Wir haben es in unseren Breitengraden ja echt gut erwischt. Wenn ich mir vorstelle, wie es den armen Wanderern … ich sag mal: In der Antarktis ergeht. Immer eisekalt, immer Eis, so weit das Auge reicht. Gut, die Frage »Was ziehe ich heute an?« erübrigt sich natürlich. Falsche Kleidung zieht man dort nur einmal an, und dann hat es sich auch. Wenigstens kann einen dann der – letzte – Gedanke trösten, dass man in zweihundert oder dreihundert Jahren entdeckt, aufgetaut und mit einem Kopfschütteln im »Museum für Fehler, die man nur einmal im Leben macht« ausgestellt wird.

Die Aussicht gibt es erst später, ganz am Ende, von der Burgruine Schönecken hinab. Also bitte noch nicht hingucken.

Aber wer will das schon. Deshalb ziehen wir uns immer schön warm an, wenn es kalt ist, und entblößen uns (sittsam), wenn es warm ist. Und deshalb freuen wir uns, wenn wir im schneeweißen Winter wandern können und bei sommerlicher Sonnenhitze.

Im März verbrachten wir einige Tage in Prüm. Wir hatten auf wohltemperierte Wanderungen gehofft, Frühlingserwachen vielleicht sogar, jedenfalls nicht auf das, was wir dann vorfanden. Winterliche Temperaturen! Aber wir hatten Glück, es schneite bei der Ankunft und ließ nicht locker, bis wir wieder heimfuhren. Vorher und nachher war »Sauwetter«. Anders gesagt: Wir verbrachten tolle Tage bei tollem Wetter.

“Tor zur Unterwelt” klingt ja spannend, kommt aber erst später bei der Hohllay – und führt in den Berg hinauf.

Der Sommer neigt sich etwas schneller zur Neige, als einem lieb ist. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, sehe ich die Wolken fast auf Balkonhöhe vorbeischweben (ja, ist gelogen, aber es ist bedeckt, bewölkt und beschissen). Wandern ginge natürlich, aber wer geht nicht lieber bei wohligem Wetter? Wir gehören jedenfalls dazu. Aber es geht ja um drei Wanderungen in der vergangenen Woche, beginnend am Mittwoch. Kurz erinnern bitte: Es war brütend-heiß.

In der Eifel wird es schon kühler sein, sagte ich. Pustekuchen, überall brütete die Hitze. Auf der Fahrt nach Schönecken ächzte sogar die Klimaanlage. Warum nach Schönecken? Nun, es gab drei Gründe. 1. Die Schönecker Schweiz ist schön. 2. Die Schönecker Schweiz hatten wir im besagten März bei knöchelhohem Schnee erwandert. 3. Ich habe einen neuen Wanderführer Eifel, in dem ich eine passend beschriebene Rundtour entdeckte (die Besprechung des Wanderführers steht hier: Eifel – Wanderführer mit 35 Touren). Die wollten wir nachwandern.[tip]

KurzInfo! 12,2 Kilometer lang und 365 Höhenmeter – dabei bewegen wir uns an der höchsten Stelle auf bis zu 515 Meter Höhe. Die Wandertour ist gut in 4 Stunden zu bewältigen, ohne sich zu hetzen. Gute Wanderschuhe genügen, doch an den Bachläufen und wegen der schmalen Passagen, teils auch auf den Abstiegen, sollte auf ein gutes Profil geachtet werden. In Schönecken kann in Gastwirtschaften eingekehrt werden, doch für unterwegs ist auf ausreichend Wasser oder andere Getränke und eine Wegzehrung zu achten.

Für die Wanderung empfehle ich zum einen das erwähnte Wanderbuch von Oliver Breda: MM-Wandern Eifel, erschienen im Sommer 2013 im Michael Müller Verlag, oder die unten aufgeführte Wegekarte, die ich bei Outdooractive eingebunden habe und bei der die Wanderung in Schönecken wie im Bericht beschrieben beginnt.

Über den Klickpunkt “drucken” stehen Optionen zur Auswahl, wie detailliert die PDF sein soll – am besten einfach ausprobieren, herunterladen und dann entscheiden, welche Version man bevorzugt. GPS-Tracks können ebenfalls abgerufen werden. Und die Karte kann mit Hilfe des Reiters über dem Kartenbild in unterschiedlichen Ansichten (beispielsweise bei “Google Earth”) betrachtet werden.[/tip]

Wir halten also wieder am Wanderparkplatz an der Nims, der sich am Ortsausgang in Richtung Prüm befindet und beschildert ist. Jetzt gilt es, den Wanderführer in die Hände zu nehmen und zu schauen, ob wir nicht ohne Wanderkarte von A nach A kommen können.

Die Wanderstrecke verläuft, das sage ich vorab, auf einigen ausgewiesen Wegen, abwechselnd gehen wir auf dem »4« oder dem »2«. Den ersten Teil der Strecke kennen wir bereits. Nur für wenige Meter führt unsere Route am Talgrund der Nims entlang, dann schwenkt die vorgegebene Strecke auch schon nach rechts in den Hang hinein.

Der Hang, tja … den genau hatten wir im März bereits. Bei Schnee. Breit ist er ja – damals wie heute. Und gut zu gehen, weil er gleich hinansteigt, bis er so hängt zwischen dem Tal unten und dem Berg oben. Auf dieser Höhe geht es nun einige Kilometer weit, immer an der Wand lang, immer mit den Bäumen Drumherum. Im Winter war es abenteuerlich, der Schnee kräuselte sich um die Fußgelenke (ich wollte grad »Kniekehlen« schreiben, aber das wäre doch gelogen gewesen), das Blattwerk der Bäume und Büsche fehlte, die nicht ganz zahlreichen Nadelbäume verstellten nicht die Blicke auf die Felsformationen, die damals sehr schön auf der anderen Talseite zu entdecken waren.

Endlich mal nicht grün.

Ein jeder Sommer schenkt dem Wald einen Nachteil: Er ist nun blickdicht. Und wenn man so wie wir ganz locker-flockig daherwandert, kann solch ein grüner Wald auch mal zu Augenschmerz führen. Auf den Punkt gebracht: Was im Winter und bemalt mit Schnee eine Augenweide ist, kann im Sommer ganz schön nerven. Mag sein, dass ich nach der Autofahrt etwas unentspannt bin, mag sein, dass ich für diese erste Wanderphase kein Immernurgrün um mich haben will, jedenfalls sind wir froh, als der Weg offenbar selbst genug von der Hanglage hat und uns und sich ins Tal zurückbringt.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Der Wald ist schön und grün dazu, es war sehr still, beschaulich, geruhsam – vielleicht halt an diesem Tag das Quäntchen zu geruhsam. Das Erleben wird ja auch immer vom eigenen Zustand mitbestimmt, weswegen es nicht verkehrt ist, einen Weg nicht nur zu verschiedenen Jahreszeiten, sondern in beispielsweise besserer Stimmung zu gehen (ich lasse jetzt offen, was man unter »besserer Stimmung« verstehen kann, aber jeder kennt wohl die Situation, mal »schlecht drauf« zu sein – und sich damit eine Wanderung ganz schön zu versauen. Umgekehrt geht es natürlich auch: Wandern, um eben eine schlechte Stimmung zum besseren zu kehren.)

Wir jedenfalls – Stimmung hin, Stimmung her – überqueren den Bach, der jetzt Schalkenbach heißt (und später dann in die (oder den?) vorgenannte Nims fließt. Weniger geruhsam wird es jetzt nicht – wir werden überhaupt auf der gesamten Wandertour nicht von anderen Wanderern belästigt -, aber es wird anders. Offener für die Augen, offener fürs Gemüt. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass wir die Erstbeste der eher wenigen Bänke zu einer Rast nutzen; hungrig bin ich ein Brummbär, aber ein ungemütlicher.

Graues Kreuz vor blauem Himmel. So einfach kann eine Bildbeschreibung manchmal auch sein.

Jedenfalls kurven wir noch einige Zeit durchs Tal, orientieren uns am Wanderbüchlein, das uns tadellos leitet, erreichen die Hohllay, klettern dort teilweise hinauf (Petra: nein, ich: ja), schauen (der eine Teil von uns) in Fledermaushöhlen (und Spinnen soll es dort auch geben) und kraxeln über Felsen. Das ist nett, das ist schön, und schon ist die Stimmung schon so gut wie im Lot.

Der Experte für Outdoor und Touren__________________________________________________________________________________________________

Die Felsen lassen wir zurück, die gute Laune nehmen wir mit. Die wird uns auch bis zum Ende nicht mehr verlassen, denn irgendwie passen tolles Sommerwetter und offene Landschaft doch bestens zusammen. Hier in der Eifel, das weiß jeder Rheinland-Geschädigte zu schätzen, ist es doch einige Grade kühler, die Luft ist lauer und leichter, der Atem fließt entspannter. Das alles zusammen lässt die nächsten Streckenabschnitte zum angenehmen Erlebnis werden.

Langsam führt der Weg wieder bergan, diesmal auf gut geteerter, aber gering befahrener Nebenstraße. Schon nach kurzer Zeit biegen wir samt Weg nach rechts ab, womit wir quasi wieder auf dem Rückweg sind. Felder und Wiesen, teilweise abgeerntet oder frisch von einem Bauer beackert, legen sich links und rechts flach vor uns hin. Während wir rechts den Blick auf das Waldgebiet haben, dem wir vorhin entronnen sind, breitet sich links für eine längere Wegezeit die Vulkaneifel aus. Die Aussichten sind weit und schön und werden nur hier und da von die Arme anmutig nach oben gen Himmel reckenden, weiß-grauen Gestalten gebrochen. Ist es Gandalf? Nein. Es ist eines der vielen, sehr vielen Windräder, die uns aus der Ferne fröhlich zuwinken.

Eifelhöhenwanderung

Wir sind aber nicht doof und winken nicht zurück und fragen uns stattdessen, ob wir nicht doch noch, trotz unseres Alters, den Tag erleben, an dem wir alle erkennen, dass Windräder auch nur viel heiße Luft erzeugen. Und dann reisen wir nicht mehr in die Vulkan-, sondern in die Spargeleifel.

Ein bisschen Fortschrittspessimismus muss an geeigneter Stelle, also hier, auch mal sein …

Aber der Weg ist viel zu schön, um allzu lange pessimistisch zu sein. Nach einer kurzen Rast mit Blick auf »siehe oben« folgen wir dem nun zum ersten Mal schmalen Pfad bergabwärts. Zwischen Felsen hindurch, mal kleine, mal richtig große Brocken, mäandern wir hinab, der Weg ist richtig beschaulich, knorrig auf angenehme Art durch die Wurzeln, die sich uns in den Weg stellen oder legen. Wir nähern uns dem Altburger Bach, bestaunen zuvor noch die Kalkfelsen, die uns von da an längere Zeit begleiten werden, und schauen in eine Doline – wie jeder weiß, handelt es sich dabei um eine Karstsenke.

Kritischer Blick, aber keine Sorge: der hält

Dazu leisten wir uns noch einen Abstecher zur Keltenfliehburg; der Weg dorthin ist gut ausgeschildert, das Gebiet der Fliehburg auch, was hilfreich ist, denn auf den ersten Blick mag sich einem spätkeltischen Städter wie mir die Keltenburg nicht direkt erschließen. Weiß man aber, wo man gucken soll, guckt man schon ganz anders. Zumindest sind Teile/Reste der Mauer zu erahnen, wobei von Holzmauern generell ja über die Jahrtausende eher wenig erhalten bleibt.

Felsformationen im Hintergrund.

Das stört uns nicht, wir lieben beide solche die Zeiten überdauernden Orte, auch wenn sie mehr zu spüren als zu sehen sind.

Noch eine Bachüberquerung steht uns bevor, die wir dank einer stabilen Holzbrücke (Bauzeit: Gegenwart, also nicht keltisch) meistern. Und schon geht es wieder hinauf – die Burg Schönecken ruft (bitte nicht wörtlich nehmen, wie ja vieles, was ich schreibe, nicht wörtlich genommen werden sollte).

Eine sehrspätkeltische Holzbrücke

Wieder wird es eng, wieder wächst viel Gras über die Sache: schmaler Pfad auf weichem Wiesengrund. Also so was, wo jedem Weichwegwanderer ein Seufzer der Wohlbefindlichkeit entfleucht. Aber auch dieser Weg hat einmal ein Ende, und zwar direkt vor den Toren der Burg.

