Das Keltendorf in Sünna

Jaja, ich will nicht drauf herumreiten. Schon im ersten Beitrag zum Blogger-Wander-Monat wies ich auf meine gefühlte Nähe zu den Kelten hin, die sich schon in meinen Jugendjahren prägte. Dereinst Mitte der 70er-Jahre trat ich dem Fantasyverein FOLLOW bei (FOLLOW steht für »Fellowship of the Lords of the Lands of Wonder«), und dort schloss ich mich nach kurzer Zeit bereits einer kleinen Gruppe an, die sich dem Fantasyland »Erainn« widmete. Dass dieses Erainn namentlich nahe am irischen Namen Éire für Irland liegt (und dem altirisch Ériu), macht die Verbundenheit noch deutlicher. Mein Alter Ego in der Welt Magira hieß Amhairgín – so wie jeder von uns einen irisch klingenden Namen trug. Meiner lässt schnell eine Verbindung zu Amergin oder Amairgen herstellen, der in der keltischen Mythologie des realen Landes als Druide oder Barde auftaucht. (Dieser Amhairgin taucht dann später auch im Fantasy-Rollenspiel MIDGARD auf, dort dann in der Stadt Cuanscadan, wo sich für mich die schöne Gelegenheit bot, ein sogenanntes Quellenbuch zu dieser Haftenstadt – Cuanscadan setzt sich zusammen aus »cuan« für Hafen und »scadan« für Hering – schreiben zu dürfen. Amhairgin, das sei dazugesagt, ist im Übrigen ein nicht immer sehr sympathischer Mensch Coraniaid, eine Art arroganter Hochelf, dem ich selbst nicht gern begegnen täte. Doch das ist eine ganz andere Geschichte – so wie die, als wir bei einem »Fest der Fantasy« in Wuppertal in voller Gewandung an einem Altenheim vorbeizogen und für helle Aufregung bei der dort sesshaften älteren Bevölkerung sorgten.

… wenn ich dann vor unserem Besuch der Rhön erfahre, dass in unserem Wandergebiet vor vielen Jahrhunderten auch Kelten ihr Dasein fristeten, gibt es für mich kein Halten mehr. Da will ich hin. Nun ist es nicht so, dass ich ein idealisierender Keltenjünger bin, der gemeinsam mit Gleichgesinnten und Gleichgesinntinnen an Samhain um den grünen Zweig scharwenzelt. Schwärmerei ist mir fremd, und es wäre schon ganz interessant zu sehen, wie Verklärte auf mich reagierten, trüge ich an meinem Gürtel den einen oder anderen Trophäenkopf. Die Kelten suchten ihr Seelenheil nämlich gern in der Kopfjagd und hängten die Schädel an die Hälse ihre Pferde, was wohl kein angenehmer Anblick für den Unbedarften war. Auch sonst sind die Kelten sicher kein anderes Volk als dieses oder jenes gewesen, und schon gar nicht ein »besseres«, auf dessen Wurzel man sich berufen müsste. Überhaupt ist Deutschland ja eine Gemengelage an unterschiedlichen Völkern, die im Laufe der Jahrtausende hier gesiedelt und gelebt haben. Interessant ist es also allemal, sich näher mit der Geschichte beispielsweise der Kelten zu beschäftigen, um die Gegenwart zu verstehen.

Dem Kulturkreis der Kelten gehörte die Rhön spätestens zur Laténezeit vor rund 2.500 Jahren an. Schriftliche Überlieferungen sind nicht vorhanden, da die Kelten es vermutlich die mündliche Weitergabe von Inhalten bevorzugten. Rückschlüsse sind durch aufgefundene archaologische Gegenstände oder durch Überlieferungen von Nachbarvölkern möglich. Dazu zählten die Griechen und Römer. »De bello Gallico« von Gaius Julius Caesar befasst sich beispielsweise auch mit dem Aufstand der Gallier unter Vercingetorix – Texte natürlich, die von der Sicht eines Feindes und späteren Eroberers geprägt und kaum objektiv oder die notwendige Distanz wahrend sind.

Siedlungen in der Rhön existierten beispielsweise auf der Milseburg. Funde am Öchsenberg bei Sünna lassen auch auf eine Besiedlung an dieser Stelle schließen. Bei Geisa – nicht allzu weit entfernt von Sünna – wurde in einem von zwei Grabhügel die sogenannte »Schnabelkanne von Borsch« entdeckt. Am Öchsenberg dagegen existierten mehrere gestaffelte Ringwälle, über äußere Tor im Südwesten und Nordosten gelangte man in das rund 13 ha große Areal. Die Anlage diente vermutlich der Sicherung von Handelswegen vom Rhein-Main-Gebiet ins Thüringer Becken. Auf dem gegenüber liegenden Dietrichsberg (an dem entlang der Keltenpfad ebenso wie über den Öchsenberg führt) fanden sich Grabhügel.

