Wenn ich von einem Buch mit dem Titel »Mittelrhein – Ausflüge zu den schönsten Schlössern und Burgen« höre, spitze ich sofort die Ohren. Mittelrhein ist ja alles um meine Heimatstadt Neuwied herum. Mehr Heimat geht also kaum. Und mir spielt ein Buch wie das vorliegende noch aus einem anderen Grund in die Hände. Ich liebe mittelalterliche Bauwerke, speziell Burgen und Schlösser.

Am Mittelrhein stolpere ich förmlich über die Überbleibsel einer vergangenen Zeit. Wer sich nicht dafür interessiert, verliert in meinen Augen ein Stück seiner eigenen Identität, denn wir werden nicht in eine Welt geworfen, die nur in der Gegenwart besteht; alles fußt auf dem, was einmal war. Burgen und Schlösser gehören dazu.

Mittelrhein

Das von Monika Barwińska verfasste und mit Fotos von ihr selbst oder Michael Moll bereicherte, im Düsseldorfer Droste Verlag veröffentlichte Paperback umfasst 194 Seiten. Auf der Rückseite informiert mich eine Übersichtskarte, in welchen Orten sich die behandelten Bauwerke befinden. Im Innenteil erzählt mir dann »Auf einen Blick« genauer, welche Burgen und Schlösser mir vorgestellt werden. Von Bonn bis Wiesbaden reicht die Palette an 24 Ausflügen ins Mittelalter – von Burg Lede in Bonn bis Burg Eltville im gleichnamigen Städtchen. Ergänzt werden die vorgestellten Burgen und Schlösser um Spaziergänge in der Umgebung und sehenswerte Extra-Tipps.

Um ein Bild davon zu machen, wie die Ausflüge dargeboten werden, greife ich mir Vorschlag 9 heraus: Schloss Sayn. Der Aufbau aller anderen Vorschläge entspricht diesem. In der Titelzeile werden die Nummer des Vorschlags, die betrachtete Burg oder das Schloss sowie ein hinführender Satz wie »Kunstvoll geschmiedetes Eisen und ein Garten der Schmetterlinge« genannt. Darunter füllt eine gezeichnete Übersichtskarte fast die halbe Seite. Eingetragen sind wichtige Bezugspunkte. Der Rhein fehlt zur Orientierung selbstverständlich nicht, hinzu kommen Umrisse der Orte, die Lokalisation von Burg oder Schloss, weitere im folgenden Text erwähnte Örtlichkeiten (bei Vorschlag 9 sind es die Sayner Hütte oder die Wülfersberg-Kapelle), sowie Entfernungsangaben, wenn wie bei der genannten Kapelle eine größere Distanz zur im Mittelpunkt stehenden Burg oder Schloss besteht. Zur Wülfersberg-Kapelle sind es 5,5 Kilometer; ich habe also einen Anhaltspunkt, ob ich die ergänzenden Tipps zu Fuß besuchen kann oder ein Verkehrsmittel benötige.

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•        Mittelrhein – Ausflüge zu den schönsten Schlössern und Burgen
•        Autor: Monika Barwińska
•        194 Seiten
•        Verlag: Droste Verlag
•        Erscheinungsjahr: 2013
•        Besonderheiten: Zahlreiche farbige Abbildungen und Karten
•        ISBN: 978-3-770014-78-1
•        Verkaufspreis: EUR(D) 14,95
•        Format:  18,4 x 11,8 x 1,2 cm[/tip]

In einer rot unterlegten weiteren Zeile erfahre ich, was nach Ansicht der Autorin »außerdem sehenswert« ist. Die Seite wird abgeschlossen mit wichtigen Informationen zu den erwähnten Objekten. Bei Schloss Sayn erhalte ich Detailangaben zu Anschrift, Telefonnummer und Internetpräsenz – das ist sehr hilfreich, wenn ich mich vorab beispielsweise über aktuelle Öffnungszeiten informieren muss oder sichergehen will, ob nicht Bauarbeiten einen Besuch unmöglich machen. Wer will schon eine weite Anreise in Kauf nehmen und dann vor verschlossenem Burgtor stehen und hören: »Ihr kommt hier nicht hinein!«

Nicht nur Schloss Sayn wird übrigens mit diesen Angaben bedacht, sondern auch der unter Vorschlag 9 genannte Garten der Schmetterlinge und das Rheinische Eisenkunstguss-Museum. Bei den aufgeführten Öffnungszeiten kommt mir aber in den Sinn, dass ein Buch wie dieses ganz besonders von der Aktualität lebt; »Mittelrhein« erschien 2013, sollte also auf der Höhe der Zeit sein. Trotzdem würde ich die aufgezeigten Möglichkeiten nutzen und mich vorab beispielsweise telefonisch vergewissern. Die Seite wird abgerundet durch Infos zur Anfahrt (PKW und ÖPVN) und »Essen + Trinken«, also Empfehlungen fürs leibliche Wohl.

Die Gegenseite dominieren farbige Abbildungen. Bei Vorschlag 9 blicke ich auf eine Fotografie des Schlosses und einen Blick in den Vorhof der Burg Sayn; weitere, durchgängig sehr ansprechende Fotos bereichern den beschreibenden Text, der auf den nächsten Seiten folgt.

Auch hierbei ähneln sich alle Vorschläge. Zuerst werde ich über die Architektur des Bauwerks und seine Geschichte aufgeklärt, Besonderheiten werden im Fließtext farblich in roter Farbe hervorgehoben. Bei Schloss Sayn werde ich zusätzlich über die heutige Nutzung informiert; ergänzend erfahre ich noch etwas über den Park, bei dem dann auch der bekannte Garten der Schmetterlinge erwähnt wird. »Tipps + Termine« runden das ausreichend umfangreiche Kapitel zum Schloss Sayn ab. Bei den genannten Tipps werden mrt noch Angaben zu Führungen mitgeteilt – das ist gut, weil ich beispielsweise die dort genannte Telefonnummer auch wieder für meine eigene frühzeitige Planung nutzen kann.

Für die Spaziergänge in der Umgebung bietet Monika Barwińska Bendorf-Sayn an. Der Ort bietet neben dem Schloss noch einige weitere sehenswerte Bauwerke, die wie Burg Sayn oder die Gießhalle Sayner Hütte zwar weniger ausführlich, aber sehr anschaulich beschrieben werden und den Appetit zur eigenen Recherche anregen. Bei der Auswahl dieser zusätzlichen Tipps zeigt sich die Handschrift der Autorin. Manch einer wird beispielsweise einen Hinweis auf die Abtei Sayn vermissen, die nahebei liegt und durch ihre Stumm-Orgel oder ihren Kreuzgang zu begeistern weiß. Stattdessen führt sie die Wülfersberg-Kapelle an, ein Stück entfernt vom Ausgangsort, aber natürlich auch eine Besichtigung wert.

Mir gefällt das. Nicht jedes Buch muss so geschrieben sein, wie ich es gern hätte. Das macht die Individualität der Bücher aus und weist auch, wie ich schrieb, auf eine eigene Handschrift hin. Ein Autor richtet sich zwar nach seinem Publikum, aber er muss ihm nicht immerzu nach dem Mund reden. In Fall von »Mittelrhein« begrüße ich es also, wenn Vorschläge auch außerhalb des »Mainstream«, der gängigen Wege, gemacht werden. Auch das macht den Reiz des Buches aus.

Und etwas anderes zeigt das Beispiel mit der Wülfersberg-Kapelle speziell für mich auf. Im Grunde das, was man mit »den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen« umschreibt. Oder dass man gar nicht weit reisen muss, um Neues oder Altbekanntes (wieder-)zuentdecken. Abgesehen von der Kapelle, die schon seit längerem von mir besucht werden will, leben in meiner Erinnerung wieder Burgen und Schlösser und andere, oftmals malerische Orte auf, die ich lange nicht mehr oder noch nie gesehen habe. »Mittelrhein« gelingt somit etwas, was seinen Wert sehr gut verdeutlicht: Es macht einen Einheimischen wie mich wieder neugierig auf Orte, die mir bekannt, aber irgendwie in den Hintergrund geraten sind. Dazu tragen auch die kleinen Nebensächlichkeiten ein – ein Hinweis auf eine Parkanlage oder einen Kräutergarten, auf »Kleinigkeiten« wie die »essbare Stadt« oder auf Restaurants, die einen Besuch wert sind, auf eine Kirche, die ich vor fast 50 Jahren einige Male mit Oma und Opa wallfahrend besuchte – und vieles mehr.

Kann ein Lob größer sein, als wenn ein heimatverbundener Mensch schon beim Lesen am liebsten gleich losfahren würde, um eine Burg oder ein Städtchen aufzusuchen und der Fährte zu folgen, die das Buch gesetzt hat?

Und für mich als Wanderer spielt »Mittelrhein« auch seine Karten gut aus: Viele Vorschläge lassen sich mit Wanderungen in der Umgebung verbinden. Von Sayn beispielsweise startet, abgesehen von vielen örtlichen Wanderwegen, auch der »Traumpfad Saynsteig« – bei anderen Vorschlägen sieht es ähnlich aus. Da lässt sich Wanderlust gut mit einem Ausflug ins Mittelalter (oder später, denn einige Burgen oder Schlösser haben eine erstaunlich kurze Geschichte) verknüpfen.

Und das Netz an Burgen und Schlösser von Bonn bis Wiesbaden ist wahrlich dicht geknüpft. Ich liste gar nicht alle auf, sondern nenne nur Drachenfels, Schloss Engers, die Marksburg und Schloss Stolzenfels, die »feindlichen Brüder« mit Burg Sterrenberg, Burg Rheinfels und zum Abschluss Burg Eltville. Genügend Vorschläge, um einen Sommer lang nur durch enge Gasse zu Füßen der Burgen oder herrschaftliche Anwesen zu flanieren. Einen Einblick in das Buch samt Inhaltsverzeichnis gibt der Verlag auf seiner Internetseite, dort bis »Weitere Produktinformationen« scrollen und die »Leseprobe« abrufen: Mittelrhein

Die Aufmachung des Buches ist sehr gut. Auf der inneren Umschlagseite wird mir eine weitere Übersichtskarte präsentiert. Die Karten im Innenteil reichen aus, um mir Anhaltspunkte für die Örtlichkeiten zu geben [Update vom 19.02.2014: Die Karten bei den Vorschlägen 21 und 22 wurden nicht, wie ich im Beitrag zuerst angegeben habe, seitenverkehrt abgedruckt. Der Kompass in der Ecke weist in die richtige Richtung; ich habe mich von der für mich ungewöhnlichen Darstellung irritieren lassen. Also: alles im grünen Bereich!] Die Beschreibungen sind veranschaulichend und detailliert, die zusätzlichen Informationen und Tipps erscheinen mir gut ausgewählt. Die Fotos geben mir einen guten Eindruck davon, was mich erwartet.

Das Frühjahr steht vor der Tür, bald werden auch die Burgen und Schlösser, so sie im Winterschlaf lagen (also geschlossen hatten), wieder ihre Tore öffnen. Genau der richtige Zeitpunkt also, um mit einem Buch wie »Mittelrhein« auf den Appetit zu kommen. Für mich steht nicht die Frage an, ob ich einem der Vorschläge von Monika Barwińska folgen werde, sondern nur welchem. Und welchem Vorschlag danach – und so weiter …

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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