Vergesst mir bei all den Premiumwegen die Wanderwege mit Namen wie »A1« und »Ahorn« und »Zwergi 4« nicht! Die liegen nämlich oft noch immer rund um Dörfer und Städtchen in der Landschaft herum. Und sie waren uns allesamt gut genug all die Jahre, wo die Tourismusbranche noch im Dornröschenschlaf dämmerte und das Budget für Parkbänke dem Jupp von der Sparkasse aus den Rippen gequasselt werden musste.

Doch was früher gut (genug) war, muss heute nicht schlecht sein. Gut, die Tütchensuppe ist das Gegenbeispiel, wiewohl … die schmeckte, ganz ehrlich, früher schon Scheiße.

Statt Tütchensuppe kippe ich eines morgens frisch gemahlenen und aufgebrühten Kaffee in die Thermoskanne (die war früher schon gut und ist es noch immer!), gucke nochmals ungläubig aus dem Fenster, und lifte mich gut gelaunt in den Wagen. Das Wetter hält nicht, was der Wetterbericht versprach. Die Sonne scheint. Also kurzfristig umgeplant, statt Schreibtischarbeit Frischluft schnuppern. Und statt eines Traumpfads oder einer Wäller Tour schnell noch von der Website des Wiedtals mit der Wanderrunde »H2« eine von 17 Touren heruntergeladen. Das GPS-Gerät bestückt, die Wanderkarte gefaltet, die gute Laune eingetütet – und ab nach Hausen im Wiedtal.

Gute Laune zu haben ist heutzutage ja schwierig. Seit Kurzem habe ich für mich den internetfreien Sonntag eingeläutet, wohl wissend, dass ich dies nicht vollkommen einhalten kann. Spätestens, wenn ein Abgabetermin vor der Haustür steht und die Türglocke anschlagen will, läuft auch bei mir das Internet am Sonntag wieder auf Hochtouren. Denn irgendetwas gucke ich immer nach, wegen irgendeiner Sache vergewissere ich mich via Internet. Aber besser fürs Gemüt ist’s, das Internet öfter beiseite zu räumen und sich auf anderes zu besinnen. Von mir aus sogar mit: »Versuch’s mal mit Gemütlichkeit«. So weit hat das Internet mich gebracht. Woran es liegt, mag jeder für sich herausfinden. Für mich ist es die Dauerpräsenz der Nachrichten und der Meinungsmenschen. Was zu Zeiten der gedruckten Zeitungen noch eine bewusste, willentliche Handlung voraussetzte (ich muss mir das Druckexemplar kaufen), fliegt mir heute ja zu, sobald ich etwas klicke. Links, rechts, oben und unten Schlagzeilen, verbreitet nicht nur durch Werbebanner, sondern auch als Links von Freunden, »Freunden« und tausend anderen Menschen. Und schon hänge ich drin in der Spirale.

Was hilft? Eskapismus. Wandern. Wobei ich nicht sicher bin, was nun Eskapismus ist: Das Zappen durchs Nachrichtendickicht, das ich in seiner scheinbaren Fülle und vielfachen Oberflächlichkeit gar nicht mehr aufnehmen, geschweige denn verarbeiten kann, oder das Wandern durch die Welt, das damit verbundene Eintauchen in das eigene Selbst, das Einlassen auf die Natur und das sich darin Wiederfinden?

Wenn ich also die Schnauze voll habe von so ziemlich allem und ich also von der leeren Wirklichkeit des Internets in die volle Wirklichkeit der Natur schwimme, dann hilft mir das. Die andere Wirklichkeit hat mich ja früh genug zurück.

Da ist es auch zweitrangig, ob ein Wanderweg wie der H2 nach dem Startpunkt am Wiedtalbad erst über den asphaltierten Fahrradweg nahe bei der Wied in Richtung Niederbreitbach wedelt, denn schon nach wenigen Hundert Metern lasse ich Wiesen und Weiden und Asphalt zurück, stapfe ein Stück übers Gras und schwinge mich dann hinauf in den Berg. Ein enges Kerbtal gehe ich hinauf, stoße auf einen breiteren Waldweg und folge ihm nach rechts. Unterwegs sammle ich Ausblicke ins Wiedtal ein, bevor ich nach kaum einer halben Stunde die erste Kaffeepause einbaue. Kaffee geht ja immer.

An diesem Rastplatz führt übrigens auch die Tour 2 aus meinem Wanderbuch »Wanderlust im Westerwald« vorbei. (Ich bedanke mich für die Kenntnisnahme dieser freundlichen Werbung.) Von dort wende ich mich scharf nach links, gehe ein Stück mit dem Westerwaldsteig und orientiere mich gelegentlich am immer gut sichtbar angebrachten Wegezeichen H2. Bis sicher auch freundliche Waldarbeiter an einer Weggabelung vermutlich Baum und Schild beiseitegeschafft haben. Ach, wie gut, dass GPS-Gerät und Wanderkarte die richtige Route (rechts!) belegen. Also weiter hinauf, bis ich kurz vor Marienhof den Wald gegen Feld eintausche, die K3 überquere (die K3 ist die Sorte Straße, auf der man bedenkenlos Rhönrad fahren könnte, denn sie endet einige Flecken weiter in Solscheid) und mich i, weiten Bogen Hähnen nähere.

Stopp jetzt! Während mir die Sonne ins Genick drückt, stutze ich. Die Wegezeichen zeigen geradeaus, die Wanderkarte und das GPS-Gerät wollen mich nach links lotsen. Ein kleiner Tipp: An der Stelle, wo der Feldweg auf die Straße nach Hähnen trifft, nicht der Beschilderung geradeaus folgen, sondern rund 100 Meter auf dem Waldweg nach links gehen. Dann treffe ich auch auf den Westerwaldsteig, mit dem gemeinsam ich durch ein malerisches Stücken Wald stapfe. Und bald wieder stoße ich auf den ausgeschilderten Weg, umgehe aber den festen Straßenbelag. Vor Hähnen treffe ich dann eine zweite Entscheidung. Diesmal wollen mir Wanderkarte und GPS-Daten weismachen, dass ich gefälligst links um den Malberg herumtigern soll. Die Schilder deuten nach rechts. Und das ist gut so, denn nur rechts herum zieht’s mich hinauf zum Aussichtspunkt. Weit gucken kann ich hier über die Westerwaldhöhen. Und noch etwas würde ich sonst verpassen: die Malberg-Hütte. Ich bin heute zwar zu früh, sie ist noch geschlossen, aber der Grill dampft bereits. Und außerdem gönne ich mir auch von hier einige Ausblicke: andere Westerwaldhöhen, die Wied wie vorhin …

[Update vom 24.02.2016: Die PDF und die GPX-Daten sind bereits geändert worden, die Ausdrucke/GPS-Daten führen nun also rechts um den Malberg herum – vielen Dank an Herrn Fark und sein Team vom Touristikverband Wiedtal!]

Ein paar Schritte den Malberg hinab führt linker Hand ein schmaler Weg näher in den Berg hinein bis zu einem eingezäunten Plateau. Bis 1932 wurde Basalt abgebaut, mit einer Drahtseilbahn und einer Kleinbahn wurde der Basalt nach Rheinbrohl befördert. Übrig geblieben ist der ausgehöhlte Malbergskopf mit dem Malbergsee.

Vom Malberg führt die Waldstrecke zu L 254 und L 257 bei Weißfeld, die ich umsichtig jeweils einmal überquere – umsichtig deshalb, weil hier gebrettert wird, wie ich aus eigener Anschauung weiß. Der Verkehrsradau verebbt aber rasch, als ich erst an Wiesen vorbei mit weiteren Aussichten, später dann oberhalb von Reuschenbach und unterhalb von Stopperich durch den Wald wandere, unterbrochen von einer kurzen Passage am Rande der K5. An einer Hangkante entlang streife ich durch abgeholztes Gelände, passiere dann die Westerwaldklinik und freue mich noch über eine letzte, aber wunderbare Aussicht über Waldbreitbach und das Tal. Dann sind es nur noch wenige Schritte, die mich durch Hausen führen, bevor ich wieder das Wiedtalbad erreiche.

Premiumweg – heute pfiff ich drauf! Und ich tat gut daran. Der H2 wird seinem Namen voll gerecht, wenn das »H« für »Hochgefühl« steht. Der Malberg ist immer einen Aufstieg wert, das davor und das Danach gefallen auch, eine hübsche Mischung aus Baumbestand und WiesenWeidenWeitensichten. Und ein bisschen Asphalt ist immer gut, und Profile der Wanderschuhe sauber zu stampfen. Gut erholt konnte das Internet kommen, ich war gewappnet mit einem Sack voll guter Laune.

Die PDF zu dieser Strecke findet sich hier: PDF zu dieser Strecke.

Der Link zu den GPX-Daten und zu den anderen 16 Wandertouren rund um Waldbreitbach findet sich hier: Link zu den GPX-Daten und zu den anderen 16 Wandertouren rund um Waldbreitbach

 

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Eine Antwort

  1. Guido

    Diesmal wieder ganz philosophisch – deine Gedanken zum Thema Nachrichtenflut haben mir gut gefallen und kann ich nachvollziehen. Fotos und Wanderbericht herrlich wie üblich 🙂

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