Braucht eine „Wanderung in die eigene Vergangenheit“, wie der Untertitel meines folgenden Beitrags lautet, einleitende Worte? Ich finde nicht, denn mein Bericht steht für sich.

Nur so viel:

Vor einigen Monaten animierte Hans-Eberhard Peters die Mitglieder der Facebook-Gruppe „Wanderteufel“, doch mit Beiträgen zum Gelingen des nächsten Jahrbuchs (hier noch lieferbar: das Eifeljahrbuch 2013) vom Eifelverein beizutragen. Mich führte der Aufruf zurück nach Hönningen und zurück auf die Teufelsley. Der Bericht wird im kommenden Eifeljahrbuch 2014 abgedruckt; hier ergänze ich ihn um einige weitere Fotografien, die entweder qualitativ nicht gut genug für eine Buchpublikation waren oder einfach den Umfang eines gedruckten Artikels gesprengt hätten. Sie zeigen aktuelle Aufnahmen von meiner Wanderung zur Teufelsley. Sie zeigen von den Jahren gezeichnete Aufnahmen von Menschen, die mir unendlich eng ans Herz gewachsen sind. Oder die ich (wie Onkel Paul) aus meiner Kindheit kenne.

Menschen, die verschwunden sind aus dieser Welt, aber längst nicht vergessen.

Herr Rippinger, der das Eifeljahrbuch betreut, war mit einer Vorab-Veröffentlichung auf dem Schlenderer einverstanden. Das Eifeljahrbuch lege ich jedem nicht nur wegen meines Berichts ans Herz. Und ehrlich: Ein gedruckter Bericht freut mich noch viel mehr als einer, der im ach so flüchtigen Internet erscheint. Wer Interesse an der Eifel hegt, heute und gestern und in Worten und Bildern, sollte sich das nächste Jahrbuch gönnen. Es erscheint voraussichtlich im Oktober 2013 und kann direkt beim Eifelverein bestellt werden.

Diesmal gibt es keine Wanderkarte zum Nachverfolgen. Wer die Teufelsley und Hönningen und die anderen Dörfer näher sehen will, klicke auf die Karte “Schlenderer Wanderwege” oben rechts auf dem Bildschirm. Mit dem blauen Symbol (vier voneinander abweisende Pfeile) lässt sich die Karte in einem neuen Fenster öffnen. Dort findet sich das grüne Wandererzeichen an der Ahr (Teufelsley): ranzoomen, umschauen.

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Nichts bleibt, wie es war

– Eine Wanderung in die eigene Vergangenheit –

 

Ja, ich bin Rheinländer. Geboren in Weißenthurm. Doch mit viel gutem Willen kann Weißenthurm noch zur östlichen Vulkaneifel zugerechnet werden. Der Rhein aber ist unübersehbar. Und trotzdem …

Schon meine Mutter kam nicht in der Eifel zur Welt; ihre Eltern zogen vor ihrer Geburt nach Weißenthurm. Wie viele zu jener Zeit taten sie es nicht ganz freiwillig. Wirtschaftliche Gründe gaben den Ausschlag, nicht der Wunsch, von der Eifel in eine vielleicht schönere Gegend zu ziehen. Der Familie meiner Oma wurde die Heimat entrissen. Die Familie lebte in Weidenbach, einem kleinen Flecken nahe der Ahr. Ein Ort, der wie andere in den Jahren 1938 und 1939 dem geplanten Luftwaffenübungsplatz Ahrbrück weichen musste. So wurde auch Weidenbach von den dort lebenden Menschen befreit.

Das alte, ausgelöschte Weidenbach (auch die Ansichtskarte hat Federn gelassen)

Mein Opa hatte es zwar besser erwischt, weil sein Heimatdorf Ramersbach verschont blieb. Aber Heimat allein bringt noch kein Brot auf den Tisch. Und der Rhein schien – nach einem kurzen Wohnaufenthalt in Hönningen – mehr Möglichkeiten zu bieten. Wichtig war, für Frau und Sohn und (die ein Jahr nach der Übersiedlung nach Weißenthurm geborene) Tochter das zum Leben Nötige anzuschaffen. Weitere zog es, wie meine Mutter mir erzählte, aus den Dörfern um Weidenbach an den Rhein. Andere aus den Familien blieben der Eifel näher verhaftet. Beispielsweise in Hönningen.

Meine Oma, die auch als Hausdame in Neuenahr arbeitete

Der Ort Hönningen sollte dann zwei Jahrzehnte später für mich eine besondere Bedeutung erlangen. Spät in den 1950er-Jahren geboren, profitierte ich vom sprießenden Wirtschaftswunder in Deutschland. Ich kam zwar nicht in den Genuss eines Urlaubs in Italien; zu jener Zeit wohl der Ausdruck von gehobenem Lebensstandard. Für mich waren es Ferien in Hönningen an der Ahr. Bei Tante Luise und Onkel Jupp oder Tante Anna und Onkel Paul. Wir wohnten recht beengt in Weißenthurm, das änderte sich erst später, als auch die Ferien an der Ahr für mich weniger wichtig wurden. Doch in den Jahren vor 1970, ich war noch ein Panz, waren Ferien mit Oma und Opa ein kleines Abenteuer.

Sehr viel haften geblieben ist davon nicht. Heutzutage hielten die Großeltern oder ein Junge selbst vieles mit einer Digitalkamera oder einem Camcorder fest. Erinnerungen, eingedampft auf Speichermedien für eine Ewigkeit, die womöglich länger dauert als das eigene Leben. Meine Generation ist aber eine der Letzten, die auf Papierfotos und das eigene Gedächtnis angewiesen ist.

Meine Großeltern

Ich sehe noch einiges vor mir, manches klar und lebhaft, das Meiste jedoch schattenhaft und verschwommen. Ich erinnere mich an den großen Hof vor dem Haus, in dem eine der drei Schwestern meiner Oma lebte. Der Hof reichte bis an die Straße, bewacht vom Schäferhund, vor dem ich größten Respekt hatte. Einen schmalen Pfad hinauf und dann über die Straße ging es zur älteren Schwester meiner Oma. War der Verkehr auf der Straße damals weniger dicht als heute? Ich denke ja. Die Gefahr aber, unter ein Auto zu geraten, gab es schon zu jener Zeit.

Meine Großeltern bei einer Kraftfahrzeugwanderung in der Eifel

Immerhin besaß jede Familie, die es sich leisten konnte, ein Automobil. Opa steuerte einen DKW. Wenn ich mir heute Fotos dieses Modells im Internet ansehe, erwecken die eleganten runden Formen in mir den Eindruck: Das ist ein sanftes Gefährt. Anders als später sein eckiger Fiat, kantig wie ein Stahlträger mit kalten Formen, die sicher dem Zeitgeist einer neuen Sachlichkeit entsprachen. In Wirklichkeit war der DKW aber eine arge Schaukelkiste.

Im DKW fuhr ich also mit, wenn es wieder in die Eifel ging. An die Ahr. Hinten sitzen. Nicht angeschnallt. Heute ernteten Großeltern böse Blicke und geharnischte Vorwürfe, schleppten sie ihre Enkel ohne eine solche Sicherung mit. Früher kutschierte man natürlich so. Vom Rhein an der Ahr entlang bis hinauf nach Hönningen.

Sommer. Bestimmt war es warm, in den Ferien womöglich ordentlich heiß. Damals waren die Sommer ja noch richtige Sommer. Sagt man. Ich glaube es gern, denn die Erinnerung erzählt von kurzen Hosen und kurzärmeligen Hemden. Sandalen an den Füßen. Eimerweise Sonne ganz ohne Sonnencreme und Sonnenschutz.

Der Opa, die Oma, der DKW (gemeinsam mit einem befreundeten Ehepaar aus der Hubaleck-Siedlung/Weißenthurm)

Dann raus aus dem Auto. Schön war es ja nicht, in einem jener schaukelnden und wippenden Gefährte hinten zu sitzen. Aber der Weg war auch nicht das Ziel.

Und es gab ja etwas, von dem die Erinnerung nie völlig verblasste. So eine Art »Jungsabenteuer«. Nach einer weiteren diesmal kurzen Fahrt mit dem DKW.

Heute erst lese ich auf einer Internetseite, dass die geteerte Straße am Ommelbach hinauf ausgerechnet für den erwähnten Luftwaffenübungsplatz Ahrbrück gebaut worden war. Oben sollen die Batteriestellungen installiert worden sein, von denen ich damals nichts wusste (und wahrscheinlich hätte es mich nicht interessiert).

Fast drei Jahrzehnte später jedenfalls brauste mein Opa diese Straße mit uns hinauf. Ob ich dreimal in meiner Kindheit dort oben war? Oder öfter? Genau weiß ich das nicht mehr. Im Nachhinein ist das nicht wichtig. Viel wichtiger als das reine »Wie oft?« war das Erleben. Das Sehen und Staunen. Denn wir fuhren auf die Teufelsley.

Die Teufelsley ist der größte zusammenhängende Quarzitblock Europas. Ein mächtiger Fels hoch über dem Ahrtal, wie hingeworfen von einem Riesen. Nein, es müssen zwei oder drei Riesen gewesen sein, die gemeinsame Sache machten. Ein Riese allein hätte das unglaubliche Steingebilde nicht in die Höhe hieven und an seinen Platz schleudern können.

Onkel Paul aus Hönningen mit Kindern (mit großem Dank an Eberhard „Hardi“ Radermacher – er stellte mir die Photographie zur Verfügung!)

Dort hinauf also fuhren wir einige Male, und ich war immer »heiß« darauf. Jungsabenteuer. Es gab und gibt nicht viele abenteuerliche Schauplätze für einen Jungen in seiner kleinen Welt, die nicht weit über die Grenzen einer Stadt reicht. Der Rhein bot sich kaum als Spielplatz an; in meiner Kindheit war er nicht nur tief und tödlich, sondern übel riechend. Auch deswegen waren die Fahrten zur Teufelsley ein Höhepunkt in den Ferien.

Das Gebiet um die Teufelsley ist seit 1926 Naturschutzgebiet. Zum Glück, weil seit dieser Zeit motorisierte Menschen auf einem Parkplatz mehrere Hundert Meter von der Teufelsley entfernt ihr Fahrzeug abstellen müssen. Die letzten Meter legt auch der Kraftfahrer dann zu Fuß zurück.

Durch die Bäume hindurch sah ich ihn. Der Fels baute sich wie ein steinerner Koloss vor uns auf. Davor und rings umher lagen große und kleine Quarzbrocken. Sie warteten auf einen Jungen, der sie aufhebt und einsteckt. Schon damals war das behördlich verboten, aber konnte ich zu jener Zeit lesen? Ich befürchte ja. Doch bestimmt verstand ich das Amtsdeutsch nicht. Und Oma und Opa guckten vermutlich weg und waren eh von einem Menschenschlag, der Jungs einen oder zwei (oder mehr) mittelgroße Steine gönnt.

Oma, Panz, Teufelsley – und DER HUT

Und dann kletterte ich am Felsen herum, daran entlang, bugsierte mich hoch, die Füße fassten Tritt. Ich hangelte hin und her. Es war sogar möglich, auf eine der Felsspitzen hoch über der Erde hinaufzuklettern. Einer der Grate diente spätestens seit 1961 zur Kletterausbildung. Der Alpenverein, Sektion Koblenz, erwarb damals ein Grundstück am Ostabhang der Teufelsley. Quasi Kletterluft schnuppern am Felsen, der sich fast 20 Meter weit aus dem Wald zu strecken sucht. Doch so hoch wie die vom Alpenverein traute ich mich nicht. Dabei kann man es durchaus wagen, ohne die üblichen Seile den Fels zu erklimmen. Sicher hätte da Opa eingegriffen und mich eigenhändig heruntergeholt. Ich blieb also unten. Schaute andächtig hoch.

War es heiß, wehte ein Lüftchen durch den Wald? Ich weiß es nicht. Derart tief sind meine Erinnerungen an die Stunden an der Teufelsley nicht. Ich spürte nur, wie sehr es mir gefiel, auch unter »Aufsicht« für eine kurze Zeit aus dem alltäglichen Jungenleben auszubrechen. Schon allein der Name – Teufelsley! – war ja ein Versprechen. Von den Sagen oder Legenden, die sich um die Teufelsley ranken, erfuhr ich erst viele Jahre später.

Opa, Panz und Teufelsley – und wieder der fesche Hut

Der Abschied kam immer viel zu schnell. Jungs wollen ja, dass ein Abenteuer niemals endet. Es soll für alle Zeit spannend und aufregend sein. Sie wollen nicht hören: »Wir müssen jetzt nach Hause.«

Opa fuhr uns irgendwann wieder zurück nach Hönningen. Weitere Ferientage folgten. Ich bin mir sicher, die waren auch schön und toll, aber nie und nimmer so abenteuerlich wie das Herumklettern an der Teufelsley.

Später, als unsere beiden Jungen etwas älter als ich zur damaligen Zeit waren, machten wir – meine Ehefrau, die beiden Jungs und ich – einen Ausflug zur Teufelsley. Der Zauber, den ich als Junge an jenem Ort verspürt hatte, sprang nicht über. Womöglich fehlte die Ruhe, die Besinnung, vermutlich das Alleinsein mit meinen verblassten Erinnerungen.

Doch ich wollte meinen Erinnerungen eine zweite Chance geben. Wieder aufleben lassen. Ich hatte einen Plan. Und dieser Plan schloss Wandern mit ein.

Ich wandere für mein Leben gern. Vielleicht wird einem das in die Wiege gelegt. In meiner Familie jedenfalls wird das Wandern nicht als Zeitvergeudung angesehen. Wobei niemand aus der Familie längere Strecken wanderte oder über Tage hinweg auf einem Wanderweg unterwegs war. Auch mich zieht es zu den angenehmen Tageswanderungen, die mich heute in die Regionen um meine jetzige Heimatstadt Neuwied bringen. Die Eifel gehört natürlich dazu.

Eine Ansichtskarte mit Blick auf die Teufelsley, auf Hönningen mit der Ahrbrücke und das Gasthaus Dieden (mit großem Dank an Bärbel Hehn – sie stellte mir die Ansichtskarte zur Verfügung!)

Die neuen Medien machen das Leben nicht immer leichter, manchmal machen sie es sogar kompliziert. Aber mit kleinen Hilfsmitteln wie dem »Eifelpfadfinder« des Eifelvereins lassen sich eigene Wandertouren gestalten. Diese orientieren sich meist an den vorhandenen Wanderwegen.

Ich rief also den Eifelpfadfinder auf und »baute« mir eine Rundwanderung. Ziel Teufelsley. Zwischenstation Hönningen. Los gehen von Liers. Das funktioniert recht einfach, wenn man erste Erfahrungen gemacht und etwas Übung darin hat. Die Karte drucke ich also aus; für den modernen Wanderer liefert das Programm die GPS-Daten gleich mit. Die Karte ist detailliert genug, dass eine Orientierung problemlos möglich ist. Aber zur Sicherheit packe ich noch die (neue) Ahrkarte des Eifelvereins in meinen Rucksack, als ich an einem Samstagmorgen im Mai aufbreche.

Muss ich in diesem Jahr hinzufügen, wie schwer es ist, einen regenfreien Tag zu erwischen? Ich habe die Wandertour mehr als einmal aufgeschoben, doch an diesem Samstag scheine ich Glück zu haben.

Schon die Hinfahrt wird sentimental. Ich fahre nicht über Bad Neuenahr die Ahr aufwärts, sondern quer durch die Eifel, passiere dabei Kesseling und den Abzweig zur L 90. Die führt an Weidenbach vorbei. Nach dem Krieg wurde Weidenbach wieder neu aufgebaut, auch wenn sich die vormaligen Einwohner längst in alle Winde zerstreut hatten. In Weidenbach aber treffen sich alljährlich im Juli zur Kirmes ehemalige Bewohner und/oder deren Nachkommen. Meine Oma besuchte die am Samstag in einem Zelt stattfindende Andacht, solange es ihr möglich war; zweimal brachte ich sie dorthin. Das zählt zu den Erinnerungen, die am heutigen Tag wie von selbst wieder erwachen.

Hönningen umfahre ich auf der für mich neuen Ortsumgehung. Ein erster Fingerzeig, dass vieles nicht mehr so ist, wie ich es im Gedächtnis bewahrt habe. Liers ist sogar ganz Neuland für mich; dort war ich noch nie. Nachdem ich ausgestiegen bin, streift mein Blick über die Höhen. Der ruhelose Autoverkehr auf der nahen Bundesstraße ist bis zu mir vernehmbar. War es damals hektisch wie heute, gab es die fiebrige Eile, den steten Lärm? Vermutlich ja, das Ahrtal hatte viele hohe Zeiten. Besonders, weil die Weinfeste feierfröhliche Menschen aus dem näheren Umland anlockten. Sie schütteten sich mit dem in jenen Tagen arg an Ruf gelittenem Ahrwein voll und gebärdeten sich feuchtfröhlich. Sicher, heute hat der Ahrwein deutlich an Niveau gewonnen, wovon ich mich gern überzeuge. Aber weniger Auto- und Motorradverkehr im engen, hier etwas weiter offenen Tal hat es nicht gebracht.

Die Ahr

Ich schultere meinen Rucksack und hänge meine Digitalkamera um den Hals. Heute will ich Fotos schießen zur Erinnerung. An der Ahr entlang verlasse ich Liers. Die erste Strecke gehe ich auf dem Ahrtalweg des Eifelvereins. Die Ahr wird oft ursprünglich und wild genannt – ein Bild, das augenblicklich bestätigt wird. Das liegt auch am nimmermüden Regen. Der tränkte in den vergangenen Tagen, nein Wochen und Monaten den Boden mit Wasser und ließ die Flüsse und Bäche anschwellen.

In Dümpelfeld überquere ich unverletzt die Bundesstraße; bei dem Verkehr ja kein Kinderspiel. Gleich darauf geht es bergan. Jeder Schritt lenkt mich weiter weg vom Asphalt der Straße und vom Autolärm. Von den Gerüchen und Geräuschen, die mit der Zivilisation, wenn sie sich zu eng um einen schließt, verknüpft sind. Ich steige das Wingertsbachtal hinauf, rechts von mir gluckert das Bächlein, proppenvoll mit klarem Wasser. Der Weg ist breit und weich. Es sieht nicht aus, als ob sehr viele Wanderer ihre Füße auf diese abgeschiedenen Pfade setzen.

Wegweiser

Ein Indiz dafür ist: Wegeschilder und Wanderweghinweise fehlen. Gut, dass ich im Vorfeld diese Wanderroute zur Teufelsley gewählt habe. Keine Menschenseele begegnet mir in der nächsten Stunde, und wenn ich nicht immer mehr schnaufte – der Weg steigt schonungslos an -, dann wäre die Stille vollkommen.

Doch halt, vollkommen ist die Stille nicht, aber das ist gut zu ertragen. Vogelgezwitscher, Zirpen und Pfeifen saust durch das Blätterdickicht der Bäume, das sich über meinen Weg spannt. Ab und zu funkelt die Sonne durchs grüne Dach, meist aber schieben sich graue Wolken vor ihr Antlitz. Der Weg gräbt sich ohne Pause den Berg hinauf, wendet sich nach links, dann wieder nach rechts, immer dem Bächlein entgegeneilend. Bis der Wingertsbach sich plötzlich im Erdreich verliert und verschwindet und der weiche Wiesenweg einen Schlenker macht.

Den Mansfelder Kopf jetzt umrunden, andere Wege zur Linken und zur Rechten liegen lassen. Den Pfaden folgen, die sich weiter nach oben schrauben.

Gut 400 Höhenmeter weist die von mir gewählte Strecke auf, knapp 15 Kilometer ist sie lang. Die meisten Höhenmeter scheinen sich genau in diesem Wegstück aufzutürmen. Und trotzdem ergeben sich für mich viele Gelegenheiten, das Terrain anzuschauen. Eindrücke in mich aufzusaugen. Das Alleinsein zu genießen. Oben dann, als der Waldweg in eine geteerte Straße übergeht, begegnet mir die erste Menschenseele, ein freundlich grüßender Biker. Hier verläuft auch der Karl-Kaufmann-Weg, eine Route des Eifelvereins von Brühl nach Trier.

Auf der Höhe, auf der ich mich nun befinde, rauscht der Wind trotz des dichten Waldes durch die Äste und Zweige. Schnell geht es weiter, der Parkplatz taucht auf, als der Wald sich lichtet. Mehrere Fahrzeuge stehen dort, ein Pärchen sitzt auf der einzigen Bank, ein anderes, älteres Paar kommt mir auf dem Weg zur Teufelsley entgegen. Eine Dame bricht die Stille endgültig durch monotones Handygeplauder. Ich bin also nicht alleine – es ist nicht zu überhören -, und für einen Moment macht sich Enttäuschung in mir breit.

Was hatte ich denn erwartet – Einsamkeit? Die Teufelsley war, soweit ich mich erinnere, schon in meiner Kindheit kein abgeschiedener, menschenfreier Ort.

Also weiter, bis zur Teufelsley ist es jetzt ein Katzensprung.

Nah bei der Teufelsley

Je näher ich komme, umso mehr Anspannung baut sich in mir auf. Seltsam, denn ich habe ja nichts Spektakuläres vor. Keine Besteigung eines schroffen Berges, keine gefährliche Überquerung eines reißenden Gewässers. Ich will nur einen Felsen sehen. Wiedersehen.

Durch das lichte Wäldchen, das der Teufelsley vorgelagert ist, dringt nicht abbrechendes Stimmengewirr heran. Nicht alleine sein war offenbar untertrieben, ich scheine mich genau auf eine Versammlung hinzubewegen. Dann taucht die Teufelsley auf. Erst nur kleine, geduckte Felsen, die sich zwischen den Bäumen hervorstehlen. Die Vorboten. Danach sehe ich mehr. Der Fels windet sich in die Höhe, wächst mit jedem Tritt, den ich ihm näherkomme.

Teufelsley

Doch ich erkenne keinen der Felsen wieder, auf die ich mit langsamen Schritten zugehe. Viel zu lange ist es her, als dass mir Nuancen gegenwärtig wären. Und doch ist es der Fels, den der kleine Panz vor mehr als vierzig Jahren, vor einer oder fast zwei Generationen als Abenteuerschauplatz auserkoren hatte. Den er so heiß und innig liebte.

Irgendjemand hat eine stabile Holzplanke über zwei schenkelhohe Felsen gelegt. Darauf setze ich mich, packe meine Brotzeit aus und schaue auf den Felsen. Das kantige Gestein in wilder Form, das sich in unterschiedlichen Höhen gegen den Himmel erhebt. Weiter von meinem Standort entfernt höre ich die Stimmen, entdecke nun Kletterer. Sie stehen auf der höchsten Erhebung und halten für andere Sicherungsseile fest in den Händen.

Es ist nicht still und nicht leise. Ich bin nicht allein. Und doch erwacht langsam das Gefühl: So ähnlich war es damals. Nur dass ich nicht hier an dieser Stelle saß und den Felsen, die Teufelsley, betrachtete. Ich gehörte zu denen, die um den Fels und darauf kletterten und tobten. Einfach Spaß hatte, sich an den Zacken und Vorsprüngen festzuhalten. Auch wenn es nicht bis ganz hinauf durch die Rinnen und Klüfte wie bei den Wagemutigen jetzt gereicht hat.

Kletterer auf der Teufelsley

Und mit einem Mal weiß ich: Es ist gut so. Ich bin nicht als der Panz hier, der ich einmal war, sondern als jemand, der seine Erinnerungen hierher gebracht hat. Seine Kindheitserinnerungen. Vom Lauf der Zeiten verklärt vielleicht, zumindest unklar und nebelhaft. Und weit entfernt von dem, was wahrscheinlich wirklich geschah. Die Erinnerung lässt ja vieles in einem anderen Licht erscheinen. Und doch, die Zeit hat mir die Erinnerungen nicht nehmen können, und sind sie auch noch so wage.

Ich packe alles wieder in meinen Rucksack, werfe ihn über den Rücken und beginne, unzählige Fotos zu machen. Es gibt so viele markante Stellen, die ich damals sicherlich gesehen, aber nicht weiter beachtet habe. Eine Kluft zwischen den Felsen. Für einen Moment glaube ich, mich genau daran zu erinnern, doch weiß ich, ob das der Wahrheit entspricht? Ein Spalt, den ein klobiger Stein bedeckt, als wäre er ein Dach. Auf einem der Fotos, die meine Mutter von einem Cousin erhielt, habe ich diese Konstellation vor wenigen Tagen bemerkt.

Teufelsley

Dann sehe ich den höchsten Grat, auf den hinauf die Kletterseile straff gezogen sind, damit Jugendliche und Kinder hieran aufsteigen können. Eine alte Ansichtskarte zeigt diesen Fels. Ich umrunde ihn, gucke den Mädchen und Jungen zu, die mit fröhlichen Gesichtern und gut gesichert ihre Füße in die Felswand stemmen und loskraxeln. Gehe weiter, berühre den Fels, halte ihn mit dem Fotoapparat fest. Lasse nicht los, sondern mache eine zweite Runde um die Teufelsley.

Endlich habe ich genug. Ich löse mich von der Teufelsley. Wandere gemächlich den schmalen, ausgetretenen Pfad zurück auf den befestigten Weg. Schaue noch ein letztes Mal zurück. Versuche, diesmal die Bilder in mein Gedächtnis einzubrennen. Ob es mir gelingt? Wenn nicht, komme ich sicher wieder.

Eifelhöhen

Nun windet sich der Weg hinab, trennt sich vom Karl-Kaufmann-Weg. Leichter Nieselregen setzt ein. Ich ziehe die Regenjacke über. Und mit seltsamer Wucht überkommt mich ganz unvermutet doch eine tiefe sentimentale Stimmung. Meine Brust wird eng, ein Kloß sitzt mir im Hals. Wenn ich jetzt ein Wort sagen müsste, klänge es bedrückt. Ich wische mir über die Augen. Sind es Regentropfen? Erinnerungen sind nichts, was man spurlos wegwischen kann.

Meine Schritte sind nun für kurze Zeit behutsam, dann holen meine Beine weit aus.

Hönningen

Als ich den Hang heruntersteige, sehe ich aus der Distanz die ersten Häuser von Hönningen. Nichts kommt mir bekannt vor. Der Weg führt mich in eine Neubausiedlung, danach dringe ich zum Ortsrand vor. Industrieansiedlung. Nichts, was ich wiedererkenne. Die Hönninger Straße schlängelt sich wie eh und je durch den Ort, doch die Häuser links und rechts sprechen nicht zu mir. Dabei habe ich es genau vor Augen. Den Hof mit Wohnhaus und Scheune von Tante Luise und Onkel Jupp. Das Haus der Rademachers, das mehr im Hang gelegen war.

Brunnenhaus

Wie ich später bei einem Gespräch mit meiner Mutter erfahre, habe ich die Nebenstraße und den Hof übersehen. Und während ich den Hof verpasse, finde ich auch das andere Haus nicht, das der Rademachers.

Die Kirche lasse ich bald rechts liegen, merke, dass ich Hönningen gleich verlasse, kehre um, gehe eine Seitenstraße hinauf. Kein Erinnern. Alles ist anders. Und ich weiß nicht mehr, wo sich meine Erinnerung in Hönningen wirklich „verorten“ lässt. Nichts bleibt, wie es war.

Die Teufelsley dagegen steht felsenfest und unverrückbar wie seit Urzeiten, erhaben auf dem Berg, verdeckt von Bäumen und umrahmt von Büschen und Sträuchern. Nichts von Menschenhand Erschaffenes. Doch als ich nun wieder in die Zivilisation zurückgekehrt bin, ist nichts so, wie es einmal war. Veränderung geschieht, und diese Veränderung spielt meiner Erinnerung einen Streich.

Das trübt meine guten Empfindungen nicht. Ich überquere die Ahr, wandere bis Liers an ihrer Seite, schaue ihren wirbelnden Wassern hinterher.

Hönningen

Die Rückfahrt führt mich diesmal die Ahr entlang. In Dernau kaufe ich Wein ein. Mir ist danach, heute mit meiner Frau einen guten Tropfen von der Ahr zu trinken. Vorher geht es über die Umgehungsstraße an Hönningen vorbei. Wie ein Beobachter aus der Distanz betrachte ich das veränderte Dorf noch einmal von außen. Nichts von dem, was meine Erinnerungen bewahrt hatten, habe ich dort wiedergefunden. Wollte ich das heute überhaupt? Ich glaube nicht. Die Zeit läuft mir nicht davon. Ich komme wieder. Hönningen erkunden, die Vergangenheit meiner Familie suchen, die Gegenwart.

Doch das wird eine ganz andere Geschichte sein.

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[Ich danke von ganzem Herzen meiner Mutter Roswitha Müller (Weißenthurm), Eberhard „Hardi“ Rademacher (Bölingen) und Bärbel Hehn (Weißenthurm) und vielen anderen. Sie wühlten auch auf Dachböden nach Fotos aus der Vergangenheit, gaben mir Informationen, die mir längst entfallen waren, oder waren mir auf andere Weise mit Rat und Tat behilflich. Ohne ihre Hilfe und Unterstützung wäre mein Bericht nicht so, wie er jetzt ist. Etwaige Fehler, die sich eingeschlichen haben, gehen natürlich allein auf meine Kappe.]

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Georg

Georg

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
Georg

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6 Responses

  1. Claus Schumacher

    Hallo Georg (ich erlaube mir einfach, dich zu duzen),
    jetzt habe auch ich gerade Regentropfen in den Augen…
    Danke für diese Zeitreise in meine Kindheit und Jugend, wo ich (58) aufwuchs in Hönningen, (in Neuwied geboren), in den Wäldern um Hönningen groß wurde und die Teufelsley meine magische Heimat war. Ich durfte sie von klein an kennenlernen und sie war mein Begleiter durch die Jugend. Wenn ich deine Fotos sehe, dann ist mir, als kenne ich jeden Stein wieder, außer die, die du und ich eingesteckt haben.
    Was war schöner, als ganz oben im kräftigen Wind auf dem Fels zu sitzen und in die schier unendliche Weite der Eifelwälder zu schauen – hinüber über Liers ins ferne Unbekannte oder zur anderen hinunter, dort, wo sich die Buchenwälder ins obere Denntal hinabziehen!
    Nein, nichts bleibt, wie es war. Aber. Es hört nie auf!
    Längst sind alle meine Wurzeln aus Hönningen verschwunden, Brüder und Mutter leben über Deutschland verteilt und ich in weiter Ferne.
    Aber so gerne würde ich noch einmal zur Teufelsley zurückkehren!
    Danke für deine schöne Reminiszens.

    Sonnige Grüße von Teneriffa
    Claus

    PS. Deine Großeltern, besonders der Großvater, kommen mir bekannt vor. Vielleicht verrätst du mir mal ihre Namen?
    Vor ein paar Jahren habe ich mich auch einmal im Schreiben probiert, u.a. auch über die Teufelsley, das kam dabei heraus: http://www.tripsbytips.de/reisefuehrer-artikel/die-teufelsley-des-teufels-maechtiger-quarzit-felsen-ueber-dem-ahrtal/10325319.html

    Antworten
    • Georg

      [Für eine ausführliche Antwort reicht die Zeit nicht, ich bin auf dem Sprung zum Rothaarsteig. 🙂 Die nötige Ruhe finde ich erst ab Mitte der kommenden Woche, dann antworte ich.]

      Antworten
  2. Volker Windheuser

    Hallo Karl-Georg,

    ich bewundere die Art und Weise, wie Du es schaffst, mit Deinen eigenen Worten den Leser „einzufangen“, ihn Teil Deiner Geschichten werden zu lassen.

    Warum kann ich nicht so schreiben? Eine Frage, die sich mir dann irgendwann zwangsläufig stellt, eine Fähigkeit, um die ich Dich beneide.

    Man liest die ersten Sätze und schon ist man mittendrin und liest und liest und ehe man sich versieht, ist man bereits am Ende eines tollen, einfühlsamen Beitrags angelangt.

    Speziell bei diesem Bericht hier ist es fast so wie zu Hause, wenn meine Eltern „ihre“ Geschichten erzählten. Beide geboren in den Zwanzigern, ist deren Jugendzeit ebenso vollgestopft mit Dramatik, Verzweiflung aber auch Hoffnung und Freundschaft. Da haben wir immer unsere Ohren gespitzt und gelauscht und konnten so manche Geschichte einfach nicht glauben.

    So in etwa ging es mir beim Lesen deines Beitrags zu Deiner Vergangenheit.

    Ein ganz grosses Dankeschön, dass Du uns diesen Einblick gewährt hast, uns hast Teilhaben lassen an Deinen Kletterkünsten 😉

    Ich freu mich schon auf Deinen nächsten Beitrag.

    Antworten
    • Georg

      Tja, die „Kletterkünste“ scheine ich an unseren ältesten Sohn vererbt zu haben, er klettert und bouldert überall herum. Wo genau, will ich lieber gar nicht wissen. 😉

      Dein Kommentar freut mich ganz besonders. Schreiben fällt einem natürlich nicht in den Schoß, aber es ist auch eine Frage des Übens. Klar, Talent gehört sicher dazu. Doch es ist wie mit dem Fahrrad fahren. Von allein tut sich da gar nichts, Übung macht den Meister. Viel schreiben also, häufig nur für die Schublade, und dann wird man sicherer im Stil. Es gibt tausend Bücher übers Schreiben, und eine große Anzahl an Autoren und Beinahe-Autoren lebt gut und gern davon, anderen das Schreiben beizubringen. Dabei läuft es fast immer hinaus: übenübenüben. Ich bin dann mal weg und … übe wieder schreiben. 🙂

      Antworten
  3. Hans-Eberhard Peters

    Karl-Georg, danke für diesen so einfühlsamen Beitrag; er wird mit dem Eifeljahrbuch 2014 auf eine sehr „berührte“ Leserschaft stoßen. Ein Gewinn, Dich für den Beitrag gewonnen zu haben.

    Antworten
    • Georg

      Vielen Dank, Hans-Eberhard. Und mir war es eine große Freude, fürs Eifeljahrbuch zu schreiben. Ich bin mir sicher, dass mein Artikel keinen besseren Platz hätte finden können.

      Antworten

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