Ausschlafen – Fehlanzeige. Bereits um 7 Uhr rappelte der Wecker und um 8 saßen wir am liebevoll gedeckten Frühstückstisch im Schloss Ossenberg.
Auch heute wartete wieder ein volles Programm auf uns.

Nach dem Frühstück führte uns die Herzogin Karin von Urach durch einen Teil des Schlosses Ossenberg und erzählte uns von den Renovierungsarbeiten. Die Bibliothek ist ein wahres Schmuckstück geworden; bei einer größeren Gästezahl wird das Frühstück in diesem Zimmer serviert. Wir aber hatten das Vergnügen, im lichtdurchfluteten Glasanbau zu speisen.

Nach der Besichtigung der Innenräume ging es hinaus in den Park mit schönem alten Baumbestand, Rosenrabatten und Stallungen. Die Herzogin berichtete von der Scheune, die einem Sturm zum Opfer fiel und aus den alten Steinen wieder aufgebaut wurde, und noch über viele andere Themen rund um Schloss Ossenberg. Ich hätte noch stundenlang weiter zuhören können.

Aber die Zeit drängte, denn wir hatten uns schon viel zu lange aufgehalten. Also hieß es: Wanderkleidung anziehen, alles Übrige im Koffer und dann im Auto verstauen und weiterziehen. Auch im Schloss wurden wir wieder mit einem leckeren Lunchpaket versorgt ;)

Den Vormittag konnten wir uns die Zeit selbst einteilen, denn erst für 13 Uhr waren wir in Orsoy zu einem Stadtrundgang verabredet. Erst einmal mussten wir uns orientieren und auf der Karte schauen, aber schnell hatten wir den Pilgerweg wiedergefunden, der uns erst einmal in Richtung Rheinberg führte.

Anders als am Vortag, als der Weg fast ausschließlich über den Deich lief, mussten wir diesmal ein gutes Stück entlang der Straße und den Bahngleisen der Solvay gehen. Langsam näherten wir uns Rheinberg. Vorbei am Restaurant „Das kleine Rote“ und der St. Peter Kirche, die wir uns nicht nur von außen, sondern auch von innen ansahen, durchquerten wir den Ort.

Bald schon führte unser Weg wieder entlang von Feldern und grünen Wiesen. In der Ferne konnten wir schon Budberg erkennen, den nächsten Ort, den wir bald durchqueren sollten. Es war ein anderes Wandern als in unserer Region von Eifel oder Westerwald, denn alles ist eben, man kann weit schauen und sieht in der Ferne schon die nächsten Fingerzeige. In einiger Entfernung konnten wir sogar die Halde Rheinpreussen mit dem Geleucht erahnen – ein weiterer Programmpunkt des heutigen Tages.

Auch in Budberg führte der Pilgerweg vorbei an zwei Kirchen, die aber leider geschlossen waren. Doch die Zeit drängte, in Orsoy wurden wir schon erwartet. Also weiter Pilgern. Der Weg führte jetzt geradewegs an Maisfeldern vorbei auf Orsoy zu. Rechts hoher Mais, links hoher Mais, dazwischen staute sich die Sommerhitze. Öfter als einmal mussten wir uns den Schweiß von der Stirn wischen. Aber in der Ferne konnten wir schon die Deichanlage erkennen. Wir waren wieder am Rhein angelangt.

In Orsoy wurden wir von Frau Flügen von der WFG Kreis Viersen und Herrn Kehrmann, der uns als Gästeführer begleitete, erwartet. Eine kurze Rast gönnten wir uns aber unter schönen alten ausladenden Parkbäumen, hoch auf dem Deich, mit Blick auf die Hafenanlage und den Rhein.

Danach lud uns Herr Kehrmann zu einer Stadtführung ein. Erstmals wurde Orsoy im 11. Jahrhundert erwähnt. Ein Teil der alten Festungsanlage ist noch erhalten. Wir schlenderten durch den Ort bis zu kath. Kirche St. Nikolaus. Natürlich durften wir dank Herrn Kehrmann auch das Innere besichtigen. St. Nikolaus ist berühmt für seinen Passionsaltar, der im Moment aufwendig restauriert wird. An seiner Stelle hängt ein großes Foto, was seine Schönheit nur erahnen lässt. Weiter ging es zur Evangelischen Kirche, in die wir auch einen kurzen Blick warfen.

Viel Interessantes hatte uns der Gästeführer zu erzählen, aber auch hier drängte wieder die Zeit und nach einigen nachdenklichen Blicken auf die Uhr mussten wir uns leider verabschieden.

Mit Frau Flügen ließen wir uns noch für ein kühles Getränk in der Gaststätte „Mütterlein“ nieder. Vieles gab es von beiden Seiten zu erzählen und zu berichten. Anregungen wurden ausgetauscht. Dann machten wir uns wieder auf den Weg.

Von nun an wurde gepfuscht, was das Pilgern angeht, aber das Programm, was noch anstand, konnte zu Fuß nicht bewältigt werden. Zurück an der Deichanlage stiegen wir also ins Auto und Frau Flüggen fuhr mit uns zum nächsten Besichtigungspunkt.

Schon von Weitem ist das „Geleucht“ als imposante Landmarke hoch auf der Halde Rheinpreussen zu sehen. Der Künstler Otto Piene hat hier den Bergleuten der vielen Zechen in der Region ein einfühlsames Denkmal gesetzt. Mit einer überdimensionalen Grubenlampe als klassisches Bergmannssymbol gelang ihm das vortrefflich.

Das-Geleucht

Am Fuße der Abraumhalde wurden wir von Herrn Brand erwartet. Mit ihm gemeinsam erklommen wir den Hügel. Der Weg windet sich in sanften Schleifen die Halde hinauf. Leider musste ich auf halber Höhe meiner Höhenangst Tribut zollen und ließ mich am Wegesrand im Gras nieder. Dass ich sogar hier im „Flachland“ damit konfrontiert wurde, frustrierte mich schon ein wenig. Ich ließ die Drei also hinauf zur Besichtigung des Geleuchts weiterziehen.

Ich genoss die nachmittäglichen Sonnenstrahlen und ließ den Blick die Halde hinunter bis zum Rhein und hinüber nach Duisburg gleiten. So nah liegt beides zusammen – die Ruhe und das städtische Gewusel. Ich war froh, auf dieser Seite des Rheins verweilen zu können.

Nach rund einer Stunde kamen Georg und Frau Flügen wieder in Sicht und den Rest des Abstiegs legten wir gemeinsam zurück. Noch ein letzter Abstecher führte uns nach Moers ins Grafschafter Museum. Leider reichte die Zeit nur für einen Schnelldurchgang durch die Ausstellung im Erdgeschoss und die Außenanlage. Aber was ich so gesehen habe, das hatte mir sehr gefallen. Im nachgebauten Kaufmannsladen wurden eigene Erinnerungen wach ;)

Zwischenzeitlich war es später Nachmittag geworden und Frau Flügen brachte uns zurück zum Schloss Ossenberg, wo unser Auto bereits gepackt für die Heimfahrt auf uns wartete.

[note]

Im Oktober 2014 erschien meine Reportage zum Thema “Entschleunigen am Niederrhein” in der Ausgabe 03/2014 im Magazin Sehnsucht Deutschland. Die Reportage im Magazin steht auch als PDF zum Herunterladen bereit: Wandern auf dem Jakobsweg

Eingeladen waren Petra und ich von der Entwicklungsagentur Wirtschaft in Wesel und der WFG Kreis Viersen. Für den Schlenderer wird Petra über unsere beiden Tage – den 6. und den 7. August – am Niederrhein berichten. Wir waren unterwegs auf dem Jakobsweg von Wesel nach Moers.

Informationen zum Jakobsweg 4 von Nimwegen nach Köln/Bonn finden sich hier:

Weg 4 – Wege der Jakobspilger

Übersicht der Etappen

Wanderführer zu Jakobswegen

An dieser Stelle bedanke auch ich mich für die immer herzliche und sehr informative Begleitung durch viele engagierte Menschen, deren Namen Petra auch genannt hat.

[/note]

Das also war sie, unsere kleine Pilgerreise, kurz und vollgepackt mit Programmpunkten. Welche Erfahrungen habe ich aus diesen zwei Tagen für mich herausziehen können?

Entschleunigen, das war ja das Thema für Georgs Bericht im Magazin „Sehnsucht Deutschland“. Das war schwer, dafür war das Programm zu eng geschnürt. Und trotzdem, ab und zu kam sie, die Ruhe. Die Landschaft tröpfelte am ersten Tag so dahin, nichts Spektakuläres lenkte ab, das war erholsam. Ich war nicht abgelenkt vom Hier schauen und dort aufpassen, ich konnte einfach gehen. Toll.

Der viele Asphalt war ein klares Manko, darauf möchte ich nicht tagelang wandern müssen. Das ist sehr anstrengend für die Füße und Beine. Und Bänke fehlten an beiden Tagen, um sich einmal hinzusetzen, die Gedanken schweifen lassen, den Blick ruhig auf die Landschaft gerichtet. Oder auch einfach, um im Sitzen was zu essen oder zu trinken.

Der Rhein ist für mich ein Anker, das merke ich schon bei uns in Neuwied. Ich gehe gerne in der Mittagspause an den Rhein, stehe einfach da und schaue dem ruhigen Fließen zu. Das ist für mich Heimat. Und hier, zwei Tage lang am Rhein entlangwandern, ihn neben sich zu wissen, das war beruhigend. So anders war die Landschaft hier, fast ländlich, mitten im Ruhrgebiet. Weit konnte der Blick schweifen. Ruhe kehrte ein.

Die Region des Niederrheins hat mich total begeistert. Ich habe nicht gedacht, dass ja eigentlich in so greifbarer Nähe von unserer Heimat Neuwied eine so tolle Landschaft auf uns wartet. Für mich genau richtig, erholsam, keine Höhen und steilen Abhänge. Für meine Höhenangst die pure Erholung ;) Hier möchte ich wieder hin, auf jeden Fall aber mit mehr Zeit.

Wir wurden gut ausgestattet, mit einem ganzen Beutel voll Informationsmaterial. Darin habe ich schon fleißig gewühlt. Wie bei uns die Traumpfade und Traumschleifen, so wird auch am Niederrhein an einem gastfreundlichen Konzept gearbeitet. Wasser.Wander.Welt. nennt es sich. Und abwarten, vielleicht wird es uns ja wirklich in den nächsten Jahren für einen Urlaub dorthin ziehen und wir werden einen Teil der Wege erwandern. Interessant klingen sie auf jeden Fall.
Ob ich einen Pilgerweg oder Streckenweg einmal mit Gepäck wandern möchte? Da bin ich unsicher. Es war schon schön, den Luxus zu genießen, nur den Tagesbedarf auf dem Rücken zu tragen. Aber abwarten: Man sollte niemals nie sagen.

 

Entschleunigen am Niederrhein – Tag 1 (Von Wesel nach Ossenberg)

 

[Autorin: Petra Müller]

 

2 Responses

  1. Jürgen

    Ich habe es wieder getan. Ein Bild geklaut und den Bericht für den Lokalkompass vorbereitet. Dort wird er am Donnerstag erscheinen. Ich habe “meinen” Niederrhein immer wieder deutlich erkannt. Ich empfinde den “Reiz” zwischen Industrie- und Kulturlandschaft immer wieder schön. Vielen Dank für den schönen (und ausführlichen) Bericht, Petra. Falls ihr tatsächlich einmal hier Premiumwandern möchtet, lautet meine Empfehlung: http://www.wa-wa-we.eu/de/touren/schwalmbruch/index.html. Ich finde das dies die schönste der Premiumrouten hier am Niederrhein ist. (In den Niederlanden gibt es aber noch schönere Wege)

    Grüße
    Jürgen

    Antworten
    • Georg

      Wir haben uns schon Informationsmaterial zu den Wasser.Wander.Welt. zukommen lassen; Dein Tipp kommt da natürlich sehr gut bei uns an. :-) Und herzlichen Dank fürs Verbreiten des Beitrags!

      Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere