Es ist wie mit einer alten Jugendfreundschaft. Früher traf man sich täglich, später verlor man sich aus den Augen. Mit dem Wiedtal verhält es sich nicht anders. Früher wanderten wir oder fuhren mit dem Rad, Wied aufwärts, Wied abwärts. Die Wanderwege gingen von Datzeroth, Nieder- und Waldbreitbach oder von Roßbach los. Später stand Wandern eine Zeit lang bei uns nicht an erster Stelle, die Kinder wuchsen so dahin (Kindererziehung ist ja immer ein „guter“ Grund, um für dieses und jenes eine Entschuldigung zur Hand zu haben, besonders für Dinge, die man wegen ihnen – so vermittelt man den Eindruck – nicht tut), ich fuhr mit dem Mountainbike oder ging Laufen. Das Wiedtal war einige Jahre nicht mehr attraktiv.

Dann kamen die Traumpfade dazu. In die Eifel ist es für Wanderwillige, die auch das Wiedtal ins Auge fassen können, nicht allzu weit. Und wer geht schon Wege mit Namen wie aus dem ICD: R1 oder W4 – wenn lautmalerisch wundervolle Wortschöpfungen nun „Monrealer Ritterschlag“ oder „Elfenlay“ heißen?

Darauf springe auch ich an. Zuletzt war es der „Basaltbogen“, am Samstag wollten wir die „Katzenschleif“ unter unseren Füßen spüren. Meine Ehefrau und ich parkten kurzerhand auf dem Marktplatz in Waldbreitbach, der nicht den Eindruck macht, als könne er jemals überfüllt sein. Die Wanderanleitung haben wir natürlich ausgedruckt, wir orientieren uns also zur Wied hin und suchen den Weg hinüber ans andere Ufer. Zur Zeit wird die erwähnte Fußgängerbrücke saniert, die zweite Brücke tut’s aber auch, zudem wir deshalb noch einige Meter mehr an der Wied entlang spazieren können.

KurzInfo! Die „Katzenschleif“ ist erstaunliche 9,7 Kilometer lang – für den Wanderweg muss also eine ausgewachsene Katze Patin gestanden haben. Und 414 Höhenmeter hat sie auch noch auf dem Buckel, alle Achtung! Da erklären sich die avisierten 3 ½ bis 4 Wanderstunden fast von selbst, andererseits werden für „Kondition“ und „Technik“ jeweils nur durchschnittliche 3 (von möglichen 6) Sterne angesetzt. Ein Gütesiegel hat die „Katzenschleif“ nicht – aber eine Katze, die etwas auf sich hält, hat auch keine Prämierung nötig.

Im “Online Tourenplaner” kann über “Touren” und die Eingabemaske “Region wählen” der Kreis Neuwied angeklickt werden. Unter den “Ergebnissen” erscheint dann die “Katzenschleif”. Zu den Optionen zählen nun ein 3D-Flug oder ein GPS-Track, außerdem gibt es die Möglichkeit, Karten und Wegebeschreibung auszudrucken.


Die nächsten Meter erklimmen wir. Wer den Westerwald-Steig kennt, wird sich vermutlich auch an diese Hanglage erinnern. Die nächsten Kilometer über werden wir dem Westerwald-Steig nämlich folgen – und der hat es bekanntlich an so manchen Stellen mit ordentlichen Steigungen. Versüßt wird der Anstieg durch den weichen Waldboden, den noch grünen Wald und den engen Pfad, der sich hin- und herwindet, bis er endlich oben ankommt. Bis dahin konnten wir einige Male den Blick auf Waldbreitbach riskieren. Obwohl die Sonne sich heute nur selten zeigt, ist die Luft doch warm genug, dass wir ins Schwitzen kommen. Womöglich haben die Wegeplaner die kompletten 414 Höhenmeter in diesen Anstieg gepackt.

„Blick zurück im …“ Nein, nicht im Zorn, dazu fehlte uns auch die Puste

Oben ankommen“ heißt dann nichts anderes als: Staunend stehen bleiben. Die versprochenen Panoramaaussichten fallen uns förmlich ins Auge. Das liebe ich auch an diesen zügigen Anstiegen. Ich starte tief im Tal, der Blick ist eingeschränkt, begrenzt. Aber innerhalb einer kurzen Zeit öffnet sich mir die Landschaft, wandelt sich von Tal zu Berg und schenkt mir neue Sichtweisen. Ich will nun keinen alten Klischee-Spruch wie „das Herz geht auf“ bemühen, doch es ist gut, die Enge alleine durch einige Schritt den Hügel hinauf hinter uns zu lassen.

Das Örtchen “Over”, aber für uns ist es noch lange nicht vorbei

Die namengebende „Eisenerzgrube Katzenschleif“ ging uns bei all dem Gucken durch die Lappen. Sie hätte irgendwo auf dem Weg sein müssen, mag sein, dass wir sogar ein Hinweisschild übersehen haben – so denn eines angebracht ist. Meine Recherche im Internet ergab später: nichts. Jedenfalls nichts, was über nichtssagende Angaben im „Mineralienatlas“ hinausgeht. Es gibt also keine „KurzInfo!“ zur Grube.

Soll ich es wirklich schreiben? Ja. „Über deine Höhen pfeift der Wind … so … kalt“

Wir streifen gemächlich über die Höhen voran, bevor wir wieder Wald sehen. Die Wege sind sehr angenehm zu gehen, dabei weht der Wind uns kräftig um die Ohren. Auf den Westerwaldhöhen hält der Herbst immer einige Tage früher als bei uns im Rheintal Einzug. Und wir können unsere neuen Wetterjacken einem ersten Härtetest unterziehen (den sie bestehen).

Kein Schloß wie aus dem Märchenbuch, eher sehr nüchtern und zweckmäßig

Auf wieder engem Pfad nähern wir uns „Schloß Walburg“, wobei „Schloß“ es sehr nett umschreibt. Das Gemäuer ähnelt mehr einer Trutzburg, die keinen an sich ran lassen will. Und rein schon gar nicht, zudem es sich in Privatbesitz befindet. Wir lassen all dies auf unserem Abstieg zur Wied hinter uns. Dort nun wenden wir uns vom Westerwald-Steig ab und orientieren uns bis zum Ziel am „Wiedweg“. Wie ich es schon auf dem „Basaltbogen“ erlebte, schaukelt der Wiedweg nun auf und ab. Es geht hoch und runter, und meist sehen wir die Wied einige Meter unter uns, während wir durch den locker aufgemischten Wald schreiten.

KurzInfo! Der Waldnieler Fabrikant Bartholomäus Rosbach ließ „Schloß Walburg“ 1905 erbauen. 1920 musste das Schloss aus wirtschaftlichen Gründen verkauft werden. Lt. Liste der Kulturdenkmäler in Waldbreitbach“ handelt es sich um ein „schlossartiges Landhaus; Bruchsteinbau, Motive der Burgenarchitektur“. Nach mehreren Besitzerwechseln erstanden 1937 Anna und Margarete Schlafke das Anwesen. In den oberen Stockwerken richteten sie Fremdenzimmer ein. Im Volksmund hieß das Schloss nun „das Schlössje“, bis 1959 diente es als Pension und Tagescafé. Hiernach waren das evangelische Diakonissenmutterhaus Aidlingen und der Prediger Hartmut Schroeder Besitzer des Schlosses. Derzeit ist die Familie Hegewald Eigentümer, die Hegewald GmbH hat nach einem Zeitungsbericht von Hermann-Josef Löhr dort ihren Firmensitz.

