Das Internet ist ein Dorf, aber mehr ein mit verwinkelten kleinen Gassen durchzogenes. Und hier und da entdeckt man dann durch Zufall, vielleicht in einer kleinen Nische, etwas, was selbst einem Alteingesessenen (passt das bei Wanderern eigentlich) bis dato nicht unter die Augen trat. Christof Herrmann bestückt seine Seite Einfach Bewusst mit sehr interessanten Beiträgen auch zum »Minimalismus«, einem Idealzustand, dem ich mich seit unendlich vielen Jahren selbst anzunähern versuche, mir aber immer wieder durch zwanghafte Unbedingt-Käufe ein Bein stelle. Also jenseits vom Wandern ruhig einmal mehrere Blicke auf Christofs Seite riskieren – vielleicht verschiebt sich die eigene Sichtweise aufs Leben ein wenig, und wenn es auch nur ein klitzekleines Bisschen ist …

Doch jetzt muss niemand befürchten, ich sei dazu übergegangen, zuvorderst andere Blogs oder Seiten zu empfehlen. Das tue ich zwar gern auf dem »Schlenderer«, doch nicht hauptsächlich. Das Thema bleibt das Wandern – und da folgt mir Christof doch auf dem Fuß. Zusammen mit seinem Vater Helmut Herrmann. Und zusammen schrieben sie das im »Heinrichs-Verlag« erschienene Buch »Biergartenwanderungen Fränkische Schweiz«.

BiergartenwanderungenDas hört sich doch mal lecker an, nicht wahr. (Für Weintrinker habe ich am Ende noch einen Tipp.)

Nun gehört die Fränkische Schweiz nicht unbedingt zu den Wandergebieten vor meiner Haustür. Andererseits bin ich fremdländischen Kulturkreisen mit ihren oft seltsamen, meist aber faszinierenden fremdländischen Sitten und Gebräuche sehr aufgeschlossen (siehe dazu meine Wanderberichte »Irland« und »Pfälzer Wald«). Und ganz andererseits lebt unser Ältester seit gut einem Jahr in Nürnberg, quasi liegt also die Fränkische Schweiz nicht vor unserer, sondern vor seiner Haustür. Und weil man ja das Schöne gern mit dem Schönen verbindet (ein Besuch bei ihm mit einer Wandertour), planen wir fürs nächste Jahr eine einwöchige Tour durch die Fränkische Schweiz. Wanderrucksäcke hintendrauf, Wanderschuhe untendrunter, Wanderstöcke in den Händen.[tip]

 •   Biergartenwanderungen Fränkische Schweiz
•    Autor: Christof Herrmann und Helmut Herrmann
•    122 Seiten
•    Verlag: Heinrichs-Verlag GmbH
•    Erscheinungsjahr: 2013 (2. Auflage)
•    Besonderheiten: Broschiert
•    ISBN: 978-3-898891-77-6
•    Verkaufspreis: EUR(D) 10,00
•    Format: 21,8 x 14,4 x 0,6 cm

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Jetzt ist das Thema des genannten Buches also gar nicht mehr so abwegig für mich, zudem ich gern einmal ein genussvolles Bier trinke. In Zeiten von Einheitsbrei (siehe Bierwerbung) und aufgekauften Brauereien (siehe meine Heimatstadt Weißenthurm, die ehemalige 3B-Stadt: Bims – Bier – Blech) lechzt die lecker schmeckendes Bier liebende Seele nach Sorten jenseits des Mainstreams. Bei uns gibt es auch die eine oder andere Brauerei, die noch nicht von INBEV oder wie sie alle heißen auf Linie gehopft wurden, aber manchmal möchte unsereins auch über den Gartenzaun gucken und da mittrinken.

Den Durst erst richtig lostreten sollen die 15 Wandervorschläge im Buch. Obwohl die Fränkische Schweiz für mich echtes Neuland ist, habe ich mich informiert durch Prospektmaterial und wildes Wandern durchs Internet. Aber von »Kennen« kann natürlich gar nicht die Rede sein; manche kennen ihre Heimat ja selbst nach 50 Jahren nicht, weil sie sich nie vor die Tür trauen oder nur im Jetzt, aber nie in der Vergangenheit leben. »Schnee von gestern« ist nicht immer der beste Leitspruch. Von den beiden Autoren erwarte ich geradezu, dass sie sich in »Oberfranken«, wie ich der Übersichtskarte im hinteren Umschlag entnehme, auskennen. Christof Herrmann wurde in Ansbach geboren und wandert seit jeher – auch wenn ihn seine Reiseleidenschaft später und jetzt oft genug über die Heimat hinaus trägt. Aber ich denke, dass man Heimat auch wieder auf eine andere Weise kennenlernt, wenn man sich hinaus begibt. Man lernt dadurch mutmaßlich die Heimat nicht unbedingt intensiver lieben, aber kann doch erfahren, was man an ihr vielleicht schätzt – oder nicht schätzt. Helmut Herrmann, sein Vater, lebt seit Anfang der 60er-Jahre in Oberfranken und zeichnet für neun Wanderbücher verantwortlich, die sich natürlich auch mit den »schönsten Ecken Frankens« beschäftigen, wie es in der Autorenvita heißt.

Für mich haben sie damit schon ein gutes Pfund im Rucksack, denn wer kann schon authentischer über eine Region berichten als der, der dort geboren ist oder viele Jahre lang lebt? Insiderwissen erwirbt man sich gemeinhin dadurch, dass man dort leben, wo es das Wissen aus erster Hand gibt – entweder aus der eigenen oder aus Händen (und Mündern), die sich einem öffnen.

Jetzt will ich in einem Wanderbuch ja nicht nur etwas über Menschen erfahren, die in einer jeweiligen Region leben. Gehört für mich auch dazu, wenn es sich anbietet. Diesmal aber möchte ich etwas über BIER erfahren. Na, auch über Bier, aber gehört nicht auch Insiderwissen dazu, um dem Titel überhaupt gerecht werden zu können? Wer kann denn die besten oder schönsten Biergärten ins Buch bringen, wenn vorhanden noch mit Benennung der Kleinbrauereien, die besonders in Oberfranken noch sehr zahlreich sind und nicht den Massengeschmack bedienen? In der Einleitung erfahre ich dann dankenswerterweise einiges über dies alles, über Biergärten und die fränkische Küche, über Bier und Brände und einiges mehr – alles in so wenigen Worten wie nötig, aber ausführlich genug erzählt.

Und dann geht’s ab. Die Wanderbeschreibungen wurden natürlich alle nach einem durchgängigen Schema erstellt. Dem Titel und einer Auflistung der besuchten Orte folgt ein farblich hervorgehobener Textkasten, in dem die folgenden wichtigen Informationen auf einen Blick verfügbar sind:

  • Weglänge
  • Reine Gehzeit
  • Start
  • Ziel
  • Gelände
  • Karte
  • Empfohlene Jahreszeit
  • Sehenswertes

Jeweils auf der rechten Seite findet sich eine Übersichtskarte mit der Wegstrecke, Start und Ziel, wichtigen Örtlichkeiten und (noch wichtiger!) einem rot umrandeten »G« für Biergarten und »K« für Bierkeller und einem roten »B« für Brauereigasthof. Super, so weiß ich immer, wie lange ich mich noch von Punkt C bis zur nächsten Tankstelle schleppen muss. Ein feiner Service für dürstende Kehlen.

Bei den genannten Informationen vermisse ich allenfalls ein Höhenprofil – ich bin ja verwöhnt -, doch wird dies wettgemacht durch die unter »Gelände« gemachten Angaben zu Auf und Ab, Steigungen und Gefälle. Die Informationen jedenfalls sind umfassend genug, um mir ein erstes Bild vom Wanderweg zu geben. Zudem wurde bei jeder Tour darauf geachtet, dass der Start- und Zielpunkt von öffentlichen Verkehrsmitteln angefahren wird – in Anbetracht der vielen Gaststätte wichtig!

Danach geht’s ins Eingemachte; in einem ersten längeren Text betrachten die Autoren alles Wichtige zur Tour, wozu natürlich die Gaststätten gehören, aber auch Informationen zu den Orten selbst, besonderen Plätzen, Eigenschaften der Landschaft, aber auch Festen und so weiter. Gerade hier lassen sich die Detailkenntnisse herauslesen, und gerade hier wird für mich auch die Liebe zur Region nicht nur zwischen den Zeilen augenscheinlich. Jede Tour wird dann mit einer ausführlichen Wegbeschreibung abgeschlossen; darin viele sich dann nochmals Hinweise auf Besonderheiten, die dem Wanderer sonst vielleicht verborgen blieben.

Wie genau die Beschreibungen sind, kann ich aus der Ferne nicht erkennen. Doch sind sie in meinen Augen so detailliert, dass sie – am Besten natürlich immer mit der Wanderkarte in Griffweite – sicher durchs Gelände leiten. Apropos Gelände, viele Routen orientieren sich natürlich an örtlichen und überörtlichen Wanderwegen, wie mir überhaupt das Wegenetz in Oberfranken gut ausgebaut scheint.

Sprach ich vorhin von »abgeschlossen« – nicht ganz, denn etwas habe ich noch vorenthalten: die »Einkehrtipps«. In farblich herausgestellten Kästen fällt zuerst ein Foto der Örtlichkeit ins Auge, meist wird eine Ansicht der Sitzgelegenheiten gezeigt, sodass man gleich ein Bild davon hat, wie und wo man sitzt. Das wird dann noch schriftlich unterstrichen. Neben dem Namen der Gaststätte werden die Telefonnummer, die Öffnungszeiten und, wenn vorhanden, die Internetadressen aufgelistet. Danach folgen »Lage« und »Essen und Trinken« – zwei Aspekte, die dem Wanderer ja, wenn er denn einkehren will, besonders am Herz liegt. Mal abgesehen davon, dass ja kaum jemand gern nah der Autobahn eine Mahlzeit zu sich nimmt, ist es doch erst recht dem Wanderer ein Graus, vom betäubend stillen Wald in eine betäubend laute Gaststätte zu schliddern. Schön deshalb, dass gerade darauf mit Hinweisen wie »… hinter dem Haus liegt der sehr ruhige kleine Biergarten« oder »… die Plätze im Hof sind leider vom Straßenlärm beeinträchtigt« eingegangen wird. So weiß jeder vorher, worauf er sich gefasst machen muss. Nicht weniger hilfreich sind die Anmerkungen zu den Gaumenfreuden. Kurz gesagt erfahre ich, was es für den Magen gibt (und ob auch vegetarisch geschmaust werden kann), wobei Fingerzeige auf regionale Produkte und mögliche hauseigen hergestellte Gerichte gegeben werden. Und zum Bier erhalte ich dann die natürlich wichtigen Infos zur Herkunft: »Das dunkle Schwanenbräubier vom Fass wird im Steinkrug ausgeschenkt« und »das Ehepaar […] braut ein bekömmliches Landbier nach ‚Urgroßvaters Rezeptur‘ von 1884, das man sich nicht entgehen lassen sollte!«

Jetzt mal ganz ehrlich: Nach dem Wanderbuch kann ich unsere Tour in die Fränkische Schweiz ja kaum noch erwarten. Auch wenn ich befürchte, dort kaum zum Essen und Trinken, viel mehr zum Wandern zu kommen, werden wir uns die eine oder andere Gaststätte, so sie denn auf oder an unserer Wegstrecke liegt, nicht entgehen lassen. Das sehr bekömmliche Buch »Bierwanderungen Fränkische Schweiz« hat jedenfalls meinen Appetit geweckt!

Eine schöne andere Art, sich eine Region zu erwandern. Und ein schönes »anderes« Wanderbuch, das den manchmal doch etwas staubtrockenen reinen Wegebeschreibungswanderbuchführern eine süffige Komponente hinzufügt.

Leib & Seele – Genießen & Wandern.

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Georg

Georg

... wandert nicht nur in den Regionen um das Rheintal, sondern auch andernorts - und berichtet darüber in seinem Blog Schlenderer. Schreibt fantastische, erotische und kriminelle Geschichten. Ist Paper&Pen-Rollenspieler der ersten Stunde - und riskiert noch heute gern sein Leben am Spieltisch.
Georg

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2 Responses

  1. Werner

    Danke für den Tipp bzw die Besprechung! Ich habe das Buch bei Amazon bestellt, um es zu verschenken. Gefällt mir aber selbst so gut, dass ich es am liebsten behalten würde, obwohl ich nicht in Franken/Bayern lebe.

    Frohes Fest

    Werner

    Antworten
    • Georg

      Meins behalte ich, fürs kommende Jahr planen wir eine einwöchige Wandertour durch die Fränkische Schweiz – und da hoffe ich doch stark, den einen oder anderen Biergarten selbst testen zu können. 😉

      Antworten

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