Bei dieser Rezension hole ich wieder weit aus. Aber das ist natürlich auch das Privileg eines Bloggers, sich nicht in starren Bahnen zu bewegen und unkonventionell schreiben zu können. Was ich in aller Regel ja weidlich ausnutze. Wer das überspringen möchte, scrollt direkt runter bis zum Abschnitt »Die Pflanzenwelt im Westerwald«

 

Muss ein Rezensent Ahnung haben?

»Die Pflanzenwelt im Westerwald« beschäftigt sich nicht nur mit der genannten Pflanzenwelt, sondern auch mit Wandern – was es somit erst recht für den »Schlenderer« interessant macht. Jetzt kann ja – seien wir mal ehrlich – im Grunde jeder Depp übers Wandern schreiben, wandern kann (so gut wie) jeder, und was man kann, darüber kann man auch was schreiben. So einfach ist das manchmal. Inwieweit das Geschriebene dann Hand und Fuß hat, steht auf einem anderen Blatt, aber Floskeln wie »Weg war wunderbar« oder »es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung«, fallen noch jedem Wanderer ein, der gern die Feder schwingen will. Manchmal fällt dann gar nicht mal auf, dass derjenige eigentlich gar keine Ahnung vom Wandern hat (bitte jetzt nicht an mich denken. Danke.)

Jetzt bilde ich mir aber doch ein, im Laufe der Jahrzehnte gewisse Grundkenntnisse und womöglich die eine oder andere Weisheit darüber hinaus angeeignet zu haben. Vielleicht liest man das sogar aus meinen Beiträgen heraus. Ja, Wandern kann ich. Aber vieles kann ich nicht. Und dazu geht die Naturkunde. Da bin ich Laie, das sage ich ganz unverblümt. Trotzdem – oder gerade deswegen – interessieren mich Themen um die Natur herum, auch Artikel, Abhandlungen, Erläuterungen. Aber Ahnung – nein, die habe ich nicht.

 

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•        Die Pflanzenwelt im Westerwald
•        Autoren: Dirk Bönsel, Petra Schmidt, Christel Wedra
•        434 Seiten
•        Verlag: Quelle & Meyer
•        Erscheinungsjahr: 2013
•        Besonderheiten:  535 Abbildungen, 18 Karten
•        ISBN: 978-3-494-01530-9
•        Verkaufspreis: EUR(D) 19,95
•        Format: 11,8 x 2,5 x 19 cm [/tip]

Das ist ja auch in Ordnung. Hakelig wird es nur dann, wenn man so wie ich eine Rezension zu einem Buch schreiben will, das sich speziell auch mit der Natur und vielen Fragen dazu befasst. Denn der Buchbesprecher tut gut daran, von der Materie, in der das Buch einsteigt, doch etwas Ahnung zu haben, damit er wenigstens ein Gefühl dafür bekommt, ob das Geschriebene (im Buch, später dann in der Besprechung) die besagten Hände und Füße hat. Und da liegt der Hund begraben. Ich bespreche ein Buch und habe nur rudimentär Ahnung, kann also vermutlich gar nicht beurteilen, inwiefern die gemachten Angaben der Autoren stichhaltig, korrekt, belegt und so fort sind. Ich stochere dann etwas im Ungefähren, gebe sehr stark nur meinen persönlichen Eindruck wieder, ohne dass der Leser sich darauf verlassen kann, dass ich es inhaltlich überprüfen konnte.

Warum ich das so ausführlich schreibe? Gewöhnlich gönne ich den Bewertungen bei Amazon vor dem Schreiben einer Rezension bestenfalls einen kurzen Blick (wobei dann die Verrisse meist noch am, ich sag mal, Amüsantesten sein können); hinterher, wenn meine Rezension abgehakt ist, gucke ich öfter rein. Vorher nützt es mir nämlich im Grunde nichts, und gerade bei Buchkommentaren ziehe ich dort selten Informationen heraus, die mir weiterhelfen. Die Gefahr ist eher, dass man (hier: ich) etwas im Hinterkopf behält und unter Umständen beeinflusst wird. Doch diesmal guckte ich da rüber, weil ich auf die Schnelle Buchdaten abrufen wollte, und hakte mich am Schwesterbuch »Die Pflanzenwelt in der Eifel« fest, sah die recht überschaubar vielen Rezensionen, bemerkte bei einer »3 Kommentare«, und dachte »Hoppla!«, denn bei Büchern wird nur dann kommentiert und gegen-kommentiert, wenn sich zwei in die Wolle kriegen. Und das ist dann doch allemal spannender als die x-te Schönfärberei oder »Ich tret das Buch jetzt aber in die Tonne«. Also reingelesen – und gestaunt. Da wirft dann der Buchbesprecher mit »Das „Fagetum nudum“, ursprünglich von Meusel beschrieben und später auch u. a. von Ellenberg so aufgefasst, bezeichnete einen krautschichtlosen Buchenwald auf trockenen Kalkböden, meist schlechtwüchsig, und ist mitnichten ein wissenschaftlicher Ausdruck für einen Buchenhallenwald, wie Sie schreiben …« Und mir schlackern die Ohren, weil spätestens da erkenne ich, wie wenig ich doch Ahnung habe von dem, was in solchen Naturführern zu lesen ist. Anlass dieses Auswuchses war übrigens eine Replik des Autors vom besagten Buch auf eine sehr ausführliche (3-Sterne-)Rezension, die er als »… ist z. T. regelrecht böswillig gefärbt« bezeichnete. Fauxpas, ruf ich da, als Autor sollte man Amazons Kommentarspalten zu eigenen Büchern meiden wie ein Tretminenfeld (ich tue das selbst aber nicht), und Kommentare selbst abgeben zu Lesermeinungen ist ein NoGo, da verliert man nur.

Die Sache ist aber die, und hier endet mein Exkurs ins Spezielle außerhalb des Buchs, das ich ja eigentlich besprechen will: Es ist gut, Ahnung zu haben von dem, was man bespricht. Aber es ist nicht immer möglich. Deshalb gehe ich an »Die Pflanzenwelt im Westerwald« ganz ehrlich als Rezensent heran, der sich für eine Sache – die Natur – interessiert und eine andere – das Wandern – wie aus dem Effeff kennt. Ich vermittle als diesmal einen noch persönlicheren Eindruck von der Sache. Das wollte ich – ja, ich weiß, sehr weitschweifig – vorausschicken.

 

»Die Pflanzenwelt im Westerwald«

Auf 434 starken Seiten führt uns das Autoren-Trio Dirk Bönsel, Petra Schmidt und Christel Wedra in den Westerwald. Halt, nicht in den gesamten Westerwald, sondern in den Hohen Westerwald, Oberwesterwald, die Täler um Lahn und Dill. Auf der Umschlagseite (vorne, innen) finde ich eine Übersichtskarte, auf der die Touren mit ihren Ausgangspunkten eingetragen sind. Dort fällt mir gleich ins Auge, dass die westlichste Tour bei Dreifelden am gleichnamigen Weiher liegt, die anderen 17 Touren also östlich davon in Richtung Rothaargebirge und Dilltal. Eine gute Übersicht der 18 Touren, die sich aus Rundwanderungen und Streckentouren zusammensetzen, bietet die Website des Verlages direkt an: PDF des Inhaltsverzeichnisses

Kurze praktische Hinweise leiten den Text ein, wozu beispielsweise der Hinweis auf weit mehr als 1000 Pflanzenarten im Westerwald gibt – dass diese Vielzahl nicht Eingang in dieses Wander-Pflanzenbuch gefunden haben kann, wird sicher einsichtig sein. Die folgenden Seiten widmen sich den jeweiligen Regionen; vier sind es an der Zahl

  • Wanderungen auf dem Westerwaldsteig
  • Wanderungen an der Lahn – Lahnhöhenweg
  • Wanderungen auf dem Rothaarsteig
  • Wanderungen im Lahn-Dill-Bergland – Lahn-Dill-Bergland-Pfad und Extratouren

Spezifische Angaben zu den Touren, beispielsweise ob sie als Rundwanderungen genutzt werden können oder zu Übernachtungsmöglichkeiten, prägen diese Abschnitte. Danach erfahre ich Details zum Wandergebiet Westerwald und zu seinen Regionen wie eben Hoher Westerwald, ergänzt um Angaben zu den passenden Touren. Und gleich danach starten die 18 Touren.

Wie diese Touren aufgebaut sind, lässt sich wieder auf der Website ganz ausgezeichnet einsehen: Beispieltour 7 – „Über die Höhen des Westerwaldes“ – Auf dem Westerwaldsteig von der Fuchskaute nach Rennerod.

Ich aber widme mich Tour 10 – »Die Dreifelder Seenplatte« – Rundwanderung durch die mittelalterliche Teichlandschaft, teils auf dem Westerwaldsteig. Denn ich hatte wegen fehlender Zeit keine Gelegenheit, eine der beschriebenen Touren nachzuwandern. Die Route aber kenne ich in sehr ähnlicher Form. Was aber wird uns angeboten?

Bei jeder Tour stimmt uns ein Foto über der Titelzeile auf die Wanderung ein. Bei dieser Tour sind es insgesamt sechs Fotos, drei von Pflanzen, drei von Landschaften wie dem Postweiher oder dem Dreifelder Weiher. Einem einführenden Beitrag, der uns zur Tour hinführt (was bietet die Tour, woher lenkt sie uns und Ähnliches), gibt uns ein farblich unterlegter Serviceteil Auskunft zum Ausgangspunkt, zur Markierung (hier: Westerwaldsteig, dazu dann der Hinweis, wann andere Markierungen wie der 7-Weiher-Weg greifen), der Länge, den Einkehrmöglichkeiten und einer empfohlenen topographischen Karte.

Weiter geht es mit der Wegbeschaffenheit, einem farbigen Höhenprofil und den vorgestellten Lebensräumen (bei dieser Tour sind dies die Ufervegetation, Laubwald und Wiesen). Im Anschluss geht es los mit Wandern. Dabei wird natürlich das Augenmerk ganz besonders auf die Vegetation gerichtet; Anmerkungen dazu sind da ausführlicher als in den üblichen Wanderführern: »Auf eine besondere Segge möchten wir aber aufmerksam machen. Es ist die zierliche Böhmische Segge, eine Rarität in Deutschland, die sehr reichlich im Uferschlamm des Postweihers wächst. Darüber hinaus finden wir einige Stauden, die typisch für nasse und zugleich nährstoffreiche Böden sind (Beobachtungstipp 1).

Die Pflanzenwelt im Westerwald

Jeder dieser – bei der Tour 10 – fünf Beobachtungstipps ist als rot eingefasster Punkt auf einer Wegekarte eingetragen, die zu jeder Tour eine knappe halbe Seite einnimmt. Darauf erkenne ich den Startpunkt, die Route, weitere Wege und Örtlichkeiten. Trotzdem sollte eine genauere Wanderkarte zum Repertoire gehören.

Zum Beobachtungstipp 1 finde ich außerdem noch detaillierte Angaben zu besonderen Pflanzen, dazu die Koordinaten, wo ich den Ort genau finde, weiterhin den lateinischen Namen der Pflanze und, soweit vorhanden, einen Verweis auf den Pflanzenteil: »Bittersüßer Nachtschatten (Solanum dulcamara), N1. Von der genannten böhmischen Segge entdecke ich auf der folgenden Seite sogar noch ein Foto, wodurch ich ja erst die Pflanze auffinden kann.

Ein farblich wieder unterlegtes Textfeld wendet sich noch der »Westerwälder Teichwirtschaft« zu, die erst die Weiher in der Nähe von Dreifelden im 17. Jahrhundert entsehen ließen – schön, wenn abseits der Pflanzenwelt noch solchen Betrachtungen Raum gelassen wird!

Alle 18 Routen sind auf diese Weise aufgebaut. Wichtig sind darüber hinaus natürlich die Pflanzenporträts, von denen man sich erneut auf der Website einen eigenen Eindruck verschaffen kann: PDF eines Pflanzenporträts

Die Porträts sind alphabetisch nach deutschen Namen angeordnet. Markiert sind die Routen, auf denen sie auffindbar sind, Zeichen weisen mich darauf hin, ob es sich um geschützte, giftige, Heil-, Zier- oder Nutzpflanzen handelt und/oder um Wildgemüse/Wildobst. Die Blüte- und die Fruchtzeit sind auf Monatstabellen farblich hervorgehoben. Einer Beschreibung folgen Angaben wie »Wissenswertes« (»In der Volksmedizin gilt Hasen-Klee als wirksam gegen Durchfall« und so fort) und »Ähnliche Art«. Auf der rechten Seite sehe ich Fotos mindestens ein Foto zu jeder Pflanze, nicht selten auch zwei. Ein Literaturverzeichnis und ein Register mit deutschen und lateinischen Bezeichnungen schließen das Buch ab.

Das Buch wiegt satte 600 Gramm, ist also kein Leichtgewicht wie andere Wanderführer. Aber bei den vorgeschlagenen 18 Wandertouren steht auf keinen Fall das hastige Eilen im Vordergrund, sondern das besonnene Wandern, stehen bleiben, Natur betrachten, Pflanzen suchen, erkennen, einordnen. Das dauert, nimmt Zeit in Anspruch, verhinder, dass man durch die Gegend hastet. So jedenfalls stelle ich mir dies vor, wenn ich die Tourenbeschreibungen lese, denn hier und dort finden sich Orte, an denen ich eben das tun muss: Mich mit der Natur auseinandersetzen. Und das geht nicht im Eilschritt.

»Die Pflanzenwelt im Westerwald« hat mir genau darauf Appetit gemacht, auch wenn für mich nur einige Touren in guter Nähe sind. Aber die Fuchskaute fand ich bei unseren Wanderungen schon ohne genaue Kenntnis, was ich wo entdecken kann, faszinierend, und die Streckenwanderung am Secker Weiher (in der Nähe des Wiesensees bei Westerburg) flechte ich gern in die Rundwanderung ein, die wir dort schon gewandert sind. Dann aber mit wachem Auge für die Natur direkt vor und neben meinen Füßen.

Und genau dafür eignet sich »Die Pflanzenwelt im Westerwald« wirklich. Die Natur erkunden, zu Fuß, mit offenen Augen. Pflanzen sehen, die einem nicht einmal namentlich geläufig sind. Neues sehen – und das mal wieder direkt vor der Haustür oder nicht sehr weit davon entfernt. Die Natur liegt uns zu Füßen, wir müssen uns ihr nur hinwenden, vielleicht mal einen Kniefall vor ihr machen, und schon öffnet sie sich uns. Dieses Buch hilft mir dabei.

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
Schlenderer

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Eine Antwort

  1. Georg Geißler

    Lieber Wanderfreund Georg / Schlenderer

    habe mit Interesse die Besprechung des Ratgebers “Pflanzenwelt im Westerwald” gelesen und den Link an den Redakteur unserer Vereinszeitschrift weiter gegeben. Ein weiteres Bekanntwerden ist bestimmt nicht schädlich?!

    Antworten

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