25 Okt. Kürbisfestival 2021 Bad Lippspringe
Versuch einer Annäherung
Der moderne Mensch ist tolerant. Und das ist auch gut so. Auch ich wäre so gern immer und überall tolerant. Doch ich kann es nicht sein. Ich empfinde eine tiefe Verabscheuung vor … Zucchini. Dieses geschmacksneutrale Füllgemüse regt mich auf. Ich gehe ihm aus dem Weg.
Einen ähnlichen geringen Stellenwert genießt in meinen Augen der Kürbis. Es gab eine Zeit, da wuchs er still in braven Hausgärten vor sich hin, gewann stetig an Größe. Und verrottete eines Tages. Kürbis war keineswegs in aller Munde. Und das war auch gut so. In der Neuzeit aber, wo wir alles essen, was in heimischen Gärten nicht schnell genug von Mäusen weggeknabbert wurde, kommt auch der Kürbis vermehrt auf den Tisch. Aber so richtig vermehrt, denn seit einigen Jahren habe ich das Gefühl: Kein Garten, der etwas auf sich hält, kommt mehr ohne Kürbis aus.
Ich muss gestehen, selbst in unserem winzigkleinen Gemüsegärtchen, des umringt und ummalt wird von bunten, mitunter sogar nichtessbaren Blumen, fristeten vor wenigen Jahren ein paar Kürbisse ihr Schattendasein.
Ich habe verdrängt, was aus ihnen wurde, vermutlich ein Süppchen oder gar mehrere.
Wobei wir zum Kern der Sache kommen. Der Kürbis als solcher ist mir egal. Er ist ja ein angenehmer Zeitgenosse, denn er wird nicht über die Wege geweht oder lässt sich hängen und sieht dann aus wie eine gemüsegewordene Trauerweide. Er ist robust und oftmals groß und liegt wie ein Nilpferd reglos im Garten und beobachtet sicher die hektisch wippenden Blümchen, um die Bienen und Schmetterlinge eifrig kreiseln.
Er aber hat seine Ruhe, und so gemütlich schaut er ja auch aus. Erst ganz zum Ende, so scheint es, wird er traurig, wenn er nicht geerntet wird, dann matscht er vor sich hin und geht den Weg allen Gemüses, das unbeachtet in einer Ecke eines Gärtchens im eigenen Saft schmoren muss.
Denn sein eigentliches Lebensziel ist: »Ich will gegessen werden.«
Und genau da fangen meine Probleme an.
Es muss nicht alles gegessen werden, was gut aussieht!
In der modernen Küche wird aus dem Kürbis alles – nun ja – gezaubert, was Köchinnen und Köche so munter Rezepte fabulierend in den Sinn kommt.
Liebe Köche, ich mag das nicht! Gut, ein Süppchen geht immer, in homöosympathischen Dosen serviert schmeckt mir das, schön, wenn es noch gewürzig etwas aufgepeppt wird.
Als Hauptgericht dagegen – ich informiere mich genau jetzt übers Internet, was es an Kürbisgerichten gibt, und greife direkt unter »12 Knaller-Kürbisrezepte« mit dem Titel »12 Kürbis-Rezepte, die Sie unbedingt probieren müssen«, voll in die … also quasi voll in die Suppe. Nein, ich mag nicht »Kürbis aus dem Ofen, mehr braucht es nicht« – ich möchte da den Rezepttitel ergänzen: »… um mich vom Esstisch zu jagen.«
Und mit dem Rezept »Perfekt paniert« und der ersten Zeile im Rezept »zugegeben, der Kürbis lässt sich auf dem Foto nur schwer erkennen«. (er sieht aus wie ein Schnitzel-Imitat, nur nicht lecker) lasse ich es jetzt auch gut sein. Meine Abneigung habe ich dokumentiert.
Mit eben dieser, tja, Zurückhaltung nahm ich das Angebot vom Teutoburger Wald im Rahmen der Teuto Blogger WG 2021 an, wiewohl ich auf die Gefahr hinwies, dass ein unverbesserlicher Kürbisgegner auf ein Kürbisfestival geht.
Das ist ja, wie wenn ein Autoverächter das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring kommentieren sollte oder jemand, der dem Alkohol abgeschworen hat, sich zur Besichtigung der Bitburger-Brauerei einfindet (gut, bei Bitburger hätte ich ähnliche Probleme wie beim Kürbis, aber das ist ein anderes Thema, über das ich mich gern breit und in flüssigen Worten privat unterhalten kann.)
Wie nachhaltig ist eine Landesgartenschau?
… und eigentlich besuche ich ja die Gartenschau in Bad Lippspringe!
Gemeinsam mit Anna Kaiser von der Tourist-Information Bad Lippspringe flaniere ich über das weitläufige Areal, das für die Landesgartenschau 2017 aus dem Kurparkgelände gestaltet wurde.
Themengärten und Mustergärten säumen den Weg, und wir spazieren durch schattigen Wald an diesem strahlend-sonnigen Samstagmorgen. Und links und rechts der Wege posieren Kürbistiere – zehn an der Zahl, riesiggroß und über und über mit Kürbissen bestückt. Eine wahnsinnige Arbeit, wie ich erfahre, denn die Wildtiere sind mit rund 40.000 Kürbissen bedeckt, die allesamt in Handarbeit gefertigt wurden.
Nebenher liegen hier und dort, fein sorgsam gruppiert, eine ganze Menge Kürbisse. Andere Bereiche melde ich als kürbisfreie Zone – was mir als Kürbisgegner ja zupasskommen muss.
Doch gemach, zwischen Essen und Schauen besteht noch ein großer Unterschied, und was der Magen nicht mag, schaut das Auge umso gerner. Jedenfalls ist’s bei mir so, ich sehe mich gar nicht satt genug an den prächtigen Kürbisgarnituren, die mit Geschick geschaffen wurden.
Nachdem ich mich von Anna Kaiser verabschiedet habe, wandle ich alleine durch das Gelände mit seinen Gärten und Waldstücken. Ein ums andere Mal, mal langsam gehend und bedächtig schauend, dann wieder bedächtig schauend und langsam gehend.
Ruhe kehrt ein, wiewohl die Gartenschau sich mehr und mehr füllt mit Menschen, jung und alt sind nun unterwegs, und besonders viele Kinder tummeln sich herum.
Kinderparadiese
Für Kinder wird viel geboten. Zehn unterschiedliche Spielplätze verschönern das gesamte Gelände. Besonders beeindrucken mich die Waldspielplätze »Elfenheim« und »Trollenburg« – in Elfenheim brummt bald der Bär, so viel ist da los! Die Seilbahn »Trollenseil« wird gern genutzt, als ich mehrmals dort vorbeikomme, und im Elfenheim klettern die Kleinen in den robusten Netzen wie geschickte Spinnchen.
Zudem können im »Grünen Klassenzimmer«, wozu auch ein umgebauter Bauwagen zählt, Schulklassen und Kindergartengruppen naturnahen Unterricht mit einem Klassenausflug verbinden.
Ist alles so schön bunt hier!
Die Themenvielfalt ist groß. Nach den ersten Schritten entdecke ich linkerhand die »Blaue Friedensherde«; seit 2006 wandert der Blauschäfer Rainer Bonk mit seiner Blauen Herde durch Europa, 160 Städte hat die Blaue Herde bereits besucht mit der Botschaft »Alle sind gleich – jeder ist wichtig!«
In derselben Passage informieren Mustergärten wie der »Schaugarten 45 Grad« oder »Ein sommerlicher Wohnraum im Freien« über mögliche Gartengestaltungen auf reduziertem Platz. Nicht nur zum Gucken präsentieren sich die kleinen Gärten, zum auch zum Verweilen.
Gleich dort auch entdecke ich einen Kürbis, der auf seine dickeren Geschwister wartet: Zur Kürbiswiegemeisterschaft am 19. September 2021 nämlich auf der Adlerwiese. Was für Schwergewichte da herangekarrt werden, schwant mir bei der Betrachtung dieses Leichtgewichts.
Meine Schritte führen mich auch zu einem allergologischen Garten mit Pflanzen, die bei entsprechend disponierten Menschen allergische Reaktionen auslösen können.
Nicht weit entfernt bei der Adlerwiese – einer Wiese mit Bühne, auf der Veranstaltungen durchgeführt werden – entdecke ich Holzregale mit etwa 250 verschiedenen Kürbisarten, die namentlich und mit Herkunft aufgereiht liegen.
- Mikrowellen-Kürbis
- Ile-de-Maurice
- Gremlins-Mix
- Rhapsody-Mix
Spätestens jetzt fliegt mir die Zeit davon, denn ich schaue mir einen nach dem anderen an, zu exotisch sehen sie aus.
Ich passiere die Trollenburg, bei der kleine Möchtegern-Trolle hüpfen oder sich am Seil hinabschwingen. Nicht weit entfernt schaue ich bei »Jagd und Wild« durch ein gigantisches Fernrohr über die Mersmannteiche.
Bei den Mersmannteichen nehme ich eine Auszeit. Still liegen die kleinen Seen in der Auenlandschaft, Menschen tigern umher, andere liegen auf den Wiesen und genießen wohl die friedliche Atmosphäre. Ich setze mich endlich, lasse meine Blicke über die Idylle schweifen und will gar nicht mehr fort …
Doch, auf, auf, denn es gibt noch mehr zu sehen.
Der Grüffelo-Pfad lockt mich. Letztens haben wir für unseren Enkel Remo ein Buch mit dem Grüffelo erstanden – da gehe ich doch gern auf Tuchfühlung mit dem brummigen Kerl.
Ein Duftgarten wartet noch, der GlaubensGarten, an dem die Zeit so schnell verrinnt, weil ich mir alles über die Glaubensrichtungen, die in Bad Lippspringe ihr Dasein haben, lesen will.
Zu den Partnerstädten von Bad Lippspringe – Templin und Newbridge in Irland – schaue ich mir alles an. Eine Skulptur wurde aus einer 5.000 Jahre alten Mooreiche gefertigt, die aus einem Hochmoor aus dem County Kildare stammt.
Die historische Liegehalle hält viele Informationstafeln beispielsweise zur Tuberkuloseerkrankung bereit, deren Behandlung den Beginn des Kurbetriebs in Bad Lippspringe darstellte.
Im Staudengarten präsentiert die Gesellschaft der Staudenfreunde mit Salbei, Bartfreuden oder Sonnenhut eine bunte Palette an Stauden.
Und Bildhauer schufen um »Die letzten 7 Tage der Schöpfung« einen kleinen Pfad zur Besinnung.
Letztlich könnte ich im Café »Martinus im Park«, das auf einer 1965 erbauten Trink- und Wandelhalle fußt, noch eine Kürbissuppe essen – doch ich muss leider weiter zum folgenden Programmpunkt.
Wirklich, ich hätte sie gegessen!
Wer die Gartenschau in Bad Lippspringe besucht, muss Zeit mitbringen. Eile ist an diesem malerischen Ort nicht angemessen. Stehen bleiben, betrachten, sich hinsetzen, ruhen, in sich gehen, die Gedanken im Meer der Blumen auf die Reise schicken – das ist angebracht.
Und wenn dann noch die Zeit der Kürbisse ansteht, verrinnen die Stunden wie im Flug.
Sind wir nun beste Freunde ?
Der Kürbis und ich – wir werden uns immer kritisch gegenüber stehen. Und doch! So, wie die Gartenschau den Kürbis in Szene setzt, genieße sogar ich ihn. Und das will ja schon was heißen. Wie begeistert werden dann erst Kürbis-Connaisseure sein? Ganz ehrlich, ich war angenehmst überrascht und empfehle jedem, der sich für Blumen, Pflanzen, Kürbisse, Parks und Gärten, die Natur erwärmt, einen Besuch.
Und nehmt die Kinder mit! Sie werden nicht nur viel entdecken, sondern auf den tollen Waldspielplätzen echten Spaß haben.
Später als geplant verlasse ich das Gartengelände. Ein untrügliches Zeichen dafür, wie gut es mir gefallen hat.
Hingehen, anschauen, entspannen. Mehr braucht es nicht, um einen anregenden und gleichzeitig ruhevollen Tag zu erleben.
Einen Flyer mit Lageplan zur Gartenschau kann man hier als PDF herunterladen oder postalisch anfordern: Blumenpracht & Waldidylle
Zum Schluss ein sehr eindringlicher Appell: Wir alle müssen unser Verhältnis zum Kürbis überdenken. Schaut ihn euch zu Halloween an – wie er traurig schaut, manchmal sogar richtig böse. Und warum? Weil er nicht die Beachtung bekommt, die er verdient. Nicht essen sollst du ihn, sondern ausstellen, zur Zierde soll er gereichen und den Garten verschönern durch seine reine Anwesenheit. Dafür ist der Kürbis geschaffen. Und nicht, dass ihm brennende Kerzen in den ausgehöhlten Kopf gestellt werden. Eine menschliche Tragödie, was sich da abspielt.
… und es beschwere sich später niemand über die Kürbis-Apokalypse, wenn sie über die Menschheit hereinbricht. (Es ist ja längst keine Frage mehr, ob die Kürbis-Apokalypse kommt, sondern wann.) Wie ich schrieb, versammelten sich auf diesem Kürbisfestival bereits 40.000 Kürbisse aller Länder. Und sie werden immer mehr, habe ich mir sagen lassen. Seid gut zu ihnen, sie werden es euch danken und die Koexistenz mit uns weiter aufrechterhalten.
Alles Unsinn? Wer jetzt glaubt, ich unterhalte mich auch mit Kürbissen, hat natürlich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Kürbisse hüten sich davor, mit Menschen zu reden – und wenn die Menschen auch noch so schön tun, wie ich in diesem Bericht. Das gilt ihnen nur als plumpes Anbiedern. Andererseits habe ich mir sagen lassen, dass auf der Gartenschau frühmorgens die Gärtner schauen, wo denn die Kürbiswildtiere abgeblieben sind. Der Kürbishase beispielsweise wird meist in den Hausgärten mitten im Salatbeet angetroffen; nach aufmerksamem Zuhören und freundlichem Zureden und überhaupt durch gute Gespräche hoppelt der Kürbishase wieder an seinen voreinbarten Platz. Die unglaublichen Vorkommnisse dringen natürlich nicht nach außen! Darüber muss sich jeder eigene Gedanken machen.
Ich esse seither jedenfalls überhaupt keinen Kürbis mehr!
Hinweis! Meine Reise wurde unterstützt von Teutoburger Wald Tourismus und weiteren Institutionen vor Ort und fand im Rahmen des EFRE-Projekts »Zukunftsfit Digitalisierung« statt. Das Projekt wird gefördert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und das Land Nordrhein-Westfalen. Dieser Artikel ist in einer Kooperation entstanden und deshalb als Anzeige gekennzeichnet. Mein Dank geht an alle Menschen, die mich bei meinen Erlebnissen begleitet und unterstützt haben.
















































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