„Pilgern liegt im Trend“, so beginnt Autor Volker Bender sein Vorwort zu „Pilgerwanderungen an der Mosel“. Um es gleich zu sagen: Das ist die einzige Anmerkung, die ich Volker Bender verarge, denn einem Trend haftet der Geruch von zeitweilig an, aus einer Laune heraus, die bald wieder überlebt sein wird. Dabei hat Pilgern natürlich eine jahrhundertelange Tradition. Mal wird weniger gepilgert, mal mehr. Dass heutzutage augenscheinlich oder scheinbar mehr gepilgert wird, hat seine Gründe. Ohne dies wissenschaftlich unterlegen zu können, spielen Faktoren wie mehr Freizeit als in früheren Jahrhunderten, bessere Infrastruktur oder auch die größere Informationsvielfalt eine Rolle.

Und das Pilgern ist auch ein Ausdruck, dass der – in den westlichen Ländern lebende – Mensch Ruhepole entdecken will, so eigenartig das bei einer von der steten Bewegung lebenden Beschäftigung wie dem Pilgern anmutet. Aber Pilgern soll uns ja wegbringen aus einer Situation (familiär, beruflich und so fort) und hinführen zu einem Ziel, wobei beim heutigen Pilgern fast mehr der Weg das Ziel ist – anders als früher, als der Wallfahrtsort den Menschen anzog. (Ich erinnere mich an die Wallfahrten mit Oma und Opa, die uns mit dem Auto nach Banneux brachte oder mit dem Rheinschiffchen nach Bornhofen – für mich als Jungen waren da schon mehr die Reise als der Wallfahrtsort das Ziel.) Die Pilgerreise wird genutzt, um sich zu besinnen, Einkehr zu halten, sein Leben komplett oder abschnittsweise zu überdenken, und vieles andere. Dazu pilgern manche Tausende Kilometer weit, andere beschränken sich auf kurze Etappen, die ihnen womöglich genügen, um mit sich oder anderen oder überhaupt mit der Welt diesseits und vielleicht gar jenseits ins Reine zu kommen. Ob das ein Trend ist, wenn dies den Menschen schon viele Jahrhunderte lang von zu Hause in fremde Gefilde führte? Ich denke nicht.

[tip]

•        Pilgerwanderungen an der Mosel
•        Autor: Volker Bender
•        168 Seiten
•        Verlag: Droste
•        Erscheinungsjahr: 2014
•        Besonderheiten:  Ausführlicher Serviceteil, GPS-Daten
•        ISBN: 978-3-7700-1498-9
•        Verkaufspreis: EUR(D) 12,95
•        Format:   11,8 x 1,5 x 18,5 cm [/tip]

“Pilgerwanderungen an der Mosel” schränkt das Gebiet schon vom Titel her ein. Obwohl der moderne Mensch weniger Gefahren auf der Reise als in früheren Zeiten fürchten muss, macht es mir das Nach-Wandern doch einfacher. Ich kann, wenn ich Übernachtungen nicht einplanen will, dem Hinweis von Volker Bender folgen – „manchmal reichen nur wenige Stunden, um sein Leben mit nachhaltiger Wirkung für viele Tage und Wochen zu bereichern“ – und eine kurze Auszeit nehmen. Hin- und Rückfahrt an einem Tag. Mithilfe der Übersichtskarte auf der aufklappbaren Umschlaginnenseite – die übrigens auch auf der Rückseite des Bandes abgedruckt ist – treffe ich meine Vorauswahl. Die 20 Touren verteilen sich gleichmäßig von Koblenz bis Trier; 18 Rund- und 2 Streckenwanderungen von 7 bis 21 Kilometern liegen mir zur Auswahl vor, auch mit eigener Streckenführung jenseits ausgetretetener Pfade.

Beispielhaft greife ich mir die Route 03 heraus, die von Hatzenport nach Münstermaifeld und Lasserg führt. Diesmal war es mir nicht möglich, eine der Routen selbst nachzuwandern, sodass meine ich Anmerkungen ohne Überprüfung vor Ort mache. Auf der linken Seite, wie bei allen Touren, verschaffe ich mir einen Überblick durch eine gut halbseitige Wanderkarte; die Tour ist rot kenntlich gemacht, wichtige Punkte heben sich durch Ziffern hervor (und werden auf der gegenüberliegenden Seite im Serviceteil benannt), markante Örtlichkeiten sind eingetragen. Auf der Website des Verlages kann ich die GPS-Daten zu jeder Tour herunterladen. Über der Wegekarte finden sich neben der Streckenbezeichnung noch eine beschreibende Unterzeile (hier: „Romantische Mühlen und eine Stiftskirche“) sowie Angaben zur Weglänge (17 Kilometer), zur Gehzeit (5 Stunden) und zur Streckenart (Rundweg). Unter der Wanderkarte finde ich ein stimmungsvolles Foto, bei dieser Tour ist es die Burg Bischofstein. Gleich daneben fällt mir ein mir ein weiteres Foto ins Auge, das sogar mehr als die halbe Seite einnimmt. Sehr schön! Überhaupt gefällt mir die Fotoauswahl sehr gut, denn sie bilden für die Touren wichtige Bauwerke – hier die Kirche St. Johannes – ab. Das macht mit alles, was Volker Bender im Text erzählt, noch anschaulicher. Besonderheiten am Wegesrand wie auf der folgenden Seite der Fährturm am Moselufer erhalten erfreulich oft ein eigenes Foto, umrahmt von erläuternden Ausführungen beispielsweise auch zum erwähnten Fährturm. Das Hauptaugenmerk legt Volker Bender natürlich auf die Stätten, die eine Pilgerwanderung interessant machen; bei dieser Route sind das die Bergkirche/Kirche St. Johannes und St. Rochus in Hatzenport oder das „Maifeldmünster“ in Münstermaifeld.

Doch ich bin einen Schritt zu weit gegangen, denn den Serviceteil habe ich unterschlagen. Dort, unter dem genannten großformatigen Foto, finde ich Angaben zum Streckenprofil, zur Anfahrt, getrennt nach PKW und ÖPNV und zu Einkehrmöglichkeiten. Hinzu gesellen sich die Angabe des Pilgerorts (Stiftskirche Münstermaifeld) und zu den mit Ziffern in die Wanderkarte eingetragenen Orten „unterwegs“ wie den Alten Fährturm oder die beiden Kirchen in Hatzenport, sodass ich diese mühelos auf meiner Wanderung verorten kann.

Pilgerwandern an der Mosel

Den großen übrigen Teil des Textes nimmt die Routenbeschreibung ein. Dies liest sich dann so: „Über eine kleine Behelfsbrücke queren wir den Schrumpfbach und nähern uns der Walkmühle. Nicht weit davon passieren wir die Lohmühle und weniger später die Nachtsheimsmühle mit ihrem malerischen Bauerngarten. Nach der Weymühle erreichen wir die Steinsmühle. Auf ihrem Hof können wir neben Heidschnucken auch …“ Und so fort. Wichtige Örtlichkeiten sind fett hervorgehoben, Besonderheiten werden gesondert erwähnt. Zum Schrumpftal, durch den der genannte Schrumpfbach fließt, entdecke ich auf einer der nächsten Seiten sogar noch einen längeren Beitrag zur Namensgebung und zu den Mühlen. Perfekt. Natürlich können diese eingeschobenen Beiträge nur einen kurzen Überblick zum Thema geben, aber für ein Erstes schmackhaft macht genügt mir das allemal – eine gute Grundlage, um bei Interesse weitere Informationen an anderer Stelle zu sammeln. Manchmal genügt es doch bereits, meine Aufmerksamkeit für mir bislang unbekannte Sachen zu wecken, damit ich dann auf eigene Faust weiterforsche. Die zahlreichen Pilgerziele entlang der Mosel verleiten wirklich dazu, und selbst wenn jemand so wie ich der Kirche schon lange die Jüngerschaft verweigert, können auch mir Kirchen oder andere kontemplative Orte zur Besinnung dienen. Die Titel der 20 Touren mit wichtigen Örtlichkeiten stehen auf der Verlagsseite: 20Pilgerwanderungen an der Mosel

Das Buch kommt in einem handlichen Format ins Haus, der Umschlag ist beschichtet und abwaschbar, die Fotos sind in einer sehr guten Qualität abgedruckt und der Inhalt ist übersichtlich aufbereitet. Schon wegen der kleinen Textbausteine inmitten der Routenbeschreibungen und der – noch unerwähnten – Exkurse zu Koblenz, Trier oder auch zu Themenbereichen wie „Kreuzwege“ oder „Der Mosel-Camino“ eignet sich dieser Wanderführer sogar zum Schmökern. Die Beiträge lesen – und dabei auf den Geschmack kommen. Wenn Pilgern ein Trend wäre, dann würde ich jetzt anraten, noch schnell auf den Zug zuspringen, bevor er abgefahren ist. Aber Pilgern ist zeitlos, es hängt einzig von uns allein ab, ob wir uns die Zeit nehmen. Die 20 Touren die Mosel rauf bis Koblenz oder runter bis Trier bieten genügend Auswahl, um sich auf seine Pilgerreise zu begeben, sei es für eine Woche oder zwei – oder sei es für nur einen Tag. Auf der Verlagsseite findet sich ein Probekapitel als PDF zum Herunterladen: Blick ins Buch

[Petra und ich versuchten uns auch schon für das Magazin “Sehnsucht Deutschland” an einer Zwei-Tage-Pilgerreise – am Niederrhein!  Petras Bericht Entschleunigen am Niederrhein erzählt davon. Meine in “Sehnsucht Deutschland” erschienene Reportage kann als PDF heruntergeladen werden: Zur PDF “Wandern auf dem Jakobsweg”]

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
Schlenderer

Letzte Artikel von Schlenderer (Alle anzeigen)

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere