»35 geheimnisvolle Wanderungen an Ober- und Mittelrhein«, verspricht mir das Wanderbuch »Mystische Pfade am Rhein« von Antje Bayer auf seinen 146 Seiten. Das sehr schön aufgemachte Buch, das als ansehnlich großes Klappenbroschur mit rund 120 Abbildungen erschienen ist, blättere ich schon wegen des verheißungsvollen Themas erst einmal in aller Ruhe von hinten nach vorne durch (ob wohl ein Rechtshänder von vorne nach hinten durchblättert?)

Natürlich springen mir zuerst die Fotos ins Auge – und die machen durchweg Lust aufs Lesen. Viele ganzseitige Fotografien lassen die Örtlichkeiten aufleben, kleinere Formate ergänzen die Beschreibungen. Viele der Fotos hat die Autorin Antje Bayer selbst angefertigt, andere wurden beispielsweise von örtlichen Touristik-Informationen beigesteuert. Die Aufmachung regt auf jeden Fall die Neugierde an – aber richtig zufriedengestellt kann diese erst, sobald ich die Texte gelesen habe.

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•        Mystische Pfade am Rhein
•        Autor: Antje Bayer
•        146 Seiten
•        Verlag: Bruckmann
•        Erscheinungsjahr: 2014
•        Besonderheiten:  Rund 120 Abbildungen
•        ISBN: 978-3-7654-6802-5
•        Verkaufspreis: EUR(D) 19,99
•        Format:   23,4 x 16,4 x 1,6 [/tip]

Auf der ersten Umschlagseite schaue ich mir den Lageplan zu den 35 Touren an. Ein kleiner Kasten mit dem Hinweis, dass die GPS-Daten auf der Verlagsseite heruntergeladen werden können, fällt sofort auf. Die Touren verteilen sich von einigen Touren gleich südlich von Bonn bis nach Karlsruhe, wobei Schwerpunkte um Koblenz und bei Wiesbaden und Mainz liegen.

Einem stimmungsvollen Vorwort folgen einführende Abschnitte beispielsweise zu den geografischen Besonderheiten, dem Klima am Rhein, dem »Goldrausch« oder Kulinarischem für die Wanderpause wie Zwiebelkuchen der Winzersüppchen und – jetzt knien wir uns richtig rein ins Thema – der Mystik des Flusses.

Gleich darauf wandern wir los. Als Beispielstour wähle ich die erste Tour aus: der »Rheingoldbogen« – ein Traumpfad. Jede Tour beginnt auf der linken Seite, die Gestaltung ist durchgängig die selbe und sehr übersichtlich. In einem farblich hervorgehobenen Textkasten erfahre ich am linken Seitenrand alles über:

  • Tourencharakter
  • Orientierung
  • Gipfel
  • Talort
  • Ausgangs- und Endpunkt
  • Mit Bahn & Bus
  • Einkehr/Übernachtung
  • Beste Jahreszeit
  • Karte

Piktogramme über diesen Hinweisen klären mich dann noch über den Schwierigkeitsgrad der Tour auf (es sind drei möglich), die Streckenlänge, die Gehzeit und die Höhenmeter. Beim Tourencharakter werde ich nochmals auf den Schwierigkeitsgrad sowie die Wegbeschaffenheit hingewiesen und darauf, gutes Schuhwerk zu tragen. Gipfel und Talort informiere mich über die höchste (Jakobsberg) und die tiefste (Brey) Stelle der Tour. Den Ausgangs- und Zielort erfahre ich später nochmals in der Routenbeschreibung, sie gehören aber richtigerweise auch in diese Übersicht. Die Gehzeit hatten wir wie erwähnt bereits, interessant sind stattdessen die Tipps für eine Einkehr und eine empfohlene Karte, obwohl diese bei den topp ausgeschilderten Traumpfaden selten nötig wird.

Rechts vom Textkasten findet sich eine farbige Wanderkarte mit rot eingetragenem Wegeverlauf und farblich ebenfalls in rot hervorgehobenen Örtlichkeiten mit Kennziffer, die später in der Routenbeschreibung wieder auftauchen. Leider werden in der Routenbeschreibung die aufschlussreichen Kennziffern nicht wieder eingesetzt, sodass man selbst schließen muss, wo sich welcher beschriebene Ort auf der Karte befindet. Durch das große Format des Buches sind auch die Wanderkarte erfreulich übersichtlich, neben weiteren Orten und wichtigen Punkten sind auch andere Wege und Straßen eingetragen.

Dem »Rheingoldbogen« sind vier Buchseiten vorbehalten, die mit zwei eindrucksvollen Fotos von der Marksburg und dem Rheingoldbogen bei Boppard untermalt werden. Den genannten Rheingoldbogen sieht man zwar auf der Tour nicht wie abgebildet, aber das Foto vermittelt einen guten Eindruck, welche Ausblicke unterwegs auf die Rheinschleifen möglich sind.

Ein weiterer, kleiner Kasten setzt mich noch über Braubach ins Bild, die Stadt unterhalb der Marksburg, bevor ich mich dann endlich der Routenbeschreibung zuwende.

Mystische Pfade am Rhein

Eine atmosphärisch dichte Einleitung macht Stimmung im positiven Sinn, dann fängt mich gleich die Zwischenüberschrift »Römische Wasserleitungen«, die erste Station auf unserer Wanderung. Dabei fällt auf, dass weniger die Wegbeschreibung im Vordergrund steht, sondern das Erzählen, das Schildern der Orte, die am Wegesrand liegen oder durch die der Wanderer zieht. Zur genannten Wasserleitung erfahre ich dann mehr als nur ein profanes »ist alt«: fast ein ganzer Abschnitt widmet sich der Anlage. Sehr schön.

Später widerfährt mir dann ähnliches – nach Etappen wie »traumhafte Aussichten« oder »schöne Weinberge« – bei den »Zeitzeugen der Vergangenheit«. Auch wenn die Marksburg keineswegs am Traumpfad liegt, rückt sie doch immer wieder ins Blickfeld; fast gewinnt man ja den Eindruck, man sähe die Burg an jeder Ecke des Weges.

Genau in dieser gefühlvollen Weise geht es auch bei den anderen Touren voran. Weniger der Weg ist das Ziel, sondern dass, was am Wegesrand zu entdecken ist. Die kleinen oder größeren Geheimnisse, die unsere Landschaft ja so besonders färben. Tour 2 – der »Saynsteig«, erneut ein Traumpfad – entführt uns beispielsweise in die Prämonstratenserabtei in Sayn.

Tolle Touren, wundervolle Stoffe, aus denen mal mehr, mal weniger geheimnisvolle und mystische Texte gewoben werden. Leider bleibt bei mir etwas Betrübtheit hängen, und das will ich gern näher beleuchten.

Bei Tour 2 stimmt beispielsweise die Wanderkarte in einem Punkt sehr stark nicht mit dem Traumpfad überein. Ich kann mich nicht erinnern – wiewohl ja auch die Traumpfade ab und an einen veränderten Verlauf erfahren -, dass dieser Traumpfad kurz vor Stromberg jemals im großen Bogen durch den »Engerser Wald« wie auf der Karte geführt wurde. Auch die Beschreibung, dass nach dem Aufenthalt auf der Burgruine Sayn weiter auf dem Traumpfad die eben erwähnte Abtei besucht wird, stimmt zumindest gegenwärtig nicht; ob es jemals so gewesen ist, erkenne ich aus den schon etwas älteren Wanderbüchern des idee-media-Verlags auch nicht. Die Kennziffern weisen Lücken auf, 1 und 2 folgen 4 und 5, sodass dadurch eine Orientierung mit Wanderkarte und Routenbeschreibung schwerfällt.

Wie schwierig es ist, bei solch vorgegebenen Wanderwegen immer aktuell mit der Wanderkarte zu bleiben, weiß ich selbst, insofern ist die Tour 3 mit dem Traumpfad »Waldschluchtenweg« natürlich nicht aktuell, da die Wegeführung erst in diesem Jahr verändert wurde. Geschenkt, dafür sind die Traumpfade ja bestens ausgeschildert. Doch stark abweichende Wanderkarten wie die zum Saynsteig irritieren beim Nachwandern.

Die Tour 24 mit dem Kaltwassergeysir bei Andernach verwirrte mich auch, denn bei »Tourencharakter« wird als Orientierung der RheinBurgenWeg genannt, in der Routenbeschreibung aber auf den Rheinhöhenweg verwiesen, der einen anderen Verlauf nimmt. Und genau da läuft dann einiges schief, denn laut Wanderkarte laufen wir gar nicht das Namedyer Werth mit dem Geysir an, sondern schwenken vorher ab – genau wie der Rheinhöhenweg (der läuft über den Krahnenberg und bleibt auf der Höhe in Richtung Bad Breisig) oder der RheinBurgenWeg (der schwenkt vom Schloss Namedy ebenfalls auf die Höhe); beide Wege touchieren auf Abstand nicht Namedy. In der Routenbeschreibung lese ich »Nahe Namedy führt die Route weiter über den Tönissteiner Weg [den ich nicht finden konnte] zum wahrhaft beeindruckenden Naturschauspiel in Andernach.” Gemeint ist der Kaltwassergeysir. Der Geysir aber wird über das Erlebniszentrum in Andernach mit anschließender Schifffahrt zum Naturschutzgebiet Namedyer Werth erreicht. Wer also die Tour 24 in der Erwartung antritt, über den RheinBurgenWeg (oder den Rheinhöhenweg) eben den Kaltwassergeysir hautnah, wie es die schönen Fotos zur Route vermuten lassen, zu erleben, der wird enttäuscht.

Tour 10 hat mich besonders interessiert: »Die Teufelsley«. Warum das? Aufklärung bringt ein Verweis auf meinen Bericht »Nichts bleibt, wie es war«. Kindheitserinnerungen. Damals, in den 60ern, war ich einige Male mit Oma und Opa auf der besagten Teufelsley. Bei Hönningen an der Ahr. Doch es gibt eine weitere Teufelslei(y). Bei Altenahr nahe beim Schrock, einer Erhebung über der Ahr auf der besagten Tour 10. Aha, da geht es also hin, war mein Gedanke, gar nicht zu »meiner« Teufelsley. Weit gefehlt, denn unter »mystische Teufelspuren« lese ich von der Mär, die gewöhnlich der Teufelsley bei Hönningen zugeordnet wird. Und der wohl größte Quarzitblock Europas, der sich laut Routenbeschreibung bei Altenahr erheben soll, liegt jetzt aber definitiv bei Hönningen. Ich bestehe darauf, denn daran bin ich herumgekraxelt. Vor 50 Jahren. Die beschriebene Wandertour bringt den Wanderer also nicht zur Teufelsley mit dem »echten« Teufel und dem Quarzitblock, sondern zur anderen, zur »falschen« Teufelsley. Teuflisch, vielleicht sogar ärgerlich, wenn man mit Vorfreude auf ein besonderes Erlebnis den Weg bergauf zum Schrock und weiter zur (falschen) Teufelsley absolviert hat.

Bei mir hat diese Besprechung Unwohlsein hervorgerufen. Ich habe prinzipiell kein Problem damit, ein Produkt zu verreißen, wenn es das verdient hat. Bei »Mystische Pfade am Rhein« bin ich hin und hergerissen. Das Thema ist fesselnd und die Aufmachung des Buchs sehr ansprechend. Aber was mache ich mit den Makeln, die ich – ausführlich, damit sie deutlich werden – aufgelistet habe, und das ausschließlich bei solchen Strecken , die ich – weil vor Ort wohnend – selbst kenne? Darüber hinwegsehen, unter den Tisch kehren? Kann ich nicht, und deshalb bleibt das schale Gefühl zurück, nun ein tolles Wanderbuch mit einigen Pferdefüßen in den Händen zu halten, das ich ach so gern anderen zu Weihnachten auf den Gabentisch legen würde – aber genau das nicht mit ruhigem Gewissen kann. Das bedauere ich sehr.

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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