Unterwegs beim »Nordpfad Wolfsgrund«

10 Tage wanderten Petra und ich auf den “Nordpfaden”. Nordpfade – nie gehört! Wir schon. Eine der guten Seiten des Internets. Die Informationswege sind kürzer und schneller als früher. Manches war früher doch nicht besser, obwohl ich längst im Alter bin und schwärme von … genau. Früher, als die Kühe noch mit im Haus schliefen, damit es nachts kuschlig warm ist. Oder die Frau den abgehetzten Mann mit Bierflasche und Pantoffeln erwartete, wenn er von der Jagd in die Höhle zurückkam, die Jack-Wolfskin-Jacke zerfetzt, den Säbelzahntiger geschultert, die Kippe lässig im Maul (der Mann, nicht der Säbelzahntiger!) Ach, waren das Zeiten.

Ich schweife ab. Die Nordpfade nämlich sind ganz modern, ganz neu. Da ist es gut, auch mal ein wenig die Werbetrommel zu rühren. Denn in meinen Augen tut sich der Norden noch etwas schwer, wenn es ums Wandern geht. Und das zu Unrecht, wie Petra und ich erfahren und erwandern konnten. Doch der Reihe nach.

Unser Wanderurlaub begann sonntags. Anreisen sind ein leidiges Übel, doch wir erleichtern uns das, indem ich beim Fahren einfach die Klappe halte. Mir reicht meist Hupen, um die Umwelt auf mich aufmerksam zu machen. Wild hupend erreichen wir also Rotenburg das Ziel unserer schweigsamen Anfahrt. Rotenburg ist ein schnuckliges Städtchen mit gut 20.000 Einwohnern, in der Mehrzahl sicher Norddeutsche, was ja spannende Begegnungen mit dem als lebenslustig verschrienen Rheinländer versprach. Wobei in mir sicher viel dickes Eifelblut fließt, dass doch eher behutsames Herantasten (nein, nicht Heranhupen!) an andere Menschen verspricht. Eher so wie es dem Norddeutschen nachgesagt wird. Insofern also müssten wir bestens auskommen.

Das fing ja auch schon direkt gut an. Petra hatte sich bereits Anfang des Jahres eine Ferienwohnung ausgeguckt; einige Monate später wurde dann in der Fernsehserie “Schönes Landleben” (oder heißt es “Gutes Landleben” oder doch “Superschönes gutes Landleben”) der Hof Grafel vorgestellt. Rund drei Kilometer raus aus Rotenburg, rein in die Natur liegen hinter uns, als wir den Bauernhof erreichen. In einem der folgenden Berichte werde ich (oder Petra) den Hof noch vorstellen.

Jedenfalls bietet Wilhelm Peters auch Yoga-Kurse an. Mag sein, dass ich meine Biegsamkeit oder Geschmeidigkeit schon vor Jahren eingebüßt habe, vermutlich auch, da ich die Yoga-Kurse eines Tages vor rund zehn Jahren sausen ließ und auch daheim nicht mehr yogierte, jedenfalls nickte ich Petras Begeisterung ab. Auch mit dem Gedanken: “Super, guck ich mir in der Zeit eine Horrorgruselserie im Fernsehen an. Also Bauer sucht Frau oder sowas.”

Ferienwohnung 6 gehörte für 10 Tage uns 2. Eine gute Wahl, die Petra getroffen hatte, denn als einzige Ferienwohnung lag die Terrasse zu den Wiesen hin. Ich möchte mit dem Hinweis auf meine familiäre Herkunft feststellen, dass der zwar dort geborene, aber durch die Bemühungen der eifelschen Oma und des Opas nicht ganz waschechte Rheinländer Jung gern auch mal die Knurzbacke runterhängen lässt. Sprich: Großes Hallo beim morgendlichen Outdoor-Frühstück kann mein Ding sein, muss es aber nicht. Smalltalk muss dann nicht sein, Hupen täte es auch.

 

Nach der Ankunft gab es eine Begrüßungsrunde bei Kaffee und Kuchen. Jetzt bin ich ja Sozialarbeiter, ein selbstgewähltes Schicksal, das im Laufe des Berufslebens so seine Eigenarten mit sich bringt. Beispielsweise so etwas in Richtung “Stuhlkreise” und “wir stellen uns jetzt alle mal vor”. Die Vielzahl solcher pseudo-traumatischen Vorkommnisse führt heutzutage bei mir zu Gesichtsmuskelverspannungen, die Petra mit dem tiefenpsychologischen Ansatz eines “Jetzt guck aber nicht so!!!” (ja, drei Ausrufezeichen!!!) aber gut lösen kann. Es war auch wirklich nett, Petra Peters hatte uns im positiven Sinne gut im Griff. Und als einer der älteren Gäste vor sich und vor uns ergiebig hinplauderte, meine ich auch, ein kollektives Aufatmen gehört zu haben. Stille ist gut, kann aber in einer Runde von zehn oder so Menschen zu Löchern in der Decke führen. Und das hätte das schöne Bauernhaus, in dem wir zu Tisch saßen, nicht verdient.

Wilhelm führte uns danach noch über den Bauernhof. Schafe, Ziege, Pferde, Esel. Spielgerätschaften für Kinder. Bauernhöfe sind für Kinder ja Abenteuerland, bei Peters sind sie da sicher genau richtig.

Nach dem großen und, wie gesagt!, freundlichen Hallo war uns die Zeit weggelaufen. Gegen 18 Uhr machten wir uns auf den Weg zum “Nordpfad Wolfsgrund”. Jeder Tag ohne Wanderung ist ja ein verlorener Tag. So gönnten wir uns noch die 1,2 Kilometer lange Variante des eigentlichen Nordpfads. Dieser wiederum ist 5,2 Kilometer lang und – als Besonderheit – barrierefrei, also für Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer geeignet und mit “Mitten-Drin-Bänken” ausgestattet, bei denen der Fahrer zwischen zwei Holzbänken Platz findet. Beide Wege, der längere und die kurze Variante, schließen auch eine barrierefreie Aussichtsplattform ein mit einem schönen Blick über das Naturschutzgebiet Wolfsgrund.

Dieses Naturschutzgebiet war unser Ziel. Ein Rundweg führt durch die sanft gewellte Dünenlandschaft, der sandige Weg läuft zwischen der Besenheide entlang, streift durch ein kleines Wäldchen und am Everser Bach vorbei und bietet von zwei malerisch gelegenen Rastbänken Gelegenheit zum Innehalten. Wir nutzen beide Gelegenheiten und sind froh, nach Stunden auf der Autobahn jetzt die Stille genießen zu können. An diesem Abend sind wir die Einzigen im Wolfsgrund, am folgenden Tag werden wir bei schönerem Wetter wiederkommen und einige Besucher mehr sehen. Von der Aussichtsplattform gönnen wir uns noch einige Blicke über die Heidelandschaft, dann ruft die Ferienwohnung.

Nordpfad Wolfsgrund

Das Team der Nordpfade bietet einen Wandernavigator an, bei dem alle Nordpfade mit Informationen und Karten abgerufen und ausgedruckt werden können. Die Wege selbst sind einheitlich ausgeschildert, werden regelmäßig gepflegt und weisen an jedem Startpunkt eine große Informationstafel auf. Die Beschilderung unterwegs ist vorbildlich und wirklich unverlaufbar. Mehr dazu im nächsten Bericht, denn für Montag haben wir ein Gespräch mit Udo Fischer, Geschäftsführer des TOUROW-Teams, vereinbart.

Die Fotos zeigen die kurze Variante an zwei unterschiedlichen Tagen. Den längeren Nordpfad wandern wir in diesem Urlaub übrigens nicht. Rund um Rotenburg liegen genügend andere Nordpfade, die wir erwandern wollen.

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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4 Responses

  1. Udo

    Ich finde Du hast nicht zu lang – aber auch nicht zu kurz geschrieben. Es ist genau richtig – eher leise – wie es sich wohl für einen Rheinländer Deiner Colour gehört – aber einfach nur nett und lesenswert. Es macht Spass, Freu(n)de und Lust, Dein bzw. Euer Erlebtes selbst zu erleben. Nun sabbel ich selbst soviel. Eigentlich wollte ich nur DANKE sagen. Das mache ich jetzt mal. DANKE für den ersten super tollen NORDPFADE-Bericht!

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