(Quelle: unter anderem Wikipedia; Zeitungsbericht „Vom Jagdschloss zum feinen Firmensitz“)


An dieser Stelle ein paar Worte zum Wiedtal. Das Tal strahlt eine gewisse Gemütlichkeit aus. Das ist nicht despektierlich gemeint. Doch ich habe andere Täler erlebt. Täler, die anscheinend für den Autoverkehr geschaffen wurden. Täler, in denen der Verkehrslärm jedes Vogelzwitschern zum Schweigen bringt. Das Wiedtal hat in meinen Augen das dicke Plus, kein „Durchgangstal“ zu sein, um auf verkürztem Weg von A nach B zu kommen. Wer durchs Wiedtal fährt, wohnt entweder hier, liefert etwas an oder macht Urlaub. Das reduziert den Autoverkehr auf das Mindestmaß. Und das kommt den Ohren des Wanderes zugute. Natürlich hört man, wenn man an den Hängen des Wiedtals entlangwandert, die Fahrzeuge durch die engen Kurven sausen. Doch es ist erträglich, denn es ist kein stetes, nervend-monotones Brummen. Das macht das Wiedtal „gemütlich“, weil es nicht vom modernen Zivilisationsübel „motorisierte Mobilität“ beherrscht wird.

Wir passieren den winzigen Flecken „Gasbitze“ (nach dem „Deutschen Rechtswörterbuch“ ist „Bitze“ ein „Ackerstück“ oder „eine Wiese am Haus, schlechter Boden“), um dann knapp vor dem Campingplatz in Waldbreitbach die Wied ein zweites Mal zu überqueren. Hinter der L 255 geht es wieder hangaufwärts.

Das “Weiße Kreuz” auf dem jenseitigen Hügel, über dessen Bedeutung ich nichts erfahren konnte

Bald treffen wir auf den „Jüdischen Friedhof“. Und wir treffen auf ein verschlossenes Törchen. Wir hätten uns den Friedhof, schon alleine wegen seiner Geschichte, gerne näher angesehen. Ich weiß auch nicht, wen das Törchen am Betreten des Friedhofs hindern soll. Die Geschichte eines Friedhofs wird erlebbar, wenn ich ihn mir nicht nur von außen betrachten kann. Mit dem Zaun herum wird nur eine Beschäftigung mit diesem verhindert. Die braune Scheiße, die vielleicht davon abgehalten werden soll, ihre abscheulichen Sprüche auf die Grabsteine zu sprühen oder bösere Untaten zu begehen, lässt sich doch nicht von einem hüfthohen Tor stoppen. Die klettern drüber, so viel kriegen sie auf die Reihe, auch wenn sie sonst nichts auf dem Kasten haben.

KurzInfo! Die Ansiedlung jüdischer Bürger ist im Rheinland bereits für das 10. Jahrhundert bekannt (in einzelnen Zentren noch bedeutend länger). Graf Alexander zu Wied setzte sich besonders für die Privilegien der jüdischen Familien ein (vor 1800). Auch in Waldbreitbach und Niederbreitbach siedelten sich jüdische Familien an.

Eine Synagoge in Waldbreitbach ist für das Jahr 1823 nachgewiesen. 1833 wurde ein neuer Amtsfriedhof angelegt, der aber nicht für Juden bestimmt war; vermutlich stand dazu der jüdische Friedhof in Oberbieber zur Verfügung. Eine andere Quelle berichtet jedoch, dass ein jüdischer Friedhof um 1830 eröffnet wurde. Gesichert ist jedoch, dass auf diesem Friedhof 1940 eine letzte Beisetzung (Hilda Levy im Alter von 46 Jahren) stattfand.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 („Reichskristallnacht“) wurde die Synagoge in Waldbreitbach niedergebrannt. Anfang 1939 wurde die „Entjudung des Grundbesitzes“ eingeleitet. Namentlich werden in dem folgenden, ausführlichen Artikel die ins Ausland geflohenen Juden benannt. Eine letzte Namensliste führt die Juden auf, die in Haftanstalten oder Konzentrationslagern ermordet wurden. Ich zähle 30 Menschen.

Der jüdische Friedhof („östlich der Ortslage oberhalb des Wiedufers im Wald“) weist lt. „Liste der Kulturdenkmäler in Waldbreitbach“ etwa 43 Grabsteine auf. Der ausführliche und sehr nachdenklich stimmende Artikel „Jüdisches Leben im Breitbacher Land“ von Dr. Albert Hardt ist im Internet zugänglich.

