Wenn man früh am Sonntagmorgen ein Fenster öffnete und aufmerksam lauschte, dann konnte man es in jedem Winkel Deutschlands hören. Das kollektive Aufatmen. Das Luftholen.  Atem schöpfen. Ein Hauch von Frühling lag nicht nur in der Luft, sondern breitete sich wie ein dichter Schneeteppich … holla, das Wort vermeide ich wohl besser. Jedenfalls schwappte gemäßigt-warme Luft auch durch unsere Fenster, flutete die ausgekühlten Zimmer und drang tief in unsere Herzen ein.

Wir wischen verstört uns die Augen – wie, kein Schnee?

In Ordnung, ich schmalze nicht weiter herum. Jeder hat‘s ja mitbekommen: Der Winter bekam den kollektiven Arschtritt und trollte sich schmollend davon, der Frühling zuckelte im Rollator-Tempo heran. Gemeinsam mit ihm fielen dann die Wanderwilligen und Wanderwütigen am besagten Sonntag über Wälder, Wiesen und Flure her. Nur raus hier, war das Motto. Und wo so viele Menschen einer Meinung sein, können sie nicht irren, weshalb auch Petra und ich die Wanderschuhe schnürten, das Ränzlein packten und den Wagen gen Westerwald steuerten.

Tip an andere Amateur-Fotografen: Nicht beide Augen zudrücken!

Genauer gesagt nach Kurtscheid, dem kleinen Dorf nicht weit entfernt von Rengsdorf. Vorher hatte wir noch überlegt, wohin es uns ziehen sollte, doch letztlich wählten wir einen Wanderweg gleich vor der Haustür, weil uns nicht zu einer langen Autofahrt zumute war. Die Entscheidung sollte sich als gut erweisen.

Diese Dame macht es richtig: Erst schauen, dann auslösen.

Wer den „Klosterweg“ bereits gewandert ist, wird unseren Startpunkt kennen: die kath. Kirche am Ortsende (oder Ortsanfang, für den Fall, dass jemand exakt sein möchte). Der Klosterweg führt dort entlang – und dem Weg schließen wir uns gleich an. Die ersten Kilometer nämlich (bis zur Neuerburg, um auch hier exakt zu sein) gehen wir Hand in Hand, der Klosterweg und wir. Das ist sehr schön, denn so wie weite Strecken des Premiumweges verlockt auch diese Etappe gleich zum Wandern.

Ganz astrein ist die Luft zwar nicht, doch besser als eine graue Wolkensuppe ist es allemal.

Hier nutzen wir auch eine von zwei Möglichkeiten, vom vorgezeichneten Weg K2 abzuweichen. Statt an der Straße entlang, umrunden wir wie der Klosterweg den Friedhof, um uns gleich darauf am ersten Blick über die Wiedhöhen zu begeistern.

Kurtscheid ist mit 401 Metern die höchstgelegene Ortschaft im Kreis Neuwied. Hier ist aber alles noch sehr flach.

Das soll nicht der letzte großartige Ausblick sein, doch zuerst schwenken wir wieder auf unseren K2 ein. Die Beschilderung ist nicht nur hier vorzüglich. Wir werden den gesamten Wanderweg über keine Schwierigkeiten bei der Orientierung haben, viele der kleinen K2-Schilder scheinen erst vor kurzem angebracht worden zu sein.

[tip]KurzInfo! Auf 11,2 Kilometern müssen wir immerhin 419 Höhenmeter überwinden, wobei sich der größte Teil auf einen Anstieg am Ende des Wanderweges konzentriert. Eine gute Kondition sollte für diesen Anstieg mit auf den Weg gebracht werden. Aufgrund des engen Hanglage und des schmalen Pfades empfiehlt sich speziell hier gutes Schuhwerk; die Anschaffung von Wanderschuhen lege ich überhaupt jedem ans Herz, der auf schmalen Pfaden an Hängen entlangkraxelt.

An der kath. Kirche in Kurtscheid besteht eine gute Parkmöglichkeit. Die Kirche erreicht man entweder aus Richtung Neuwied kommend über die B 256; bei Bonefeld links auf die L 257 in Richtung Kurtscheid abbiegen und den Ort bis zum Ende durchqueren. Die Kirche (und der Friedhof) befinden sich am Ortseingang.

Aus dem Wiedtal kommend zweigt man in Niederbreitbach auf die L 257 ab und erreicht Kurtscheid nun aus der anderen Richtung. Seltsamerweise liegt die Kirche (und der Friedhof) nun am Ortseingang.

Für die Wanderung griffen wir auf die Karte “Naturpark Rhein Westerwald Blatt 3 (Süd)” zurück. Im Verbund mit der Wegekarte weiter unten im Beitrag lässt sich die von uns zurückgelegte Wanderstrecke nachvollziehen. Über den Klickpunkt “drucken” stehen Optionen zur Auswahl, wie detailliert die PDF sein soll – am besten einfach ausprobieren, herunterladen und dann entscheiden, welche Version man bevorzugt. GPS-Tracks können ebenfalls abgerufen werden. Und die Karte kann mit Hilfe des Reiters über dem Kartenbild in unterschiedlichen Ansichten (beispielsweise bei “Google Earth”) betrachtet werden. 

Außerdem bietet die Verbandsgemeine Rengsdorf auf ihrer Touristikseite “Rengsdorfer Land” eine weitere Karte an, die samt GPS-Daten abgerufen werden kann: Kurtscheid K2.[/tip]

Wir lassen die Felder hinter uns und dringen in den noch lichten Wald ein. Der Baumbestand rekrutiert sich wie hier weithin gewohnt aus einer Mischung aus Laub- und Nadelbäumen, die jetzt, in den Frühjahrstagen, noch einen bunten Farbenmix präsentiert. Anders als noch vor wenigen Wochen haben sich zu den Brauntönen und den dunklen Tönen der Nadelbäume alle Schattierungen von Grün ´hinzugemischt. Das Frühjahr bietet ja die größte Farbpalette, vom dunklen Grün hinab zum saftig-frischen neuen Blattwerk, das erst noch Farbe bekennen muss.

Und der Geruch erst! Nein, vielmehr ist es ein Duft, Frühlingsduft, der in der Luft schwebt. Obwohl die Wolken noch eine dichte Phalanx vor den Sonnenstrahlen bilden, lässt das Aroma, das sich um uns herum ausbreitet, keinen Zweifel daran: Der Frühling ist endlich erwacht. Das Gras matscht leicht unter unseren Schritten, der Regen hat seinen Teil dazu beigetragen, doch gleichzeitig profitiert es noch von der fehlenden Sonne, sodass es nicht ausgedörrt und versengt ist. Für mich ist der Frühling die schönste Jahreszeit zum Wandern, weil die Natur ihre Last des Winters abwirft und Neues neben Alten wächst.

Der Experte für Outdoor und Touren__________________________________________________________________

Wir sind offensichtlich nicht alleine dieser Ansicht. Hier wie auf der gesamten Strecke begegnen uns zahlreiche Wanderer. Wir sind dabei so gut gelaunt, dass wir natürlich auch den Grußunwilligen unseren „Guten Tag!“ hinterherwerfen. Manche werden dann – wahrscheinlich genötigt – den Gruß zurück, wenn auch mehr brummend denn herzlich. Später, nahe bei der Neuerburg, werden mich sogar zwei Mountainbiker bitten, ein Foto von ihnen zu schießen. Biker meets Hiker, und es geht sogar ganz friedlich ab. Geht doch! (Vermutlich haben sie mir aber nur angesehen, dass ich daheim selbst ein Mountainbike stehen habe.)

Ein Bergfried mit Antennen.

Bis zur Neuerburg windet sich der Wanderweg an den Hängen über dem Fockenbachtal entlang. Wir sehen die Ruine, als wir ein Angebot erhalten, das wir nicht ablehnen können. Eine Bank. Ein Tisch. Da sitzen wir also, schauen hinab (ins Tal) und hinüber (zur Burg) und begutachten bald darauf eine provisorische Aussichtskanzel, grad über dem Tal und mit Blick auf die Neuerburg, die mutmaßlich eines nicht so fernen Tages eine grandiose Sicht auf beides bieten könnte.

Die Neuerburg umkurven wir, sie ist in Privatbesitz, was durch entsprechende Warnschilder unterstrichen wird. (Weitere Informationen zur Neuerburg habe ich in meinem Wanderbericht “Der Klosterweg” angeführt.) Der weiche Pfad schlängelt sich hinab, bis wir am „Burgseifen“ ankommen, einem munter fließenden Bächlein, das aus den Regenfällen der vergangenen Tage seine Kraft bezieht. An dieser Stelle trennt sich der Klosterweg vom K2, und hier haben wir die zweite Gelegenheit, lieber dem Klosterweg als dem K2 zu folgen.

Wegzehrung.

Wir aber gehen heute lieber Schritt auf Schritt mit dem Burgseifen. Ein gut begehbarer Fahrweg führt eilig bergab bis ins Fockenbachtal. Die meiste Zeit über haben wir rechts über uns die Neuerburg, später dann eindrucksvolle Felsen, während linker Hand der Klosterweg eng am Hang entlangläuft. Sobald wir die Talenge verlassen haben, stoßen wir auf eine asphaltierte Straße; dort begegnen wir auch zum ersten Mal dem Fockenbach. Wir wenden uns nach rechts und folgen nun für die nächsten Kilometer der Straße.

[tip]KurzInfo! Als Alternative folgen wir nach dem Abstieg von der Neuerburg nicht dem K2, sondern laufen dem Klosterweg hinter. Der lenkt uns mithilfe eines schmalen Steges über den Burgseifen, steigt dann in den Hang hinein und schiebt sich am Berg talwärts; unterhalb haben wir fast immer die eigentliche K2-Route im Blick. Wir stoßen auch auf die erwähnte asphaltierte Straße, nehmen aber das Angebot nicht an, zusammen mit dem Klosterweg über den Fockenbach zu gelangen (auch dort hilft eine Brücke), sondern wenden uns – siehe oben – nach rechts. Etwa 50 Meter weiter treffen wir wieder auf den K2. Der mögliche Vorteil: Der Pfad ist einfach Natur näher.[/tip]

Das Fockenbachtal ist eine gut besuchte Wanderstrecke. Nein, nicht nur das. Auch Radfahrer (und Mountainbiker!) frequentieren diesen Weg. Aber – Autos wird man selten sehen, denn es ist keine Durchgangsstraße; das Fahrzeugaufkommen war während unserer Wanderzeit sehr gering.

Keine Wegzehrung.

Unterwegs erwarten uns ein Fliegerdenkmal und die Überreste eine Glashütte etwas abseits der eigentlichen Route (das Hinweisschild kann man kaum übersehen). Ob es sehenswert ist? Das muss jeder selbst wissen (wie immer).

Suchspiel: Wo ist die provisorische Aussichtskanzel, von der ich vorhin schrieb? Mitten im Bild. Rechts davon (nicht sichtbar) die Neuerburg, hinter uns (nicht sichtbar) der Fockenbach. Neben mir (nicht sichtbar) meine Begleiterin.

Doch es ist malerisch dort, eine Sitzbank lädt ein, die Beine auszustrecken und dem quirligen Plätschern des Fockenbachs zu lauschen. Zudem sollte man die Bank nutzen. Petra meinte, ich habe schon vor 20 Jahren gesagt, wie „nett“ mehr Ruhebänke im Fockenbachtal wären; damals wanderten wir mit unseren Jungs durchs Tal oder kurvten mit Rädern hier herum. Und so ist es auch. Eine oder zwei Bänke mehr, vielleicht sogar mit Tisch und Abfalleimer, wären nützlich. Als Alternative kann man sich natürlich auch auf die Wiesen fallen lassen, die hin und wieder die Wäldchen ablösen.

Das Tal, der Bach, der Focken (lt. Deutschem Wörterbuch der Brüder Grimm: “focken, illudere, vexare, foppen: nd.” – aha)

Das Handicap der asphaltierten Straße soll nicht darüber hinwegtäuschen, wie malerisch das Fockenbachtal ist. Felsgebilde drängen sich manchmal bis dicht an den Fahrweg heran, nebenher gluckert der Fockenbach, der gut und gern drei Meter breit ist und in dem man im Sommer seine Füße kühlen kann. An anderen Stellen wieder weitet sich das Tal, wird offen und gibt Licht und Luft. Die einzigen „Behausungen“ auf unserem Weg sind zwei Fischteichansiedlungen; bei der zweiten steigen wir quasi in den Berg hinein.

Mäanderpfad.

Das ist zwar nicht alpin, aber das mit dem „Steigen“ sollte man ruhig wörtlich nehmen. Der Weg mäandert (ich liebe dieses Wort) bergan, wir lassen den Wurbach geschwind unter uns verschwinden, gewinnen schnell an Höhe und erklimmen letztlich den Ilsenstein. Von dort bietet sich uns eine wunderbare Sicht bis ins Siebengebirge.

Westerwald mit Siebengebirge als Hintergrund.

Der atemlose Aufstieg wurde uns auf Heller und Pfennig zurückgezahlt. Beeindruckt machen wir uns nach einer kurzen Atempause weiter, legen die letzten Schritte über weiches Geläuf zurück und kommen an der „Wilhelmsruh“ an. Schon wieder gucken, schon wieder ein Augenschmaus. Weit über die Westerwaldhöhen in Richtung Norden schauen wir, Wüscheid erkennen wir auf der jenseitigen Talflanke, unter uns Taleinschnitte, auch die Wied ist gar nicht weit weg, doch unseren Blicken entzogen.

Eine andere Anhöhe (die Wilhelmsruh), dasselbe Mittelgebirge.

Jetzt ist aber genug. Das bezieht sich aber mehr auf die Temperaturen. Wir suchen nach Sonnenhüten und Sonnenmilch, reißen uns die Pullover vom … na, ganz so weit kommt es nicht. Ich sprach ja davon, wie viele Wanderer unterwegs sind, und ich möchte niemanden erschrecken, dass er zuhause dann von einem „behaarten Schrat im Wald“ erzählt, der seinen bloßen Oberkörper mit magischen Salben einrieb. Wir belassen es also bei einer Teilentblößung, unser Wald muss ja sauber bleiben, in jeder Hinsicht.

Das letzte Stückchen, wir sind schon fast bei Kurtscheid, verwöhnt uns der Weg noch mit sanftem Gras, das unsere Schritte dämpft und es umso schwerer macht, die allerletzten Meter durch Kurtscheid zu gehen. Wobei, der Ort ist nicht groß genug, als dass wir uns dort müde laufen könnten, und schon bald gelangen wir zur Kirche und zum Fahrzeug.

Letzter Rückblick vor der Rückfahrt.

Ich betone ja immer wieder, wenn eine Wandertour nicht „spektakulär“ war (wobei jeder ja „Spektakel“ anders erlebt). Eine Banknotenburg wie die Eltz haben wir hier nicht (die Neuerburg stellt sich ja sogar als abweisend dar). Einen Gesamtflauschpfad gibt es auch nicht (im Fockenbachtal knutschen wir den Asphalt). Eine Klamm mit Hangelstahlseilen über tosendem Wasserfall bietet der K2 gleichfalls nicht. Und der Blick über die Alpengipfel bis hoch zum Jadebusen sucht man auch vergebens.

Den Pfad gab es zwischendurch in der Nähe der Neuerburg.

Braucht es auch nicht. Es war alles irgendwie eine Nummer kleiner. Aussichten über die Westerwaldhöhen. Einblicke ins Fockenbachtal und kleinere Täler. Eine rustikale Burg, in der die Ritter noch, wie es sich gehört, den Eintritt dem gemeinem Volk verweigern. Schmale Pfade, die aber auch irgendwann mal aufhören. Hier und da was zu gucken. Und, was ich besonders liebe, immer wieder ein fließendes Nass an unserer Seite, den Fockenbach, den Burgseifen, den Wurbach.

Ach, was soll ich noch sagen? Die Wandertour drängt sich förmlich auf, wenn man in nicht allzu weiter Entfernung wohnt oder hier in der Gegend seinen Urlaub verbringt. Abwechslungsreich ist er allemal. Und daran, dass wir‘s Fockenbachtal nicht zum ersten Mal besucht haben, sieht man doch, wie gut es uns gefällt. Die Freude daran teilen wir gern.   

Kurtscheid K2

[Die Galerie zeigt weitere Impressionen von “Kurtscheid K2”. Die Galerie lässt sich mit den beiden Buttons unten rechts “bedienen”. SL – der linke Button – löst eine Slideshow aus, mit FS – der rechte Button – wechselt man in den Vollbildmodus. Für die richtige Anzeige der Galerie ist der Flash Player von Adobe notwendig.]

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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3 Responses

  1. David

    Eine Wanderung die ich mit ca. 6 Jahren zuerst gemacht habe und seitdem mindestens 2x im Jahr. Zu jeder Jahres, und Tageszeit zu empfehlen!

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  2. Elke

    Aha, da ist sie ja Petras Kröte, die sie denn auch ungeküsst hat sitzen lassen.
    Nun ja, ein Prinz reicht auch für ein Frauenleben :D

    Schöner Bericht über einen kleinen Weg, den ich sicher auch gehen könnte, wenn ich bei euch in der Gegend herum stromere :-)

    LG
    Elke

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    • Georg

      Bei deinem Anfahrtweg ist die Strecke arg kurz, auf der anderen Seite hättest du dann die Gelegenheit, in den Klosterweg einmal hineinzuschnuppern.

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