Gut, das ist hier keine Keltenfliehburg, und schon gar keine aus Holz. Aber viel übrig geblieben ist von der großflächigen Burganlage auch nicht mehr. Die Höhenburg (genaue Höhe laut Wikipedia, auf der wir uns befinden: 467 Meter) um 1230 erbaut, fiel, wie es Burgen ja oft an sich haben, in diverse Hände, wird erobert und brennt ab (ich glaube, diese Reihenfolge, aber es kann auch andersherum sein), wird abgebaut, um Häuser im Ort Schönecken (wieder) aufzubauen – und wird dann von 1970 bis 1975 saniert. Saniert ist natürlich gut gesagt, allzu viel vorhanden war ja offensichtlich nicht mehr. Aber das, was noch steht oder liegt, besichtigen wir.

Die Burg unter meinen Füßen, der Ort vor meinen Augen: Schönecken

Und überhaupt hat man von hier oben, also aus circa 467 Metern Höhe, eine wunderbare Sicht über Schönecken und die Ländereien drum herum, die einstmals den »von Hochstadens«, den »von Schöneckens«, dem »Kurfürsten von Trier« und den »von Hersels« und all den anderen gehörten, die tief im Herzen sicher gute Menschen, gemeinhin aber in meinen Augen selten Besseres als Raubritter waren.

Die letzten Schritte sind schnell getan: Es geht runter, und runter kommt man irgendwie ja immer. Noch ein paar Meter an der Lindenstraße entlang, und schon sind wir zurück bei … A.

Ruine mit Fahne der neuen Burgherren.

Die vorgegebene Wanderroute aus dem Büchlein war dank der exzellenten Beschreibung sehr gut nachzugehen. Abzweige und Sehenswürdigkeiten wurden akkurat genannt. Die Strecke selbst war gut zusammengestellt, da gibt es nichts, auch wenn mich das erste Teilstück (der Wald, der Wald …) ein ganz klein wenig anödete. Ist aber sicher individuell verschieden, und jeder wird anders empfinden.

Insgesamt aber war die Wandertour ein sehr schöner Einstieg in unseren dreitägigen Aufenthalt in der Vulkaneifel. Die Schönecker Schweiz ist abwechslungsreich, angenehm felsig, ohne anstrengend zu sein, mit vielen Aussichten über die Eifelhöhen, zwei (!) Burgen, wenn auch arg hinfälligen, malerischen Bachauen und sehr viel Stille im Wald und außerhalb des Waldes.

Abschlussbild

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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6 Responses

  1. Angelika

    Hallo Karl-Georg
    da hattet Ihr doch wirklich nochmal Glück mit den letzten Tagen unseres diesjährigen Hochsommers. Wer hätte gedacht, daß dieser so schnell sich abwendet. Da kann man jetzt hinterher das viele GRÜN des Waldes doch mit ganz anderen Augen sehen :-)
    Sieht nach einem schönen abwechslungsreichen Wanderweg aus – vielen Dank für den Bericht.
    Gruß aus dem Süden
    Angelika

    Antworten
    • Georg

      Glück ist fast noch untertrieben, ein besseres Wanderwetter hätten wir uns gar nicht wünschen können: Es war sonnig, aber nicht zu heiß, also ideal für uns. Überhaupt hatten wir mit den drei von uns ausgesuchten Wandertouren richtiges Glück – oder einfach ein gutes Händchen -, sie waren abwechslungsreich und vielfältig und jeder auf seine Art speziell. Und nachher waren wir nicht sicher, ob wir nicht ein weiteres Mal nach Prüm fahren werden …

      Antworten
  2. Guido

    Hach Karl-Georg, wie oft bin ich mit den damals überarbeiteten Schwiegereltern zur Erholung zu dem Burghotel gefahren, von dort zur Burg gewandert und anschließend zu Kaffee und Kuchen in dem exquisiten Hotel eingekehrt. Schöne Erinnerungen. Standen die Rehe noch auf der Wiese? Damals gab’s ne ganze Herde. LG

    Antworten
    • Georg

      Tja, Rehe: weit und breit keine Spur von ihnen. Überhaupt waren Lebewesen – Mensch und Tier – eher rar gesät, was bei dem wunderbaren Wetter doch verwunderlich war (jedenfalls auf die Menschen bezogen, Tiere sind ja eher vernünftig und meiden die Hitze.)

      Antworten
      • Georg

        … und jetzt muss ich meine Aussage gleich revidieren. Ich meine mich zu erinnern, dass wir in größerer Entfernung doch ein Reh gesehen haben. Also ein Wildes, kein Gehegtes. Von einem Gehege sahen wir nichts, was ja nichts heißen muss, denn womöglich führte unsere Wanderstrecke gar nicht am Gehege entlang.

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