Die Stadt Neuwied ist 1653 gegründet worden, aber ein Teil der Stadt ist ganz altes Pflaster. Heddesdorf rissen sich in früher Zeit die Römer unter den Nagel. Unser Haus steht mitten im Kastell, und wenn ich mir den feuchten Keller aus Bruchstein anschaue, dann schwant mir, was hier einmal stand: das Badehaus. Viel zurückgelassen haben die Römer aber anscheinend nicht, denn selbst beim Ausheben der Teichmulde und dem Ausgraben von Baumwurzeln stieß ich zwar auf alte Knochen, aber so alt waren die dann doch nicht.

Ist die Römergeschichte wirklich wichtig? Ja, denn wer so nah am Limes gebaut hat, den lässt die Geschichte nicht mehr los. Und deshalb war es an der Zeit – nach vielen Wanderungen im Westerwald links und rechts, vor und hinter dem Limes -, nach Pohl im Taunus zu fahren. Pohl – weshalb Pohl? Weil dortbis  2011 ein Kleinkastell nachgebaut wurde, das seitdem für Besucher zugänglich ist. Nahebei verläuft natürlich der Limes mit seinen Limestürmen, verbunden ist dies heutzutage durch den 3-Kastelle-Rundweg. Und damit schließt sich der Kreis: Römer und Wandern. Da mussten wir also hin.

Wer den Turm übersieht, braucht dringend einen sehr guten Optiker.

Pohl erreicht man über die Bäderstraße. Die B 260 verläuft von Lahnstein über den Taunus bis nach Walluf; Pohl liegt pimaldaumen mittendrin und kann nicht verfehlt werden. Den für das Kleinkastell sicher charakteristischen Turm sieht man bereits aus der Ferne – und auf ihn steuern wir hin, als wir über Braubach kommend die Höhe erreichen. Wir parken direkt am Kastell, um diesem nach der Wanderung einen Besuch abzustatten.

Ich vermute: Die Römer wären über so viel Asphalt glückselig gewesen.

Der 3-Kastelle-Rundweg besticht quasi durch seinen modularen Aufbau. Was das heißt? Man gestaltet die Wanderroute selbst, indem man mit Hilfe der Wanderkarte Streckenteile heraussucht und miteinander verbindet.

Bunt trieben es die alten Römer.

Kürzere Wege sind dadurch ebenso wie ausgiebige Wandertouren möglich – wir haben im Vorfeld den Weg von Pohl aus nach Holzhausen gewählt, hätten den aber noch um einen Abstecher nach Hunzel oder über Holzhausen hinaus verlängern können.

… und das entschädigt für den steinigen Weg.

Auf den ersten Blick wegen der fehlenden Streckenlängen mühselig, aber mit dem auf der Karte eingezeichneten Maßstab lagen wir bei unserer Schätzung – etwas über 10 Kilometer – ziemlich gut. Wie es anders geht, verrate ich im zweiten »KurzInfo!«.

[tip]KurzInfo! Pohl und das Kleinkastell sind über die B 260 (die “Bäderstraße”) gut erreichbar. Ein Parkplatz steht direkt am Kleinkastell zur Verfügung (Link zur PDF mit Anfahrtsweg), weitere Parkmöglichkeiten bestehen an den anderen Ausgangspunkten beispielsweise in Hunzel. Diese sind auf der Wegekarte zum 3-Kastelle-Rundweg ersichtlich. Die Website zum Kleinkastell Pohl hält weitere Informationen bereit; ich empfehle, sich die Seite schon wegen der Hintergrundmaterialien zum Bau des Kastells genauer anzuschauen. Der Abschnitt Zeit und Geld führt alles Wichtige zu den Eintrittspreisen und den Öffnungszeiten an.

Wer sich auf dem Wanderweg verausgabt, sollte sich Gedanken über seine Kondition machen: Der Weg ist kräftesparend und wohltuend anspruchslos. Dafür sind die Aussichten schön – die weiten übers Land und die näheren auf die Sehenswürdigkeiten.

Wir haben neben der oben genannten Wegekarte noch auf die Wegekarte “Der Limes” zurückgegriffen. Uns liegt jedoch nur die Ausgabe von 2006 vor (zur Zeit ist die Ausgabe 2012 aktuell), sodass ich nicht angeben kann, inwiefern der später neu eingerichtete 3-Kastelle-Rundweg eingetragen ist. Unser Weg war 12 Kilometer lang und ließ uns mit seinen 207 Höhenmetern genug Luft, um am Ende einen kleinen Sprint einzulegen – siehe den Bericht.

Eine Wegekarte, die ich bei Outdooractive erstellt habe, findet der Leser weiter unten. Über den Klickpunkt “drucken” stehen Optionen zur Auswahl, wie detailliert die PDF sein soll – am besten einfach ausprobieren, herunterladen und dann entscheiden, welche Version man bevorzugt. GPS-Tracks können ebenfalls abgerufen werden. Und die Karte kann mit Hilfe des Reiters über dem Kartenbild in unterschiedlichen Ansichten (beispielsweise bei “Google Earth”) betrachtet werden.[/tip]

Vom Kastell aus führt uns der Weg für einige Minuten durch den kleinen Ort Pohl, dann sind wir auch schon durch. Als Erstes nähern wir uns der Rekonstruktion einer Limes-Palisade und – man glaubt es ja kaum – nutzen die Gelegenheit (sprich: Tisch und Bänke) zu einer ersten Rast. Immerhin liegt Pohl für uns nicht um die Ecke, es war ja schon nicht einfach, in einem der vorangegangen Dörfer Backwerk zu erstehen. Zudem ist das Wetter prächtig genug, um zum ersten Mal die Beine auszustrecken und die Landschaft zu betrachten. Den Taunus sehen wir nicht mehr allzu oft; das letzte Mal war ich sogar zu einem traurigen Anlass in dieser Gegend, und zu bestimmten Anlässen denke ich noch daran und an Kurt und an eine Winterwanderung zu dritt im Westerwald …

Das sind schon sehr sehr sanfte Hügelchen …

Die Sonne treibt die trüben Gedanken hinweg, wir lösen uns von der Ruhebank und gehen die wenigen Meter zurück nach Pohl. Wieder leitet uns der Weg einige Schritte durch den Flecken, wobei uns hier und da sehr detaillierte Tafeln mit der Vergangenheit des Ortes bekannt machen – das wirft unseren Zeitplan gleich ordentlich über den Haufen. Warum das wichtig ist, erzähle ich später.

Gut erhaltene römische Wegekarte, die den römischen Legionären zur Orientierung nach einer durchzechten Nacht in der Dorf-Disco diente.

Vorher bewältigen wir den Wanderweg nach Bettendorf; ein kleines Waldstück liegt dazwischen, ein Hügel, den es hinaufgeht und wieder hinunter, und reichlich Asphalt, nur manchmal unterbrochen von weicheren Wirtschaftswegen. Wie überhaupt die gesamte Wanderstrecke von Asphalt dominiert wird. Wer also Pfade sucht oder Wiesenwege, das sei schon früh gesagt, ist hier falsch.

Limes. Hinten. Nicht vorne.

Wir schlenkern also durch Bettendorf. Der Weg ist gut genug ausgeschildert, dass wir uns nicht verlaufen können, zudem dient uns die ausgedruckte Wanderkarte der Tour zur Orientierung. Erneut zieht der Weg zielstrebig den Hang hinauf, verschwindet wieder in einem Wäldchen und passiert, als er sich zu Feldern und dem Ort Holzhausen hin öffnet, das Kastell Pfarrhofen. Es liegt abseits des Weges, ist aber ausgeschildert, sodass wir nach wenigen Metern inmitten des Kastells stehen.

Die interessante Frage ist ja: Wie sah das vor fast 2000 Jahren hier wirklich aus?

Inmitten eines Kastells stehe ich ja öfter (siehe den ersten Absatz). Von dem hier ist auch nichts mehr zu sehen, das bin ich gewohnt. Zumindest zeigen uns Holzpfähle den Bereich an, den das Kastell einmal angenommen hatte.

Und weiter geht’s. Knapp bis vor Holzhausen, dort überqueren wir die Bäderstraße und machen uns auf den Rückweg. Nicht nur das Wetter spielt mit, auch die Landschaft ist auf unserer Seite. Obwohl wir auf den Taunushöhen wandern – gut 300 Meter hoch liegt Pohl -, stellte sich die Landschaft als eine sacht geschwungene Ebene dar, die Täler mehr angedeutet als tief eingeschnitten, die Erhebungen sanfte Hügel, die zum gemächlichen Wandern geradezu verführen. Und doch oder gerade deshalb gelingt uns manches Mal der weite Blick bis in die Eifel oder über das Lahntal hinweg in den Westerwald, wozu natürlich auch das famose Wetter beiträgt.

[tip]KurzInfo! Die unten stehende Wegekarte von Outdooractive habe ich anhand der im vorhergehenden “KurzInfo!” bereits verlinkten Wegekarte nachgezeichnet. Ähnlich kann man dies vorab handhaben – die verlinkte Wegekarte als Blaupause nehmen, einen Account bei Outdooractive einrichten und die Karte selbst zeichnen – und zwar nach den eigenen Wünschen, wie man den Wanderweg gestalten will. Der Vorteil: Ich habe danach eine nach meinen Bedürfnissen gewählte Route mit GPS-Daten, Streckenlänge und Höhenprofil. Und die drucke ich aus und nehme sie mit (das haben wir, aus welchen Gründen auch immer, nicht vorher gemacht …) Es erfordert etwas Zeitaufwand, viel mehr nicht.[/tip]

Eigentlich müssten wir doch beschwingt gehen, also zügig und mit weit ausholenden Schritten. Pustekuchen, wir haben nicht das Tempo einer römischen Marschkolonne drauf, sondern gucken hier und gucken da, bis Petra sich den Hinweis nicht verkneifen kann, dass das Kleinkastell um 16 Uhr die Schotten dichtmacht. So früh, frage ich, und sie nickt nur. (Ab dem 1. Mai wird die Pforte dann länger, nämlich bis 18 Uhr, offen gehalten.)

Der Experte für Outdoor und Touren

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Wir nehmen die Beine in die Hände, wie auch immer man dies macht (jedenfalls dürfte es bescheuert aussehen), und sputen uns, verweigern dabei auch den Abstecher zu einem weiteren Limesturm und kommen gerade rechtzeitig an. Gegen einen Obolus gewährt man uns Einlass.

Kleinkastell Pohl

Wir schauen uns die Räumlichkeiten von innen und außen an, betrachten die Ausstellungsstücke und bringen mal wieder Regale mit Informationsmaterial in Unordnung. Da liegen aber auch so viel interessante Broschüren, die besser nicht unbeachtet herumliegen sollen.

Räudiges Fell für müde Wanderer.

Das Kleinkastell ist wirklich akkurat und, ich sag’s mal so, liebevoll und mit großer Sorgfalt nachgebaut und die Exponate veranschaulichen alles. Den Limesturm sehe ich mir näher an, innen werfe ich eine Blick ins Erdgeschoss, das nur durch eine Leiter erreicht werden kann (über den Zugang ist klugerweise ein nicht durchdringbares Sichtfenster installiert, sonst wären Zeitgenossen wie ich mir-nichts-dir-nichts unten).

Der letzte, von Touris arg genervte Römer.

Von Römern ist zwar keine Spur, aber die waren generell ja nicht dumm, sondern haben sich beizeiten verdrückt – bevor die Touris und die Hiker kamen.

Echtes Römerschwert. Hing nach meinem Besuch eigenartigerweise nicht mehr dort.

Keine Frage, der 3-Kastelle-Rundweg ist kein Wanderweg, den wir wegen der herrlichen Naturpfade oder der munter sprudelnden Bächlein gingen. Aber wir wollten Römer, und wir bekamen Römer.

Helm ohne Inhalt.

Wir hätten sogar noch mehr haben können – wie ich erwähnte, kann jeder sich den Weg individuell gestalten und noch das Kastell Holzhausen oben draufpacken oder nach Hunzel abzweigen.

Auch Kleinkastelle haben große Tore.

Ein Muss aber ist das Kleinkastell in Pohl; wer sich für römische Geschichte interessiert, ist dort bestens aufgehoben. Für die Wanderung brauchten wir drei Stunden, im Kleinkastell kann man sich gut und gerne auch mal eine Stunde aufhalten. Die Kombination aber aus Wanderung und Besichtigung stellte für uns den besonderen Reiz dar, sich die »Geschichte« erwandern und dann zum Abschluss das beeindruckende Kastell bestaunen – das machte den Tag zu einem rundum gelungenen Ausflug in den Taunus.

3-Kastelle-Rundweg

[Die Galerie zeigt weitere Impressionen des “3-Kastelle-Rundwegs”. Die Galerie lässt sich mit den beiden Buttons unten rechts “bedienen”. SL – der linke Button – löst eine Slideshow aus, mit FS – der rechte Button – wechselt man in den Vollbildmodus. Für die richtige Anzeige der Galerie ist der Flash Player von Adobe notwendig.]

Schlenderer

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... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
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