Viel mehr Kelten geht kaum. Da lag es nahe, am Fuße des Öchsenberg ein Keltendorf (der Link führt zur Internetpräsenz des Keltendorfs in Sünna) zu errichten. Und dieses Keltendorf besuchten Petra und ich nach einem ausgiebigen Frühstück im Kelten-Hotel am dritten und letzten Tag unseres Bloggerwochenendes. Mit Regina Filler vom Rhönforum e. V. stand uns eine sehr erfahrene, sympathische und wunderbar keltentypisch gekleidete Begleiterin zur Seite, die uns Rede und Antwort stand und uns ausführlich das Keltendorf Sünna vorstellte.

Außerhalb des mit Holzpalisaden umgrenzten Dorfs findet sich ein Bogenschießplatz, auf dem an diesem Morgen die ersten Pfeile zischten. Passend am heutigen Sonntag fand zudem ein Fest im Keltendorf statt. Leider begann es um 13 Uhr, also nach unserer Weiterfahrt zum abschließenden Besuch einer Schäferei. So waren wir nur zugegen, wie emsig alles vorbereitet wurde für dieses Fest, zu dem letztendlich rund 500 Besucher kamen.

Durch ein großes Torhaus betreten wir das Keltendorf. Links sehen wir einen Wachturm, nahe dabei die Schmiede und die Grubenhäuser, die Wohnhäuser nach keltischem Vorbild. In der Nacht haben einigen (Frauen, Männer und Kinder) in den Häusern übernachtet, wir sind aber spät genug und werfen sie nicht aus den Federn. Wobei Federn natürlich mindestens eine Zivilisationsstufe weiter ist, denn Stroh ist die Liegeunterlage der Wahl. Draußen, vor der Hütte, wird das Frühstück bereitet, und es kokelt ordentlich um die im Zentrum des Dorfs platzierte Feuerstelle. Klar, dass alle, die am Dorfleben aktiv teilhaben, nachempfundene keltische Kleidung tragen – viel feiner gestaltet als die, die wir damals beim Altenheim zur Schau stellten.

In der Schmiede wird übrigens noch aktiv gearbeitet, beispielsweise bei Festen, doch bei unserem Besuch blieb die Esse kalt. Die Kelten waren berühmte Eisenschmiede, die in ihren Rennöfen (das sind Schacht- oder Grubenöfen, die mit Lehm oder Steinen ummantelt werden) Holzkohle und Erz schichteten und anbrannten. Neben Grobschmiedearbeiten wie Äxte oder Pflugscharen fanden sich übrigens zahlreiche eindrucksvolle Schmuckgegenstände in den Gräbern, die von der Kunstfertigkeit der Kelten künden. Nebenher: Die Nähe zur Natur, die den Kelten besonders in Gestalt der Druiden nachgesagt wird, endet auch für die Kelten dort, wo die Natur weichen muss. Für die Eisenherstellung benötigten sie viel Holz, das sie den Wäldern entnahmen. Und vielleicht hätten auch sie beim neumodischen »keltischen Baumhoroskop« nur mit dem Kopf geschüttelt – wiewohl es gern als »uralt« verkauft wird.

Ganz anders dagegen der Lehmbackofen, der gut angeheizt worden war, damit gegen Mittag das erste Brot eingeschoben werden kann. Der wiederum orientiert sich an keltischen Vorbildern, soweit sie nachvollziehbar sind. Petra und ich erfahren, wie der Backofen angeheizt wird und bedauern, dass wir nicht später vom garantiert leckeren Brot kosten können. Ein Malhstein vervollständigt das Ensemble. Gebacken wurde das echt keltische Brot aus Spelzweizen, Dinkel oder Emmer

Ein Kräutergarten schließt sich an, in dem verschiedene Kräuter, die bereits zur Zeit der Kelten genutzt wurden, angepflanzt werden. Wir gehen um die offene, aber überdachte Feuerstelle herum und treten dann in das große Langhaus ein. Das Langhaus dient als Festhalle und verfügt über eine mächtige Balkenkonstruktion mit begehbarem oberen Stockwerk. Dort wird geschmaust, gesungen und getanzt, und Raum für Vorträge findet sich hier natürlich auch.

Das Keltendorf wurde am 13. August 2006 eröffnet. Es dient nicht als Museum, sondern mutet viel mehr als Experiment an, das Leben der Kelten nachzubilden, soweit dies aufgrund des heutigen Kenntnisstandes stimmig möglich ist. Dazu wurden in der Vergangenheit viele Veranstaltungen durchgeführt, Workshops angeboten und Feste gefeiert. Führungen wie die, an der wir teilhaben konnten, geben sachkundigen Einblick ins Keltendorf und die Bemühungen, die der ehrenamtlich tätige Förderverein »Eisenzeitlich-keltische Geschichte in der Rhön e. V.« aufbringt.

Bereits im Gespräch deuteten sich Schwierigkeiten um die Zukunft des Keltendorfs an. Jetzt, nach unserer Rückkehr, lese ich unter »Öffnungszeiten« auf der Internetpräsenz zum Keltendorf: »Durch ungeklärte Pacht- und Nutzungsverhältnisse ist es der Gemeinde Unterbreizbach zur Zeit nicht möglich das Keltendorf Sünna weiter zu öffnen.«

Regina Filler (rechts)

Petra und ich haben nur einen kleinen Einblick in das Keltendorf gewinnen können. Das Fest wäre sicherlich gut gewesen, um die Eindrücke zu vertiefen. Trotzdem habe ich eine klare Meinung zum Keltendorf: Es muss weiterleben. Über Deutschlands Regionen verstreut siedeln Tausende von Burgen und Schlössern, von denen viele noch erhalten sind oder deren Ruinen aufwändig restauriert werden. Die keltische Geschichte dagegen dokumentiert sich in einer überschaubaren Zahl an Örtlichkeiten, die zudem durch die Zeitläufte (und natürlich die Bauweise) stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Vieles ist nicht mehr sichtbar oder erkennbar, manches wurde nachgebaut oder nachempfunden wie beispielsweise das keltisch-römische Heiligtum auf dem Martberg bei Pommern. Umso bedauerlicher ist es dann, wenn mit viel Herzblut angeschobene und mit Liebe zum Detail umgesetzte Projekte aus vermutlich wirtschaftlichen Gründen eingestellt werden müssen. Es ginge etwas verloren, was nicht nur Vergangenheit dokumentiert, sondern auch erlebbar und verstehbar macht.

Ob das Leben der Kelten im Keltendorf exakt nachgelebt wird oder nicht – für mich ist es ein spannendes Erlebnis, an dem ich als Besucher teilhaben kann. Unsere Vergangenheit lebt nicht nur in staubtrocken geschriebenen Büchern, sondern auch draußen. Das Keltendorf ist ein schönes Beispiel, wie erlebbare Geschichte ausschauen kann.

Wer einen guten Einstieg in die keltische Welt haben möchte, greife zu »Die Welt der Kelten« von Arnulf Krause, das zu einem moderaten Preis einen guten Überblick gibt. »Leben wie die Kelten« von Walter Höhn dagegen beschäftigt sich umfassend auch mit dem Keltendorf in Sünna, ist aber bereits 2008 erschienen und beinhaltet nicht die neuesten Entwicklungen. Dafür gibt es eine schöne Wegbeschreibung zum Keltenpfad.

Unsere drei Bloggerwandertage waren mit dem Besuch des Keltendorfs noch nicht zu Ende – der Besuch einer Schäferei stand noch auf dem Programm. Wie wir den tierischen Abschluss erlebten, erzählt bald Petra.

Für mich waren die drei Wander- und Erlebnistage auf und neben dem HOCHRHÖNER in der Rhön … tja, was soll ich sagen: Wunderbar! Wir haben unsere Füße diesseits und jenseits alter Grenzen in Bayern, Hessen und Thüringen gesetzt, wir haben den Sternenpark mit offenen Augen und viel zu kurz bewundert, wanderten auf Bohlenwege durch das Schwarze und das Rote Moor und erklommen Berge, von denen aus uns die Rhön mit ihrem Leitspruch der »offenen Fernen« begeisterte. Wir stapften durch Buchenwälder, schauten in Steinbrüche und staunten über das keltische Erbe, das in der Rhön an vielen Orten gegenwärtig ist. Wir genossen lokale Leckereien und tankten Sonne. Haben wir etwas vermisst. Ja, sicher! Nämlich ein paar Tage mehr Urlaub, um die Rhön noch besser kennenzulernen. Ein größeres Kompliment kann man einer Landschaft wahrscheinlich nicht machen.

 

[Hinweis! Unsere Bloggerreise auf dem HOCHRHÖNER erfolgte auf Einladung der Top Trails of Germany und Rhön Tourismus & Service GmbH und wurde von diesen gesponsert. Die Wanderschuhe stellte uns LOWA zur Verfügung. Die Regenschirme erhielten wir von EuroSchirm.]

 

 

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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2 Responses

  1. Dennis - HarzerWanderGuiDE

    Das Dorf ist ja Hammer. Schade, dass es aktuell laut deren HP wohl dicht ist. Trotzdem ein toller Bericht. Bin ja auch so ein Freak von Geschichte. So was aber kenne ich aus meiner Ecke nicht. Ritterfestspiele, Wikinger, alles von unserer Burg(ruine) Regenstein bekannt. Aber so ein richtiges Keltendorf?! Neee… schade. Kann (bzw. konnte) man da auch übernachten? Würde ich mit glatt “antun” :-)

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    • Karl-Georg Müller

      Wie Du ja richtig gelesen hast, ist es derzeit geschlossen. Bei unserem Besuch übernachtete einige jüngere Menschen, die zum Verein gehören, dort in den Langhäusern. Ob dies für Besucher möglich ist, müsstest Du erfragen. Zusätzlich gibt es direkt nebenan ja das genannte Kelten-Hotel.

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