Ben Bulben vor Augen

»Die Straße führt nunmehr entlang der Donegal-Bucht, der breitesten und großartigsten Irlands; sie besitzt große Sanddünen. Drei Schiffe der Armada strandeten vor Dernish, der zweiten der großen Inseln bei Grange.«

1938 erschien erstmals der Reiseführer, der meinem Buch aus dem Conradi Verlag aus dem Jahr 1976 zugrunde liegt. »Irland für jederman« hieß das 402 Seiten starke Büchlein, geschrieben vor vielen Jahren von H. A. Piehler und ins Deutsche übertragen. Schon 1938 schrieb Mr. Piehler: »Jedem kann ein Urlaub in Irland empfohlen werden, außer natürlich jenen, die unglücklich sind, wenn sie sich fern vom Verkehr verstopfter Straßen aufhalten müssen, fern von lärmenden Flugzeugen, jenen, die nur Freude an einem übervölkerten Strand haben, an Bungalow-Kolonien, Super-Kinos und so weiter.«

Hat sich daran bis heute etwas geändert, wenn wir von Irland schwärmen? Ja, der Verkehr ist reichlicher geworden, vermutlich auch hektischer, verstopfte Straßen sind auch nicht mehr nur ein Makel, den sich außerirische Länder auf die Fahnen schreiben können. Und doch, stille Strände, ruhige Straßen, wenige Häuser – das alles lässt sich dort, wo wir gerade Urlaub machen, finden.

Über die sehr empfehlenswerte Seite Sligo Walks haben wir uns eine weitere Wanderroute herausgesucht, diesmal am Streedagh Strand. Nun scheinen Strände ja eher etwas für Kurzatmige zu sein, die frische Seeluft schnuppern wollen, aber sich nicht die Füße wundlaufen möchten. Vorweg gesagt: Insgesamt bin ich auf mehr als 10 Kilometer gekommen, Petra ein paar Schritte weniger, weil sie … aber dazu komme ich später. Erst einmal schluffen wir beide los vom Parkplatz am Streedagh Strand, der gar nicht zu verfehlen ist.

Sicherheitshalber schnalle ich mein Toupet fest, denn heute weht ein frisches Lüftchen. Auf Gummistiefel verzichten wir, wiewohl unsere ersten Schritte direktemang ins weiche Geläuf führen. Ebbe und Flut beherrschen hier den Tagesrhythmus am Meer, und wir haben, ohne die Gezeitentafel so richtig verstehen zu können, so etwas wie »Ebbe« erwischt. Das ist gut so, denn unsere Rundtour wird uns nahezu immer am Wasser entlangführen; drei Stunden sind wir sicher unterwegs. Die Flut käme uns da in Ermangelung von Wechselwanderschuhen (das fehlt noch!) ungelegen.

Wir laufen die Rundtour gegen den Uhrzeiger, also zuerst zur Landseite entlang der großen Dünen, den Blick oft auf die Darty Mountains gerichtet mit Ben Bulben (irisch: Binn Ghulbain), Benwhiskin und Truskmore. Mit 647 Metern ist der Truskmore dabei der höchste Gipfel – wir werden ihn bei einer anderen Wanderung noch aus der Nähe bewundern.

Jetzt aber flanieren wir nahe am Wasser, links häuft sich der Sand zu Dünen an, wenige Fußstapfen weisen darauf hin, dass nach der letzten Flut noch andere Menschen hierher gewandert sind. Später wechselt der Sand zu felsigem Untergrund, an einer Passage zwischen den Dünen müssten wir eigentlich die Seite wechseln, aber ich bin hartnäckig und will noch »um die Ecke gucken«.


Wir schlickern also weiter, lassen die Brise um die Nase wehen, genießen die leicht salzige Luft und die Stille, die sich wie ein fein gesponnener Nebel um uns legt und einhüllt. Felsig wird es bald, jenseits einer kleinen Bucht sehen wir Rinder auf der eingezäunten Weide grasen, einige verfallene oder doch noch genutzte Steingebäude stemmen sich vehement gegen den steten Wind.

Petra bezweifelt, dass wir auf dieser Route ohne nasse Füße die Runde um die Halbinsel schaffen, und so knurre ich irgendwann meine Einwilligung, die so ehrlich herüberkommt wie die Entschuldigung eines x-beliebigen Politikers.

Also zurück auf den rechten Pfad. Wir wechseln die Seiten und wandeln nun wieder auf dem von Sligowalks vorgeschlagenen Weg.

