Philipp Winterberg nimmt uns in seinem Buch »Jakobsweg im Smoking« mit auf seine Heldenreise. Heldenreise deshalb, weil er uns auf seinem Weg vom Anfang bis zum Ende mit auf eine Reise nimmt, wie sie uns oft in Romanen begegnen. Der Held hört von einer Aufgabe, erst zögert er und will schon aufgeben, doch dann überwindet er sich, vielleicht durch fremde Hilfe, um dann das erste Hindernis auf der Reise zu treffen, auch dieses zu meistern, weiterzugehen, bis er sein Ziel gegen alle Widrigkeiten erreicht. Geläutert und gereift tritt er den Weg nach Hause an, wo er gebührende Anerkennung erfährt.

Und das alles soll in einem Buch enthalten sein, das sich vordergründig um Packlisten rankt? Ja, und vielleicht trägt genau dieser klassische Romanaufbau dazu bei, dass ich Seite um Seite weiterblättere und gar nicht aufhören mag, bis ich am Ende angelangt bin – gleichsam gemeinsam gereift mit dem Autor.

Doch worum geht es überhaupt? Nach dem Klappentext berichtet der Autor auf 222 Seiten »in kurzweiligen Episoden […] von den Wirrungen der Ausrüstungsbeschaffung und pilgert schließlich mit nur 3 kg im Rucksack nach Santiago de Compostela.« Da wissen wir also, wohin die Heldenreise den Autor führt. Gestartet wird die Wanderreise übrigens in St. Jean Pied de Port, doch davon erfahren wir erst später.

Jakobsweg-im-Smoking-Titelbild

Später deshalb, weil ja das Hauptaugenmerk auf die Ausrüstung gelegt wird, und die beschafft sich der schlaue Wanderer (und Pilger) vor der Reise. Das umfangreiche Kapitel »Packen« steht also zu Beginn. Wobei statt »Packen« auch gut »Einkaufen« stehen könnte, denn auf knapp 100 Seiten erleben wir einen Einkaufsmarathon, wie ihn so oder ähnlich, wenn auch weniger umfassend vielleicht, sicher jeder Wanderer mindestens einmal erlebt hat.

Was ich dort lese, ist höchst amüsant. Jeder, wie gesagt, wird sich irgendwie und irgendwo wiederfinden. Besonders erhellend – oder eben auch nicht – sind die Fachbegriffe und Namen der Produkte, die nicht nur Philipp Winterberg beim Einkauf, sondern auch dem Leser um die Ohren gehauen werden. Oder der Drei-Lagen-Zwang, bei dem sich auch ihm die Frage stellt: Zählt die Drei-Lagen-Jacke als eine weitere Lage mit, oder gilt sie als drei separate Lagen. Und gibt es Unterschiede zwischen Windjacke, Windbreaker, Windshirt und Windhemd? »Nein, eigentlich nicht«, antwortet eine Verkäuferin. Und sie muss es ja wissen, so wie viele Verkäufer sich als profunde Kenner der Materie erweisen, sodass dem Autor nach den Gesprächen erst einmal der Kopf zu rauchen scheint.

Das wundert mich nicht, mir geht’s im Geschäft oft nicht anders. Und spätestens, als ich begann, für den »Schlenderer« das eine oder andere Hightech-Produkt zu testen, dampfte mein Gehirn.

Aus dem schier unerschöpflichen Zaubertopf an unterschiedlichen Produkten (oder unterscheiden sie sich doch nicht, sondern firmieren nur mit anderen Bezeichnungen?) rafft Philipp Winterberg sich dann sein Häuflein zusammen. Denn ein Häuflein ist es zum Schluss, weil mitten im Einkaufsprozess (stellenweise erinnert es mich aber eher an ein Einkaufsfieber, weil er manchmal noch dies und jenes einpackt, was wohl gar nicht auf der Einkaufsliste stand) in ihm die Erkenntnis reift: Weniger ist mehr. Weniger Gewicht bei dem ganzen Brimborium heißt: Weniger tragen. Das fängt dann beim leichten Rucksack für fette 235 Euro an und hört bei den Schuhen auf, bei denen er vom schweren Hanwag zum superleichten Trail Running Schuh wechselt.

 

[tip]

•   Jakobsweg im Smoking
•   Autor: Philipp Winterberg
•   Verlag:
Philipp Winterberg
•   Erscheinungsjahr: 2013
•   Seiten: 222
•   Besonderheiten: Schwarz-Weiß-Fotos

•   ISBN:
978-1-484-88916-9
•   Verkaufspreis: EUR(D) 9,95
•   Format: 12,5 x 20 x 1,3 cm[/tip]

Das alles lässt sich sehr gut nachvollziehen, weil er nicht nur seine Einkaufstour beschreibt, sondern zu jedem Produkt das genaue Gewicht und den Einkaufspreis nennt. Zusätzliche Anmerkungen zu den Produkten, wie beispielsweise die »Härteteste« (er duscht mit Regenjacke), machen die Kaufentscheidungen nachvollziehbar oder veranschaulichen sie. Zusammen mit dem Autor vervollständigen wir also die Ausrüstung, und mehrmals nicke ich in Gedanken, wenn er statt eines schweren oder zu großen Produkts ein anderes wählt. Schwarz-Weiß-Fotos ergänzen die Texte; auf seiner Website lassen sich farbige Abbildungen betrachten: Jakobsweg im Smoking.

Auf der Website finden sich dann noch die Bezugsmöglichkeiten für eine Hardcoverausgabe (mir liegt die gut aufgemachte Paperback-Ausgabe vor) und eine Ausgabe in der Kindle-Version. Als ob das nicht genügte, können Paperback und Kindle-Version auch in französischen und spanischen Sprachausgaben bestellt werden: Ausgaben von “Jakobsweg im Smoking”

Als Philipp Winterberg dann einige Sachen noch einem »Cutdown« unterzieht, wird es natürlich leicht bizarr. Etiketten, Schlaufen und so weiter werden entfernt, abgeschnitten, abgelöst, nur die Zahnbürste wird nicht ihres Handgriffs befreit (da ist also durchaus noch Potential). Alles wird gewogen und meist für zu schwer befunden – bis die Schere zubeißt! Interessant finde ich dabei die »wundersame Medaille«, die ihm von einer weitsichtigen Verkäuferin geschenkt wurde. Die Waage weist 0 Gramm aus. Super! Aber, und da unterlässt er leider die Überprüfung, was passiert, wenn ich 10 dieser Glücksbringer einpacke, oder sogar den ganzen Sack damit fülle? Was sagte die Waage? Sagt sie womöglich: nichts! Es ist ja eine wundersame Medaille … Da erhoffe ich mir doch Aufklärung in einer kommenden Auflage des Buchs.

Rundum ausgestattet schließt das Kapitel ab. Nun wissen wir also, was er mitnimmt, wie viel jedes einzelne Teil wieg und um wie viele Gramm die Stücke erleichtert werden konnten – und sind bereit für die Reise.

Auf diese nimmt uns Philipp Winterberg über circa 50 Seiten in 23 Tagen auf 800 Kilometern mit, den 3-Kilogramm-Rucksack auf dem Rücken, einiges (aber nicht zu viel!) am Körper. Mit mehreren Listen belegt er, wo er was trägt – alles lässt sich also nachverfolgen. Die Reise konfrontiert uns im Wesentlichen mit Menschen, die auch ihr Päckchen zu tragen haben, wobei auffällt, dass viele von ihnen unterwegs Ballast im wahrsten Sinne abwerfen. Sie schicken allerhand zurück nach Hause. Vermutlich lassen sie anderes gleich untern Tisch oder in den Straßengraben fallen oder verschenken ihn. Jeder hat zu viel dabei. Und am Ende erfahren wir, was für Philipp Winterberg entbehrlich war (er hat nur wenig nicht Brauchbares mitgenommen, soviel sei verraten) und wie seine Ausrüstung bei einer nächsten Tour zusammenstellen würde.

Der Anhang ist den Preislisten und dem Etappenplan vorbehalten, außerdem präsentiert er seine formidable Erfindung – den MultiSchutz. So gerüstet kann eigentlich nichts schiefgehen. Also auf zum Jakobsweg …

… oder, wie Petra und ich im Frühsommer, auf den Fränkischen Gebirgsweg. Denn natürlich lassen sich alle Tipps, Vorschläge und Erfahrungen nicht nur auf den Jakobsweg anwenden, sondern auf jede Wanderung, die über mehrere Tage oder Wochen läuft. Minimalismus tut immer gut. Sei es Urlaub in einer Ferienwohnung oder im Hotel, sei es eine Wanderung oder eine Flugreise – ich bin schnell versucht, den halben Hausstand einzupacken. Das Gefühl, etwas vergessen zu haben, das man unterwegs unbedingt braucht, ist übermächtig. Wehe, wenn es dann vergessen wurde – beim Gedanken daran bekomme ich schon Herzrasen.

Philipp Winterberg hat’s riskiert, hat das bange Gefühl wie ein echter Held ausgehalten, hat die Hindernisse überwunden, die sich ihm in Gestalt fachkundiger Verkäufer in den Weg stellte (die hätten ihm sicher gern nicht den halben Hausstand, aber den halben Laden in den Rucksack geschaufelt). Er ist trotz der erstaunlich wenigen Gegenstände gut auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen, hat dort Mühsal und Wetter und alle anderen Fährnisse überstanden – und ist nicht nur in Compostela angekommen, sondern geläutert zurückgekehrt: »Ach, Berlin, du weißt gar nicht, wie schön du bist …«, schließt er den Reisebericht ab.

Für wen eignet sich »Jakobsweg im Smoking«. Nicht für den Leser, der den Buchtitel zu wörtlich nimmt. Natürlich ist niemand im Smoking unterwegs (was es mit dem Titel auf sich hat, wird aber im Buch erklärt). Nicht für den Leser, der einen ausufernden Reisebericht erwartet, in dem sich ein Autor offenbart, weil er wahlweise von 1. seiner schweren Kindheit erzählt, die er jetzt bewältigen will, oder 2. die Menschheit an seinen Introspektionen, Retrospektionen und Inspektionen teilhaben lassen will, weil sie es unbedingt braucht, oder 3. als erster Pilger den kompletten Jakobsweg rückwärts auf einem Bein bewältigt (gab’s vermutlich schon).

Wer aber so wie ich zum einen gut unterhalten werden möchte – siehe die Heldenreise -, zum anderen auch etwas Wissenswertes erfahren will, ist bei »Jakobsweg im Smoking« richtig. Gute Laune, sichtbar am Grinsen des Lesers, macht sich breit. Und gleichzeitig mache ich mir Gedanken, was von den Packlisten wir bei unserer Wanderung übernehmen können, was wir vielleicht modifizieren werden (wir haben einen großen Hausstand, und einiges davon möchte ich mitnehmen, weil … ach, wird sich schon ein guter Grund finden), was wir nicht brauchen.

Eine Kaufempfehlung also für die Vorbereitung einer mehrtätigen Wandertour. Aber dran denken: Das Buch nicht mitnehmen. Ballast daheim lassen.

 

Schlenderer

Schlenderer

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
Schlenderer

Letzte Artikel von Schlenderer (Alle anzeigen)

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere