

Fast unvermittelt kommen wir wieder in Fensterseifen an. Den Ort durchlaufen wir zwar, aber die Häuser sind grundsätzlich einen zweiten Blick wert, sind es doch offenbar keine schnell mal hingeworfenen Neubauten, sondern Fachwerkhäuser.

Noch viel mehr Eifel!

Die Rückfahrt ist dann schnell getan. Wir fahren hinab und hinauf nach Monreal, weiter gen Mayen, wo uns die Nebelfront mit offenen Armen empfängt, schieben uns durch dicke Suppe an Andernach und Weißenthurm vorbei und landen trotz der beengten Sicht gut in Neuwied.

Der Basaltsteinbruch mit Freund KD (unten) und Aussichtsplattform (oben)

Ach wie gut, dass wir zum Hochbermeler gefahren sind! Unsere Wanderung war recht kurz, dafür aber hatten wir die volle Dröhnung Sonne erwischt. Und überhaupt ist dieser Traumpfad genau richtig, um an die frische Luft zu kommen und dabei eine Handvoll bemerkenswerte Ausblicke und beschauliche Örtlichkeiten zu genießen. Geboten wird kein großes Kino, doch muss es immer der krachend laute »Hobbit« sein? Ein dezent stiller Streifen tut der Seele oft viel tiefer gut als etwas, bei dem man pausenlos »Ah!« und »Oh!« rufen muss und gar nicht mehr zur Besinnung und zum Verschnaufen kommt.

Außerdem hat KD nun endlich den Hochbermeler nebelfrei erlebt …

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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7 Responses

  1. Angelika

    Hallo Georg,
    alles richtig gemacht … wer kann muss dem Nebel entfliehen und die Sonne geniesen.
    Schöne Bilder und tolle Weitsichten.
    Liebe Grüße aus Schwaben

    Angelika

    Antworten
  2. Elke

    Irgendwann tapse ich mal im Nebel unerkannt hinter euch her.
    Das muss lustisch sein :-)

    Tolle Fotos hast du im Nebel des Grauens gemacht :-)

    Antworten
    • Georg

      Jetzt aber mal ernsthaft: Ich habe Schritte hinter uns gehört, aber nie jemanden sehen können. Das warst doch Du!

      Antworten

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