(Quelle: unter anderem Wikipedia; „Jüdisches Leben im Breitbacher Land“ von Dr. Albert Hardt)

Der “Jüdische Friedhof”

Das letzte Stück macht es uns leicht, es geht am Hang entlang mitten hinein nach Waldbreitbach. Vom Ortsrand folgen wir den Straßen bis zu unserem letzten markanten Ziel: der Pfarrkiche „Maria Himmelfahrt“. Diese wird derzeit saniert und sperrt sich somit auch unserem Zutritt. Mit Besichtigungen haben wir es heute nicht …

KurzInfo! Die Pfarrkirche „Maria Himmelfahrt“ in Waldbreitbach wurde im 13. Jahrhundert vom Deutschen Orden gegründet. Nur der spätromanische Turm mit von ionischen Säulen unterteilten Doppelarkaden im Obergeschoss ist aus dieser Zeit erhalten geblieben. Die Glocke wurde 1694 von Johannes Berdaller aus Koblenz-Ehrenbreitstein gegossen. „Sie hatte einen polygonalen Chor, war 103 Fuß lang und 20 Fuß breit, erhielt 1810 eine Holztonnendecke, das Mauerwerk war aus heimischen Bruchsteinen. Der nach Norden an der Naht von Chor und Schiff sich ansetzende Turm sollte in den Jahren 1876 – 78 einen prächtigen geräumigen Neubau von Schiff und Chor sehen.“

Im 2. Weltkrieg wurde die Kirche durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt; u. a. Stürzten die Decken von Chor und Seitenschiff ein und die Glasfenster wurden zerstört. In mehreren Phasen wurde die Kirche seitdem saniert. Aktuell ist die Kirche wegen erneuter Sanierungsmaßnahmen geschlossen.

(Quelle: unter anderem Wikipedia; Festschrift „750 Jahren katholische Pfarrgemeinde ‚Maria Himmelfahrt‘ Waldbreitbach“)

Die gut eingerüstete Pfarrkirche „Maria Himmelfahrt“

Dabei ist Waldbreitbach auf jeden Fall einen längeren Blick wert, nur fehlt uns heute die Zeit dazu. Dabei dient sich beispielsweise auch die Ölmühle am Ufer der Wied zu einem Besuch an.

Noch auf dem Weg geht mir durch den Kopf: der „Katzenschleif“ ist schön. Als Wanderer wägt man ja auch ab, man vergleicht mit anderen Wanderwegen, betrachtet, ob er bestimmten Ansprüchen gerecht wird, die man an einen „schönen“ Wanderweg stellt. Über alle Kriterien hinweg hat jeder Wanderer seinen eigenen Anspruch. Und wenn ich mir nun die „Traumpfade“ und die „Traumschleife“ und all die prämierten Wanderwege anschaue, gibt die „Katzenschleif“ wahrlich kein schlechtes Bild ab. Ein paar neue Bänke, eine Informationstafel am „Jüdischen Friedhof“, vielleicht noch eine bei der Erzgrube (so wir sie nicht übersehen haben) – und schon mischt die „Katzenschleif“ mit im bunter werden Reigen der Premiumwege.

Viele Pfade, wenig Asphalt (in Waldbreitbach und von Gasbitze zur Wied), ganz viel Wald und sehr viel Wasser, Landschaft pur und Aussichten satt: Die „Katzenschleif“ brachte uns das Wiedtal wieder näher. Und diesmal werden wir nicht viele Jahre ins Land ziehen lassen, bis wir uns auf eine neue Wanderung dort blicken lassen …

(Und wer mehr über die „Lockpfosten“ aus dem kleinen Titelfoto erfahren möchte, findet unter der dort angegebenen Website „lockpfosten.de“ nichts mehr; stattdessen wird man aber auf www.lockpfosten.ch fündig.)

Katzenschleif








[Die Galerie zeigt weitere Impressionen von der „Katzenschleif“. Die Galerie lässt sich mit den beiden Buttons unten rechts “bedienen”. SL – der linke Button – löst eine Slideshow aus, mit FS – der rechte Button – wechselt man in den Vollbildmodus. Für die richtige Anzeige der Galerie ist der Flash Player von Adobe notwendig.]

 

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