Doch halt, erst einmal strecken wir die Beine im Sand aus. Endlich nämlich wandert der Blick jetzt über das Meer, so weit das Auge eben reicht. Nun ja, meins reicht erst mal nur bis zum »Black Rock«, der gleich rechts vorne vorwitzig ins Wasser ragt und mich magisch zu sich ruft: »Komm her, hier ist es noch schöner!«


Was kaum möglich scheint, aber ich bin ja leicht zu beeinflussen. Also sage ich »Leb wohl!« zu Petra, lege die hundert Schritte zurück bis zu einem Teppich aus Steinen und kleinen Felsen, die bis zum Black Rock den glitschigen Untergrund bilden. Jeder Schritt will wohlbedacht sein, mehr als einmal denke ich, wie lange ich schon keinen verstauchten Fuß mehr hatte und dass es ja mal wieder an der Zeit wäre, nur nicht gerade jetzt …

Black Rock und Slieve League im Blick

Der Black Rock ist ein richtig felsiger Bursche mit wenigen Grasbüscheln und kleinen Wassertümpeln und vielen Möwen, die mich launisch anstarren. Begeisterung sieht anders aus. Sicher werden nicht alle Nase lang Besucherströme den Felsen überfluten, doch Spuren im Sand und im Gras deuten hin: Ich bin nicht der Erste und Einzige. Kein Wunder, malerischer geht es wohl kaum, Slieve League im Blick, die kleine Insel Inishmurray zur Linken, die unbewohnt ist, aber seit dem 6. Jahrhundert ein Kloster besaß, das später von den Wikingern geplündert wurde. Die Insel war bis 1948 über viele Jahrhunderte bewohnt, ist heute ein Vogelschutzgebiet und wird nur von wenigen Bootstouren angelaufen.

Rechter Hand sehe ich dann Mullaghmore, ein bekannter Badeort, und Dernish Island.

1588 versanken vor Dernish Island drei Schiffe der Spanischen Armada, die La Lavia, wie die anderen Schiffe eine Galeone mit 728 Tonnen und 25 Kanonen, die Santa Maria de Visón mit 660 Tonnen und 18 Kanonen und die La Juliana mit 869 Tonnen und 32 Kanonen. »Weit über 1000 Schiffbrüchige wurden von Strandräubern und den in Irland stationierten englischen Soldaten ermordet. Einigen gelang es aber auch, bei der katholischen und englandfeindlichen irischen Landbevölkerung unterzutauchen. Der Gesamtverlust der Spanier durch die Naturgewalten des Nordatlantiks im Juli und August 1588 belief sich auf 64 Schiffe und mindestens 12.000 Mann (Wikipedia, Spanische Armada).

Nicht leicht, dass ich mich von solch einem Ort löse, der vom Meer umspült ist und dem Atlantik so nahe und eine Ruhe herschenkt, die sprachlos macht. Möwen zanken sich, die Wellen brechen sich, doch das sind Laute, die der Stille nichts anhaben können. Nur wenige Augenblicke im Laufe eines Lebens, an die ich mich später gewiss noch oft erinnern werden und die die Seele streicheln.

Gemeinsam mit Petra flanieren wir am Strand entlang, manchmal leckt das salzige Wasser an unseren Füßen (die, eingedenk der für uns ungewohnt niedrigen Temperaturen, gut beschuht sind), dann wieder zieht es sich zurück, um einen neuen Anlauf zu nehmen. Die Sonne malt ihre Schatten in den Sand. Einige Male verdrücke ich mich in die Dünen, um aus anderer Perspektive den Ben Bulben zu erwischen, denn immerzu zeigt er sich mit Wolken umkränzt.

Später wird es lebhafter, als wir den Badestrand erreichen. Wir haben bei unseren früheren Reisen in Irland ja schon gesehen, dass Wind und Wetter keinen Iren vom Baden abhalten, und so sind neben ein paar Surfern auch Schwimmer unterwegs. Im Wasser! Während wir unsere Windjacken zuzurren, nehmen diese noch ein wohliges Bad im frischen Atlantikwasser.

Wir erreichen das Ende des Strandes, wo unser Mietwagen uns erwartet. Noch einige sehnsüchtige Blicke über den Strand schweifen lassen, dann heißt es Abschied nehmen von dieser wohltuenden Strandwanderung.

Wer die Wandertour nachempfinden will, nehme einfach den vorgegebenen Weg »Streedagh Strand« von Sligowalks. Meine Wanderkarte bei Outdooractive, die nach Anmeldung heruntergeladen werden kann (und über die sich die Umgebung recht gut einsehen lässt), führt noch das nicht notwendige Stück weiter (und dann ja wieder zurück). Ansonsten stimmen beide Wegekarten überein. Verlaufen dürfte sowieso schwierig sein, denn man geht einfach immer am Wasser entlang. Beachten sollte man die Zeiten für Flut und Ebbe. Bei Flut wird der Black Rock vermutlich nicht erreichbar sein (Obacht geben, dass man nicht in die Bredouille gerät, weil das Wasser wieder ansteigt), und die Strandabschnitte sind entsprechend schmaler. Wir hatten für unserer Wanderung eine ideale Zeit erwischt.

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
Schlenderer

Letzte Artikel von Schlenderer (Alle anzeigen)

Eine Antwort

  1. Jasmin

    Hallo Georg,

    Irland steht auch schon lange auf unserer Wunschliste, tatsächlich dachten wir sogar an diesen November. Das Wetter macht dann aber bestimmt nicht mit und deswegen verschieben wir den Trip doch auf den nächsten Sommer.

    Hier habe ich auf jeden Fall Tourenberichte gefunden, die Spaß machen zu lesen.
    Und auch traumhafte Bilder!

    Danke!

    Liebe Grüße,

    Jasmin

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere